Archiv der Kategorie: Erde, Klima, Umweltschutz

Energie von Flüssig-Erdgas effizienter nutzbar

(pte) – Forscher der Nanyang Technological University (NTU) und des staatlichen Beratungsunternehmens Surbana Jurong haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich der Energieinhalt von flüssigem Erdgas effizienter verwerten lässt, sodass weniger CO2-Emissionen anfallen.

Prinzip Wärmetauscher
Flüssiges Erdgas, das eine Temperatur von weniger als minus 160 Grad Celsius hat, lässt sich zum Heizen nutzen. Dazu muss es erwärmt werden, um sich in Gas zurückzuverwandeln. Sowohl für die Verflüssigung als auch für die Vergasung ist Energie nötig, die die Umwelt zusätzlich belastet. Die Forscher aus Singapur wollen das zumindest teilweise verhindern.

Die Wissenschaftler leiten das Erdgas zunächst in einen Wärmetauscher. Hier gewinnen sie die Kälteenergie zurück und speichern sie in einem sogenannten Kryotank. Das Volumen von Erdgas vergrößert sich beim Übergang von flüssig auf fest um das 600-Fache. Das lässt sich in einer Turbine nutzen, die Strom erzeugt.

Gekoppelt ist sie mit einer zweiten Turbine, in der das Gas verbrannt wird. Die dabei frei werdenden Kräfte werden zusätzlich zur Stromerzeugung genutzt. Die elektrische Energie wird direkt verbraucht oder in einer Batterie gespeichert. Wenn die Abgase die Turbine verlassen, sind sie noch so heiß, dass sie genutzt werden können, um Gebäude zu beheizen und warmes Wasser zu erzeugen. Bei Überschussproduktion soll Wärme in einem Speicher zwischengelagert werden.

Kälteenergie verwenden
Ein Teil der Kälteenergie soll genutzt werden, um CO2 aus dem Rauchgas zu entfernen. Da es bei einer Temperatur von minus 57 Grad flüssig wird, reicht die Kälte des flüssigen Erdgases aus, um CO2 einzufangen. Es kann als Rohstoff in der Chemie genutzt oder in tiefen geologischen Formationen eingelagert werden.

Die Kälteenergie aus dem Kryotank soll genutzt werden, um Kühlhäuser zu versorgen, sodass sie weniger Strom verbrauchen. Sie ist auch für die Klimatisierung von Bürogebäuden, Wohnhäusern und vor allem für Rechenzentren geeignet, die 37 Prozent des Stroms nutzen, um Kälteenergie herzustellen. Das System ist darauf ausgelegt, die CO2-Emissionen des Stadtstaates bis zum Jahr 2030 wie geplant um 36 Prozent zu reduzieren. Referenzjahr ist 2005. Derzeit werden in Singapur pro Jahr rund 55 Mio. Tonnen CO2 frei.

HyperHybrid-Auto in Funktion – Die Zukunft der Elektromobilität – Mit einer Stellungnahme von Jean Pütz

Antwort an Obrist, dem Produzenten der beiden Prototypen auf Basis von HyperHybrid, als ökologische Alternative zum reinen Elektroauto mit schwerlastigen und teuren Batterien:

Das Video habe ich mir angesehen. Als Redakteur und Filmemacher möchte ich Ihnen wirklich ein Kompliment machen. Leider fehlen ihm wesentliche Aussagen:

  • Zunächst einmal die Regeneration beim Bremsen, die die Reichweite auch wesentlich verlängert.
  • Der extrem geringe Verbrauch (2 Liter auf 100 Kilometer – und beim Zwischenladen auf längeren Strecken sogar noch weniger). Mit einer Tankfüllung von 30 Litern werden über 1000 Kilometer erreicht, ohne Zwischenstop
  • Die Möglichkeit z. B. mit regenerativem Methanol zu verwenden und dadurch wesentlich bessere Ökobilanz als jedes Elektroauto
  • Um den Innenraum zu heizen und zu kühlen, braucht man keinen kostbaren Batteriestrom
  • Der unschlagbare Preis – ein Kleinauto unter 15.000 € und ein Mittelklasseauto unter 25.000 €,

Für mich die wichtigste Eigenschaft:

  • Der deutschen Automobilindustrie werden Milliarden von Investitionen, die bei reiner Elektromobilität jeglichen Aufschwung nach Corona bremsen, Deutschland könnte seinen Vorsprung in der Motorentechnologie weltweit bewahren.

Das alles mit dem gleichen Komfort und Fahrgefühl wie beim reinen Elektroauto.

Meines Erachtens wurde auch der Unterschied zwischen einem üblichen Plug-in-Hybrid und dem HyperHybrid nicht so deutlich, wie es hätte sein können, herausgestellt. Frank Obrist wies zwar kurz darauf hin, aber leider war das nur so am Rande.

Hier geht’s zum Video

Kreislaufwirtschaft: Wieviel Wiederverwertung wollen wir? – Mit einem Vorwort von Jean Pütz

In dem Beitrag wird darüber berichtet, dass vor allen Dingen junge Leute – 29 und jünger – intensiv die Wiederverwertung von biologischem Abfall begrüßen und für die Endprodukte höhere Preise in Kauf nehmen würden. Aber ich denke, das geht nicht nur die jungen Menschen an, sondern auch die alten. Ich bin 83 Jahre alt und befürworte dies ganz intensiv und meine, dass auch Technologien entwickelt werden, die – wenn nicht schon vorhanden – eine ökonomische und ökologische Verwertung möglich machen. Vielleicht ist das noch viel zu wenig bekannt, dass es z. B. hervorragende Recyclinghöfe für biologischen Pflanzenabfällt gibt, im Internet unter dem Stichwort: Kompostierung und Recycling, ganz besonders die sogenannte Pflanzerde, bestehend aus Kompost, Sand und Muttererde. Das erspart auf jeden Fall teure Blumenerde aus den Garten-Centern, Super-  und Baumärkten. Für wenig Geld kann man dort seinen Garten auf Vordermann bringen. Natürlich lassen sich auch viele andere Abfälle zur Rohstoff-Gewinnung recyclen, insbesondere Energie.

Ihr Jean Pütz

(Wissenschaftsjahr) – 78,2 Prozent der deutschen Bevölkerung befürworten eine möglichst vollständige Wiederverwertung von Produkten, auch wenn diese dadurch teurer würden. Das ergab eine repräsentative Umfrage, die das Meinungsforschungsunternehmen Civey im Auftrag des Wissenschaftsjahres 2020/21 – Bioökonomie durchgeführt hat. Besonders hoch ist die Zustimmung in der Altersgruppe der unter 29-Jährigen (85,1 Prozent). Eine Hürde zeichnet sich allerdings bei der Nutzung biologischer Abfälle für die Produktion von Gütern ab. Deren Potential ist aus Sicht der Bioökonomie besonders vielversprechend. Gerade hier sind die Befragten aber deutlich zurückhaltender: Fast die Hälfte (43,1 Prozent) stehen der Verwertung biologischer Abfälle unentschieden (17,2 Prozent) oder negativ (25,9 Prozent) entgegen – ein Spannungsfeld?

