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Welche Langzeitwirkung hat der Coronavirus auf unseren Körper? – Mit einem Vorwort von Jean Pütz

(SWR3) – Was macht Covid-19 eigentlich mit unserem Körper? Diese Frage kann noch keiner so wirklich beantworten. Denn: Es gelten zwar immer mehr Corona-Patienten in Deutschland als genesen – nicht alle sind aber auch wieder vollständig gesund geworden. Manche Patienten berichten, dass sie ihren Geschmackssinn verloren haben, andere sprechen von Kurzatmigkeit oder Erschöpfung über Wochen und zum Teil Monate.

Solche Langzeitfolgen soll jetzt das COVIDOM-Projekt erforschen. Mit dabei unter anderem die Charité Berlin und die Unis Würzburg, Leipzig und Frankfurt.

SWR3 hat mit Professor Dr. Stefan Schreiber gesprochen. Er ist von der Uni in Kiel und leitet das Projekt:

Welche Langzeitfolgen von Covid-19 sind jetzt schon bekannt?
Ich bin ja auch als Arzt in der Kieler Klinik für innere Medizin beschäftigt und sehe dort Patienten, die mit Langzeitproblemen zu mir kommen. Auch junge Menschen, die gar nicht schwer krank gewesen sind, die aber ihre Leistungsfähigkeit über Wochen und Monate verloren haben. Oder es gibt Menschen, die nach der Infektion über einen Ausfall von bestimmten Funktionen des zentralen Nervensystems klagen. Das sind Erscheinungen, die nicht verwunderlich sind. Denn wir wissen heute, dass der Virus nicht nur die Lunge entzündet, sondern das über die Entzündungen der Gefäße auch andere Organschäden entstehen.

Das Coronvirus ist eine Lungenkrankheit – ist das überholt?
Ja, das ist komplett überholt. Bereits in der Akut-Phase haben wir gesehen, dass die Gefäßentzündung – die massiv ist und die Deckzellen der kleinen Blutgefäße zerstört – auch außerhalb der Lunge zu ganz erheblichen Organschäden führt.

Patienten, die in Schleswig-Holstein positiv auf Corona getestet wurden, wollen Sie mindestens zwei Jahre immer wieder untersuchen. Wie wollen Sie das machen?
Wir setzen dazu eine ganze Batterie von Testverfahren ein. Das beinhaltet nicht nur, dass die Betroffenen von uns kontaktiert und befragt werden, sondern es erfolgt auch eine Einladung eines Universitätsklinikums in Schleswig-Holstein nach Kiel, in der dann eine genaue Vermessung des Körpers stattfindet. Mit der ersten Einladung sind das dann die Organe des Brustkorbs – also Herz, Lunge und Gefäße. Und mit der zweiten Einladung ist das dann eine Ganzkörperuntersuchung. Und so bekommt jeder Betroffene ein Gesundheitsprodukt, das man eigentlich gar nicht bezahlen kann, das also mit höchstem Einsatz der Medizin erfolgt und das sicher auch noch „Beifang“ haben wird, was auch andere Krankheiten angeht. Und wir erhalten Daten, wie denn die Infektion die Gesundheit der Menschen verstellt und was das Gesundheitssystem erwarten muss.

Bei welchen Patienten können Langzeitschäden auftreten?
Ich glaube da gibt es noch keine klaren Prädiktoren – also Vorhersagen – wer einen Langzeitschaden hat oder wer nicht. Das ist der Grund, warum es dieses Projekt geben muss, denn am Ende müssen wir das sowohl für die Betroffenen herausfinden, als auch für das Gesundheitssystem die relevanten Daten erstellen. Denn das wird uns in den nächsten Jahren belasten.

Ich glaube vor allen Dingen auch, dass uns diese Covid-19-Erkrankung die Chance gibt, die Beziehung zwischen einer schweren Virusinfektion und den scheinbar zufällig im Alter auftretenden üblichen Erkrankungen zu erkennen, wie zum Beispiel Herzinsuffizienz oder Morbus-Parkinson. Ich könnte mir vorstellen, dass die eine oder andere Krankheit durchaus auch auf Virusinfekte, vielleicht mit ganz andere Viren, zurückzuführen ist. Dafür haben wir uns bloß in der Vergangenheit nie interessiert.

Kann man schon sagen, wie häufig solche längerfristigen Schäden auftreten?
Dazu gibt es noch keine Aussage. Die werden natürlich auch überlagert, dadurch dass Menschen in der Phase der Covid-10-Infektion und -Isolation maximal psychisch betroffen sind und es sicher neben den Schäden der Organsysteme auch Schäden geben wird, die in der Psychosomatik und der Psyche des Menschen liegen.

Verlässliche Quelle gegen Fakenews und Verschwörungstheorien: Das Netzwerk Correctiv informiert – Mit einer Vorbemerkung von Jean Pütz

Eine verlässliche Quelle für wissenschaftlich-glaubhafte Nachrichten, insbesondere aber auch gegen Fakenews und Verschwörungstheorien ist das Netzwerk Correctiv.
Correctiv recherchiert langfristig zu Missständen in der Gesellschaft, fördert Medienkompetenz und führt Bildungsprogramme durch. Correctiv hat  auch einen sogenannten Correctiv-Faktenscheck geschaffen, besonders um gegen Demokratie-gefährdende Informationen in den neuen Medien in Corona-Zeiten anzugehen, die von böswilligen  Ideologen und Verschwörungstheoretikern – aus welchen Gründen auch immer – verbreitet werden.
Daneben bemüht sich aber auch das Netzwerk Recherche, in dem sich seröse Journalisten zusammengeschlossen haben, um Mißstände aufzuzeigen, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. So wurden von ihnen die ‚Panama-Papiere‘ aufgedeckt, die die Machenschaften von Steuerhinterziehern offenbarten – und vieles andere mehr, z. B. in internationaler Recherche die Cum-Ex-Verbrechen.

Übrigens: Ich bin dort ebenso wie bei der Wissenschaftskonferenz: Mitglied, die u. a. mit Wissenschaftsorganisation das Science-Media-Center gegründet hat, welches nach streng wissenschaftlichen Kriterien – nicht nur über Corona – die gesamte Presse mit objektiven Nachrichten informiert.

Ihr Jean Pütz

(Correctiv) – Falschinformationen und Viren haben einiges gemeinsam: Sie können sich exponentiell ausbreiten, und sie machen nicht vor Grenzen halt. Mitte März hat CORRECTIV.Faktencheck sich deshalb mit vier weiteren Organisationen in Europa zusammengeschlossen, um die Verbreitung von falschen Behauptungen über Covid-19 besser zu verstehen.

Die Kooperation mit Maldita.es in Spanien, Pagella Politica/Facta in Italien, Full Fact in Großbritannien und Agence France-Presse (AFP) in Frankreich zeigt, dass in der Flut der Falschinformationen Muster zu erkennen sind. Identische Gerüchte und falsche Behauptungen tauchten in allen fünf Ländern auf. Unsere Analyse haben wir als interaktives Web-Projekt in fünf Sprachen veröffentlicht: covidinfodemiceurope.com

Zudem haben wir uns diese Woche intensiv mit dem PCR-Test beschäftigt. Immer wieder wird behauptet, er sei unzuverlässig und reagiere auf andere Coronaviren. Aktuell wird sogar spekuliert, ob die Ausbrüche in Schlachthöfen darauf zurückzuführen sind, dass der Test auf Viren von Rindern oder Schweinen reagierte. Unsere Recherchen zeigen: Da ist nichts dran.

PCR-Tests für SARS-CoV-2 reagieren nicht positiv auf andere Coronaviren von Nutztieren
Stecken hinter der großen Anzahl an Corona-Infizierten in Schlachthöfen falsche Testergebnisse? Unter anderem in Sozialen Netzwerken wird aktuell behauptet, dass dafür eine Kreuzreaktionen auf andere Coronaviren verantwortlich sei, zum Beispiel von Rindern. Das ist falsch.

Unter anderem in einem Video  des Youtubers Samuel Eckert vom 21. Juni wird angedeutet, dass die PCR-Tests für SARS-CoV-2 auf andere Arten von Coronaviren, die bei Tieren wie Schweinen oder Rindern vorkommen, anspringen würden. Anlass der Debatte war der Corona-Ausbruch bei dem Schlachtbetrieb Tönnies.

