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Energiewende 2030: Weg zur Klimaneutralität in Europa – Mit einer Bemerkung von Jean Pütz

Meine Bemerkung:
Ich begrüße sehr diese Vorschläge, aber sie sind leider so allgemein gehalten, dass der Teufel im Detail sitzt. Ich bin überzeugt, dass Europ irgendwann klimaneutral werden kann, das geht aber nicht – wie in Deutschland postuliert – mit dem kompletten Abschaffen des Verbrennungsmotors, der im übrigen auch sehr gut mit regenerativ gewonnenen Kraftstoff betrieben werden kann. Wobei ein reines Elektroauto ökologisch total kontraproduktiv ist. Der Aufwand für extreme Batteriekapazität ist unter diesem Paradigma nicht zu vertreten. Trotzdem kann die Elektromobilität in den Mittelpunkt gestellt werden mit der sogenannten HyperHybrid-Methode, unter Einsatz eines sparsamen Verbrennungsmotors und rein elektromotorischem Antrieb, mit einer nur auf 1/6 reduzierten Batteriekapazität (maximal 20 kWh). ein so konzipiertes Auto benötigt kein mechanisches Getriebe und ist wesentlich leichter als ein Elektroauto mit der schweren Batterie. Die Bremsenergie kann trotzdem weitgehend regeneriet werden. Verbräuche mit maximal 2 Liter auf 100 km sind möglich, die Investition in Millarden Euro zum Umbau der Automobilindustrie werden überflüssig. Die nötige Wärme und Kühlung entnimmt der Verbrennungsmotor über die Abwärme.

Gleiches gilt für den radikalen Abbau von Braunkohlekraftwerke. Es existieren bereits moderne Kraftwärme mit einem Wirkungsgrad von über 45%. Diese müssen zunächst die uneffizienten alten Kraftwerke ersetzen. Das entstehende Kohlendioxid kann aus den Abgasen rückgewonnen werdne und als Wertstoff und Recycling-Material für die Gewinnung von CO2-neutralem Treibstoff mit Hilfe der Sonnenenergie und Wasserstoff. Die problematische Speicherung von Wasserstoff kann so umwelt-neutral gewährleistet werden.

Eine Versorgung des europäischen Netzwerkes ausschließlich durch Solarstrom und Windenergie ist wegen der schwierigen Speicherung der Elektrizität nur mit Hilfe von Kraftwerken oder in Ländern mit hoher Gebirgstopologie möglich. Auch der Wasserstoff bietet da nur begrenzte Möglichkeiten wegen des hohen Energieverlustes bei seiner Gewinnung und der Umsetzung in elektrischen Strom. Braunkohle- oder Kernkraftwerke könnten die Phasen über Nacht und mangelnde regenerative Einspeisung durch Klimaeinflüsse ergänzen. Hier müssen nocht einige ideologische Grenzen überwunden werden, sonst bleibt die CO2-Neutralität Europas ein Traum.

Trotzdem Kompliment für konkreten Vorschläge der Akademien im Folgenden

Ihr Jean Pütz

(Leopoldina) – Mit dem European Green Deal hat die Europäische Union sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften. Ein wichtiger Baustein ist eine Energiewende, die weg von der Nutzung fossiler Energieträger und hin zur Gewinnung und Nutzung erneuerbarer Energien führt. Hierfür empfehlen die Wissenschaftsakademien „No-regret“-Maßnahmen, die Einführung eines sektorenübergreifenden CO₂-Preises inklusive Mindestpreis sowie einen umfassenden Infrastrukturumbau. Mit ihrer heute erschienenen Ad-hoc-Stellungnahme „Energiewende 2030: Europas Weg zur Klimaneutralität“ legen die Akademien eine Handreichung für den deutschen EU-Ratsvorsitz ab 1. Juli vor.

Die Autorinnen und Autoren betrachten die Herausforderungen der Klimaschutzpolitik vor dem Hintergrund der aktuell durch die Coronavirus-Pandemie verursachten Krise. Um deren Folgen zu bewältigen, müssen Finanzmittel mobilisiert werden. Für den Klimaschutz wird es entscheidend sein, dass diese Mittel im Einklang mit dem Erreichen der Klimaschutzziele investiert werden. Die Arbeitsgruppe identifiziert hierfür politische, technologische und regulatorische Maßnahmen, die im Verbund eine Energiewende ermöglichen, ohne Wirtschaft und Gesellschaft zu überfordern.

Die EU-Klimaschutzziele lassen sich nur durch eine gemeinsame klima- und energiepolitische Strategie erreichen, die die unterschiedlichen Voraussetzungen der Mitgliedsstaaten berücksichtigt. Technologieoffenheit sei grundsätzlich wünschenswert, solle aber nicht dazu führen, dass notwendige Investitionen aus einer abwartenden Haltung heraus verzögert werden. Einige Technologien betrachten die Forscherinnen und Forscher als unverzichtbar, um die Klimaziele 2030 und 2050 zu erreichen. Zu solchen „No-regret“-Maßnahmen zählen sie den Ausbau von Windkraft und Photovoltaik, Netzausbau sowie den Ausbau von Elektromobilität und Wärmepumpentechnologie. Wasserstoff werde als erster Grundstoff in der Kette von elektrischer Energie zu stofflichen Energieträgern eine wesentliche Rolle einnehmen. Daher seien Investitionen in diesen Energieträger und entsprechende Pilotanlagen notwendig.

Regulatorische Maßnahmen in Form von Anreizsystemen trügen dazu bei, die Transformation möglichst kosteneffizient zu gestalten. Wenn Europa zeige, dass eine umfassende Transformation des Energiesystems gelingen kann, ohne die Volkswirtschaft zu überfordern, könne das auch für Drittländer ein wichtiger Impuls für eine klimafreundliche Politik und den Umbau zu neuen Energiesystemen sein, heißt es in der Stellungnahme. Die Autorinnen und Autoren sehen einen sektorenübergreifenden, EU-weit einheitlichen CO₂-Preis als Leitinstrument für den Klimaschutz – auch und gerade in Zeiten von Corona. Im Zuge der durch die Corona-Krise ausgelösten Rezession sei zu befürchten, dass die Unsicherheiten über die langfristige Preisentwicklung anstiegen. Ein wirksamer CO₂-Mindestpreis sei daher mehr denn je notwendig, um Planungssicherheit zu schaffen und dauerhafte Anreize für nachhaltige Klimaschutzinvestitionen zu setzen. Es sei wichtig, perspektivisch in allen Sektoren die Treibhausgase zu bepreisen – am besten durch eine Ausweitung des europäischen Emissionshandels.