„Die Bioökonomie ist ein wichtiger Treiber, um unsere Wirtschaft widerstandsfähiger und nachhaltiger zu gestalten. Im Bereich der Wiederverwertung kann innovative Forschung diesen Prozess entscheidend unterstützen“, so Prof. Dr. Martin Kranert, Lehrstuhlinhaber für Abfallwirtschaft und Abluft an der Universität Stuttgart. „Ziel unseres Projekts ‚RUN‘ ist es beispielsweise, Stoffkreisläufe zwischen Stadt und Land zu schließen. Um derartige Projekte in die Praxis zu überführen, erfordert es aber auch Akzeptanz gegenüber neuen, auf den ersten Blick ungewöhnlichen Verfahren. Neben der Forschung ist daher auch der Dialog mit der Gesellschaft wichtig. Hier können Chancen aufgezeigt und Vorbehalte aufgeklärt werden.“

Themen wie Abwasser und Müll werden eher selten mit Innovationen in Verbindung gebracht. In der Bioökonomieforschung eröffnet sich hier aber ein weites Fachgebiet mit vielfältigen Ansätzen, die unseren Rohstoffverbrauch senken und unsere Wirtschaft unabhängiger von globalen Rohstoffströmen machen können.

 

Energiewende 2030: Weg zur Klimaneutralität in Europa – Mit einer Bemerkung von Jean Pütz

Meine Bemerkung:
Ich begrüße sehr diese Vorschläge, aber sie sind leider so allgemein gehalten, dass der Teufel im Detail sitzt. Ich bin überzeugt, dass Europ irgendwann klimaneutral werden kann, das geht aber nicht – wie in Deutschland postuliert – mit dem kompletten Abschaffen des Verbrennungsmotors, der im übrigen auch sehr gut mit regenerativ gewonnenen Kraftstoff betrieben werden kann. Wobei ein reines Elektroauto ökologisch total kontraproduktiv ist. Der Aufwand für extreme Batteriekapazität ist unter diesem Paradigma nicht zu vertreten. Trotzdem kann die Elektromobilität in den Mittelpunkt gestellt werden mit der sogenannten HyperHybrid-Methode, unter Einsatz eines sparsamen Verbrennungsmotors und rein elektromotorischem Antrieb, mit einer nur auf 1/6 reduzierten Batteriekapazität (maximal 20 kWh). ein so konzipiertes Auto benötigt kein mechanisches Getriebe und ist wesentlich leichter als ein Elektroauto mit der schweren Batterie. Die Bremsenergie kann trotzdem weitgehend regeneriet werden. Verbräuche mit maximal 2 Liter auf 100 km sind möglich, die Investition in Millarden Euro zum Umbau der Automobilindustrie werden überflüssig. Die nötige Wärme und Kühlung entnimmt der Verbrennungsmotor über die Abwärme.

Gleiches gilt für den radikalen Abbau von Braunkohlekraftwerke. Es existieren bereits moderne Kraftwärme mit einem Wirkungsgrad von über 45%. Diese müssen zunächst die uneffizienten alten Kraftwerke ersetzen. Das entstehende Kohlendioxid kann aus den Abgasen rückgewonnen werdne und als Wertstoff und Recycling-Material für die Gewinnung von CO2-neutralem Treibstoff mit Hilfe der Sonnenenergie und Wasserstoff. Die problematische Speicherung von Wasserstoff kann so umwelt-neutral gewährleistet werden.

Eine Versorgung des europäischen Netzwerkes ausschließlich durch Solarstrom und Windenergie ist wegen der schwierigen Speicherung der Elektrizität nur mit Hilfe von Kraftwerken oder in Ländern mit hoher Gebirgstopologie möglich. Auch der Wasserstoff bietet da nur begrenzte Möglichkeiten wegen des hohen Energieverlustes bei seiner Gewinnung und der Umsetzung in elektrischen Strom. Braunkohle- oder Kernkraftwerke könnten die Phasen über Nacht und mangelnde regenerative Einspeisung durch Klimaeinflüsse ergänzen. Hier müssen nocht einige ideologische Grenzen überwunden werden, sonst bleibt die CO2-Neutralität Europas ein Traum.

Trotzdem Kompliment für konkreten Vorschläge der Akademien im Folgenden

Ihr Jean Pütz

(Leopoldina) – Mit dem European Green Deal hat die Europäische Union sich das Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften. Ein wichtiger Baustein ist eine Energiewende, die weg von der Nutzung fossiler Energieträger und hin zur Gewinnung und Nutzung erneuerbarer Energien führt. Hierfür empfehlen die Wissenschaftsakademien „No-regret“-Maßnahmen, die Einführung eines sektorenübergreifenden CO₂-Preises inklusive Mindestpreis sowie einen umfassenden Infrastrukturumbau. Mit ihrer heute erschienenen Ad-hoc-Stellungnahme „Energiewende 2030: Europas Weg zur Klimaneutralität“ legen die Akademien eine Handreichung für den deutschen EU-Ratsvorsitz ab 1. Juli vor.

Die Autorinnen und Autoren betrachten die Herausforderungen der Klimaschutzpolitik vor dem Hintergrund der aktuell durch die Coronavirus-Pandemie verursachten Krise. Um deren Folgen zu bewältigen, müssen Finanzmittel mobilisiert werden. Für den Klimaschutz wird es entscheidend sein, dass diese Mittel im Einklang mit dem Erreichen der Klimaschutzziele investiert werden. Die Arbeitsgruppe identifiziert hierfür politische, technologische und regulatorische Maßnahmen, die im Verbund eine Energiewende ermöglichen, ohne Wirtschaft und Gesellschaft zu überfordern.

Die EU-Klimaschutzziele lassen sich nur durch eine gemeinsame klima- und energiepolitische Strategie erreichen, die die unterschiedlichen Voraussetzungen der Mitgliedsstaaten berücksichtigt. Technologieoffenheit sei grundsätzlich wünschenswert, solle aber nicht dazu führen, dass notwendige Investitionen aus einer abwartenden Haltung heraus verzögert werden. Einige Technologien betrachten die Forscherinnen und Forscher als unverzichtbar, um die Klimaziele 2030 und 2050 zu erreichen. Zu solchen „No-regret“-Maßnahmen zählen sie den Ausbau von Windkraft und Photovoltaik, Netzausbau sowie den Ausbau von Elektromobilität und Wärmepumpentechnologie. Wasserstoff werde als erster Grundstoff in der Kette von elektrischer Energie zu stofflichen Energieträgern eine wesentliche Rolle einnehmen. Daher seien Investitionen in diesen Energieträger und entsprechende Pilotanlagen notwendig.

Regulatorische Maßnahmen in Form von Anreizsystemen trügen dazu bei, die Transformation möglichst kosteneffizient zu gestalten. Wenn Europa zeige, dass eine umfassende Transformation des Energiesystems gelingen kann, ohne die Volkswirtschaft zu überfordern, könne das auch für Drittländer ein wichtiger Impuls für eine klimafreundliche Politik und den Umbau zu neuen Energiesystemen sein, heißt es in der Stellungnahme. Die Autorinnen und Autoren sehen einen sektorenübergreifenden, EU-weit einheitlichen CO₂-Preis als Leitinstrument für den Klimaschutz – auch und gerade in Zeiten von Corona. Im Zuge der durch die Corona-Krise ausgelösten Rezession sei zu befürchten, dass die Unsicherheiten über die langfristige Preisentwicklung anstiegen. Ein wirksamer CO₂-Mindestpreis sei daher mehr denn je notwendig, um Planungssicherheit zu schaffen und dauerhafte Anreize für nachhaltige Klimaschutzinvestitionen zu setzen. Es sei wichtig, perspektivisch in allen Sektoren die Treibhausgase zu bepreisen – am besten durch eine Ausweitung des europäischen Emissionshandels.