Das Video wurde fast 40.000 Mal angeklickt. Eckert bezieht sich darin unter anderem auf den Arzt Wolfgang Wodarg, der bereits vor Wochen mit der Behauptung aufgefallen war, die PCR-Tests seien angeblich nicht zuverlässig. Auf seiner Webseite stellte Wodarg am 18. Juni die Suggestivfrage: „Kann es sein, dass die vielen SARS-CoV-2-PCR-Positiven auf Schlachthöfen eine Folge von Kreuzreaktionen auf die in der Veterinärmedizin üblichen Corona-Impfungen sind?“ Schließlich würden ja Schlacht- und Haustiere gegen verschiedene Coronaviren geimpft.

Spekulationen über Zuverlässigkeit des PCR-Tests
Ganz ähnlich heißt es auch in einem Facebook-Beitrag (23. Juni): „Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass die Tests fälschlicherweise auf die Rindercoronaviren reagieren, als dass es weltweit Hotspots in Schlachthöfen gibt?“ Und in einem Artikel der österreichischen Seite Mein Bezirk vom 23. Juni über die Schlachthof-Ausbrüche wird über „mögliche Fehldiagnosen von Rinder-Coronaviren“ spekuliert. All diese Behauptungen zielen darauf ab, dass in den Schlachthöfen angeblich kein SARS-CoV-2 ausgebrochen ist und alles auf einem Irrtum beruht.

CORRECTIV ist der Frage nachgegangen, ob der PCR-Test, der für SARS-CoV-2 verwendet wird, auf andere Coronaviren von Nutztieren positiv reagieren könnte. Sie lässt sich nach übereinstimmender Aussage von Experten mit Nein beantworten. Coronaviren von Rindern, Schweinen oder Hühnern befallen keine Menschen. Sie sind genetisch sehr verschieden von SARS-CoV-2 – deshalb kann der PCR-Test, der aktuell an Menschen verwendet wird, auf sie nicht positiv reagieren.

Nutztiere werden gegen andere Coronaviren geimpft
Es stimmt, dass es viele Coronaviren gibt, die bei verschiedenen Tierarten vorkommen. Einige bekannte Coronaviren lösen auch Erkältungen beim Menschen aus. Die Viren sind genetisch verschieden, obwohl sie zur selben Familie gehören.

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts (FLI), Elke Reinking, per E-Mail mit, in Deutschland gebe es zugelassene Impfstoffe für Rinder und Geflügel – gegen das Bovine Coronavirus und das Virus der Infektiösen Bronchitis der Hühner. Zudem sei ein Impfstoff gegen das Feline Coronavirus zugelassen, das Katzen befällt. Das FLI ist das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit.

„Die bei Nutztieren vorkommenden Coronaviren sind genetisch weit entfernt von den beim Menschen zu schweren Erkrankungen führenden Coronaviren“, erklärt Reinking. Daher sei eine Übertragung auf Menschen sehr unwahrscheinlich. Schweine und Hühner seien zudem nicht empfänglich für SARS-CoV-2, das hätten mehreren Arbeitsgruppen weltweit, darunter auch am Friedrich-Loeffler-Institut, gezeigt. „Die Empfänglichkeit von Rindern gegenüber SARS-CoV-2 wird derzeit geprüft.“

Behörden: PCR-Tests zeigen keine Kreuzreaktionen mit Coronaviren von Nutz- und Haustieren
Beim PCR-Test auf SARS-CoV-2 werden mit Abstrichen Proben direkt aus den Atemwegen eines Menschen entnommen. Dass der PCR-Test auf andere Coronaviren von Nutztieren oder die Impfstoffe reagieren könnte, verneint FLI-Sprecherin Reinking. „Die vorhandenen PCR-Tests erkennen SARS-CoV-2 sehr zuverlässig und spezifisch. Sie zeigen keine Kreuzreaktionen mit anderen Coronaviren der Nutz- und Haustiere.“

Gleiches teilte uns Susanne Glasmacher, Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, auf unsere Anfrage per E-Mail mit: „Bei PCR-Tests bei Menschen werden Erbgut-Regionen nachgewiesen, die nur bei SARS-CoV-2-Viren vorkommen, nicht bei anderen Coronaviren des Menschen oder bei Tieren. Daher kann es nicht zu falsch-positiven Befunden infolge der Impfung von Tieren gegen Coronaviren kommen.“

Virologe: Nachweis von Impfstoff-Viren nicht möglich
Wir wollten es genau wissen und fragten auch beim Institut für Virologie der Universität Mainz nach. Der Molekularbiologe Niels Lemmermann antwortete uns, dass die von der WHO empfohlenen sogenannten Primer (die bei einem PCR-Test genutzt werden, um SARS-CoV-2 nachzuweisen) spezifisch an das Genom dieses Virus binden. Bei einzelnen nah verwandten Fledermausviren könne es tatsächlich Kreuzreaktionen geben, da diese sich genetisch nur zu wenigen Prozent unterscheiden würden. „Dies ist aber anders bei den bekannten pathogenen tierischen Coronaviren und den entsprechenden Impfviren von Kuh, Schwein Katze, Hund und Geflügel. Diese haben deutlich größere Unterschiede in den Nukleotidsequenzen [der genauen Abfolge der Bestandteile des Virus-Erbguts, Anm. d. Red.], so dass die WHO Primer/Sonden nicht an diese binden und daher die entsprechenden Viren auch nicht nachweisen können.“

Darüber hinaus wäre es für einen positiven Nachweis von tierischen Coronaviren beim Menschen nötig, dass sie damit im Nasen- oder Rachenraum infiziert sind, erklärt Lemmermann weiter. Das sei sehr unwahrscheinlich, da diese Viren keine passenden Rezeptoren für Menschen hätten. Geimpfte Tiere seien zudem nicht infektiös – und kranke Tiere wären in der Regel nicht auf Schlachthöfen anzutreffen, da sie nicht transportfähig seien. Auch ein Nachweis von Viren aus Impfstoffen durch den PCR-Test sei nicht möglich, da die Impfungen abgeschwächte Viren oder Proteine beinhalten. In ersterem Fall sei das Genom der Viren schon wenige Tage nach der Impfung nicht mehr im Tier nachweisbar. Und Proteine könnten durch einen PCR-Test rein technisch nicht nachgewiesen werden.

Zitat von Christian Drosten falsch interpretiert
Youtuber Samuel Eckert behauptet in seinem Video (ab Minute 3:50), Christian Drosten, der Leiter des Instituts für Virologie der Berliner Charité habe „zugegeben“, dass der PCR-Test Kreuzreaktionen zeige. Er spielt dazu ein Zitat vor, in dem Drosten sagt: „Und rein theoretisch würde dieser Test auch gegen eine ganze Reihe von Fledermaus-Coronaviren reagieren, aber die gibt es auch nicht beim Menschen. […] Es gibt zum Beispiel ein Coronavirus beim Menschen, ein Erkältungs-Coronavirus, da würde der Test auf jeden Fall auch kreuzreagieren, gegen ein Coronavirus des Rindes, das beim Rind Durchfall macht, diese Viren sind sehr ähnlich. Und noch ein anderes, das würde kreuzreagieren gegen ein Coronavirus des Kamels. […]“

Dieses Zitat ist jedoch kein Beleg für die These, denn Drosten spricht in Bezug auf das Rinder-Coronavirus eindeutig von einem anderen Test für ein anderes Erkältungs-Coronavirus beim Menschen (NDR-Podcast Folge 16, Transkript Seite 3). Es ist also nicht der PCR-Test auf SARS-CoV-2 gemeint.

Eckert lässt zudem Drostens vorherige Erklärungen weg, in denen der Virologe betonte: „Dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen.“ Nur auf das alte SARS-Coronavirus und Fledermaus-Coronaviren würde der Test theoretisch reagieren, doch diese kämen nicht oder nicht mehr beim Menschen vor.

Familie der Coronaviren hat verschiedene Gruppen
Der Test kann nur auf Viren kreuzreagieren, die sehr nah mit SARS-CoV-2 verwandt sind. Elke Reinking vom Friedrich-Löffler-Institut erklärt, die Coronavirus-Familie werde aufgrund ihrer genetischen Eigenschaften in Gruppen von Alpha bis Delta eingeteilt. SARS-CoV-2 gehöre zur Betagruppe, das bei Schweinen vorkommende PEDV (Epidemische Virusdiarrhoe der Schweine) zur Alphagruppe, und Coronaviren bei Vögeln seien der Gamma- und Deltagruppe zuzuordnen.