Zudem sei eine enge Koordination notwendig, damit ein einheitliches europäisches Energiesystem entstehen kann. Wichtig sei dabei die richtige Balance zwischen den erforderlichen Weichenstellungen für die Infrastrukturentwicklung und offenen, marktwirtschaftlichen Ansätzen. Zudem sollte bedacht werden, dass auch in Zukunft Energie nach Europa importiert werden wird. Die dafür notwendigen Technologien müssten in den Markt gebracht und die globalen Lieferketten entwickelt werden. Die Politik müsse deshalb den Aufbau von Lieferketten für grüne Energieträger unterstützen.

Die Ad-hoc-Stellungnahme ist ein gemeinsamer Beitrag der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech ‒ Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Die Akademien unterstützen Politik und Gesellschaft unabhängig und wissenschaftsbasiert bei der Beantwortung von Zukunftsfragen zu aktuellen Themen. Ihre Mitglieder und weitere Experten sind hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland. Im Energiebereich leisten die Wissenschaftsakademien seit 2013 im Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) wissenschaftsbasierte Politikberatung.

Den Corona-Leugnern ins Gästebuch: Die Verhältnisse in der Fleischindustrie bringen es an den Tag

(Morning Briefing) – Das Coronavirus hat medizinische, ökonomische und zunehmend auch politische Folgen. Denn US-Präsident Donald Trump und seine deutschen Anhänger versuchen, die Lockdown-Maßnahmen in Gänze als Fehler zu diskreditieren. Das neue Narrativ erzählt die Geschichte eines Irrtums.

Trump sagte in der Nacht zu Sonntag bei einer Kundgebung im US-Bundesstaat Oklahoma, der ersten Kundgebung dieser Art seit Ausbruch der Corona-Krise:

Wenn man in diesem Ausmaß testet, wird man mehr Menschen finden, man wird mehr Fälle finden, also habe ich meinen Leuten gesagt: ,Verlangsamt bitte die Tests.‘“

Doch die Volatilität des Infektionsgeschehens zeigt, dass die Pandemie keineswegs als beendet gelten darf. Nach dem Corona-Ausbruch beim ostwestfälischen Fleischverarbeiter Tönnies ist die Zahl der Infizierten auf 1331 gestiegen. In den vier Krankenhäusern im Landkreis Gütersloh werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden.

► Da auch an zwei anderen Hotspots verstärkt Neuinfektionen aufgetreten sind, schnellt der 4-Tage-R-Faktor nach oben und steht jetzt dem Robert-Koch-Institut zufolge bei 2,88. 100 Infizierte stecken damit 288 neue Personen an. Wie in einem Schneeballsystem steigen die Fallzahlen bei solch einem Exponentialwachstum rasant.

►Die Meldekette von den örtlichen Ärzten über die Gesundheitsämter bis zur schnellen Eingreiftruppe des Robert-Koch-Instituts hat im Fall Tönnies schon mal nicht funktioniert. Nahezu 14 Tage brauchten die Gesundheitsämter in NRW, um die Eingreiftruppe aus Berlin anzufordern, die deshalb erst am Wochenende eintraf.

► Bis heute ist unklar, ob die schlechten Arbeitsbedingungen oder die katastrophalen Wohnverhältnisse, womöglich aber auch die niedrigen Temperaturen in der Fleischverarbeitung für den schnellen Ausbruch verantwortlich sind. Auch die Frage, ob das Virus aus NRW stammt oder durch osteuropäische Gastarbeiter eingeschleppt wurde, ist bei der richtigen Strategie zur Gefahrenabwehr nicht uninteressant.

Da die Fallzahlen in Deutschland insgesamt auf niedrigem Niveau liegen, muss ein erhöhter R-Faktor noch kein Drama bedeuten. Aber er besitzt das Potenzial für eine spätere Dramatisierung.

Dass Deutschland eine zweite Welle bevorsteht, ist nicht ausgemacht. Aber eben auch nicht ausgeschlossen. Heute Vormittag wird Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit seinen Beratern, darunter der Präsident des Robert-Koch-Instituts, diskutieren, was zu tun ist.

Gabor Steingart

17.06.20 Inflationierung des Begriffs Rassendiskriminierung

Ist alles Rassendiskriminierung ?

Erdogan behauptet, Deutschland bzw. Europa sei ein faschistischer und rassistischer Staat. Damit will er sein eigenes Süppchen kochen und seine Schäfchen, die türkischen Bürger, in Deutschland hinter sich bringen um eine Verfassungsänderung nach seinem Gusto durchzubekommen.
Aus diesem Grunde versuche ich einmal den Begriff der „Rassendiskriminierung“ zu hinterfragen. Er wird leider viel zu oft im populistischen Sinne genutzt, obwohl z.B. zwischen Türken und Deutschen kein Rassenunterschied besteht. Das gilt auch für alles andere wo Religion eine Rolle spielt. Auch zwischen Religionen bestehen jedenfalls keine rassistischen Unterschiede.
Autokraten benötigen immer einen Feind. Muss das ausgerechnet Deutschland und Europa sein, wo vielen türkischen Landsleuten gestern heute und in der Zukunft faire Bedingungen geliefert werden. Dabei schont er noch nicht mal den Islam und legt den Koran in seinem Interesse aus. Er gebärdet sich jedenfalls als Obermufti und macht die Imame zu seinen Erfüllungsgehilfen.
Dabei möchte ich noch nicht mal die Kurden erwähnen, denen er jegliche kulturelle Eigenständigkeit verwehrt. Auch den Begriff „Terrorismus“ nutzt Erdogan ganz gezielt, um Menschen und nicht nur Rassen zu diskriminieren.
Es lebe unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. Nur sie und Europa ist dafür verantwortlich, dass meine und die folgenden Generationen mindestens 70 Jahre Frieden erleben durften.

Folge 122. Mit Vernunft in die Zukunft, oder ?

Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit – ein Wissenschaftliches Ranking aus der Schweiz

(Wirtschaftswoche) – In Sachen Wettbewerbsfähigkeit kommt der Wirtschaftsstandort Deutschland seit Jahren nicht so wirklich vom Fleck. Das zeigt die aktuelle Rangliste der Schweizer Hochschule IMD, die insgesamt 63 entwickelte Volkswirtschaften untersucht hat. Wie schon im vergangenen Jahr liegt Deutschland im internationalen Vergleich auf Platz 17 der wettbewerbsfähigsten Länder. In den letzten sechs Jahren hat sich das Land laufend verschlechtert, 2014 belegte es noch den sechsten Platz im IMD-Wettbewerbs-Ranking.

