Archiv der Kategorie: Klassische Medizin

Urintest für Zuhause sagt Prostatakrebs vorher

(pte) – Ein einfacher Urintest zum Nachweis von Prostatakrebs lässt sich jetzt mit Proben durchführen, die zu Hause gesammelt werden. Forscher der University of East Anglia http://uea.ac.uk und des Norfolk and Norwich University Hospital http://www.nnuh.nhs.uk haben den sogenannten PUR-Test entwickelt, der aggressiven Prostatakrebs diagnostiziert und bis zu fünf Jahre früher vorhersagt, ob eine Behandlung erforderlich sein wird.

Rektaluntersuchung obsolet
Männer müssen zur Analyse des Urins damit nicht mehr ins Krankenhaus kommen oder sich einer rektalen Untersuchung unterziehen. Das ist ein wichtiger Fortschritt, da der erste an einem Tag ausgeschiedene Urin solche Biomarkerwerte der Prostata liefert, die höher und einheitlicher sind. Das Forscher-Team hofft, dass die Einführung eines derartigen Tests die Diagnose dieser Krankheit revolutionieren könnte.

Laut Forschungleiter Jeremy Clark ist Prostatakrebs in Großbritannien die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Normalerweise entwickle sich die Krankheit langsam. Bei dem Großteil der Erkrankungen sei keine Behandlung erforderlich. Für die Ärzte sei es jedoch eine Herausforderung, vorherzusagen, welche Tumore aggressiv werden. Dadurch würden auch die Entscheidungen über eine Behandlung erschwert.

Genexpression gibt Aufschluss
Der PUR-Test untersucht die Genexpression in Urinproben und liefert so entscheidende Informationen darüber, um welche Art der Erkrankung es sich handelt. Für die Studie erhielten 14 Teilnehmer den Heimtest und Anweisungen zur Durchführung. Die Ergebnisse dieses Tests wurden dann mit den Proben verglichen, die nach einer digitalen rektalen Untersuchung gesammelt wurden.

Es zeigte sich bei der Auswertung des Urins, dass die zu Hause gesammelten Proben die Biomarker für Prostatakrebs viel deutlicher zeigten als jene nach der zweiten Untersuchung. Die Wissenschaftler gehen auch davon aus, dass die in „BioTechniques“ veröffentlichten Forschungsergebnisse die Diagnose von Blasen- oder Nierenkrebs revolutionieren könnte.

Molekül zur Bekämpfung von Alzheimer entdeckt

(pte) – Mitarbeiter der Fondazione Ebri Rita Levi Montalcino und des Istituto di Biologia Cellulare e Neurobiologia haben ein Molekül zur Therapierung von Alzheimer entdeckt. Mithilfe des Antikörpers A13 lässt sich die Ausbreitung der gefürchteten neurodegenerativen Nervenkrankheit laut den Experten im Frühstadium verhindern.

Ziel Amyloid-Beta-Oligomeren
Durch die Einführung von A13 wird die Bildung neuer Nervenzellen (Neurogenese) angeregt, womit Alzheimer im Anfangsstadium gestoppt werden kann. Die Nervenkrankheit wird durch die Ansammlung von Amyloid-Beta-Oligomeren in den Stammzellen des Gehirns verursacht. „Anhand von Experimenten mit Labormäusen haben wir festgestellt, dass diese toxischen Substanzen durch den Antikörper neutralisiert werden“, erklärt Projektleiter Antonino Cattaneo.

Das Molekül habe für eine „Verjüngung“ des Gehirns gesorgt. Mithilfe von A13 werde die Entstehung der fatalen Plaques unterbunden. „Unsere Forschungsarbeit liefert die Grundlage für innovative Diagnose- und Therapieansätze“, meint Cattaneo Kollegin Silvia Middei. Der nächste Schritt sei eine Übertragung des Tiermodells auf den Menschen. Vom Erfolg könne jedoch erst dann die Rede sein, wenn das A13 mindestens ein Jahr lang die Bildung von Amyloid-Beta-Oligomeren verhindert hat.

Multidisplinäre Untersuchung
Die multidisplinäre Untersuchung ist in Zusammenarbeit mit der Scuola Normale Superiore di Pisa  und des Dipartimento di Biologia der Università di Roma Tre durchgeführt worden. Einzelheiten können in der Fachzeitschrift „Nature Research Cell Death and Differentiation“ nachgelesen werden.