Insgesamt gibt es sieben bekannte Coronaviren, mit denen sich Menschen infizieren können, darunter das erste SARS-Virus (SARS-CoV oder SARS1), das MERS-Virus und das aktuelle SARS-CoV-2. Sie sind alle Beta-Coronaviren. Bei SARS wird vermutet, dass die Viren sich von Fledermäusen auf Menschen übertragen haben. Die vier anderen Erkältungs-Coronaviren beim Menschen (229E, NL63, OC43 und HKU1) gehören entweder zur Alpha- oder Beta-Gruppe.

Eine genetische Einordnung von SARS-CoV-2 in die Familie der Coronaviren auf der Seite Ecohealth Alliancevon Januar 2020 zeigt, dass das neue Coronavirus sich nah bei den Fledermaus-Coronaviren befindet, und sehr nah an dem ersten SARS-Virus. Bovine Coronaviren von Rindern dagegen befinden sich in einem ganz anderen Cluster.

Laut der Cluster-Analyse sind Rinder-Coronaviren recht eng verwandt mit einem der anderen Erkältungs-Coronavirus, das Menschen infiziert: HCoV-OC43 (ebenfalls ein Beta-Coronavirus). Einem Artikel im Journal Virus Taxonomy von 2012 zufolge wird vermutet, dass dieses Virus erstmals von Rindern auf Menschen übertragen wurde. Es ist also wahrscheinlich, dass Christian Drosten im Podcast dieses Erkältungs-Virus OC43 meinte, als er von einer Kreuzreaktion mit einem Rinder-Coronavirus sprach.

Auch von den anderen menschlichen Erkältungs-Coronaviren kann der PCR-Test SARS-CoV-2 übrigens sehr zuverlässig unterscheiden. Das zeigt zum Beispiel ein Ringversuch der Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien (Instand) und eine Studie im Journal of Clinical Virology von Juli 2020

Weitere irreführende Aussage im Video zu Rechtsmediziner Klaus Püschel
Um seine Argumentation, die Ausbrüche von SARS-CoV-2 in Schlachthöfen seien kein Grund, sich Sorgen zu machen, insgesamt zu stützen, zitiert Youtuber Samuel Eckert auch noch den Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel: Dieser habe gesagt, dass von den Patienten, die er obduziert habe, „noch keiner an Corona gestorben“ sei.

Das hat Püschel so allerdings nicht gesagt, und die Aussage selbst ist auch falsch. Klaus Püschel ist Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf und sagte vor Wochen gegenüber Medien, dass die Patienten aus Hamburg, die er obduziert habe, alle schwere Vorerkrankungen gehabt hätten. Auf der Webseite der Stadt ist aktuell nachzulesen, dass bei 231 Todesfällen Covid-19 „als todesursächlich festgestellt“ worden sei (Stand 30. Juni. Das RKI meldet im Lagebericht für den 30. Juni für Hamburg 259 Todesfälle, somit war die Infektion mit dem Coronavirus bei rund 89 Prozent bisher nachweislich die Todesursache.

Fazit
Die Spekulationen von Samuel Eckert in seinem Youtube-Video führen also in die Irre, ebenso wie die von Wolfgang Wodarg. Kreuzreaktionen der PCR-Tests mit anderen tierischen Coronaviren sind laut Experten ausgeschlossen. Oder, anders gesagt: Es ist nicht „wahrscheinlicher, dass die Tests fälschlicherweise auf die Rindercoronaviren reagieren, als dass es weltweit Hotspots in Schlachthöfen gibt“, wie es in dem Facebook-Beitrag behauptet wird. Der PCR-Test kann das Virus SARS-CoV-2 von anderen Coronaviren unterscheiden.

COVID-19: Immunität häufiger als vermutet

(pte) – Neue Untersuchungen des Karolinska-Institut http://ki.se in Kooperation mit dem Karolinska-Universitätskrankenhaus http://karolinska.se haben gezeigt, dass viele Menschen mit leichten oder ohne COVID-19-Symptome über eine T-Zell-vermittelte Immunität gegen das neue Coronavirus verfügen. Dies gilt auch für diejenigen, die nicht positiv auf Antikörper getestet worden sind. Aus diesen Ergebnissen schließen die Forscher, dass die allgemeine Immunität gegen COVID-19 womöglich höher ist, als es bisherige Antikörper-Tests vermuten lassen.

T-Zellen als Virenpolizei
„T-Zellen sind als eine Art von weißen Blutzellen darauf spezialisiert, viral infizierte Zellen zu erkennen und ein wesentlicher Bestandteil unseres Immunsystems“, erklärt Marcus Buggert, einer der Hauptautoren und Assistenz-Professor am Zentrum für Infektionsmedizin des Karolinska-Instituts. Ihm zufolge erlauben eingehende Analysen den Forschern, die T-Zell-Reaktion während und nach einer COVID-19-Infektion exakt abzubilden. „Unsere Resultate zeigen, dass etwa doppelt so viele Menschen eine T-Zell-Immunität entwickelt haben wie Personen, in denen wir Antikörper gefunden haben.“

T-Zell-Immunität auch in der Familie
Für die Studie führten die Forscher immunologische Analysen bei über 200 Probanden durch, von denen viele keine oder nur leichte COVID-19-Symptome aufwiesen. Eine weiterer spannender Befund: Es war nicht nur COVID-19-Infizierten eine T-Zell-Imnunität nachzuweisen, sondern auch vielen ihrer asymptomatischen Familienmitgliedern.

Der Artikel zur Untersuchung ist unter dem Titel „Robust T cell immunity in convalescent individuals with asymptomatic or mild COVID-19“ auf BioRxiv, einem Preprint-Server für die Biowissenschaften, verfügbar: https://biorxiv.org/content/10.1101/2020.06.29.174888v1

Den Corona-Leugnern ins Gästebuch: Die Verhältnisse in der Fleischindustrie bringen es an den Tag

(Morning Briefing) – Das Coronavirus hat medizinische, ökonomische und zunehmend auch politische Folgen. Denn US-Präsident Donald Trump und seine deutschen Anhänger versuchen, die Lockdown-Maßnahmen in Gänze als Fehler zu diskreditieren. Das neue Narrativ erzählt die Geschichte eines Irrtums.

Trump sagte in der Nacht zu Sonntag bei einer Kundgebung im US-Bundesstaat Oklahoma, der ersten Kundgebung dieser Art seit Ausbruch der Corona-Krise:

Wenn man in diesem Ausmaß testet, wird man mehr Menschen finden, man wird mehr Fälle finden, also habe ich meinen Leuten gesagt: ,Verlangsamt bitte die Tests.‘“

Doch die Volatilität des Infektionsgeschehens zeigt, dass die Pandemie keineswegs als beendet gelten darf. Nach dem Corona-Ausbruch beim ostwestfälischen Fleischverarbeiter Tönnies ist die Zahl der Infizierten auf 1331 gestiegen. In den vier Krankenhäusern im Landkreis Gütersloh werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden.

► Da auch an zwei anderen Hotspots verstärkt Neuinfektionen aufgetreten sind, schnellt der 4-Tage-R-Faktor nach oben und steht jetzt dem Robert-Koch-Institut zufolge bei 2,88. 100 Infizierte stecken damit 288 neue Personen an. Wie in einem Schneeballsystem steigen die Fallzahlen bei solch einem Exponentialwachstum rasant.

►Die Meldekette von den örtlichen Ärzten über die Gesundheitsämter bis zur schnellen Eingreiftruppe des Robert-Koch-Instituts hat im Fall Tönnies schon mal nicht funktioniert. Nahezu 14 Tage brauchten die Gesundheitsämter in NRW, um die Eingreiftruppe aus Berlin anzufordern, die deshalb erst am Wochenende eintraf.

► Bis heute ist unklar, ob die schlechten Arbeitsbedingungen oder die katastrophalen Wohnverhältnisse, womöglich aber auch die niedrigen Temperaturen in der Fleischverarbeitung für den schnellen Ausbruch verantwortlich sind. Auch die Frage, ob das Virus aus NRW stammt oder durch osteuropäische Gastarbeiter eingeschleppt wurde, ist bei der richtigen Strategie zur Gefahrenabwehr nicht uninteressant.