Ganz oben steht der asiatische Stadtstaat Singapur und Dänemark, gefolgt von der Schweiz, den Niederlanden, Hongkong und Schweden. Die Weltwirtschaftsmacht USA, die im Vorjahr noch auf Rang drei stand, verliert sieben Plätze und schafft es somit gerade noch in die Top 10. Auch China musste im vergangenen Jahr einiges an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen: Die größte Volkswirtschaft der Welt rutscht auf Platz 20 ab – gegenüber 2019 hat sich das Land um ganze sieben Ränge verschlechtert.

Für ihre Analyse messen die Ökonomen des IMD (International Institute for Management Development), die Wettbewerbsfähigkeit der Länder in vier verschiedenen Bereichen: Wirtschaftsleistung („economic performance“), Effizienz des Regierungshandelns („government efficiency“), unternehmerische Effizienz („business efficiency“) und Infrastruktur.

n die erste Kategorie fallen makroökonomische Kennzahlen wie zum Beispiel das BIP pro Kopf, Arbeitslosigkeit oder Direktinvestitionen. Die Regierungseffizienz untersucht inwieweit öffentliche Finanzen, Fiskalpolitik sowie Steuer- und Rechtssysteme wettbewerbsfördernd sind, die unternehmerische Effizienz analysiert die Produktivität, Profitabilität und Innovationskraft der Betriebe. Im Bereich der Infrastruktur beurteilt das Institut Transport, Bildungs- und Gesundheitssysteme der Länder aber auch den Zugang zu neuen Technologien.

Insgesamt messen 235 verschiedene Indikatoren sowohl „harte“ statistisch erhobene Wirtschaftsdaten als auch „weiche“ Ergebnisse aus einer eigenen Befragung von verantwortlichen Managern. Die Umfragewerte fließen zu einem Drittel in die finale Rangliste mit ein und beinhalten die Einschätzung der Führungskräfte zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, Gleichberechtigung oder Korruption.

Seit 1989 veröffentlicht das Forschungsinstitut aus Lausanne das Ranking, seit 2015 ist Christos Cabolis Chefvolkswirt am IMD. Im Gespräch mit der Wirtschaftswoche verrät der Ökonom, was hinter der festgefrorenen Platzierung Deutschlands steckt und wie die Corona-Pandemie die Wettbewerbsfähigkeits-Rangliste 2021 verändern wird

WirtschaftsWoche: Herr Cabolis, Deutschland liegt in der aktuellen IMD-Rangliste der wettbewerbsfähigsten Länder wie auch vergangenes Jahr auf Rang 17. Stagniert die deutsche Wirtschaft?
Christos Cabolis: Deutschland hat sich gegenüber dem Vorjahr in zwei der von uns untersuchten Disziplinen verbessert, aber auch in zwei verschlechtert: In der Effizienz des Regierungshandelns und im Bereich der Infrastruktur ist das Land zurückgefallen, liegt aber absolut gesehen mit den Rängen 5 und 11 immer noch relativ weit vorn. Die Effizienz der Unternehmen hat sich seit 2019 leicht verbessert. Bei der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit hat das Land ganze vier Plätze gutgemacht. Als Treiber sind hier insbesondere die Beschäftigung, der internationale Handel und die ausländischen Investitionen zu nennen, die sich im vergangenen Jahr alle zum positiven entwickelt haben. Um sich im gesamten Wettbewerbsranking zu verbessern, hätte Deutschland allerdings auch einen Aufwärtstrend in den anderen beiden Kategorien gebraucht.

Dieser bleibt aber seit Jahren aus. Seit 2016 hat sich Deutschland im Bereich der Regierungseffizienz fast laufend verschlechtert und insgesamt fünf Plätze verloren. Woran liegt das?
Die größte Schwachstelle Deutschlands ist nach wie vor die hohe Abgabenlast. Beim Steuersatz auf Unternehmensgewinne liegt das Land auf Platz 56 von 63 Ländern, beim effektiven persönlichen Einkommenssteuersatz auf Platz 55. Außerdem ist das Steuersystem zu kompliziert. Das hat sich auch in unserer Befragung der Führungskräfte gezeigt. Viele stellen das Modell, wie der Staat seine Finanzen verwaltet, infrage und wünschen sich eine grundlegende, ökonomische Reform. Insgesamt landet Deutschland in unserem Ranking bei der Steuerpolitik daher nur auf Platz 58.

Dafür gibt es hierzulande auch eines der besten Sozialsysteme der Welt…
Das stimmt. In Deutschland ist vor allem das Gesundheitssystem sehr gut bewertet. Hier liegt das Land auf Platz sechs und das spiegelt sich auch in seinem Human Development Index wider: Die Kennzahl, die unter anderem die Lebenserwartung bei der Geburt oder das Bildungsniveau erfasst, ist die vierthöchste in unserer Auswertung. Auch bei der Qualität von Forschungseinrichtungen und Universitäten belegt Deutschland Platz vier. Das alles kommt natürlich auch indirekt den Unternehmen zugute, indem sie zum Beispiel von gesunden oder qualifizierten Arbeitskräften profitieren. Daher darf man eine hohe Abgabenlast an sich nicht von vornherein als schädigend für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes bewerten. Fast alle Staaten, die in unserem Ranking im Bereich der sozialen Sicherungssysteme gut abschneiden, liegen bei der Frage, wie unternehmensfreundlich das Steuersystem ist, deutlich abgeschlagen – zumeist sogar im unteren Drittel der Rangliste. Man muss die Abgabenlast also immer auch im Verhältnis zu den vom Staat erbrachten Leistungen sehen.

Ländern wie die Schweiz scheint es aber zu gelingen, ein gutes Bildungs- und Gesundheitssystem mit wettbewerbsfördernder Steuerpolitik zu vereinbaren. In Ihrer Rangliste zählt das Land in beiden Kategorien zu den Top 5. Warum klappt das in Deutschland nicht? 
Die Schweiz glänzt seit Jahren mit einer unglaublichen Effizienz im Regierungshandeln. Das Land verfügt über die beste Bonität in unserem Ranking und bei der Verwaltung der Staatsfinanzen belegt es Platz zwei. Der Staatshaushalt wird also besonders sorgfältig geplant und Steuergelder sowie sonstige Einnahmen effizient umverteilt. Außerdem ist das Vorgehen der Regierung sehr transparent und das Risiko für politische Instabilität wird als sehr gering eingestuft. Auch bei diesen beiden Faktoren belegt das Land den zweiten Platz. Die Tatsache, dass die Schweiz eine direkte Demokratie ist, kommt dem Land in Sachen Transparenz und Effizienz sicherlich zugute und nimmt viel Unsicherheit aus dem Markt.