Zudem sei eine enge Koordination notwendig, damit ein einheitliches europäisches Energiesystem entstehen kann. Wichtig sei dabei die richtige Balance zwischen den erforderlichen Weichenstellungen für die Infrastrukturentwicklung und offenen, marktwirtschaftlichen Ansätzen. Zudem sollte bedacht werden, dass auch in Zukunft Energie nach Europa importiert werden wird. Die dafür notwendigen Technologien müssten in den Markt gebracht und die globalen Lieferketten entwickelt werden. Die Politik müsse deshalb den Aufbau von Lieferketten für grüne Energieträger unterstützen.

Die Ad-hoc-Stellungnahme ist ein gemeinsamer Beitrag der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, acatech ‒ Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Die Akademien unterstützen Politik und Gesellschaft unabhängig und wissenschaftsbasiert bei der Beantwortung von Zukunftsfragen zu aktuellen Themen. Ihre Mitglieder und weitere Experten sind hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland. Im Energiebereich leisten die Wissenschaftsakademien seit 2013 im Akademienprojekt „Energiesysteme der Zukunft“ (ESYS) wissenschaftsbasierte Politikberatung.

Zukünftige Ziele für Artenschutz!

(KIT) – Der in der internationalen Biodiversitätskonvention beschlossene Zehnjahresplan für den Erhalt der biologischen Vielfalt hat seine Ziele zum Jahr 2020 verfehlt. Ein Wissenschaftler des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) setzt sich deshalb für eine übergeordnete politische Vorgabe ein, um den Diskussionen zum Artenschutz mehr Kraft zu verleihen: Zusammen mit einer Gruppe von Expertinnen und Experten anderer Forschungseinrichtungen engagiert er sich dafür, das Artensterben auf 20 verschwundene Spezies pro Jahr zu begrenzen. Darüber berichten sie aktuell in der Zeitschrift Science. (DOI: 10.1126/science.aba6592).

Das Zwei-Grad-Ziel des Übereinkommens von Paris dient der Klimapolitik als Fokus für notwendige Maßnahmen, um den Klimawandel aufzuhalten. Doch auch für den Artenschutz besteht dringender Handlungsbedarf. „Die Menschheit ist von der Biodiversität abhängig“, sagt Professor Mark Rounsevell, Leiter der Forschungsgruppe Landnutzungsänderung und Klima am Institut für Meteorologie und Klimaforschung – Atmosphärische Umweltforschung des KIT. „Ohne die Dienstleistungen unserer Ökosysteme, wie etwa das Bestäuben von Nutzpflanzen durch verschiedene Insekten, fehlt uns die Lebensgrundlage. Die Politik braucht daher ein klares Ziel, um die biologische Vielfalt zu erhalten.“ Ihre Forderung, das Aussterben von Spezies langfristig auf 20 pro Jahr zu begrenzen, ist nach Ansicht von Rounsevell und einer Gruppe weiterer Forscherinnen und Forscher ein sowohl leicht zu vermittelndes als auch messbares Ziel. Die Wissenschaftler wollen erreichen, dass die Vorgabe in die im kommenden Jahr stattfindenden Neuverhandlungen zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt mit einfließt. Die zuletzt von den Vertragsstaaten des Biodiversitätsabkommens beschlossenen sogenannten Aichi-Ziele enthielten 20 Kernziele unter anderem zum weltweiten Schutz von Ökosystemen und zur Förderung von Nachhaltigkeit.

Der Vorschlag von Rounsevell und der weiteren Experten basiert unter anderem auf Studien zur Belastungsgrenze des Planeten. Neben der Versauerung der Meere, der Luftverschmutzung oder dem Verbrauch von Süßwasser ist der Verlust von Biodiversität ein wesentlicher Parameter, welcher die Stabilität der weltweiten Ökosysteme unwiderruflich gefährden könnte. Beim Überschreiten eines bestimmten Schwellenwerts rechnen Forschende mit langfristigen negativen Folgen für die Umwelt. Um dies zu verhindern, sollte der Artenschwund aktuellen Erkenntnissen zufolge nicht mehr als das Zehnfache seines natürlichen Werts betragen. „Bei momentan rund zwei Millionen beschriebenen Spezies sind das rund 20 aussterbende Arten pro Jahr“, sagt Rounsevell. „Dabei schließen wir alle Pilz-, Pflanzen-, wirbellose sowie Wirbeltierarten mit ein, welche an Land, in Süß- oder in Salzwasserhabitaten leben.“

Notwendige Maßnahmen verbessern Gesamtzustand
Da die Geschwindigkeit des Artenschwunds bis heute immer weiter zunimmt, wären weitreichende umweltpolitische Maßnahmen erforderlich, um das Ziel der Biodiversitätsforscher umzusetzen. Damit würde sich die Vorgabe auch insgesamt positiv auf den Zustand der Ökosysteme auswirken. Analog dazu funktioniert das Zwei-Grad-Ziel im Klimaschutz: Obwohl die Temperatur nur einer von vielen Faktoren des komplexen Klimasystems ist, verbessern die für das Erreichen des Ziels notwendigen Maßnahmen den Klimaschutz insgesamt. Ein geringerer Temperaturanstieg wirkt sich indirekt etwa auch auf den Anstieg des Meeresspiegels oder das Auftreten von Wetterextremen wie Stürmen oder starken Regenfällen aus.

Als mögliche Handlungsoptionen schlagen Rounsevell und die Forschungsgruppe auf Grundlage der Empfehlungen des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) etwa vor, Naturschutzgebiete auszuweiten, den Artenschutz stärker finanziell zu fördern, Öko-Labels weiterzuentwickeln oder den Handel mit Wildtieren strafrechtlich konsequent zu verfolgen. Da Biodiversität auf regionaler Ebene unterschiedliche Formen annimmt, ist es nach Rounsevell notwendig, politische Maßnahmen auf lokale und regionale Gegebenheiten anzupassen. „Jedes Land muss einen eigenen Maßnahmenkatalog ausarbeiten und damit selbst Verantwortung übernehmen, um das Ziel zu erreichen“, sagt der Umweltforscher. Ob der neue Ansatz für den Artenschutz erfolgreich ist, solle kontinuierlich überprüft werden. „Um festzustellen, wie sich die Geschwindigkeit des Artensterbens entwickelt, sind umfangreiche Monitoringprojekte notwendig“, erklärt Rounsevell. Sind die Anstrengungen zum Schutz der Biodiversität erfolgreich, könne der Grenzwert für die Zahl pro Jahr verschwundener Spezies später weiter nach unten korrigiert werden.