Da die Fallzahlen in Deutschland insgesamt auf niedrigem Niveau liegen, muss ein erhöhter R-Faktor noch kein Drama bedeuten. Aber er besitzt das Potenzial für eine spätere Dramatisierung.

Dass Deutschland eine zweite Welle bevorsteht, ist nicht ausgemacht. Aber eben auch nicht ausgeschlossen. Heute Vormittag wird Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit seinen Beratern, darunter der Präsident des Robert-Koch-Instituts, diskutieren, was zu tun ist.

Gabor Steingart

12.06.20 Wie gefährlich ist das Corona-Virus? Statistische Angaben oft irreführend – Mit einer Einführung von Jean Pütz

Professor Sigismund Kobe, einer der profiliertesten Wissenschaftler, was die Auswertung und Bewertung von Statistiken anbelangt, hat mir diesen Artikel zugesendet und ihn mir zur Veröffentlichung empfohlen. Für mich ist verwunderlich, dass dieser Wissenschaftler sehr selten in Pressemitteilungen erwähnt wird, obwohl er für mich die glaubwürdigsten Analysen erstellt hat. Der folgende Artikel von ihm wurde am Wochenende in der ‚Dresdner Neuesten Nachrichten‘ veröffentlich. Ich möchte ihn Ihnen nicht vorenthalten.
Ihr Jean Pütz

(Dresdner Neueste Nachrichten) – Vehement wird gerade überall darüber gestritten, ob Corona tatsächlich so gefährlichist wie dies überall dargestellt wird. Eigentlich möchte man doch ganz konkret wissen, wie hoch das Risiko einer Erkrankung an COVID-19 ist. Anders als in anderen Gegenden der Welt unterschieden sich Verlauf der Pandemie und auch die Anzahl der Toten in Deutschland bisher kaum von der Situation bei einer ganz
normalen Grippe, wie sie immer mal wieder vorkommt. War dies nun das Ergebnis einer klugen Strategie der Regierung und eines beispielhaften Verhaltens aller Menschen in unserem Landes in einer kritischen Situation oder wurden wir alle von eben dieser Regierung mit einem plumpen Trick hereingelegt? Stimmen werden laut und finden Gehör mit der Behauptung, eine harmlose Erkältungskrankheit werde dazu benutzt, um ein weltweit agierendes totalitäres Unterdrückungssystem zu installieren.

Zahlen und Grafiken werden ins Feld geführt, die die Richtigkeit des einen oder den anderen Standpunktes beweisen sollen. Prof. Wolfgang Schmid, Vorsitzender der Deutschen Statistischen Gesellschaft, warnt: „Die deutsche Öffentlichkeit tastet sich derzeit durch einen Nebel widersprüchlicher und zum Teil irreführender Daten hindurch“, und fordert mehr Transparenz bei der Veröffentlichung und Interpretation von Corona-Statistiken. Auch in den Thesen einer interdisziplinären Forschergruppe unter der Leitung des Medizin-Professors Matthias Schrappe, Universität Köln, wird kritisiert, dass z.B. die Zahl der „Genesenen“ nicht auf die Zahl der symptomatisch Erkrankten bezogen wird.

Irreführende statistischer Angaben stammen auch aus dem Robert-Koch-Institut (RKI) selbst. Da Zahlen aus den täglichen Lageberichten des RKI als seriös gelten, werden sie ungeprüft von den Medien übernommen. Auch in den offiziellen Webseiten der sächsischen Landesregierung findet man ohne weiteren Kommentar z.B.den folgenden Satz: „Der Anteil der Verstorbenen an der Gesamtzahl der laborbestätigten Infektionsfälle beträgt 3,8 %.“ Am 20. März war dieser Anteil nur 0,2 %, am 30. März schon 0,6 %, dann wurden am 10. April 1,7 % erreicht, nur 10 Tage darauf 2,6 %. Aber was sagt uns das? Ist das Virus von Tag zu Tag gefährlicher geworden? Tatsächlich sind diese Prozentangaben wertlos und sogar gefährlich, weil sie die tatsächliche Sterberate unterschätzen. Sie beruhen auf einer Fehlinterpretation von statistischen Erhebungen. Das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Gesellschaftlichen Zusammenhalt wurde wiederholt auf diesen Fehler hingewiesen. Ignoriert wurde die Empfehlung, entweder die betreffenden „Prozentzahlen“ des RKI wegzulassen oder einem international anerkannten Verfahren der statistischen Auswertung zu folgen: Die Statistik der abgeschlossenen Fälle muss streng getrennt werden von der Statistik der Fallzahlen des aktiven Geschehens. In Übereinstimmung mit aktuellen Ergebnissen der medizinischer
Forschung folgt aus einer solchen sorgfältig erarbeiteten Statistik die Aussage:

Die Sterberate, bezogen auf diejenigen COVID-19-Patienten, die Krankheitssymptome
zeigen und deshalb positiv auf das Corona-Virus getestet werden, beträgt etwa 5 Prozent (Quelle: https://www.worldometers.info/coronavirus/country/germany/). Nur wenn Fakten statt Mythen und Wissenschaft statt Glaubensbekenntnisse wieder Raum gewinnen, werden die schwierigen Aufgaben zu bewältigen sein, vor der unsere Gesellschaft jetzt steht.
(Prof. em. Sigismund Kobe, TU Dresden)

 

Ist die Blutgruppe ein Beweis für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung?

(UKSH) – Warum erkranken manche Menschen schwer an Covid-19, während andere kaum Symptome zeigen? Eine Antwort darauf könnte in ihren unterschiedlichen Blutgruppen liegen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) haben in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe aus Norwegen in der weltweit ersten großangelegten genomweiten Studie Genvarianten gefunden, die den Verlauf der Krankheit deutlich beeinflussen – eine davon betrifft das Gen für die Blutgruppeneigenschaft. Federführend bei dem aufsehenerregenden Projekt sind Prof. Dr. Andre Franke, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie (IKMB) und Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ sowie die Erstautoren Prof. Dr. David Ellinghaus und Frauke Degenhardt, die beide ebenfalls im IKMB tätig sind. Die Studie wird in Kürze in der Online-Ausgabe des hochrangigen „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht werden.

Bereits am 2. Juni ist die Publikation in einem sogenannten Online-Preprint-Archiv zugänglich gemacht worden, noch bevor sie den üblichen Begutachtungsprozess der Fachzeitschriften durchlaufen hat. Seither ist weltweit darüber berichtet worden. Die Untersuchung hatte gezeigt, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um etwa 50 Prozent höheres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 tragen als Menschen mit anderen Blutgruppen. Menschen mit Typ-0-Blutgruppe hingegen waren um knapp 50 Prozent besser vor einer ernsten Covid-19-Erkrankung geschützt. Die Untersuchung bestätigte damit – erstmals durch eine umfassende genomweite Analyse – zwei frühere Studien internationaler Forscherinnen und Forscher, die anhand des Blutserums von Covid-19-Patienten bereits einen möglichen Zusammenhang zwischen der Blutgruppeneigenschaft und der Erkrankung beschrieben hatten. Eine Analyse der amerikanischen Firma 23andMe validierte die Ergebnisse der Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer unabhängigen Patientenkohorte.

Für die Studiengruppe um den Molekularbiologen Prof. Franke und den norwegischen Internisten Prof. Dr. Tom Karlsen haben Ärztinnen und Ärzte mehrerer Krankenhäuser der Corona-Epizentren in Norditalien und Spanien Blutproben ihrer Covid-19-Patienten nach Kiel gesandt – insgesamt Proben von 1.980 Intensivpatientinnen und -patienten, die mit Sauerstoff behandelt oder an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden mussten. Für die Kontrollgruppe wurden aus der Bevölkerung dieser Länder 2.205 zufällig ausgewählte Frauen und Männer gewonnen. Innerhalb von nur drei Wochen wurde im Institut für Klinische Molekularbiologie in Kiel die DNA aus den Blutproben isoliert und aus jeder Einzelnen 8,5 Millionen Positionen des Erbguts mit sogenannten Biochips (SNP-Arrays) vermessen. „Mithilfe dieser großen Datenmenge haben wir wirklich interessante Regionen im Genom identifiziert, die das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 erhöhen beziehungsweise verringern“, sagt Prof. Ellinghaus, der die bioinformatischen und statistischen Analysen durchführte. „Wir konnten, vereinfacht gesprochen, auf einer sehr großen Landkarte zeigen, wo die Musik spielt.“ Insgesamt dauerte die Studie weniger als zwei Monate. „Dieses Tempo war nur möglich, weil alle im Kieler Team an jedem Tag der Woche hart an dem Projekt gearbeitet haben – wir wollten etwas zurückgeben für das Vertrauen, das uns die klinischen Partner und Patienten in Spanien und Italien entgegengebracht haben“, sagt die Biostatistikerin Frauke Degenhardt.