Eiweißdiät – Nicht für jeden geeignet

(BZfE) – Eine proteinreiche Ernährung soll gut für die Gesundheit sein, den Muskelaufbau fördern und beim Abnehmen helfen. Auch im Supermarkt werden immer häufiger eiweißreiche Lebensmittel wie Brot, Müsli und Milchshakes angeboten. Allerdings gibt es Hinweise, dass die Extraportion Eiweiß zumindest bei Menschen mit Herzerkrankungen, Diabetes und Übergewicht den Nieren schaden kann, ist im Fachblatt „Nephrology Dialysis Transplantation“ zu lesen.

An einer niederländischen Studie waren über 2.000 Probanden im Alter von60 bis 80 Jahren beteiligt, darunter 80 Prozent Männer. Sie hatten zuvoreinen Herzinfarkt erlitten und waren daher im Vergleich zur allgemeinenBevölkerung anfälliger für Nierenerkrankungen. Die Teilnehmer machten inFragebögen Angaben zu ihren Ernährungsgewohnheiten. Anhand dieser Daten wurde die täglich aufgenommene Menge an Protein berechnet. Zu Beginn der Untersuchung und nach 41 Monaten nahmen die Mediziner Blutproben, um anhand bestimmter Parameter die Nierenfunktion zu beurteilen.

Das Fazit: Je höher die tägliche Proteinzufuhr, desto schlechter arbeiteten die Nieren. Bei Patienten mit einer täglichen Proteinaufnahme von mehr als 1,2 g im Vergleich zu weniger als 0,8 g pro Kilogramm Körpergewicht nahm die Nierenfunktion doppelt so schnell ab. Vermutlich schädigen Eiweiße in großer Zahl die kleinen Blutgefäße in den Nierenkörperchen.

Die Wissenschaftler möchten dafür sensibilisieren, dass eine eiweißreiche Ernährung nicht für jeden von Vorteil ist. Vor allem bei Übergewichtigen und Diabetikern ist Vorsicht geboten. Eine beginnende Nierenerkrankung sollte ausgeschlossen werden, bevor man seine Ernährungsgewohnheiten ändert und sich für eine solche Diät entscheidet. Allerdings müssen die Ergebnisse noch in weiteren Studien bestätigt werden. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob sich Eiweiße aus tierischen und pflanzlichen Quellen unterschiedlich auswirken.

Proteine übernehmen im Körper viele wichtige Funktionen – etwa als Hormone, Enzyme und Energielieferanten. Die empfohlene Zufuhr für Erwachsene liegt bei 0,8 g Protein pro kg Körpergewicht pro Tag. Das entspricht täglich 57 bis 67 g Protein. Diese Menge kann über den Verzehr von proteinreichen Lebensmitteln wie Hülsenfrüchte, Brot, Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier problemlos erreicht werden. Spezielle Produkte sind nicht notwendig.

Heike Kreutz

Homosexualität ist keine Krankheit !!!

(DGE) – Im DGE-Blog wurde am 4. Oktober 2019 darüber berichtet, dass an etwa einer halben Million Menschen in einer genomweiten Assoziationsstudie kein einzelnes Gen für Homosexualität gefunden wurde. Es waren vielmehr mehrere Genloci  mit einer breiten Überlappung mit psychiatrischen Veränderungen. Die Genetik würde nach diesen Autoren zu weniger als 1% zu homosexuellem Verhalten beitagen. Jetzt liegt in der Bundesrepublik Deutschland ein Referentenentwurf für ein Gesetz vor, mit dem Gesundheitsminister Jens Spahn sogenannte Konversionstherapien bei Jugendlichen verbieten und unter Strafe stellen will. Er weist darauf hin, dass Homosexualität keine Krankheit sei, so dass der Begriff „Therapie“ auch nicht angewendet werden könne.

Bei dem Gesetz handelt sich um das „Sexuelle-Orientierung-und geschlechtliche-Identität-Schutz-Gesetz (SOGISchutzG). Konversionstherapien sind etwa Lichttherapien, indoktrinierende Gespräche,  Elektroschocks bis hin zu  Buß-Übungen und selbst zu Exorzismus. Konversionstherapien sollen bei Menschen unter 18 Jahren nicht nur nicht erfolgen, sondern auch gar nicht angeboten werden dürfen. Das Gesetz soll nicht für selbstbestimmte Menschen, also ab dem 18. Lebensjahr gelten, im Einzelfall nach Einschätzung des Behandlers auch nicht ab dem 16. Jahr. Das Verbot soll für alle einschließlich der Eltern Gültigkeit haben, auch Psychotherapeuten oder Seelsorger dürfen nicht versuchen, die sexuelle Orientierung ihrer Gesprächspartner zu  beeinflussen. Ihnen drohen Strafen mit Bußgeldern bis zu 30.000 Euro oder Gefängnis bis zu 1 Jahr.