Insektensterben: nicht pauschal, sondern einmal differenziert gesehen

(iDiv) – Eine Analyse weltweiter Langzeitstudien zeigt, dass dieZahl landlebender Insekten zurückgeht. Sie sank im Schnitt um 0,92 %pro Jahr, was einem Rückgang von 24 % über 30 Jahre entspricht.Gleichzeitig stieg die Zahl der an Süßwasser gebundenen Insektenwie Libellen und Köcherfliegen um 1,08 % pro Jahr. Dies könntedie Folge von Gewässerschutzmaßnahmen sein. 
Diesen durchschnittlichen, globalen Trends stehen sehrunterschiedliche Entwicklungen vor Ort gegenüber. Dabei scheinenmenschliche Einflüsse die Trends zu verstärken. Zu diesenErgebnissen kommt die bislang umfassendste Meta-Analyse vonInsektenbeständen an 1676 Orten weltweit. Die Studie wurde vonForschern des Deutschen Zentrums für integrativeBiodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig (UL) undder Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) geleitet und istin der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Scienceerschienen. Sie schließt wichtige Wissenslücken im Kontext desviel diskutierten „Insektensterbens“. 

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, dieeinen dramatischen Insekten-Rückgang zeigen. Besonders vielAufmerksamkeit erhielt eine Studie aus Naturschutzgebieten im Raum Krefeld.Diese fand einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten von mehrals 75 % über 27 Jahre. Die 2017 veröffentlichte Studie befeuerteDiskussionen über das Phänomen des„Insektensterbens“. Seitdem wurden weitere Studien zurEntwicklung von Insektenbeständen an verschiedenen Orten weltweitveröffentlicht. Die meisten zeigten starke, andere leichteRückgänge, und einige sogar leichte Zunahmen. Doch bislang wurdendie weltweit verfügbaren Daten nicht zusammengefügt umfestzustellen, wie verbreitet und wie stark der Rückgang der Insektentatsächlich ist. Bis jetzt.

Bislang umfassendste Datensammlung
Ein internationales Forscherteam stellte Daten aus 166 Langzeitstudienan weltweit 1676 Orten zusammen, um Veränderungen der Insektenzahlen(Individuen, nicht Arten) zu untersuchen. Diese Daten wurden im Zeitraumzwischen 1925 und 2018 erhoben. Die komplexe Analyse offenbarte großeUnterschiede in den lokalen Trends – selbst zwischen nahe gelegenenOrten. So gab es in Ländern mit vielen Langzeitstudien wieDeutschland, Großbritannien oder den USA sowohl Orte mitRückgängen als auch Orte mit wenig Veränderungen oder sogarZunahmen.
Im globalen Durchschnitt gingen landlebende Insektenwie Schmetterlinge, Heuschrecken oder Ameisen um 0,92 % pro Jahrzurück.

Insekten verschwinden leise
Erstautor Dr. Roel van Klink, der bei iDiv und der UL forscht, sagt:“0,92 Prozent klingt vielleicht nicht nach viel, aber es bedeutet 24Prozent weniger Insekten über 30 Jahre und sogar eine Halbierungüber 75 Jahre. Der Rückzug der Insekten findet leise statt– in nur einem Jahr bemerken wir das nicht. Es ist wie wenn man anden Ort zurückkehrt, wo man aufgewachsen ist. Nur wenn man jahrelangnicht dort war, bemerkt man, wie viel sich tatsächlich veränderthat – leider oft zum Schlechteren.”

Die Insekten-Rückgänge waren in Teilen der USA sowie inEuropa, insbesondere in Deutschland, am stärksten. In Europaverstärkten sich die negativen Trends in den letzten Jahren –die größten Rückgänge wurden seit 2005beobachtet.

Weniger Insekten in der Luft
Beim Thema “Insektensterben” wird oft angeführt, dassheute weniger tote Insekten an Auto-Windschutzscheiben kleben als noch vorzehn oder zwanzig Jahren. Letztautor Prof. Jonathan Chase, Wissenschaftlerbei iDiv und der MLU, sagt dazu: “Viele Insekten fliegen – dassind dann die, die von Windschutzscheiben und Kühlergrills erschlagenwerden. Wir konnten zeigen, dass fliegende Insekten im Schnitttatsächlich weniger geworden sind. Aber die meisten Insekten sindnicht augenfällig und leben im Verborgenen – im Boden, inBaumwipfeln oder im Wasser.“

Für die neue Studie untersuchten die Forscher auch Daten zu vielendieser verborgenen Lebensräume. Es stellte sich heraus, dass heuteweniger Insekten in Bodennähe leben als früher –ähnlich wie in der Luft. Im Gegensatz dazu blieb die Zahl derInsekten, die in Bäumen leben, im Schnitt unverändert.

Erholung bei Süßwasserinsekten
Gleichzeitig stieg die Zahl der Insekten, die ihr Leben zeitweise imWasser verbringen wie Libellen, Wasserläufer und Köcherfliegen,im Durchschnitt um 1,08 % pro Jahr. Das entspricht 38 % über einenZeitraum von 30 Jahren. Jonathan Chase hält das für ein gutesZeichen: „Die Zahlen zeigen, dass wir die negativen Trends umkehrenkönnen. In den letzten 50 Jahren wurde weltweit viel getan, umverschmutze Flüsse und Seen wieder zu säubern. Dadurch haben sichmöglicherweise viele Populationen von Süßwasserinsektenerholt. Das stimmt zuversichtlich, dass wir die Trends auch beiPopulationen umkehren können, die momentanzurückgehen.“

Roel van Klink fügt hinzu: “Insektenpopulationen sind wieHolzscheite, die unter Wasser gedrückt werden. Sie streben nach oben,während wir sie immer weiter nach unten drücken. Aber wirkönnen den Druck reduzieren, so dass sie wieder auftauchen. DieSüßwasserinsekten haben gezeigt, dass das möglich ist. Esist allerdings nicht immer leicht, die Ursachen für dieRückgänge und somit die effektivsten Gegenmaßnahmenauszumachen. Diese können auch von Ort zu Ort andersaussehen.”

Keine einfachen Lösungen
Ann Swengel, Co-Autorin der Studie, erforscht seit 34 Jahren dieSchmetterlingspopulationen an Hunderten Orten in den USA. Sie betont, wiekomplex die beobachteten Trends sind: „Wir verzeichnen starkeRückgänge, auch an vielen geschützten Orten. Aber wir habenauch beobachtet, dass es Schmetterlingen an einigen Standorten gut geht. Esbraucht Jahre und viele Daten um sowohl die Erfolge als auch dieMisserfolge zu verstehen, Art für Art und Ort für Ort. Vielesliegt außerhalb des Einflussbereiches eines Einzelnen, aber eszählt wirklich jede Entscheidung, die wir für jeden Standorttreffen.“

Lebensraumzerstörung wahrscheinlicher Grund fürRückgänge
Obwohl die Forscher nicht mit Sicherheit die Ursachen für dieverschiedenen Trends – positive wie negative – benennenkönnen, fanden Sie in den Daten doch entsprechende Hinweise.Insbesondere scheint die Zerstörung natürlicher Lebensräume– vor allem durch Verstädterung – landlebende Insektenzurückzudrängen. Andere Berichte, wie das „GlobaleAssessment“ des Weltbiodiversitätsrates IPBES§,weisen ebenfalls darauf hin, dass die veränderte Landnutzung und dieZerstörung von Lebensräumen Hauptursachen sind für weltweiteVeränderungen der biologischen Vielfalt.