12.06.20 Wie gefährlich ist das Corona-Virus? Statistische Angaben oft irreführend – Mit einer Einführung von Jean Pütz

Professor Sigismund Kobe, einer der profiliertesten Wissenschaftler, was die Auswertung und Bewertung von Statistiken anbelangt, hat mir diesen Artikel zugesendet und ihn mir zur Veröffentlichung empfohlen. Für mich ist verwunderlich, dass dieser Wissenschaftler sehr selten in Pressemitteilungen erwähnt wird, obwohl er für mich die glaubwürdigsten Analysen erstellt hat. Der folgende Artikel von ihm wurde am Wochenende in der ‚Dresdner Neuesten Nachrichten‘ veröffentlich. Ich möchte ihn Ihnen nicht vorenthalten.
Ihr Jean Pütz

(Dresdner Neueste Nachrichten) – Vehement wird gerade überall darüber gestritten, ob Corona tatsächlich so gefährlichist wie dies überall dargestellt wird. Eigentlich möchte man doch ganz konkret wissen, wie hoch das Risiko einer Erkrankung an COVID-19 ist. Anders als in anderen Gegenden der Welt unterschieden sich Verlauf der Pandemie und auch die Anzahl der Toten in Deutschland bisher kaum von der Situation bei einer ganz
normalen Grippe, wie sie immer mal wieder vorkommt. War dies nun das Ergebnis einer klugen Strategie der Regierung und eines beispielhaften Verhaltens aller Menschen in unserem Landes in einer kritischen Situation oder wurden wir alle von eben dieser Regierung mit einem plumpen Trick hereingelegt? Stimmen werden laut und finden Gehör mit der Behauptung, eine harmlose Erkältungskrankheit werde dazu benutzt, um ein weltweit agierendes totalitäres Unterdrückungssystem zu installieren.

Zahlen und Grafiken werden ins Feld geführt, die die Richtigkeit des einen oder den anderen Standpunktes beweisen sollen. Prof. Wolfgang Schmid, Vorsitzender der Deutschen Statistischen Gesellschaft, warnt: „Die deutsche Öffentlichkeit tastet sich derzeit durch einen Nebel widersprüchlicher und zum Teil irreführender Daten hindurch“, und fordert mehr Transparenz bei der Veröffentlichung und Interpretation von Corona-Statistiken. Auch in den Thesen einer interdisziplinären Forschergruppe unter der Leitung des Medizin-Professors Matthias Schrappe, Universität Köln, wird kritisiert, dass z.B. die Zahl der „Genesenen“ nicht auf die Zahl der symptomatisch Erkrankten bezogen wird.

Irreführende statistischer Angaben stammen auch aus dem Robert-Koch-Institut (RKI) selbst. Da Zahlen aus den täglichen Lageberichten des RKI als seriös gelten, werden sie ungeprüft von den Medien übernommen. Auch in den offiziellen Webseiten der sächsischen Landesregierung findet man ohne weiteren Kommentar z.B.den folgenden Satz: „Der Anteil der Verstorbenen an der Gesamtzahl der laborbestätigten Infektionsfälle beträgt 3,8 %.“ Am 20. März war dieser Anteil nur 0,2 %, am 30. März schon 0,6 %, dann wurden am 10. April 1,7 % erreicht, nur 10 Tage darauf 2,6 %. Aber was sagt uns das? Ist das Virus von Tag zu Tag gefährlicher geworden? Tatsächlich sind diese Prozentangaben wertlos und sogar gefährlich, weil sie die tatsächliche Sterberate unterschätzen. Sie beruhen auf einer Fehlinterpretation von statistischen Erhebungen. Das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt wurde wiederholt auf diesen Fehler hingewiesen. Ignoriert wurde die Empfehlung, entweder die betreffenden „Prozentzahlen“ des RKI wegzulassen oder einem international anerkannten Verfahren der statistischen Auswertung zu folgen: Die Statistik der abgeschlossenen Fälle muss streng getrennt werden von der Statistik der Fallzahlen des aktiven Geschehens. In Übereinstimmung mit aktuellen Ergebnissen der medizinischer
Forschung folgt aus einer solchen sorgfältig erarbeiteten Statistik die Aussage:

Die Sterberate, bezogen auf diejenigen COVID-19-Patienten, die Krankheitssymptome
zeigen und deshalb positiv auf das Corona-Virus getestet werden, beträgt etwa 5 Prozent (Quelle: https://www.worldometers.info/coronavirus/country/germany/). Nur wenn Fakten statt Mythen und Wissenschaft statt Glaubensbekenntnisse wieder Raum gewinnen, werden die schwierigen Aufgaben zu bewältigen sein, vor der unsere Gesellschaft jetzt steht.
(Prof. em. Sigismund Kobe, TU Dresden)

 

Ist die Blutgruppe ein Beweis für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung?

(UKSH) – Warum erkranken manche Menschen schwer an Covid-19, während andere kaum Symptome zeigen? Eine Antwort darauf könnte in ihren unterschiedlichen Blutgruppen liegen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe aus Norwegen in der weltweit ersten großangelegten genomweiten Studie Genvarianten gefunden, die den Verlauf der Krankheit deutlich beeinflussen – eine davon betrifft das Gen für die Blutgruppeneigenschaft. Federführend bei dem aufsehenerregenden Projekt sind Prof. Dr. Andre Franke, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) und Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ sowie die Erstautoren Prof. Dr. David Ellinghaus und Frauke Degenhardt, die beide ebenfalls im IKMB tätig sind. Die Studie wird in Kürze in der Online-Ausgabe des hochrangigen „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht werden.