Grundlage des Gesetzesentwurfes ist das Papier einer Fachkommission  der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld aus dem Frühjahr 2019 . Der Geschäftsführer der Stiftung,  Jörg Litwinschuh-Barthel  nennt für Deutschland eine Zahl von 1000 – 2000 Fällen pro Jahr, bei denen von Therapeuten, Ärzten, Psychotherapeuten, Heilpraktikern, Seelsorgern, Familienangehörigen oder auch gewerblichen Anbietern zur Unterdrückung oder Veränderung bei Homosexualität Behandlungen erfolgen, die fragwürdig oder  gesundheitsgefährlich sind. Diese „Therapien“ machten die Betroffenen nicht gesund, sondern könnten schweres körperliches und seelisches Leid zufügen. „Empirisch, sexualwissenschaftlich, soziologisch, psychologisch und medizinisch gibt es keine Hinweise darauf, dass Homosexualität eine Störung oder gar Krankheit ist“, so Prof. Peer Briken, Zentrum für Psychosoziale Medizin vom Klinikum Eppendorf der Universität Hamburg im Abschlußbericht  der Kommission.  Sexual Orientation Change Efforts (SOCE) hätten nach Briken keinen dauerhaften Erfolg, wenn es auch für SOCE keinen evidenzbasierten Beweis für negativen Folgen gebe. Es bestehen aber in Einzelfällen Hinweise auf negative Wirkungen wie Angst, Depressionen, Selbstmordneigung und Beziehungsprobleme. Nach Prof. Martin Burgi von der LMU-Universität München würden die Konversionstherapien vom Strafgesetzbuch nur teilweise erfasst, etwa durch die Tatbestände  von Körperverletzung, Betrug oder Beleidigung, nicht aber die massiven Verletzungen des Rechts auf sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung  bei Therapien.

Erhebliche Vorurteile gegenüber der Homosexualität bestünden,  so der Geschäftsführer der Magnus Hirschfeld-Stiftung,  vor allem von Seiten der Katholischen Kirche, von evangelikalen Gemeinden, in muslimischen Vereinen und in jüdisch-orthodoxen Gemeinden.  Die im Jahre 2011 gegründete Bundesstiftung, nach dem Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld benannt,  fördert Bildungs- und Forschungsprojekte, um einer Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Personen (LSBTTIQ) in Deutschland entgegenzuwirken.

Am 9. November 2019 konnte man in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung lesen, dass jetzt in Bochum – als der bundesweit zweiten Stadt nach Dortmund – eine Straße nach dem 1908 in Bochum geborenen Hermann Hußmann benannt wird. Dieser war ein schwuler Bergmann, der 1943 nach dem  in der NS-Zeit noch verschärften  § 175  aus der Kaiserzeit wegen „Unzucht“ verurteilt wurde und als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher in Sicherheitsverwahrung genommen werden sollte.  Vorher erhängte er sich an seinem Hosenträger in der Untersuchungshaftanstalt .

Die Straßenbenennung mit Einsetzen eines Stolpersteines in den Gehsteig zeigt, welches Umdenken in Deutschland stattgefunden hat.

Helmut Schatz

Vorbeugung mit Statinen wirkt lebensverlängernd

(DGE) – Eine historische, populationsbasierte Kohortenstudie über 10 Jahre an 19.518 (von insgesamt 37.230) den Einschlusskriterien entsprechenden versicherten Personen ab dem 65. Lebensjahr mit Statinen ohne kardiovaskuläre (CV) Ereignisse („Primärprävention“) ergab bei denen, welche die Statine regelmäßig einnahmen, im Vergleich zu der Gruppe, welche dies nicht tat, einen Überlebensvorteil: Die Gesamtsterblichkeit war um 34% niedriger. Auch die CV Ereignisse  waren seltener. Diese Vorteile betrafen auch Menschen mit regelmäßiger Statin-Einnahme nach dem 75. Lebensjahr (1). Zwischen Männern und Frauen fand sich kein Unterschied (1).

Untersucht wurden die Mitglieder der Clalit Health Services Northern District  in den USA ab einem Alter von 65 J. zehn Jahre lang. Die Hazard Ratio (HR) für Statin-Einnehmer im Vergleich zur anderen Gruppe betrug 0.66; 95% CI 0.56 – 0.79. Kardiovaskuläre Vorteile der Statine: HR 0.80; 95% CI 0.71-0.81) Dies nahm auch nach dem Alter von 75 Jahren nicht ab.