Neben der signifikanten Auffälligkeit im AB0-Blutgruppen-Lokus, dem Genort, durch den die individuelle Blutgruppe bestimmt wird, fanden die Forscherinnen und Forscher eine noch höhere Effektstärke für eine genetische Variante auf dem Chromosom 3. Welches der mehreren Kandidatengene, die dort lokalisiert sind, dafür verantwortlich ist, ist derzeit nicht genau zu ermitteln, allerdings konnte die Analyse nachweisen, dass Anlageträger einem zweifach erhöhtem Risiko ausgesetzt sind, schwer an Covid-19 zu erkranken, als Menschen, die diese Variante nicht tragen. Unter den italienischen und spanischen Patientinnen und Patienten, die so krank waren, dass sie nicht nur mit Sauerstoff versorgt, sondern an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden mussten, trug eine besonders hohe Zahl diese genetische Anlage. Ein Resultat, das sich ebenso für die Verteilung der Blutgruppen zeigte: Unter den besonders schwer Erkrankten fanden sich auch besonders viele Menschen mit Blutgruppe A.

„Die Ergebnisse waren für uns sehr spannend und überraschend“, sagt Prof. Franke. Gerade die Region auf Chromosom 3 war zuvor noch nicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit Covid-19 in Zusammenhang gebracht worden. In anderen Regionen im Genom, für die ein Effekt auf die Erkrankung vermutet worden war, zeigten sich hingegen keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den gesunden Probanden und den Patienten; so weder in jenem Chromosomenabschnitt 6p21, der mit dem Immunsystem und vielen Infektionserkrankungen assoziiert ist, noch in dem Gen IFITM3, das mit der Influenza in Zusammenhang gebracht wird.

„Mit dem Chromosom 3 und dem AB0-Blutgruppen-Lokus beschreiben wir echte Ursachen für einen schweren Verlauf von Covid-19“, sagt Prof. Franke. „Unsere Ergebnisse schaffen daher eine hervorragende Grundlage für die Entwicklung von Wirkstoffen, die an den gefundenen Kandidatengenen ansetzen können. Eine klinische Studie, in der etwa ein Medikament getestet wird, hat erwiesenermaßen doppelt so häufig Erfolg, wenn eine genetische Evidenz für das Target bereits vorliegt.“ Auch könnten die Resultate zu einer verbesserten Risikoabschätzung für einen schweren Verlauf von Covid-19 bei Patienten beitragen.

Eine Arche Noah für Mikroben?

(UNI Kiel) – Von der CAU unterstütztes ‚Microbiota Vault‘-Projekt zur Sicherung der weltweiten mikrobiellen Vielfalt zur Umsetzung empfohlen

Eine Gruppe internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter Beteiligung des Forschungsschwerpunkts Kiel Life Science (KLS) an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bereitet eine globale Initiative zur Bewahrung von Mikroorganismen vor, die für die menschliche Gesundheit langfristig von entscheidender Bedeutung sind: Im sogenannten ‚Microbiota Vault‘-Projekt (Deutsch: Mikroorganismen-Speicher) soll künftig die Identifizierung, Sammlung und dauerhafte Konservierung einer möglichst großen Bandbreite von gesundheitsfördernden Mikroorganismen möglich werden, bevor diese unter dem zunehmenden Einfluss zivilisatorischer Faktoren wie der Antibiotika-Übernutzung oder ungesunder Ernährung für immer verloren gehen.

Nun hat ein Gremium aus anerkannten Expertinnen und Experten das Projekt in einer umfangreichen Machbarkeitsstudie begutachtet und zur Umsetzung empfohlen. Darin kommen die Autorinnen und Autoren zu dem Schluss, dass die Projektziele stichhaltig und die Initiative insgesamt von großer gesellschaftlicher Bedeutung seien und im Rahmen internationaler Kooperation zum Nutzen des Gemeinwohls umgesetzt werden solle.

Verarmung des Mikrobioms führte zum vermehrten Auftreten von Krankheiten
„Der Mikroorganismen-Speicher wird dazu dienen, für die Gesundheit essenzielle Bestandteile des Mikrobioms von bestimmten, bislang nicht von der industriellen Lebensweise beeinflussten Menschengruppen zu gewinnen“, erklärt Professor Thomas Bosch, der als KLS-Sprecher den Kieler Projektbeitrag verantwortet. „Diese indigene Bevölkerung, zum Beispiel in entlegenen Regionen des Amazonasgebiets, beherbergt eine mikrobielle Besiedlung, die nicht von Antibiotika, verarbeiteten Lebensmitteln oder anderen Faktoren des westlichen Lebensstils beeinflusst ist“, so Bosch weiter. Diese schädlichen Einflüsse sind in Summe dafür verantwortlich, dass es zu einer massiven Abnahme der Vielfalt innerhalb des menschlichen Mikrobioms gekommen ist. Dieser Rückgang hat in den vergangenen Jahrzehnten zu einem dramatischen Anstieg sogenannter Umwelterkrankungen geführt: Übergewicht, Asthma oder Allergien haben beispielsweise in gleichem Maße zugenommen, wie umfangreiche Bestandteile des menschlichen Mikrobioms verloren gingen.

Menschen in städtischen Räumen weisen im Vergleich eine deutlich artenärmere Mikroben-Besiedlung auf. Das Darmmikrobiom nordamerikanischer Städterinnen und Städtern umfasst im Vergleich zu den Jäger- und Sammler-Gesellschaften der Amazonasregionen zum Beispiel nur etwa die Hälfte der Mikrobenarten. Die dort gesammelten Mikroben sollen zur Charakterisierung im Mikroorganismen-Speicher untersucht werden. Anschließend sollen die Erkenntnisse für die weltweite Wissenschaftsgemeinschaft nach dem Open Access-Prinzip zugänglich gemacht werden.

Bewahrung der verlorengegangenen Mikroben
Den Anstoß zu dieser anspruchsvollen Initiative gaben Professorin Maria Gloria Dominguez-Bello und Professor Martin Blaser, beide von der Rutgers University im US-amerikanischen New Jersey, die in den vergangenen Jahrzehnten wichtige Pionierarbeit zur Bedeutung der verlorengegangenen Mikroben leisteten. „Diese fehlenden Mikroben könnten den Schlüssel liefern, um zivilisatorisch bedingte Krankheiten wie Diabetes, Morbus Crohn oder chronische Entzündungskrankheiten künftig behandeln und heilen zu können“, erklärt Bosch. In Kiel arbeitet der CAU-Sonderforschungsbereich (SFB) 1182 „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“ daran, die Konsequenzen des Zusammenspiels von Mikroorganismen und den Funktionen ihres Wirtslebewesens zu erforschen. Je mehr die Forschenden über diese funktionellen Interaktionen, die daran beteiligten Mikroben und deren Rolle für die menschliche Gesundheit verstehen, desto deutlicher wird die Dringlichkeit der schnellen Sicherung der mikrobiellen Diversität. „Unser Ziel ist es, dieses Rennen gegen die Zeit zu gewinnen, die Artenvielfalt der Mikroben möglichst umfangreich zu sichern und damit wie in der sprichwörtlichen Arche Noah vor dem Aussterben zu bewahren. Dazu wollen wir an der CAU im Rahmen des Forschungsschwerpunkts und Sonderforschungsbereichs 1182 aktiv beitragen“, betont Bosch.