Bereits am 2. Juni ist die Publikation in einem sogenannten Online-Preprint-Archiv zugänglich gemacht worden, noch bevor sie den üblichen Begutachtungsprozess der Fachzeitschriften durchlaufen hat. Seither ist weltweit darüber berichtet worden. Die Untersuchung hatte gezeigt, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um etwa 50 Prozent höheres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 tragen als Menschen mit anderen Blutgruppen. Menschen mit Typ-0-Blutgruppe hingegen waren um knapp 50 Prozent besser vor einer ernsten Covid-19-Erkrankung geschützt. Die Untersuchung bestätigte damit – erstmals durch eine umfassende genomweite Analyse – zwei frühere Studien internationaler Forscherinnen und Forscher, die anhand des Blutserums von Covid-19-Patienten bereits einen möglichen Zusammenhang zwischen der Blutgruppeneigenschaft und der Erkrankung beschrieben hatten. Eine Analyse der amerikanischen Firma 23andMe validierte die Ergebnisse der Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer unabhängigen Patientenkohorte.

Für die Studiengruppe um den Molekularbiologen Prof. Franke und den norwegischen Internisten Prof. Dr. Tom Karlsen haben Ärztinnen und Ärzte mehrerer Krankenhäuser der Corona-Epizentren in Norditalien und Spanien Blutproben ihrer Covid-19-Patienten nach Kiel gesandt – insgesamt Proben von 1.980 Intensivpatientinnen und -patienten, die mit Sauerstoff behandelt oder an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden mussten. Für die Kontrollgruppe wurden aus der Bevölkerung dieser Länder 2.205 zufällig ausgewählte Frauen und Männer gewonnen. Innerhalb von nur drei Wochen wurde im Institut für Klinische Molekularbiologie in Kiel die DNA aus den Blutproben isoliert und aus jeder Einzelnen 8,5 Millionen Positionen des Erbguts mit sogenannten Biochips (SNP-Arrays) vermessen. „Mithilfe dieser großen Datenmenge haben wir wirklich interessante Regionen im Genom identifiziert, die das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 erhöhen beziehungsweise verringern“, sagt Prof. Ellinghaus, der die bioinformatischen und statistischen Analysen durchführte. „Wir konnten, vereinfacht gesprochen, auf einer sehr großen Landkarte zeigen, wo die Musik spielt.“ Insgesamt dauerte die Studie weniger als zwei Monate. „Dieses Tempo war nur möglich, weil alle im Kieler Team an jedem Tag der Woche hart an dem Projekt gearbeitet haben – wir wollten etwas zurückgeben für das Vertrauen, das uns die klinischen Partner und Patienten in Spanien und Italien entgegengebracht haben“, sagt die Biostatistikerin Frauke Degenhardt.

Neben der signifikanten Auffälligkeit im AB0-Blutgruppen-Lokus, dem Genort, durch den die individuelle Blutgruppe bestimmt wird, fanden die Forscherinnen und Forscher eine noch höhere Effektstärke für eine genetische Variante auf dem Chromosom 3. Welches der mehreren Kandidatengene, die dort lokalisiert sind, dafür verantwortlich ist, ist derzeit nicht genau zu ermitteln, allerdings konnte die Analyse nachweisen, dass Anlageträger einem zweifach erhöhtem Risiko ausgesetzt sind, schwer an Covid-19 zu erkranken, als Menschen, die diese Variante nicht tragen. Unter den italienischen und spanischen Patientinnen und Patienten, die so krank waren, dass sie nicht nur mit Sauerstoff versorgt, sondern an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden mussten, trug eine besonders hohe Zahl diese genetische Anlage. Ein Resultat, das sich ebenso für die Verteilung der Blutgruppen zeigte: Unter den besonders schwer Erkrankten fanden sich auch besonders viele Menschen mit Blutgruppe A.

„Die Ergebnisse waren für uns sehr spannend und überraschend“, sagt Prof. Franke. Gerade die Region auf Chromosom 3 war zuvor noch nicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Covid-19 in Zusammenhang gebracht worden. In anderen Regionen im Genom, für die ein Effekt auf die Erkrankung vermutet worden war, zeigten sich hingegen keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den gesunden Probanden und den Patienten; so weder in jenem Chromosomenabschnitt 6p21, der mit dem Immunsystem und vielen Infektionserkrankungen assoziiert ist, noch in dem Gen IFITM3, das mit der Influenza in Zusammenhang gebracht wird.

„Mit dem Chromosom 3 und dem AB0-Blutgruppen-Lokus beschreiben wir echte Ursachen für einen schweren Verlauf von Covid-19“, sagt Prof. Franke. „Unsere Ergebnisse schaffen daher eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung von Wirkstoffen, die an den gefundenen Kandidatengenen ansetzen können. Eine klinische Studie, in der etwa ein Medikament getestet wird, hat erwiesenermaßen doppelt so häufig Erfolg, wenn eine genetische Evidenz für das Target bereits vorliegt.“ Auch könnten die Resultate zu einer verbesserten Risikoabschätzung für einen schweren Verlauf von Covid-19 bei Patienten beitragen.

Gesund und fit im Alter – Mittelmeerkost fördert Darmflora

(BZfE) – Eine mediterrane Ernährung mit reichlich Obst und Gemüse kann
gesundes Altern unterstützen. Die Mittelmeerkost wirkt sich offenbar
positiv auf die Darmflora aus und verlangsamt auf diese Weise das
Fortschreiten von körperlicher Gebrechlichkeit und geistigem Verfall. Das
ist das Resultat einer Studie, die kürzlich in der britischen
Fachzeitschrift „Gut“ erschienen ist.

An der Untersuchung nahmen 612 Menschen im Alter von 65 bis 79 Jahren aus
fünf Ländern teil: Frankreich, Italien, die Niederlande, Polen und das
Vereinigte Königreich. Für ein Jahr behielten sie entweder ihre üblichen
Ernährungsgewohnheiten bei (289) oder aßen eine mediterrane Kost (323),
die reich an Obst, Gemüse, Nüssen, Hülsenfrüchten, Olivenöl und Fisch
und arm an rotem Fleisch (z.B. Rind und Schwein) und gesättigten Fetten
ist. Die sogenannte NU-AGE-Diät war speziell auf ältere Menschen
zugeschnitten. Zu Beginn und nach zwölf Monaten wurde die Zusammensetzung
der Bakterien im Darm, das sogenannte Darmmikrobiom bestimmt.

Im hohen Alter nehmen meist Entzündungsprozesse zu und die
Körperfunktionen verschlechtern sich. Das kann der Beginn einer
„Gebrechlichkeit“ sein. Dabei handelt es sich um ein komplexes
Krankheitsbild, das sich in verschiedenen Symptomen wie langsame
Gehfähigkeit, Muskelschwäche, rasche Erschöpfung und ungewolltem
Gewichtsverlust äußert. In der Studie wurde das Ausmaß der
Gebrechlichkeit anhand verschiedener Indikatoren wie Handgriffstärke und
Gehgeschwindigkeit eingeschätzt.