Kommentar
Die wenigen Untersuchungen zu diesem Thema bei Älteren ergaben widersprüchliche Resultate (2, 3, 4). Der Vorteil dieser Studie ist ihre große Teilnehmerzahl sowie ein weitgehendes Vorliegen von weiteren Daten der Versicherten. Man könnte einwenden, dass Personen, welche ihre Tabletten regelmäßig einnehmen, auch eher einen gesunden Lebensstil aufweisen und regelmäßiger zu Kontrollen gehen („healthy user/adherer effect“). Möglicherweise fällt dadurch der positive Effekte von Statinen auf Mortalität und CV Ereignisse überhöht aus. Gebrechlichkeit und mangelnde körperliche Aktivität sind als Einflussfaltoren (confounders) ebenfalls zu betrachten. Diese wurden in der vorliegenden Studie aber weitgehend berücksichtigt ebenso wie der sozioökonomische Status. Auch der Lebensstil (Obesitas, Rauchen etc.) wurde in die statistischen Berechungen einbezogen. Wenn es auch noch weitere Einflussfaktoren gibt, so spricht die angeführte Methodik gegen ein substanzielles „healthy user bias“. Die Autoren raten vorsorglich zu einer vorsichtigen Interpretation ihrer Daten, da wichtige Faktoren wie Lebensqualität und  andere ungünstige Ereignisse die Ergebnisse beeinflusst haben könnten.  Dennoch meinen sie, dass die Studienergebnisse Evidenzen für das Gespräch der Ärzte mit ihren Patienten liefern. Die Schlussfolgerungen der Arbeit enden –  wie fast stets nach solchen Studien – mit der Forderung: „Die Ergebnisse müssen noch in anderen Bevölkerungsgruppen  bestätigt werden,  und: Es besteht die Notwendigkeit einer prospektiven Interventionsstudie in einer älteren Population“.

Helmut Schatz

Künstliche Materialien mit Erbsubstanz produziert

(KIT) – Aus der Erbsubstanz DNA, kleinsten Silica-Partikeln und Kohlenstoff-Nanoröhren haben Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) neue programmierbare Materialien entwickelt. Diese Nanokompositmaterialien lassen sich für verschiedene Anwendungen maßschneidern und so programmieren, dass sie schnell und schonend abgebaut werden können. Für medizinische Anwendungen können sie Umgebungen schaffen, in denen sich menschliche Stammzellen einnisten und weiterentwickeln können. Sie eignen sich aber auch für den Aufbau von Biohybridsystemen, beispielsweise zur Stromgewinnung. Ihre Ergebnisse stellen die Wissenschaftler in der Zeitschrift Nature Communications und auf der Plattform bioRxiv vor.

Das Kultivieren von Stammzellen dient der Grundlagenforschung wie auch der Entwicklung wirksamer Therapien gegen schwere Erkrankungen, beispielsweise um geschädigtes Gewebe zu ersetzen. Allerdings können sich Stammzellen nur in einer geeigneten Umgebung zu gesundem Gewebe entwickeln. Besonders zum Aufbau dreidimensionaler Gewebestrukturen bedarf es Materialien, welche die Zellfunktionen durch eine perfekte Elastizität unterstützen. Neue programmierbare Materialien, die sich als Substrate für biomedizinische Anwendungen eignen, hat nun die Forschungsgruppe um Professor Christof M. Niemeyer am Institut für Biologische Grenzflächen 1 – Biomolekulare Mikro- und Nanostrukturen (IBG 1) des KIT gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen vom Institut für Mechanische Verfahrenstechnik und Mechanik, vom Zoologischen Institut und vom Institut für Funktionelle Grenzflächen des KIT entwickelt. Mit diesen Materialien lassen sich unter anderem Umgebungen schaffen, in denen sich menschliche Stammzellen einnisten und weiterentwickeln können.

Wie die Forscherinnen und Forscher in der Zeitschrift Nature Communications berichten, bestehen die neuen Materialien aus der Erbsubstanz DNA sowie kleinsten Silica-Partikeln und Kohlenstoff-Nanoröhren. „Diese Kompositmaterialien werden durch eine biochemische Reaktion aufgebaut und lassen sich über die Mengen der Einzelbestandteile in ihren Eigenschaften präzise einstellen“, erklärt Christof M. Niemeyer. Darüber hinaus lassen sich die Nanokompositmaterialien so programmieren, dass sie schnell und schonend abgebaut werden können und die darin gewachsenen Zellhaufen freisetzen. Diese lassen sich dann für weitere Experimente nutzen.