Erprobung in bevorstehender Pilotphase
Die Machbarkeitsstudie empfiehlt als konkreten nächsten Schritt die Umsetzung einer Pilotphase, in der unter anderem die technischen Infrastrukturen zur dauerhaften Konservierung der Mikroben erprobt werden sollen. Zudem soll ein geeigneter sicherer Ort zur Errichtung des Speichers gefunden werden, möglichst an einem geografisch geeigneten und politisch stabilen Ort zum Beispiel in Norwegen oder der Schweiz. Weiterhin ist eine Partnerschaft mit einer Region oder einem Land vorgesehen, die dank geeigneter indigener Bevölkerungsgruppen als Quelle für die Mikroben-Sammlung infrage kommen.

„Die ‚Microbiota Vault‘-Initiative wird uns dabei helfen, mit den Menschen, deren Mikrobiom noch intakt ist, vor Ort zu arbeiten. So wollen wir die entscheidenden Mikroben finden, um sie anschließend zu speichern, zu vervielfältigen und so zum Wohle der menschlichen Gesundheit in Zukunft nutzen zu können“, betont Blaser. Der Mikrobiologe und Arzt erhielt in Würdigung seiner Lebensleistung im vergangenen Jahr das Karl August Möbius-Fellowship des Kieler SFB 1182.

„Wir blicken dem Pilotprojekt voller Zuversicht entgegen und wollen darin möglichst bald die rechtlichen und logistischen Rahmenbedingungen erproben. Dazu streben wir Entwicklungspartnerschaften mit Universitäten in den Ursprungsländern wie beispielsweise Peru an“, sagt Projektleiterin Dominguez-Bello aus New Jersey. „Die Bewahrung der mikrobiellen Diversität wird künftig dabei helfen, weltumspannenden Gesundheitskrisen begegnen zu können“, so Dominguez-Bello weiter.

Die Forschenden betonen, dass es eines Tages möglich sein könnte, Umwelterkrankungen zu vermeiden, indem die Vielfalt des Mikrobioms präventiv wiederhergestellt werde. Voraussetzung dafür sei es, zunächst die nicht durch die Zivilisation veränderten Mikroorganismen menschlicher Gesellschaften zum Beispiel in Südamerika zu sammeln. Diese besäßen die größte mikrobielle Vielfalt, die es zu sichern gelte, bevor auch sie mit den Effekten der Verstädterung in Kontakt kämen.

Bevor die Umsetzung des Pilotprojekts und damit auch perspektivisch die dauerhafte Speicherung der Mikroorganismen in internationaler Kooperation beginnen kann, muss eine solide Finanzierung sichergestellt sein. Ausgehend von der vielversprechenden Machbarkeitsstudie bemühen sich die beteiligten Institutionen nun um eine möglichst umfangreiche Projektförderung.

Über die Studie:
Die Machbarkeitsstudie wurde von zwei unabhängigen Schweizer Firmen erstellt, die von der Seerave Foundation, der Gebert Rüf Foundation, der Rutgers University, der Calouste Gulbenkian Foundation, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), der UC San Diego School of Medicine, dem Canadian Institute for Advanced Research (CIFAR) und der Bengt E. Gustafsson Symposium Foundation, die dem Karolinska Institutet angegliedert ist, beauftragt wurden. Die Studie ergab, dass die Microbiota Vault-Initiative eine große Bedeutung und ein großes Potenzial hat und dass ihre Leiter ein Pilotprojekt einführen sollten, das die Installation einer Infrastruktur zur Lagerung von Mikroben an einem Ort wie Norwegen oder der Schweiz sowie die Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern bei der Probennahme umfasst. Wenn das Microbiota Vault voll funktionsfähig ist, würde es ein globales Backup-Lager für alle mikrobiellen Proben sein, deren Originale in lokalen Sammlungen in den Herkunftsländern verbleiben würden.

Datenschutzfreundliche Corona-Tracing-App

(KIT) – Das Ermitteln von Kontaktpersonen ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Tracing-Apps sollen dabei helfen: Mit ihr können diejenigen benachrichtigt werden, die sich in einem definierten Zeitraum in der Nähe der infizierten Person aufgehalten haben. Doch die technische Umsetzung birgt Missbrauchsgefahr und die bisherigen Ansätze schützen nicht in vollem Umfang die Privatsphäre. Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und des FZI Forschungszentrums Informatik, eines Innovationspartners des KIT, haben jetzt einen Vorschlag für eine App gemacht, welche die Vorteile von zentralem und dezentralem Ansatz kombiniert und so höheren Datenschutz bietet. Die Ergebnisse haben sie in einem Technical Report veröffentlicht.

In den vergangenen Wochen ist eine intensive Diskussion um mögliche zentrale oder dezentrale Lösungen für Tracing-Apps und ihre Datensicherheit entbrannt. Dabei geht es vor allem auch um die Frage, ob diese Ansätze die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer ausreichend schützen. Einen dualen Ansatz, der einen stärkeren Datenschutz auch gegenüber aktiven Angreifern garantiert, haben deshalb jetzt Wissenschaftler des Kompetenzzentrums KASTEL am KIT und des Kompetenzzentrums IT-Sicherheit am FZI erarbeitet.

Kombination von zentraler und dezentraler Lösung
„Um die Risiken für die Privatsphäre am Coronavirus erkrankter Personen möglichst auszuschließen, sollte es zum einen kein zentrales Register von allen Infizierten geben, zum anderen sollten Nutzerinnen und Nutzer des Systems bei einer Warnung keine Rückschlüsse darauf ziehen können, wer tatsächlich krank ist“, sagt Professor Thorsten Strufe, Leiter der Forschungsgruppe „Praktische IT-Sicherheit“ am KIT. „Dies erreichen wir, indem wir die Tracking-Informationen aufteilen: zum einen in die, die für die Warnung der Nutzerinnen und Nutzer verwendet werden, zum anderen in die, die für das Tracking selbst benötigt werden.“ Außerdem sollten die Daten auf mehrere unabhängige Server verteilt werden, die jeweils nur eine geringe Menge an sensiblen Informationen erhielten.

Die Wissenschaftler wollen die Daten, wie bei den bisherigen dezentralen Ansätzen, lokal auf den Mobiltelefonen speichern und sie dann nur im Fall der positiven Diagnose auf zentrale Server laden. „Auf den Servern findet dann auch der Abgleich der Kontaktpersonen statt. So können wir verschleiern, wer infiziert ist. Dies ist bei einem rein dezentralen Konzept nicht möglich“, so Jörn Müller-Quade, Professor für Kryptographie und Sicherheit am KIT und Direktor am FZI. „Gleichzeitig haben wir den Server aufgeteilt, sodass keine einzelne Partei allein irgendwelche sensitiven Informationen abgreifen kann. Dabei könnte beispielsweise ein Server vom Robert Koch-Institut und andere von großen Firmen betrieben werden.“ Selbst wenn alle diese Server kompromittiert seien, erreiche das Verfahren immer noch die gleichen Sicherheitseigenschaften wie die bisherigen Ansätze – solange sie nicht böswillig miteinander kooperieren.

Schutz gegen unnötige und gefälschte Warnmeldungen
Der Vorschlag der Wissenschaftler beinhaltet außerdem, dass der Anwender beispielsweise gegenüber medizinischen Fachleuten sicher beweisen kann, dass er Kontakt mit einer erkrankten Person hatte, um sich auf COVID-19 testen zu lassen. Ohne diese Funktion könnte jeder einen Test fordern, indem er einen Screenshot einer Warnung von einem fremden Smartphone zeigt. Um unnötige und potenziell panikauslösende Warnungen vor Kontakten zu vermeiden, wird die Information über ein Infektionsrisiko erst nach einem bestimmten Zeitraum ausgegeben. So wollen die Wissenschaftler verhindern, dass jemand gewarnt wird, wenn er beispielsweise an einem Auto vorbeigegangen ist, in dem eine infizierte Person saß.