Probanden, die sich ein Jahr lang mediterran ernährten, hatten eine
deutlich gesündere Darmflora – unabhängig von der Nationalität. Der
altersbedingte Rückgang der bakteriellen Diversität war geringer als bei
der Vergleichsgruppe. Die größere Vielfalt unter den Darmbakterien stand
mit verschiedenen Anzeichen für eine verringerte Gebrechlichkeit, eine
verbesserte Gehirnfunktion und weniger schädliche Entzündungsprozesse im
Körper in Zusammenhang. So fanden die Wissenschaftler zum Beispiel mehr
Arten, die wertvolle kurzkettige Fettsäuren produzieren und
antientzündliche Eigenschaften hatten.

Die positiven Veränderungen werden vor allem auf eine erhöhte Zufuhr an
Ballaststoffen, den Vitaminen C, B6 und B9, den Mineralstoffen Kalium und
Magnesium sowie den Spurenelementen Eisen, Mangan und Kupfer
zurückgeführt. Alter und Körpergewicht hatten keinen nachweisbaren
Einfluss auf das Mikrobiom.

Allerdings ist das Zusammenspiel zwischen Ernährung, Darmflora und
Gesundheit sehr komplex und wird von vielen Faktoren beeinflusst, gibt das
internationale Wissenschaftlerteam zu bedenken. Da es sich um eine
Beobachtungsstudie handelt, können keine ursächlichen Zusammenhänge
nachgewiesen werden. Außerdem ist eine mediterrane Kost nicht für jeden
geeignet. Viele ältere Menschen haben beispielsweise Zahnprobleme oder
Schluckbeschwerden, die eine andere Ernährungsweise erfordern.

Mehl aus Insekten – Wissenschaftler forschen an Anwendbarkeit

(BZfE) – Frittierte Heuschrecken und geröstete Mehlwürmer – das ist
für den europäischen Gaumen eher gewöhnungsbedürftig. Dabei gehören
Insekten in vielen Teilen der Erde zur täglichen Nahrung. Für rund zwei
Milliarden Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika sind die
Krabbeltiere eines der Grundnahrungsmittel. Weltweit werden etwa 2.000
Insektenarten gegessen, darunter Käfer, Raupen, Heuschrecken, Termiten und
Libellen.

Insekten sind ernährungsphysiologisch wertvoll, da sie je nach Art
reichlich ungesättigte Fettsäuren und vor allem viel Eiweiß enthalten.
Bei Heuschrecken und Grillen liegt der Proteingehalt sogar bei bis zu 77
Prozent. Daher werden Insekten als alternative tierische Proteinquelle
diskutiert. Nach Einschätzung der Welternährungsorganisation (FAO) wird
sich der weltweite Bedarf an tierischen Proteinen mit dem
Bevölkerungswachstum bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Auch
Nachhaltigkeitsaspekte sprechen für die Nutzung von Insekten als
Nahrungsmittel. Im Vergleich zu anderen Nutztieren wie Rind, Schwein und
Huhn ist die Zucht von Insekten umweltschonender, da sie das Futter
effizienter verwerten und nur ein Bruchteil an klimaschädlichen Gasen
produzieren.

Viele Verbraucher lehnen es ab, unverarbeitete Insekten als Snack zu
verzehren. Die Akzeptanz steigt, wenn die Sechsbeiner im Produkt nicht mehr
erkennbar sind. Daher forscht das Karlsruher Institut für Technologie
(KIT) an Mehlen aus Insektenpulver, die sich zum Brotbacken eignen. Die
Wissenschaftler nutzen dafür das Extrusionsverfahren, das zum Beispiel
für die Herstellung von Pasta und Frühstückszerealien erfolgreich
eingesetzt wird. Bei der Extrusion entsteht durch Zufuhr von Wasser eine
teigartige Masse, die über Schneckenwellen geführt wird. Anschließend
wird sie erhitzt und durch eine Düse gepresst. Die trockene Masse wird zu
einem Pulver vermahlen.

Für die industrielle Produktion sind Mehlwürmer (Tenebrio molitor) gut
geeignet, da die Larven sehr eiweißreich sind. Die neuen Mehle sollen
herkömmlichen Getreidemehlen in Geschmack, Backeigenschaften und Textur
möglichst ähnlich sein. Mithilfe der Extrusion werden ihre Eigenschaften
optimiert. Ein positiver Nebeneffekt ist, dass dabei auch Enzyme
deaktiviert und mikrobielle Verunreinigungen verringert werden, so das KIT.
Es soll noch geklärt werden, ob es Auswirkungen auf die Verdaulichkeit und
Bioverfügbarkeit der in den Insekten enthaltenen Nährstoffe gibt.

Die Untersuchungen sind Teil des Verbundprojekts „Funktionalisierung
insekten-basierter Mehle mittels Extrusion für die Zubereitung von
Backwaren“, das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
gefördert wird. Die praktische Anwendbarkeit der produzierten Mehle muss
noch geprüft werden. Das Verfahren der Extrusion könnte auch für das
traditionelle Backhandwerk und insbesondere kleine Betriebe interessant
sein, da sich auf diese Weise neue Rohstoffe erschließen lassen.

Eine Arche Noah für Mikroben?

(UNI Kiel) – Von der CAU unterstütztes ‚Microbiota Vault‘-Projekt zur Sicherung der weltweiten mikrobiellen Vielfalt zur Umsetzung empfohlen

Eine Gruppe internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Beteiligung des Forschungsschwerpunkts Kiel Life Science (KLS) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bereitet eine globale Initiative zur Bewahrung von Mikroorganismen vor, die für die menschliche Gesundheit langfristig von entscheidender Bedeutung sind: Im sogenannten ‚Microbiota Vault‘-Projekt (Deutsch: Mikroorganismen-Speicher) soll künftig die Identifizierung, Sammlung und dauerhafte Konservierung einer möglichst großen Bandbreite von gesundheitsfördernden Mikroorganismen möglich werden, bevor diese unter dem zunehmenden Einfluss zivilisatorischer Faktoren wie der Antibiotika-Übernutzung oder ungesunder Ernährung für immer verloren gehen.