Neue Materialien für Biohybridsysteme
Wie das Team des IBG 1 des KIT in einer weiteren Publikation auf der Biowissenschafts-Plattform bioRxiv berichtet, lassen sich die neuen Nanokompositmaterialien auch für den Aufbau programmierbarer Biohybridsysteme verwenden. „Der Einsatz von lebenden Mikroorganismen, die in elektrochemische Geräte integriert sind, ist ein expandierendes Forschungsgebiet“, erläutert Professor Johannes Gescher vom Institut für Angewandte Biowissenschaften (IAB) des KIT, der an dieser Studie beteiligt war. „So lassen sich beispielsweise mikrobielle Brennstoffzellen, mikrobielle Biosensoren oder mikrobielle Bioreaktoren herstellen.“ Das von den Karlsruher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufgebaute Biohybridsystem enthält das Bakterium Shewanella oneidensis. Dieses ist exoelektrogen, das heißt, es produziert beim Abbau organischer Substanz unter Sauerstoffmangel einen elektrischen Strom. Wird Shewanella oneidensis in den am KIT entwickelten Nanokompositmaterialien kultiviert, bevölkert es die Matrix des Verbunds. Das nicht exoelektrogene Bakterium Escherichia coli dagegen bleibt auf seiner Oberfläche. Der Shewanella-haltige Verbundstoff hält sich mehrere Tage stabil. In zukünftigen Arbeiten wird die Forschungsgruppe weitere biotechnologische Anwendungen der neuen Materialien erschließen.

Dem Stickstoff geht es an den Kragen

(pte) – Ein Metall-Organisches Gerüst, ein sogenanntes „Metal Organic Framework“ (MOF), das Stickoxide aus jedwedem Abgasstrom herausfiltert und speichert, haben Forscher der University of Manchester entwickelt. Das Gas, das die Atemwege reizen kann, lässt sich in Salpetersäure umwandeln, eine wichtige Chemikalie, deren Produktionswert im Jahr 2016 weltweit bei 2,5 Mrd. Dollar lag. Sie wird zur Herstellung von Dünger und Nylon sowie als Raketentreibstoff benötigt.

Große innere Oberfläche
MOFs sind 3D-Gebilde, die aus organischen und anorganischen Baugruppen bestehen. In ihren Poren können sie Gase speichern – und zwar große Mengen davon. Deren innere Oberfläche kann so groß sein wie ein Fußballfeld, bei einem Gewicht von lediglich einem Gramm. Das Gebilde, das Stickstofftetroxid (NO2) ansaugt wie ein Schwamm Wasser, trägt die Bezeichnung MFM-520. Das geschieht bei normalem Druck und Umgebungstemperatur. Es funktioniert sogar dann, wenn im Abgasstrom Feuchtigkeit, CO2 und Schwefeldioxid enthalten sind.

„Es funktioniert am besten bei der Temperatur, die Auspuffgase eines Autos haben“, sagt Chemiker und Studienleiter Sihai Yang. Wie sich das Material zur Entgiftung von Autoabgasen einsetzen lässt, ist allerdings noch offen. Wie die Adsorption von NO2 genau funktioniert, haben Forscher am Oak Ridge National Laboratory und am Berkeley National Laboratory mithilfe von Neutronenstreuung und Röntgenstrahlen herausgefunden. Die Umwandlung von NO2 in Salpetersäure gelingt unter Einsatz von Wasser und Luft. MFM-520 verliert auch nach mehrmaliger Nutzung seine Fähigkeit nicht, NO2 einzufangen.

Tele-Medizin für den ländlichen Raum

(DSG) – Ein Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall – je früher Patienten die richtige Behandlung bekommen, desto größer sind ihre Chancen, bleibende Schäden zu vermeiden. In spezialisierten Einrichtungen – sogenannten Stroke Units – können sie bestmöglich versorgt werden. Wenn Kliniken im ländlichen Raum keine spezialisierten neurologischen Abteilungen haben, können telemedizinische Schlaganfallnetzwerke, Telestroke-Netzwerke genannt, eine gute Versorgung sicherstellen. Per Videokonferenz werden Schlaganfallexperten aus Neurologischen Stroke Units beratend zugeschaltet. Zur Koordination der Telestroke-Netzwerke wurde in der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) nun die Kommission „Telemedizinische Schlaganfallversorgung“ gegründet. Hier arbeiten alle derzeit 21 Telestroke-Netzwerke zusammen.