„Unser Ansatz ist praktikabel, skaliert und bietet zusätzliche Sicherheitseigenschaften, die in keinem bisherigen Verfahren realisiert werden konnten“, sagt Müller-Quade. „Einen optimalen Kompromiss zwischen Nutzen, Privatsphäre, Robustheit und Leistung für Anwendungen zu finden, ist allerdings eine heikle Angelegenheit, die weitere Arbeiten zum Datenschutz und zur Sicherheitstechnik sowie eine sorgfältige Prüfung nicht nur durch Wissenschaftler, sondern auch durch die Gesellschaft als Ganzes erfordert.“

Das FZI Forschungszentrum Informatik mit Hauptsitz in Karls-ruhe und Außenstelle in Berlin ist eine gemeinnützige Einrichtung für Informatik-Anwendungsforschung und Technologietransfer. Es bringt die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der Informationstechnologie in Unternehmen und öffentliche Einrichtungen und qualifiziert junge Menschen für eine akademische und wirtschaftliche Karriere oder den Sprung in die Selbstständigkeit. Das FZI ist Innovationspartner des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

Stellungnahme der Fachgesellschaften zu Corona

(DVG) – I. Mathematik und Naturwissenschaften leisten essenzielle Beiträge zur Überwindung der aktuellen Krise Die aktuelle Corona Pandemie zeigt in eindrucksvoller Weise, wie wichtig die Naturwissenschaften in ihrer ganzen Breite für die Bewältigung von Krisen sind. Ob es um technische Infrastrukturen wie Intensivbetten oder Beatmungsgeräte geht, um die Voraussage künftiger bzw. die Visualisierung aktueller Fallzahlen, die Entwicklung neuer Nachweissysteme auf Sars 2 bzw. von Antikörpern gegen das Virus, oder um dieHerstellung der benötigten Schutz und Desinfektionsmittel in allen Fällen ist naturwissenschaftlicher Sachverstand gefragt. Die mathematisch naturwissenschaftlichen Fachgesellschaften betonen daher die Dringlichkeit, das vorhandene und stetig wachsende Wissen der Naturwissenschaften und der Medizin zur sachlichen Vorbereitung von politischen Entscheidungen intensiv zu nutzen.
Mathematiker und Naturwissenschaftler sind sich bewusst, dass ihre Erkenntnisse nie
endgültig sein können. Wichtige Entscheidungen müssen aber häufig trotz bleibender
Unsicherheiten getroffen werden. Die Fachgesellschaften sehen es als ihre Aufgabe an,
sowohl Entscheidungsträger als auch die Öffentlichkeit bestmöglich über die Hintergründe und Konsequenzen ihrer Empfehlungen aufzuklä ren, die darüber hinaus mit ethischen und sozialen Kriterien abgewogen werden müssen.
II. Mathematisch naturwissenschaftliches Basiswissen ist wichtiger denn je
Gerade in der Berichterstattung zur aktuellen COVID Pandemie zeigt sich, dass ein
gesellschaftlich breites Verständnis mathematischer und naturwissenschaftlicher
Zusammenhänge wichtig ist, um komplexe Informationen über Fallzahlen und deren
Entwicklung oder die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen zu verstehen und nicht auf
Panikmache oder „Fake News“ hereinzufallen. Generische Fähigkeiten wie das Denken in
Systemen, der Umgang mit Daten und Wahrscheinlichkeiten, die Fähigkeit, Probleme
analytisch zu lösen, aber auch das Wissen um die Vorläufigkeit wissenschaftlicher
Erkenntnisse und Evidenzen oder der Einbezug ethischer Bewertungen zeichnen die
Naturwissenschaften aus. Die Fachgesellschaften leisten ihren Beitrag zu einer seriösen
Vermittlung von Erkenntnissen aus ihren jeweiligen Fachgebieten.
Maßnahmen zur Eindämmung der COVID Pandemie erfordern ein möglichst umfassendes Verständnis des Erregers und seiner krankmachenden Wirkungen. Das derzeitige Wissen über Coronaviren, Diagnosemöglichkeiten und Therapieansätze wäre ohne moderne molekularbiologische Methoden einerseits und eine langfristig ausgerichtete,
erkenntnisgeleitete Grundlagenforschung andererseits nicht denkbar. Mit Hilfe mathematischer Simulationen werden mögliche künftige Szenarien und ihre Wahrscheinlichkeit errechnet. Außerdem hilft Mathematik dabei, Reproduktionszahlen zu berechnen sowie aktuelle Entwicklungen grafisch übersichtlich und verständlich darzustellen. Die Entwicklung und Untersuchung von Wirkstoffen für neue Medikamente oder Impfstoffe ebenso wie die Entwicklung von Testsystemen auf bestimmte Viren oder Bakterien sind Aufgaben, in denen Expertinnen und Experten aus Chemie, Biologie, Pharmazie, Medizin und Informatik fachübergreifend kooperieren. Die Modellierung möglicher Wirkstoffe am Computer bringt die Suche nach passfähigen Medikamenten gegen dieses Coronavirus entscheidend voran. Mittels hochmoderner Methoden können viele Tausend Substanzen in kurzer Zeit identifiziert und auf ihre mögliche Eignung als Medikament untersucht werden
III. Grundlagen für mathematisch naturwissenschaftliches Verständnis werden in der
Schule gelegt Grundlage für ein starkes Wissenschaftssystem mit gut ausgebildeten Medizinern, Ingenieuren, Mathematikern und Naturwissenschaftlern ist der mathematisch naturwissenschaftliche Schulunterricht. Neben der reinen Wissensvermittlung fördert er das logische Denken, den Umgang mit Daten und das Verständnis für komplexe Zusammenhänge. Eine gute mathematisch naturwissenschaftliche Schulbildung ist die unabdingbare Basis dafür, dass Deutschland auch in Zukunft über hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Medizin, Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften verfügt, um die großen Herausforderungen im Gesundheitswesen, in der Medizintechnik, der sicheren Versorgung mit Ressourcen und erneuerbarer Energie, dem Klimawandel, der Ernährung oder der Landwirtschaft zu meistern. Auf die aktuelle Situation bezogen, bildet Fachwissen die Grundlage, die für das Verständnis der COVID 19 Pandemie und damit auch für die nachhaltige Akzeptanz von Hygiene und Schutzmaßnahmen wesentlich
ist Die Fachgesellschaften plädieren daher dafür, die Naturwissenschaften als Kernfächer durchgängig zu unterrichten. Bei der Weiterentwicklung der Lehrpläne muss der grundlegenden Bedeutung des mathematisch naturwissenschaftlichen Unterrichtes zukünftig verstärkt Rechnung getragen werden. Die Vernetzung der mathematisch naturwissenschaftlichen Fächer untereinander und die Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse in Bezug auf die Vorläufigkeit und Evidenz sollte ebenfalls Beachtung finden
IV. Fundierte Wissenschaftskommunikation ist die Basis für ein breites öffentliches Verständnis wissenschaftlicher Zusammenhänge
Die COVID 19 Pandemie hat auch deutlich gemacht, dass Wissenschaftskommunikation
essenziell ist, um die Bevölkerung allgemeinverständlich über die Fakten und deren
Bedeutung zu informieren. Dazu gehört auch, Laien ein besseres Verständnis der
komplexen Zusammenhänge zu vermitteln: von medizinischen und biochemischen
Grundlagen über die Interpretation grafischer Darstellungen bis hin zu Informationen
darüber, was z.B. eine Studie aussagt und was nicht. Das kürzlich veröffentlichte
„Wissenschaftsbarometer Corona Spezial“, herausgegeben von Wissenschaft im Dialog,
zeigt, dass die Mehrheit der Befragten diese Informationen zu schätzen weiß. Die
mathematisch naturwissenschaftlichen Fachgesellschaften empfehlen in diesem
Zusammenhang, die Wissenschaftskommunikation zu stärken und ihre Rolle in der
Ausbildung und im Wissenschaftsbetrieb aufzuwerten. Diese Überlegungen sind vor kurzem auch von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der größten Förderin der Wissenschaften in Deutschland, positiv aufgenommen worden.
V. Die COVID 19 Pandemie wird langfristige Folgen haben
Die COVID 19 Pandemie hat tiefgreifende Konsequenzen für die Krankenversorgung, die
wirtschaftliche Entwicklung und das gesellschaftliche Miteinander, die sich zum
gegenwärtigen Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise einschätzen lassen. Schon jetzt zeichnetsich aber ab, dass die COVID 19 Pandemie auch die Arbeitsweise der Wissenschaften verändern wird.
• Hochschulausbildung
Das Studium der Naturwissenschaften ist stark experimentell ausgerichtet. Die gegenwärtigen Abstandsregelungen führen allerdings dazu, dass Laborpraktika nur
noch in reduzierter Form durchgeführt werden können. Dadurch wird die praktische Ausbildung vor allem in den Naturwissenschaften leiden. Die durch die Pandemie
bedingten Einschränkungen generieren besonders hier einen wesentlich höheren
(Organisations) Aufwand, setzen aber auch kreative Potenziale bei der Neugestaltung von Lehrveranstaltungen frei.
• Wissenschaftliche Tagungen
Offen ist, wie sich der Austausch der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
untereinander ändert, wenn Tagungen zunehmend, wenn auch nicht ausschließlich, virtuell durchgeführt werden.
• Wissenschaftliche Publikationen
Die Bedeutung digitaler Publikationen wird sich von einem bereits hohen Niveau
ausgehend nochmals erhöhen, zumal einige Publikationen, die bisher noch als
Printausgaben erschienen sind, derzeit nur noch online verfügbar sind. Auch
Preprintserver werden vermehrt genutzt werden, was den wissenschaftlichen
Austausch bei der Erforschung des COVID 19 Erregers bereits jetzt erheblich
beschleunigt hat. Freier und schneller Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen
für alle (Open Access) ist wichtiger denn je. Neue Mechanismen zur Qualitätskontrolle müssen auch hier hohe Standards gewährleisten.
• Internationale Zusammenarbeit
Die COVID 19 Pandemie hat gezeigt, dass internationale Wissenschaftskooperation in einer globalen, pluralen Welt essenziell ist. Darauf haben die mathematisch naturwissenschaftliche Fachgesellschaften im Rahmen ihrer Aktion „Wissenschaft verbindet“ bereits 2018 hingewiesen.