Die neue Studie ist die aktuell umfassendste ihrer Art –ermöglicht durch iDiv’s Synthesezentrum sDiv. Sie gibt Einblickein die weltweite Situation der Insekten und zeigt, wo ihr Schutz amdringendsten ist.

Kritik eines erfolgreichen Unternehmers an der deutschen Wirtschafts- und Umweltpolitik ! Mit einem Vorwort von Jean Pütz

Zunächst mein persönlicher Kommentar

‚Fokus online‘ hat mit Klaus Fischer, dem Sohn des Erfinders des Fischer-Dübels, Artur Fischer, Gründer der Firma Fischertechnik ein Interview geführt.
Der hat aber nicht nur den Fischer-Dübel und seine vielen Varianten entwickelt, der den Handwerkern das Leben erleichtert, sondern auch Fischertechnik, die Millionen von jungen Menschen den Zugang zur praktischen konstruktiven Technik ermöglicht hat.

Auch ich habe sehr von dieser Erfindung profitiert, denn als ich 1972 meine große Sendereihe ‚Einführung in die Digitaltechnik‘ entwickelte, ermöglichte mir dieser Baukasten für jedermann verständlich, die Theorie mit vielen praktischen Beispielen zu untermalen.

Diese Sendereihe wurde Anfang 1974 zunächst im WDR-Fernsehen ausgestrahlt und eröffnete schließlich mit Hunderten von Wiederholungen in den anderen 3. Programmen auf breiter Ebene das Verständnis für das zukünftige Digital-Zeitalter.

Mit Artur Fischer habe ich so manches Interview geführt. Er hat Anteil an dem großen Erfolg dieser Sendereihe und ich möchte mich hier ausdrücklich noch einmal bei ihm bedanken.

Jetzt erfahre ich durch das Fokus-Online-Interview, dass sein Sohn, Klaus Fischer, aus der Firma einen Weltkonzern geschmiedet hat.

Seine politischen Einstellungen und sein Verständnis für wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten und praktischen Anwendungen, waren die Vorraussetzungen für diesen Erfolg. Immerhin ist die Firma Fischer einer der kreativsten Mittelstandsfirmen Deutschlands im Besitz von tausenden Patenten, die weltweit Geltung haben. In seinem folgenden Interview übt er scharfe Kritik an dem derzeitigen Mainstream, insbesondere was Umwelt- und Klimapolitik anbelangt. Ähnlich wie ich befürchtet er, dass das auf Dauer die Deutschen stark ins Hintertreffen bringen wird und die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit so schädigen, dass die Export-Industrie, insbesondere die vom Mittelstand geprägte, im nächsten Jahrzehnt vor dem Kollaps steht.

Hier das Interview mit dem FOCUS-Autor Donar Jujacinski im Firmensitz im Schwarzwald:

(Focus) – Herr Fischer ist gut gelaunt. Bis die Digitalisierung zur Sprache kommt. „Darüber“, sagt der Inhaber der Fischer-Werke, „ärgere ich mich ständig. Wenn ich von unserem Firmensitz im Waldachtal im Nordschwarzwald mit dem Auto nach Stuttgart fahre, bricht die Leitung mindestens sechsmal zusammen. Unglaublich!“
Klaus Fischer, der 1980 das Familienunternehmen von seinem Vater Artur Fischer übernahm und es zu einem Global Player machte, ärgert das deshalb, weil er ein Macher ist. Einer, der von Stillstand und leeren Versprechungen nichts hält. Besonders dann, wenn sie aus der Politik kommen. Dass er seinem Unmut gern laut und deutlich Luft macht, kann sich der 69-Jährige leisten. Die Unternehmensgruppe hat mehr als 1500 Patente angemeldet, steigerte 2018 den Umsatz um 52 Millionen Euro auf 864 Millionen. 2019 kamen noch ein paar Millionen dazu.

Autor: Herr Fischer, Ärger schadet der Gesundheit.

Ich bin gesund, mir fehlt nichts. Keine Sorge. Aber die Digitalisierung in Deutschland ist wirklich eine Katastrophe! Wir haben 3G und wollen 5G haben, obwohl es noch nicht mal überall 4G gibt. Mit dem Bau der Stromtrassen vom Norden in den Süden ist es genauso. Deutschland verliert den Anschluss. Der Staat tut viel zu wenig. Auf dem Weg in unseren Nachbarort konnte ich früher noch problemlos telefonieren. Das ist vorbei.

Autor: Sie sind viel im Ausland unterwegs. Schämen Sie sich manchmal wegen der deutschen Digitalisierungspolitik?

Es ist schon unangenehm. Ich war gerade in Südafrika. Da kann man überall telefonieren. Selbst im Busch. Kein Witz. Und nicht nur das ist problematisch. Wir verlieren auch den Anschluss in der Bildung, weil Aus- und Weiterbildung nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind. Weil es an gut ausgebildetem Personal fehlt, werden die Kinder oft schon im Kindergarten nicht entsprechend ihren Begabungen gefördert. In den Schulen ist es ähnlich. Das ist eine Sünde, weil Kinder zwischen ihrem dritten und zwölften Lebensjahr die höchste Auffassungsgabe haben. Deutschland wird mehr und mehr abgehängt.

Autor: Das glauben Sie tatsächlich?

Ja. Ich habe unserer Gemeinde 30.000 Euro gegeben, um für die Schule Computer zu kaufen, die sie teilweise aber nicht nutzen können, weil sie keinen WLAN-Anschluss haben. Bei unserem jährlich stattfindenden Fischer-Abiturientenforum, in dem es um die Digitalisierung ging, beklagten sich Schüler und Lehrer darüber, dass sie nicht unterstützt werden. Dabei ist Bildung das, was für die Zukunft entscheidend ist.

Autor: Was läuft noch falsch?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der Nähe von Freudenstadt gibt es den 10.000 Hektar großen Nationalpark Schwarzwald, in dem gerade ein Besucherzentrum gebaut wird, das jetzt 50 anstatt 25,5 Millionen Euro kostet. Damit landete das Zentrum sogar im Schwarzbuch des Bundes der Steuerzahler. Aber in den Schulen können die Schüler teilweise nicht die Toiletten benutzen, weil diese in einem miserablen Zustand sind. Und das in einem Staat, der ein so wahnsinnig hohes Steueraufkommen hat. Das ist nicht nachvollziehbar.

Autor: Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sagte kürzlich, dass sie mit der Bilanz ihrer Politik sehr zufrieden ist.

Das würde ich an ihrer Stelle auch sagen. Was mir bis vor Kurzem gar nicht klar war: Keine zehn Prozent unserer Politiker haben einen wirtschaftlichen Hintergrund, und einige haben nicht einmal eine abgeschlossene Berufsausbildung. Wie Juso-Chef Kevin Kühnert. Er hat zwei Studiengänge abgebrochen, stellt sich aber hin und sagt, dass wir die Reichensteuer brauchen und er die Gesellschaft verändern will. Das ist in China anders. Dort haben viele Politiker zuvor in der Wirtschaft – vor allem im Ausland – Erfahrungen gesammelt.

Autor: Ihr Unternehmen hat dort Produktionsstandorte.