„Die Tele-Stroke-Units gewährleisten eine hochwertige Versorgung von Patienten in Krankenhäusern, die nicht selbst über neurologische Abteilungen verfügen“, sagt Professor Dr. med. Armin Grau, 1. Vorsitzender der DSG. „Rasche telemedizinisch getroffene Entscheidungen können von essentieller Bedeutung für die Patienten sein, da die schnelle Therapieeinleitung den Betroffenen hilft, die Erkrankung ohne dauerhafte Einschränkungen – wie Sprachstörungen oder Lähmungen – zu überstehen.“

Der Sprecher der Kommission, Priv.-Doz. Dr. med. Christoph Gumbinger, Oberarzt in der Neurologie und Poliklinik am Universitätsklinikum Heidelberg, betont: „Durch die Einführung neuer katheterbasierter Schlaganfalltherapieverfahren sind die Bedeutung und die Anforderungen an die telemedizinische Schlaganfallakutbehandlung nochmals gestiegen.“ Deshalb tauschen sich die Telestroke-Netzwerke nun enger aus, um die Herausforderungen optimal bewältigen zu können. So verfügen beispielsweise nicht alle Einrichtungen über hinreichende technische Kapazitäten, um die notwendige schnelle Bildübertragung bereitzustellen, die für eine rasche Entscheidungsfindung so entscheidend ist. Die Strukturen in verschiedenen Bundesländern sind uneinheitlich, was die Sicherstellung der hohen Standards, die die telemedizinische Schlaganfallbehandlung erfordert, erschwert.

Ein weiteres Problem spricht Professor Dr. med. Heinrich Audebert, Direktor der Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie an der Charité Berlin und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Finanzen der Kommission Telemedizinische Schlaganfallversorgung, an: „Deutschlandweit besteht ein Flickenteppich, was die Finanzierung der Telestroke-Netzwerke angeht. Trotz politischer Zusagen, die Telemedizin fördern zu wollen, existiert weiterhin eine Unterfinanzierung vieler Netzwerke.“ Eine mögliche Konsequenz daraus seien Qualitätseinbußen, da dann nur Teilaspekte des Tele-Stroke-Unit-Konzeptes umgesetzt werden könnten.

Die Mitglieder der Kommission sind sich einig, dass sie gemeinsam die telemedizinische Schlaganfallbehandlung verbessern können. Der DSG-Pressesprecher Professor Dr. med. Wolf-Rüdiger Schäbitz, gratulierte der Kommission zur Aufnahme ihrer Arbeit. „Es ist ein positives Signal, dass nun alle Telestroke-Netzwerke zusammenarbeiten, um die Chancen der Telemedizin für die Schlaganfallbehandlung in Deutschland voll auszuschöpfen, was zudem eine Vorbildfunktion für die Telemedizin insgesamt hat.“ Die telemedizinische Versorgung sollte nach Ansicht der DSG-Experten ein Wegbereiter für die flächendeckende Etablierung von Neurologischen Stroke Units auch in ländlichen Regionen sein.

Neue Strategien gegen die Antibiotikakrise

(uni-kiel) – Kieler Forschungsteam untersucht, welche evolutionären Mechanismen sich für nachhaltige Antibiotikatherapien nutzen lassen

Eine der gravierendsten Gefahren für die öffentliche Gesundheit weltweit geht von Antibiotika-resistenten Krankheitserregern aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor dem bevorstehenden Beginn einer postantibiotischen Ära, in der eigentlich harmlose Infektionen nicht mehr behandelbar seien und erneut zu den häufigsten nicht-natürlichen Todesursachen werden könnten.

Die jahrzehntelange Nutzung verschiedener Antibiotika als Standardtherapie hat das Spektrum wirksamer antibakterieller Medikamente stark reduziert. Gleichzeitig wird die Entwicklung neuer Medikamente teilweise zurückgefahren oder ganz eingestellt. Ursache ist die schnelle Evolution von Antibiotika-Resistenzen, die antibakterielle Medikamente innerhalb kurzer Zeit wirkungslos werden lassen. Forschende verfolgen daher seit einigen Jahren das Ziel, die Wirksamkeit der noch bestehenden Wirkstoffe zu erhalten oder sogar zu verbessern.

An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) forscht die Arbeitsgruppe Evolutionsökologie und Genetik intensiv an evolutionsbasierten Strategien, um durch die Kombination von Wirkstoffen bakterielle Krankheitserreger besser zu bekämpfen und gleichzeitig die Resistenzbildung zu hemmen. Ein vielversprechendes Prinzip, das die Forschenden im Rahmen des Kiel Evolution Center (KEC) nutzen wollen, ist die sogenannte kollaterale Sensitivität. Dieser Fachausdruck beschreibt das Auftreten von vorteilhaften, evolutionären ‚Kosten‘ für die Entwicklung einer Antibiotikaresistenz, die immer dann entstehen, wenn die Evolution der Resistenz gegen einen Wirkstoff den Krankheitserreger gleichzeitig hochempfindlich gegen ein zweites Medikament werden lässt.