Endlich einmal konkrete, glaubhafte Daten zu Corona

(STATISTIK AUSTRIA) – Im Zeitraum von 21. bis 24. April 2020 waren maximal 0,15% oder bis zu10.823 Personen in Österreichs Privathaushalten mit dem Coronavirus infiziert. Das geht aus derlandesweiten COVID-19 Prävalenzstudie hervor, die Statistik Austria im Auftrag des Wissenschaftsministeriums (BMBWF) und in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Roten Kreuz (ÖRK) sowie der Medizinischen Universität Wien durchgeführt hat.

Bis zu 10.823 SARS-CoV-2-Infizierte

Bei einer Stichprobengröße von 2.800 in Privathaushalten wohnhaften Personen ab 16 Jahren konnten von 1.432 Personen verwertbare PCR-Proben mittels Mund-Nasen-Rachen-Abstrich genommen werden. Darunter wurde eine Person positiv auf das Coronavirus SARS-CoV-2 getestet. Dieses Resultat führt zwar zu einer großen Schwankungsbreite bei der Hochrechnung, lässt aber
Rückschlüsse auf eine Obergrenze der SARS-CoV-2-Infizierten zu: Im Zeitraum von 21. bis 24. April 2020 waren höchstens 0,15% der in Österreich wohnhaften Personen mit SARS-CoV-2 infiziert, das entspricht 10.823 Personen.

Höhere Prävalenz von 0,75% in Risikogebieten
In Gemeinden mit relativ vielen bekannten Coronavirus-Infizierten ist die Prävalenz mit 0,75% zwar deutlich höher als im Durchschnitt, in absoluten Zahlen aber immer noch gering. Das ergab eine experimentelle Studie zu SARS-CoV-2-Antikörpertests, die mit einer Stichprobengröße von 540 in Privathaushalten wohnhaften Personen ab 16 Jahren durchgeführt wurde. Insgesamt 269 Personen in sechs Bundesländern und neun Bezirken unterzogen sich dafür am 25. April 2020 einem mehrteiligen SARS-CoV-2-Test. Dieser bestand aus einem Abstrich der Atemwege, um mittels PCRAnalyse zu überprüfen, ob eine aktuelle Infektion besteht, einem Antikörper-Schnelltest sowie einer Blutentnahme zur Antikörpertestung im Labor.

Laut experimenteller Studie haben 4,71% der Personen in Risikogemeinden SARS-CoV-2-Antikörper
Zum Untersuchungsstichtag am 25. April 2020 besaßen in den 27 Gemeinden mit relativ vielen bekannten Coronavirus-Infizierten laut Hochrechnung 4,71% Personen SARS-CoV-2 Antikörper (Mittelwert des 95%-Konfidenzintervalls; siehe Informationen zur Methodik). Das heißt, dass durchschnittlich 1.884 Personen in diesen Gemeinden eine zurückliegende Infektion aufweisen. Ob dies zu einer anhaltenden Immunität gegen das Coronavirus führt, lässt sich beim derzeitigen Wissensstand nicht mit Sicherheit beantworten.

Finanzielle Probleme befürchtet; für Risikogruppe steht Angst vor einer Infektion im Vordergrund
Die Corona-Pandemie und ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen wirken sich auf die Ängste der österreichischen Wohnbevölkerung aus. So gaben 10% der in der COVID-19 Prävalenzstudie Befragten auf die Frage nach möglichen Folgen an, dass sie Angst vor finanziellen Problemen haben, gefolgt von der Befürchtung, sich selbst zu infizieren (7%) und jemanden in der Familie aufgrund einer COVID-19-Erkrankung zu verlieren (6%). Am vierthäufigsten wird befürchtet, dass es zu einem Anstieg von Konflikten in der Familie oder in der Beziehung kommt (5%).

Welche Folgen am häufigsten befürchtet werden, unterscheidet sich je nach derzeitiger Situation der Befragten: Betrachtet man Familien mit Kindern vor dem Schulalter (2015 oder später geboren), zeigt sich, dass am häufigsten finanzielle Probleme (19%) und am zweithäufigsten ein Anstieg an Konflikten (14%) befürchtet wird. Personen, die durch Vorerkrankungen zu einer Risikogruppe gehören, wiederum fürchten am häufigsten, selbst am Coronavirus schwer zu erkranken und einen dadurch bedingten Krankenhausaufenthalt (12%), was bei allen anderen Gruppen eher als eine wenig
wahrscheinliche Folge eingeschätzt wurde (2%).

Personen mit kritischen Vorerkrankungen fühlen sich psychisch wesentlich schlechter
Etwas weniger als zwei Drittel (64%) der gesamten österreichischen Bevölkerung ab 16 Jahren in Privathaushalten berichteten von einem eher guten psychischen Wohlbefinden, d. h., sie empfanden zumindest meistens gute Laune, Ruhe oder Entspannung. Betrachtet man nur Personen mit Kindern im Vorschulalter, gaben noch 58% ein gutes Wohlbefinden an. Unter den Personen mit kritischen Vorerkrankungen, die somit als Risikogruppe eingestuft werden, gab nur noch etwa ein Drittel (33%) an, ihr psychisches Wohlbefinden sei gut.

Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie großteils als angemessen eingeschätzt
Die überwiegende Mehrheit der Befragten erlebte die gesetzten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie als angemessen. 98% empfanden die Quarantäne in Krisengebieten als angemessen, und jeweils 97% beurteilten das Abstand halten, das Veranstaltungsverbot sowie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ebenso. Als unangemessen wurde von 44% der Befragten hingegen die Maßnahme beurteilt, sich nur in Ausnahmefällen draußen aufzuhalten – insbesondere von Personen mit Kindern vor dem Schulalter (56%).
Detaillierte Erläuterungen finden Sie im Handout zur Pressekonferenz vom 4. Mai 2020.
Informationen zum Ablauf der Erhebungen stehen auf den Webseiten zur COVID-19 Prävalenzstudie sowie zur experimentellen SARS-CoV-2-Antikörpertest-Studie zur Verfügung.

Information zur Methodik, Definitionen:
Bei der COVID-19 Prävalenzstudie wurden 1.432 in Privathaushalten wohnhafte Personen ab 16 Jahren getestet. Die Ergebnisse unterliegen einem 95%-Konfidenzintervall, d. h., zu 95% liegt der Wert der mit SARSCoV- 2-Infizierten maximal bei 10.823 Personen bzw. 0,15% der Gesamtbevölkerung ab 16 Jahren in Privathaushalten.
Bei der experimentellen Studie zu SARS-CoV-2-Antikörpertests wurden 269 in 27 Risikogemeinden in Privathaushalten wohnhafte Personen ab 16 Jahren getestet. Die Ergebnisse unterliegen ebenfalls einem 95%- Konfidenzintervall, d. h., zu 95% liegt der Wert der Personen mit SARS-CoV-2 Antikörpern minimal bei 543 Personen bzw. 1,36% und maximal bei 3.189 Personen bzw. 7,97% der Gesamtbevölkerung ab 16 Jahren in Privathaushalten.