Ja. Beim Besuch der Elite-Universität Tongji in Shanghai sagte mir ein Professor, dass sie so viel Geld vom Staat bekommen, dass sie gar nicht wissen, wohin damit. Wenn Sie sich im Gegenzug die deutschen Universitäten anschauen – die haben seit 10, 20 Jahren einen Renovierungsstau, der in die Milliarden geht. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass es mehr Politiker gibt, die die wirtschaftlichen Zusammenhänge verstehen.

Autor: Sprechen wir über die Kernenergie. War der Ausstieg nach Fukushima richtig?

Der Ausstieg war der größte Fehler von Frau Merkel. Die Kernenergie ist die sauberste Energie der Welt, und die deutschen Kernkraftwerke waren und sind die sichersten der Welt. Dafür bauen jetzt Frankreich und sogar Schweden neue Kraftwerke. Ein anderes Beispiel: Auch in der Gentechnologie sind wir nicht mehr führend, und die Absolventen gehen nach ihrem Studium ins Ausland, weil sie dort – besonders in der Forschung – bessere Chancen haben.

Autor: Macht Ihnen das Sorge?

Natürlich. Wie viel investiert Deutschland denn in die Forschung? Zu wenig gegenüber Ländern wie den USA oder China. Wenn wir in den nächsten Jahren nicht mehr in sie investieren, wird Deutschland bald der große Verlierer sein.

Autor: Welche Werte vermissen Sie bei Politikern noch?

Glaubwürdigkeit, Begeisterung, Zuverlässigkeit und dass sie die Menschen bei Zukunftsthemen mitnehmen, um ihnen damit Sicherheit für die Zukunft zu geben. Das Problem ist, dass immer auf die nächste Wahl geschaut wird. Die Politiker sollten sich aber besser darauf besinnen, Deutschland wieder wettbewerbsfähiger zu machen und sich vor allem wieder mit den starken Nationen vergleichen und die richtigen Schritte einleiten. Dann könnte Deutschland eines Tages wieder eine ganz, ganz starke Nation sein.

Autor: Viele Menschen fürchten Risiken, weil Sie Angst um ihren Wohlstand, ihren Besitz haben.

Wenn sich in Bezug auf ein mutigeres Vorgehen hinsichtlich Bildung, Digitalisierung, künstlicher Intelligenz oder dem Klima- und Umweltschutz nicht bald etwas ändert, werden wir große Probleme bekommen. Dazu brauchen wir politische Visionäre, die anpacken und sich auf diese wichtigen Themen konzentrieren, anstatt sie zu zerreden. Dieses Zerreden ist übrigens genau das, was ich den Politikern in erster Linie vorwerfe. Dadurch werden wir nicht auf die Zukunft vorbereitet. Hinzu kommt: Der Sozialstaat Deutschland lebt von der Wirtschaft und kann langfristig nur finanziert werden, wenn wir wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben.

Autor: Haben Sie eine Idee, wer diesen Wettbewerb nach der Merkel-Ära verbessern kann? Friedrich Merz vielleicht?

Na ja. Herrn Söder sollte man auch nicht abschreiben. Er ist clever und ein gescheiter Kopf. Meiner Meinung nach ist er jemand, der die Kraft hätte, Deutschland wieder voranzubringen. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob am Ende nicht doch Markus Söder zur Verfügung steht.

Autor: Dann halten Sie Friedrich Merz für weniger gescheit?

Herr Merz ist ein außergewöhnlich kluger Mann. Aber ich glaube nicht, dass er es schafft. Er war zu lange weg von der Politik. Aber natürlich ist er jemand, der die Industrie gut kennt und wäre deshalb eine gute Alternative zu Markus Söder.

Autor: Trauen Sie die Aufgabe NRW-Chef Armin Laschet zu?

Das kann aus meiner Sicht nicht funktionieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er der richtige Mann für diese Position ist. Wir müssen jetzt schauen, dass die CDU wieder richtig positioniert wird. Dass sie so weit nach links abgerutscht ist, ist mit ein Grund, dass die AfD so weit kam. Jetzt brauchen wir jemanden, der die CDU wieder mehr nach rechts rückt. Dies ist nicht das Ziel von Herrn Laschet. Im Gegenteil. Das können nur Söder oder Merz.

Autor: Viele Ihrer Unternehmerkollegen sprechen von Rezession.

Die haben wir schon. Da wird nur deshalb nicht viel darüber geschrieben, weil der Umwelt- und Klimaschutz im Augenblick das entscheidende Thema ist. Wobei das ja nichts Neues ist. Das war ja vor zwei Jahren nicht anders als heute. Nur jetzt hat man das Gefühl, die Welt würde in den nächsten Jahren untergehen. Tut sie aber nicht.

Autor: Der Klimahype hängt stark mit Greta Thunberg zusammen.

Sie ist eine junge Persönlichkeit mit viel Mut. Wenngleich ich nicht alles gut finde, was Greta Thunberg veranstaltet. Wir müssen aufpassen, dass die Klimadiskussion nicht dazu führt, dass Deutschland am Ende als Verlierer dasteht. Es ist wichtig, Klimapolitik gemeinsam weltweit zu betreiben und nicht national.

Autor: Die Fischer-Werke sind auch Zulieferer der Autoindustrie, stellen Luftausströmer oder Ablagefächer her. Unter den Abnehmern ist auch der Autobauer Tesla, der im brandenburgischen Grünheide ein neues Werk bauen will. Freut Sie das?

Was ich nicht verstehen kann, ist, dass man für Tesla alle Register zieht, um sie nach Berlin zu bekommen, und die deutsche Automobilindustrie so gut wie gar nicht unterstützt. Im Gegenteil: Ihr bereitet man immer mehr Probleme. Richtig ist, dass Fehler passiert sind. Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, nicht mehr nach hinten, sondern nach vorne zu schauen und sich mit den Herausforderungen der Zukunft zu beschäftigen.

Autor: Warum wird um Elon Musk so ein Aufheben gemacht?

Das kann ich nicht beurteilen. Es wäre aber gut, wenn sich Wirtschaftsminister Peter Altmaier für die deutsche Automobilindustrie auch so einsetzen würde.

Autor: Bekommt die Wirtschaft in Baden-Württemberg ausreichend Unterstützung?

Es wird von der Landesregierung in Baden-Württemberg immer von der Unterstützung des ländlichen Raumes gesprochen. Ein Beispiel: Wir haben in Freudenstadt einen Campus, einen Vorlesungsstandort, der zur Universität Stuttgart gehört. Für diesen Campus wurde mir von der Landesregierung für den Zeitraum von fünf Jahren eine Unterstützung von drei Millionen Euro versprochen, also jedes Jahr 600.000 Euro. Am Ende haben wir aber nur eine Million Euro bekommen, über die der Campus nicht einmal vollständig verfügen kann.

Autor: Haben Sie sich beschwert?

Ja. Das Beispiel zeigt, inwieweit die Investitionen am Standort Deutschland noch sinnvoll sind. Inzwischen gibt es Länder, die die Wirtschaft mit offenen Armen empfangen – sowohl in Europa als auch in Fernost. Nach Serbien, Bulgarien oder Rumänien gehen sehr viele deutsche Firmen, vor allem Automobilzulieferer, für die dort sehr viel getan wird. Natürlich wird auch in Deutschland subventioniert. Aber zu einseitig. Wir sollten nicht nur auf E-Mobilität setzen, sondern auch auf andere Antriebe wie Wasserstoff oder neue Brennstoffe. Anstatt das Geld in die Forschung für neue Technologien wie beispielsweise den Wasserstoff zu geben, unterstützt man Elektroautos, für die noch nicht genügend Strom produziert werden kann und es bis heute auch noch keinen konkreten Plan für die Entsorgung des Elektroschrotts gibt.