Am Beispiel des Bakteriums Pseudomonas aeruginosa haben die Forschenden dieses Prinzip nun anhand von Evolutionsexperimenten im Labor hinsichtlich seiner Stabilität und damit perspektivisch seiner nachhaltigen Nutzbarkeit im künftigen Behandlungsalltag untersucht. In einer jetzt vorgelegten Arbeit konnte das KEC-Forschungsteam zeigen, dass die wirksame Bekämpfung des Krankheitskeims bei gleichzeitiger Hemmung der Resistenzbildung vor allem von der Reihenfolge der Wirkstoffgabe und ihrer jeweiligen Wirkungsweise abhängen. Die neuen Forschungsergebnisse veröffentlichte das Kieler Team heute (29. Oktober) im Wissenschaftsjournal eLife.

Bleibt die Behandlungsempfindlichkeit der Bakterien stabil?

In einer vor zwei Jahren erschienenen Studie hatte die CAU-Arbeitsgruppe erstmals systematisch die Auswirkungen verschiedener Formen der kombinierten Antibiotika-Gabe auf die evolutionäre Anpassung von Krankheitserregern untersucht. Auch damals untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Krankheitskeim Pseudomonas aeruginosa, der insbesondere für Patientinnen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem gefährlich ist. Sie konnten dabei das Prinzip der kollateralen Sensitivität erstmals auch für diesen Keim beschreiben. „Auf Basis dieser Vorarbeiten wollten wir nun herausfinden, ob sich dieses vielversprechende Prinzip auch unter wechselnden Bedingungen bestätigen lässt und ob die Sensitivität des Keimes infolge der kombinierten Medikamentengabe dauerhaft stabil bleibt“, betont CAU-Professor und KEC-Sprecher Hinrich Schulenburg.

In der nun vorgelegten Arbeit konnten die Kieler Forschenden in umfangreichen Laborexperimenten zeigen, dass es von mehreren Faktoren abhängt, ob die kollaterale Sensitivität zu therapeutischen Zwecken genutzt werden kann: Insbesondere die Abfolge und Kombination der eingesetzten Antibiotika, aber auch die evolutionären Kosten für das Bakterium und die an der Resistenzbildung beteiligten genetischen Mechanismen entscheiden über die dauerhafte Wirksamkeit. „Die Anpassungsfähigkeit des Krankheitskeims war insbesondere dann stark gehemmt, wenn der Medikamentenwechsel von einem sogenannten Aminoglykosid hin zu einem Betalactam, also einem Penicillin-ähnlich Wirkstoff erfolgte,“ erläutert Dr. Camilo Barbosa, Erstautor der Studie. In diesem Fall konnten sich die Keime nicht anpassen und starben durch die kombinierte Wirkstoffgabe eher ab. Bei anderen Wirkstoffkombinationen und -wechseln gelang es den Krankheitserregern hingegen, zum Teil multiple Resistenzen auszubilden. Zusätzlich spielen die evolutionären Kosten der Resistenzevolution eine wichtige Rolle für den Therapieerfolg.

Grundlage für evolutionsbasierte Antibiotikatherapien

Die neuen Forschungsergebnisse aus dem KEC zur Wirkstoffkombination und der Stabilität der kollateralen Sensitivität könnten in Zukunft die Entwicklung neuartiger und nachhaltiger Antibiotika-Therapien erlauben. Die Effekte des Wechsels bestimmter Wirkstoffklassen und die Auswirkung der evolutionären Kosten auf die Resistenzentwicklung belegen eindrucksvoll, wie wichtig es ist, evolutionäre Prinzipien bei der Ausarbeitung neuer, nachhaltiger Therapieansätze zu berücksichtigen. „Diese aussichtsreichen evolutionsbasierten Strategien werden wir für einen möglichen Einsatz an Patientinnen und Patienten weiterentwickeln und finden hierfür im Rahmen gleich mehrerer Kieler Forschungsverbünde und in Zusammenarbeit mit den dort beteiligten Kolleginnen und Kollegen aus der Klinik fantastische Voraussetzungen“, blickt Schulenburg voraus.