Nun hat ein Gremium aus anerkannten Expertinnen und Experten das Projekt in einer umfangreichen Machbarkeitsstudie begutachtet und zur Umsetzung empfohlen. Darin kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass die Projektziele stichhaltig und die Initiative insgesamt von großer gesellschaftlicher Bedeutung seien und im Rahmen internationaler Kooperation zum Nutzen des Gemeinwohls umgesetzt werden solle.

Verarmung des Mikrobioms führte zum vermehrten Auftreten von Krankheiten
„Der Mikroorganismen-Speicher wird dazu dienen, für die Gesundheit essenzielle Bestandteile des Mikrobioms von bestimmten, bislang nicht von der industriellen Lebensweise beeinflussten Menschengruppen zu gewinnen“, erklärt Professor Thomas Bosch, der als KLS-Sprecher den Kieler Projektbeitrag verantwortet. „Diese indigene Bevölkerung, zum Beispiel in entlegenen Regionen des Amazonasgebiets, beherbergt eine mikrobielle Besiedlung, die nicht von Antibiotika, verarbeiteten Lebensmitteln oder anderen Faktoren des westlichen Lebensstils beeinflusst ist“, so Bosch weiter. Diese schädlichen Einflüsse sind in Summe dafür verantwortlich, dass es zu einer massiven Abnahme der Vielfalt innerhalb des menschlichen Mikrobioms gekommen ist. Dieser Rückgang hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einem dramatischen Anstieg sogenannter Umwelterkrankungen geführt: Übergewicht, Asthma oder Allergien haben beispielsweise in gleichem Maße zugenommen, wie umfangreiche Bestandteile des menschlichen Mikrobioms verloren gingen.

Menschen in städtischen Räumen weisen im Vergleich eine deutlich artenärmere Mikroben-Besiedlung auf. Das Darmmikrobiom nordamerikanischer Städterinnen und Städtern umfasst im Vergleich zu den Jäger- und Sammler-Gesellschaften der Amazonasregionen zum Beispiel nur etwa die Hälfte der Mikrobenarten. Die dort gesammelten Mikroben sollen zur Charakterisierung im Mikroorganismen-Speicher untersucht werden. Anschließend sollen die Erkenntnisse für die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft nach dem Open Access-Prinzip zugänglich gemacht werden.

Bewahrung der verlorengegangenen Mikroben
Den Anstoß zu dieser anspruchsvollen Initiative gaben Professorin Maria Gloria Dominguez-Bello und Professor Martin Blaser, beide von der Rutgers University im US-amerikanischen New Jersey, die in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Pionierarbeit zur Bedeutung der verlorengegangenen Mikroben leisteten. „Diese fehlenden Mikroben könnten den Schlüssel liefern, um zivilisatorisch bedingte Krankheiten wie Diabetes, Morbus Crohn oder chronische Entzündungskrankheiten künftig behandeln und heilen zu können“, erklärt Bosch. In Kiel arbeitet der CAU-Sonderforschungsbereich (SFB) 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ daran, die Konsequenzen des Zusammenspiels von Mikroorganismen und den Funktionen ihres Wirtslebewesens zu erforschen. Je mehr die Forschenden über diese funktionellen Interaktionen, die daran beteiligten Mikroben und deren Rolle für die menschliche Gesundheit verstehen, desto deutlicher wird die Dringlichkeit der schnellen Sicherung der mikrobiellen Diversität. „Unser Ziel ist es, dieses Rennen gegen die Zeit zu gewinnen, die Artenvielfalt der Mikroben möglichst umfangreich zu sichern und damit wie in der sprichwörtlichen Arche Noah vor dem Aussterben zu bewahren. Dazu wollen wir an der CAU im Rahmen des Forschungsschwerpunkts und Sonderforschungsbereichs 1182 aktiv beitragen“, betont Bosch.

Erprobung in bevorstehender Pilotphase
Die Machbarkeitsstudie empfiehlt als konkreten nächsten Schritt die Umsetzung einer Pilotphase, in der unter anderem die technischen Infrastrukturen zur dauerhaften Konservierung der Mikroben erprobt werden sollen. Zudem soll ein geeigneter sicherer Ort zur Errichtung des Speichers gefunden werden, möglichst an einem geografisch geeigneten und politisch stabilen Ort zum Beispiel in Norwegen oder der Schweiz. Weiterhin ist eine Partnerschaft mit einer Region oder einem Land vorgesehen, die dank geeigneter indigener Bevölkerungsgruppen als Quelle für die Mikroben-Sammlung infrage kommen.

„Die ‚Microbiota Vault‘-Initiative wird uns dabei helfen, mit den Menschen, deren Mikrobiom noch intakt ist, vor Ort zu arbeiten. So wollen wir die entscheidenden Mikroben finden, um sie anschließend zu speichern, zu vervielfältigen und so zum Wohle der menschlichen Gesundheit in Zukunft nutzen zu können“, betont Blaser. Der Mikrobiologe und Arzt erhielt in Würdigung seiner Lebensleistung im vergangenen Jahr das Karl August Möbius-Fellowship des Kieler SFB 1182.

„Wir blicken dem Pilotprojekt voller Zuversicht entgegen und wollen darin möglichst bald die rechtlichen und logistischen Rahmenbedingungen erproben. Dazu streben wir Entwicklungspartnerschaften mit Universitäten in den Ursprungsländern wie beispielsweise Peru an“, sagt Projektleiterin Dominguez-Bello aus New Jersey. „Die Bewahrung der mikrobiellen Diversität wird künftig dabei helfen, weltumspannenden Gesundheitskrisen begegnen zu können“, so Dominguez-Bello weiter.

Die Forschenden betonen, dass es eines Tages möglich sein könnte, Umwelterkrankungen zu vermeiden, indem die Vielfalt des Mikrobioms präventiv wiederhergestellt werde. Voraussetzung dafür sei es, zunächst die nicht durch die Zivilisation veränderten Mikroorganismen menschlicher Gesellschaften zum Beispiel in Südamerika zu sammeln. Diese besäßen die größte mikrobielle Vielfalt, die es zu sichern gelte, bevor auch sie mit den Effekten der Verstädterung in Kontakt kämen.

Bevor die Umsetzung des Pilotprojekts und damit auch perspektivisch die dauerhafte Speicherung der Mikroorganismen in internationaler Kooperation beginnen kann, muss eine solide Finanzierung sichergestellt sein. Ausgehend von der vielversprechenden Machbarkeitsstudie bemühen sich die beteiligten Institutionen nun um eine möglichst umfangreiche Projektförderung.