Autor: Sie sind Oldtimer-Sammler. Besitzen Sie auch ein E-Mobil?

Ich persönlich nicht. Ich weigere mich zurzeit auch, ein E-Auto zu kaufen, weil es erst ab 220.000 Kilometern CO2-neutral ist. Außerdem halte ich es für einen Riesenfehler, den Verbrennungsmotor abzuschreiben. Da ist noch sehr viel Potenzial vorhanden. Dass die CO2-Werte und der Feinstaub reduziert werden müssen, steht außer Diskussion. Die Frage ist nur, ob es richtig ist, nur die Symptome zu bekämpfen und nicht an die Ursachen zu gehen. Es wäre doch sinnvoller zu schauen, was die drei größten Ursachen in Bezug auf den Klimawandel sind und die Themen weltweit gemeinsam zu bearbeiten.

Greenpeace fordert Blackrock zur Revolte gegen Siemens auf

(dpa) – Vor der Siemens-Hauptversammlung wollen Umweltschützer den Elektrokonzern auf dem Umweg über den Großaktionär Blackrock zum Ausstieg aus einem umstrittenen Geschäft in Australien bewegen.

Der weltgrößte Vermögensverwalter müsse dem Siemens-Vorstand „die Rote Karte zeigen“, forderten Greenpeace-Unterstützer am Montag bei einer Protestaktion vor der Frankfurter Deutschland-Zentrale von Blackrock.

Anlass der Kritik ist die Entscheidung des Siemens-Vorstands, trotz heftiger Proteste von Umwelt- und Klimaschützern an seiner Zulieferung für ein riesiges Kohlebergwerk in Australien festzuhalten. Auf den Transparenten der Aktivisten in Frankfurt war zu lesen: „Blackrock: Euer Depot brennt!“

Der Chef des US-Finanzgiganten Blackrock, Larry Fink, hatte kürzlich Konzernchefs weltweit zu mehr Engagement in Sachen Klimaschutz aufgefordert. Blackrock sei „zunehmend geneigt“, Vorständen und Aufsichtsräten die Zustimmung zu verweigern, wenn die Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit keine ausreichenden Fortschritte machten.

Blackrock müsse jetzt beweisen, dass diese Forderungen wirklich ernst gemeint seien, forderte Greenpeace-Finanzexperte Volker Gaßner in einer Mitteilung.

Blackrock verwaltet nach jüngsten Zahlen gut 7,4 Billionen Dollar (rund 6,7 Billionen Euro) Anlagegelder. Das US-Unternehmen ist weltweit an mehr als 15.000 Unternehmen beteiligt, in Deutschland unter anderem an allen Dax -Konzernen.

Kohlekraftwerk ohne CO2 im Abgas – bereits heute wirtschaftlich

(Finanzen 100) – Der indischen Firma Carbon Clean Solutions ist es als erster gelungen, die kompletten Co2-Abgase eines Kohlekraftwerks aufzufangen und in Glas, Backpulver und Waschmittel zu verwandeln.

Indien besitzt jetzt das erste Kohlenkraftwerk der Welt, das kein umweltschädliches Kohlenstoffdioxid (Co2) mehr in die Luft pustet. Der Firma Carbon Clean Solutions (CCS) ist es gelungen, die Abgase des Kraftwerks im Industriehafen von Tuticorin im Süden des Landes abzufangen und in Natriumkarbonat umzuwandeln.

CCS wandelt Co2 für den halben Preis
Das wiederum lässt sich für vielfältige Dinge verwenden, bei denen das Co2 am Ende nicht in der Atmosphäre landet. Natriumkarbonat ist etwa wichtig für die Herstellung von Glas, Farben, Klebstoffen, Waschmittel, Seife, Papier und Backpulver.

CCS ist nicht die erste Firma, die an einer solchen Technik arbeitet und auch nicht die erste, die sie umsetzt. Allerdings hat es bisher niemand ohne staatliche Subventionen geschafft, das Co2 zu profitablen Preisen in Natriumkarbonat umzuwandeln. CCS schafft dies für rund 30 Dollar pro Tonne – die Konkurrenten zahlen für denselben Prozess das Doppelte bis Dreifache.

Zehn Prozent der weltweiten Co2-Emissionen ließen sich sparen
So liegt das von CCS gewonnene Natriumkarbonat auch in einem Preisrahmen, mit dem es auf dem Weltmarkt konkurrieren kann und dem gleichen Stoff aus anderen Quellen nicht unterlegen ist.

Kraftwerksbetreiber Ramachandran Gopalan kann jetzt also sogar seine Abgase verkaufen. Dem britischen Radiosender BBC 4 sagte er: „Ich bin Geschäftsmann. Ich habe nie daran gedacht, den Planeten zu retten. Ich brauchte eine zuverlässige Co2-Quelle und das war die beste Art, sie zu bekommen.“

Die Mengen an Co2, die in Tuticorin gewonnen werden, sind aber natürlich noch zu klein, um damit den Planeten zu retten. Rund 60.000 Tonnen will CCS pro Jahr aus dem Kraftwerk abschöpfen. Verglichen mit den rund 36 Millionen Tonnen, die jährlich auf der Erde produziert werden, ist das ein Witz.

Indische Firma in London
Allerdings ließe sich die Technologie von CCS theoretisch in fast allen Kohlekraftwerken auf der Welt installieren. Die Firma schätzt, dass sich damit die gesamten Co2-Emissionen um fünf bis zehn Prozent senken ließen.

Gegründet wurde CCS übrigens von zwei jungen indischen Chemikern. Weil die aber für ihre Pläne in Indien keine Geldgeber fanden, gingen sie nach Großbritannien. Dort unterstützte die Regierung ihre Forschung mit speziellen Visa, die es ihnen ermöglichten, die Technik zur Marktreife zu bringen. Der Firmensitz ist denn auch in Londons Stadtteil Paddington.

Christoph Sackmann

Scheitert die Energiewende am elektrischen Strom? Mit einer Erklärung von Jean Pütz

Hier nun die wichtigsten Punkte die für jedermann verständlich sind:

1. Elektrischer Strom ist keine Ware die einfach wie Pakete hin und her geschoben werden kann.

2. Das Stromnetz, dazu gehören auch die großen Verteilernetze über Hochspannung, muss stets genauso viel Energie anbieten wie nachgefragt wird. Und zwar in jeder 1000stel Sekunde.
Übersteigt die Nachfrage auch nur um wenige Kilowatt, dann schaltet es sich automatisch ab. Dazu gibt es zwar Sicherungssysteme aber das kann schon dazu führen das ganze Städte ausfallen.

3. Wird allerdings zuviel, z.B. durch regenerative Quellen und dezentrale Einspeisungen produziert, dann muss dieser Strom entweder in Wärme umgewandelt oder exportiert werden.
Das ist aber meistens mit hohen Kosten verbunden, denn der Abnehmer muss damit etwas anfangen können. Er kann es allerdings auch speichern aber dafür benötigt er Pumpspeicherwerke. Das fällt in Alpenstaaten also auch in Bayern relativ leicht.
Deswegen geht der Export des Stroms und zwar nur dann wenn er in Deutschland nicht abgefragt wird meistens auch nach Österreich oder in die Schweiz.