Originalarbeit:

Verdauung ist nicht nur rein und raus, sondern ist Ursache für fast alle Volkskrankheiten

(DGVS) – Krankheiten der Verdauungsorgane nehmen in Deutschland weiterhin zu. Ein Beispiel sind Fettlebererkrankungen: Schätzungen zufolge haben bereits rund 42 Prozent der Deutschen eine Fettleber – meist ohne es zu wissen, denn das Organ schmerzt lange nicht. Eine Verfettung der Leber kann langfristig zur Zirrhose und Leberkrebs führen. Fehlfunktionen der Verdauungsorgane wirken aber auch außerhalb des Magen-Darm-Trakts. Sie gelten als Motor für viele Zivilisationskrankheiten: So weisen Studien darauf hin, dass Störungen des Darm-Mikrobioms bei der Entstehung von Diabetes mellitus oder Depressionen eine Rolle spielen. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) hat nun die aktualisierte dritte Auflage ihres Weißbuchs Gastroenterologie veröffentlicht. Die darin dokumentierten Zahlen zeigen: Krankheiten der Verdauungsorgane sind Volkskrankheiten, die mehr Forschung und neue Präventions- und Behandlungskonzepte erfordern. 

Rund 2,5 Millionen Behandlungen von Patienten mit Krankheiten der Verdauungsorgane – von Bauchspeicheldrüsenentzündungen über chronisch-entzündliche Darmerkrankungen bis hin zu Speiseröhrenkrebs – werden hierzulande jedes Jahr in Krankenhäusern durchgeführt. Rund 61 000 Menschen sterben jedes Jahr an Krankheiten der Verdauungsorgane. Krebserkrankungen der Verdauungsorgane haben, gemessen an den Überlebensraten, die schlechteste Prognose – vor allem für Bauchspeicheldrüsenkrebs, Leberkrebs und Krebs der Gallenwege müssen effektivere Therapien entwickelt werden. Nach den Herz-Kreislauf-Leiden sind die Krankheiten der Verdauungsorgane die zweithäufigsten Krankheiten der Deutschen.

„Angesichts solcher Fakten ist es umso erstaunlicher, dass die Krankheiten der Verdauungsorgane in der Priorisierung der Gesundheitspolitik und Wissenschaftsförderung nicht weiter vorne rangieren. Bis heute ist beispielsweise eine Förderung durch koordinierte Projekte der Wissenschaftsförderung des Bundes ausgeblieben – das muss sich dringend ändern!“, mahnt Professor Dr. med. Frank Lammert, Präsident der DGVS und Direktor der Klinik für Innere Medizin II des Universitätsklinikums des Saarlandes.

Fehlfunktionen der Verdauungsorgane wirken über den Magen-Darm-Trakt hinaus: Der Gastrointestinaltrakt hat eine Steuerungsfunktion für den gesamten Organismus. Insofern sind Krankheiten der Verdauungsorgane Motor für viele andere Zivilisationskrankheiten. Studien weisen darauf hin, dass etwa Fehlfunktionen des Darms und Störungen des Darm-Mikrobioms bei der Entstehung von Diabetes mellitus, Herzschwäche, Depressionen, Morbus Parkinson und Alzheimer eine Rolle spielen. Die genauen Zusammenhänge sind bislang noch wenig bekannt.

„Das wissenschaftliche Gesamtverständnis über Verdauungskrankheiten und die Wechselwirkungen zwischen Fehlfunktionen von Verdauungsorganen und anderen Volkskrankheiten müssen besser erforscht werden – nur so kann es gelingen, wirksame Präventions- und Behandlungskonzepte zu entwickeln. Diese hätten nicht nur das Potenzial, die Prognose von Krankheiten des Magen-Darm-Trakts, sondern auch von Herz-Kreislauf-Krankheiten, Stoffwechselstörungen und neurologischen Krankheiten zu verbessern“, so Lammert. Die DGVS setzt sich deshalb für die Schaffung eines organübergreifenden Forschungsverbunds in Form eines Nationalen Präventionszentrums Gastroenterologie ein.

Das vom Center for Health Economics Research Hannover (CHERH) unabhängig erstellte Weißbuch der DGVS soll eine validierte Zahlengrundlage schaffen, auf deren Basis Diskussionen über die Gegenwart und Zukunft der Versorgung der Volkskrankheiten der Verdauungsorgane in Deutschland geführt werden können. Die Kapitel des Weißbuchs stellen die medizinischen Aspekte, aktuellen epidemiologischen Parameter und Kosten der wichtigsten gastroenterologischen Krankheiten dar. Für die aktuelle dritte Auflage des Weißbuchs Gastroenterologie wurden alle verfügbaren statistischen Daten aktualisiert, eine erneute Literaturrecherche zu den gesundheitsökonomischen Daten durchgeführt und weitere gastroenterologische Krankheitsbilder – beispielsweise die Divertikelkrankheit – ergänzt.