Über die Studie:
Die Machbarkeitsstudie wurde von zwei unabhängigen Schweizer Firmen erstellt, die von der Seerave Foundation, der Gebert Rüf Foundation, der Rutgers University, der Calouste Gulbenkian Foundation, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), der UC San Diego School of Medicine, dem Canadian Institute for Advanced Research (CIFAR) und der Bengt E. Gustafsson Symposium Foundation, die dem Karolinska Institutet angegliedert ist, beauftragt wurden. Die Studie ergab, dass die Microbiota Vault-Initiative eine große Bedeutung und ein großes Potenzial hat und dass ihre Leiter ein Pilotprojekt einführen sollten, das die Installation einer Infrastruktur zur Lagerung von Mikroben an einem Ort wie Norwegen oder der Schweiz sowie die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern bei der Probennahme umfasst. Wenn das Microbiota Vault voll funktionsfähig ist, würde es ein globales Backup-Lager für alle mikrobiellen Proben sein, deren Originale in lokalen Sammlungen in den Herkunftsländern verbleiben würden.

Zukünftige Ziele für Artenschutz!

(KIT) – Der in der internationalen Biodiversitätskonvention beschlossene Zehnjahresplan für den Erhalt der biologischen Vielfalt hat seine Ziele zum Jahr 2020 verfehlt. Ein Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) setzt sich deshalb für eine übergeordnete politische Vorgabe ein, um den Diskussionen zum Artenschutz mehr Kraft zu verleihen: Zusammen mit einer Gruppe von Expertinnen und Experten anderer Forschungseinrichtungen engagiert er sich dafür, das Artensterben auf 20 verschwundene Spezies pro Jahr zu begrenzen. Darüber berichten sie aktuell in der Zeitschrift Science. (DOI: 10.1126/science.aba6592).

Das Zwei-Grad-Ziel des Übereinkommens von Paris dient der Klimapolitik als Fokus für notwendige Maßnahmen, um den Klimawandel aufzuhalten. Doch auch für den Artenschutz besteht dringender Handlungsbedarf. „Die Menschheit ist von der Biodiversität abhängig“, sagt Professor Mark Rounsevell, Leiter der Forschungsgruppe Landnutzungsänderung und Klima am Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung des KIT. „Ohne die Dienstleistungen unserer Ökosysteme, wie etwa das Bestäuben von Nutzpflanzen durch verschiedene Insekten, fehlt uns die Lebensgrundlage. Die Politik braucht daher ein klares Ziel, um die biologische Vielfalt zu erhalten.“ Ihre Forderung, das Aussterben von Spezies langfristig auf 20 pro Jahr zu begrenzen, ist nach Ansicht von Rounsevell und einer Gruppe weiterer Forscherinnen und Forscher ein sowohl leicht zu vermittelndes als auch messbares Ziel. Die Wissenschaftler wollen erreichen, dass die Vorgabe in die im kommenden Jahr stattfindenden Neuverhandlungen zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt mit einfließt. Die zuletzt von den Vertragsstaaten des Biodiversitätsabkommens beschlossenen sogenannten Aichi-Ziele enthielten 20 Kernziele unter anderem zum weltweiten Schutz von Ökosystemen und zur Förderung von Nachhaltigkeit.

Der Vorschlag von Rounsevell und der weiteren Experten basiert unter anderem auf Studien zur Belastungsgrenze des Planeten. Neben der Versauerung der Meere, der Luftverschmutzung oder dem Verbrauch von Süßwasser ist der Verlust von Biodiversität ein wesentlicher Parameter, welcher die Stabilität der weltweiten Ökosysteme unwiderruflich gefährden könnte. Beim Überschreiten eines bestimmten Schwellenwerts rechnen Forschende mit langfristigen negativen Folgen für die Umwelt. Um dies zu verhindern, sollte der Artenschwund aktuellen Erkenntnissen zufolge nicht mehr als das Zehnfache seines natürlichen Werts betragen. „Bei momentan rund zwei Millionen beschriebenen Spezies sind das rund 20 aussterbende Arten pro Jahr“, sagt Rounsevell. „Dabei schließen wir alle Pilz-, Pflanzen-, wirbellose sowie Wirbeltierarten mit ein, welche an Land, in Süß- oder in Salzwasserhabitaten leben.“

Notwendige Maßnahmen verbessern Gesamtzustand
Da die Geschwindigkeit des Artenschwunds bis heute immer weiter zunimmt, wären weitreichende umweltpolitische Maßnahmen erforderlich, um das Ziel der Biodiversitätsforscher umzusetzen. Damit würde sich die Vorgabe auch insgesamt positiv auf den Zustand der Ökosysteme auswirken. Analog dazu funktioniert das Zwei-Grad-Ziel im Klimaschutz: Obwohl die Temperatur nur einer von vielen Faktoren des komplexen Klimasystems ist, verbessern die für das Erreichen des Ziels notwendigen Maßnahmen den Klimaschutz insgesamt. Ein geringerer Temperaturanstieg wirkt sich indirekt etwa auch auf den Anstieg des Meeresspiegels oder das Auftreten von Wetterextremen wie Stürmen oder starken Regenfällen aus.

Als mögliche Handlungsoptionen schlagen Rounsevell und die Forschungsgruppe auf Grundlage der Empfehlungen des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) etwa vor, Naturschutzgebiete auszuweiten, den Artenschutz stärker finanziell zu fördern, Öko-Labels weiterzuentwickeln oder den Handel mit Wildtieren strafrechtlich konsequent zu verfolgen. Da Biodiversität auf regionaler Ebene unterschiedliche Formen annimmt, ist es nach Rounsevell notwendig, politische Maßnahmen auf lokale und regionale Gegebenheiten anzupassen. „Jedes Land muss einen eigenen Maßnahmenkatalog ausarbeiten und damit selbst Verantwortung übernehmen, um das Ziel zu erreichen“, sagt der Umweltforscher. Ob der neue Ansatz für den Artenschutz erfolgreich ist, solle kontinuierlich überprüft werden. „Um festzustellen, wie sich die Geschwindigkeit des Artensterbens entwickelt, sind umfangreiche Monitoringprojekte notwendig“, erklärt Rounsevell. Sind die Anstrengungen zum Schutz der Biodiversität erfolgreich, könne der Grenzwert für die Zahl pro Jahr verschwundener Spezies später weiter nach unten korrigiert werden.