Dafür muss der Energieversorger aber richtig Geld zahlen um damit was anfangen zu können. Er kann es allerdings auch speichern aber dafür benötigt er Pump-Speicher Werke. Das fällt in Alpenstaaten und so auch in Bayern relativ leicht. Deswegen geht der Export-Strom und zwar nur dann wenn er in Deutschland nicht abgefragt wird meistens auch nach Österreich oder in die Schweiz. Dafür muss der Energieversorger aber richtig Geld zahlen. Umgekehrt wenn der diesen Strom wieder haben will, muss ja wieder bezahlen.
Das ist also ein toller Tausch, der im Prinzip aus physikalischen Gründen einfach unfair sein muss. Allerdings wenn mehr Strom nachgefordert wird als die Kraftwerke, als die regenerativen in Deutschland liefern, dann kann es auch sein, dass er den Strom z.B. aus Frankreich oder Polen bezieht. Dahinter allerdings stehen dann Kernkraftwerke aus Frankreich oder Braunkohlekraftwerke aus Polen. Ob das der Ökologie dient ist natürlich fraglich.

4. Es gibt noch ein weiteres Problem und das ist die Stabilität des Netzes und zwar die Frequenz. Dabei hat sich der Wechselstrom bzw. Drehstrom durchgesetzt. Eine Erfindung von Nikola Tesla, der arme Kerl musste in der Namensgebung für das erste Elektroauto herhalten. Wechselstrom bedeutet, dass er permanent die Richtung, das heißt vom Plus auf minus und umgekehrt, wechselt.
Dabei haben sich auch in Deutschland 50 Schwingungen pro Sekunde durchgesetzt, man spricht dann von 50 Hertz. Das hat natürlich auch seine Konsequenz, denn wenn auch nur eine leichte Abweichung von den 50 Hertz erfolgt, dann kann es zum Kurzschluss und zum Gau folgen. Deswegen ist die Stabilität außerordentlich wichtig, sie wurde bisher durch Großkraftwerke gewährleistet.

Es gibt Ingenieure die behaupten es müssten wenigstens 30% der benötigten Energie aus solchen Großkraftwerken stammen, sonst wird das Netz instabil. Nur so ganz stimmt es nicht mehr. Dezentrale regenerative Einspeisungen, mit der künstlichen Intelligenz versehen, können trotzdem eine gewisse Netzstabilität garantieren. Aber die Probe aufs Exempel ist noch nicht geführt worden, und die Behauptung dass in den nächsten 20 Jahren der Strom ausschließlich von regenerativen Quellen gespeist werden kann ist nach Prof. Kobe auch theoretisch und wirtschaftlich nicht möglich.

5. Große Mengen im Bereich von 1000 Terrawattstunden sind nur durch Pumpspeicherwerke möglich. Elektrische chemische Speicherung wie in Batterien sind in dieser Größenordnung völlig unwirtschaftlich.

6. Regenerative Stromeinspeisung ist nicht vergleichbar mit den bisherigen, mit fossilen Brennstoffen versehenen Großkraftwerken. Sie sind sehr von der Wetter- und Klimasituation abhängig.

Ihr Jean Pütz

Hier geht’s zum Original-Artikel

(EifelOn) – China plant, seinen enorm steigenden Bedarf an Elektroenergie auch durch einen weiteren massiven Zubau von Kohlekraftwerken zu decken. 2020 soll deren Leistung 1.100 GW betragen, 2035 sogar 1.400 GW. Zum Vergleich: Die Kohlekraftwerke der EU verfügen über eine Leistung von 150 GW (1 GW = 1 Gigawatt sind 1 Million Kilowatt). Der deutsche Anteil beträgt derzeit noch 44 GW. Doch Deutschland möchte als erstes Land komplett aus der Kohle aussteigen und begründet dies mit dem Anspruch, als Vorreiter der Welt zeigen zu müssen, dass ein solcher Ausstieg technisch und ökonomisch realisierbar sei. Darüber hinaus sollen auch die Kernkraftwerke in Deutschland stillgelegt werden, die Strom nahezu CO2-emissionsfrei erzeugen können. Das Ziel ist es, Strom zu hundert Prozent aus regenerativen Energiequellen bereitzustellen. Professor Sigismund Kobe erklärt im EIFELON-Gespräch, dass dies in Deutschland aus physikalischen Gründen nicht möglich ist, solange es noch keine Speicher mit gigantisch großen Speicherkapazitäten gibt. Grundvoraussetzung für ein hochindustrialisiertes Land ist eine sichere stabile Stromversorgung, die auf Abruf jederzeit die Energie liefern kann, die gerade benötigt wird. Dr. Sigismund Kobe, Jahrgang 1940, ist emeritierter Physik-Professor an der Technischen Universität Dresden. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Optimierung komplexer Systeme (magnetische Festkörper, neuronale Netze, Proteine, Windenergie).

„Einer der Fehler, den die meisten Befürworter der Energiewende machen, ist es, alle erneuerbaren Energiequellen in einen Topf zu werfen, anstatt sie differenziert zu betrachten“, sagt Kobe. Aber erneuerbar sei nicht gleich erneuerbar. Mit Wasserkraft- und Biogasanlagen lasse sich Strom weitgehend nach den Bedürfnissen der Verbraucher bereitstellen, Windkraft- und Solaranlagen dagegen seien aus physikalischen Gründen dazu nicht in der Lage. Ein weiterer Zubau von Wasserkraftwerken ist geologisch und meteorologisch begrenzt: Deutschland hat anders als z.B. Norwegen und die Schweiz aufgrund seiner Topologie nicht genügend Regionen mit den erforderlichen Höhenunterschieden. Zudem reicht die jährliche Regenmenge für diesen Zweck nicht aus. Auch die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen in Deutschland seien bereits hinreichend aufgeteilt in solche für die Lebensmittel- und Futtermittelproduktion und solche für bioenergetische Nutzung. „Diese beiden erneuerbaren Energiequellen haben in Deutschland kein größeres Ausbaupotenzial mehr“, lautet das Fazit von Professor Kobe.

Windräder liefern zu einem Drittel der Zeit kaum bis keinen Strom
Für einen gedachten weiteren Zubau erneuerbarer Energiequellen in Deutschland verbleiben also nur Wind und Sonne. Diese haben allerdings die unangenehme Eigenschaft, dass der damit erzeugte Strom volatil sei, d.h. zeitlich schwanke, so Kobe weiter. Mal weht der Wind und dann drehen sich die Räder, mal weht er nicht und dann drehen sie sich nicht. Der letztgenannte Zustand ist sogar häufiger als allgemein bekannt. Statistisch gesehen ist der Beitrag aller Windenergieanlagen an der Stromerzeugung in Deutschland an einem Drittel der 8.760 Stunden eines Jahres gering bzw. sogar vernachlässigbar. Bei den Solaranlagen sieht es nicht besser aus. Der weitaus überwiegende Teil des jährlichen Anteils von Strom aus Photovoltaik-Anlagen an der Stromproduktion wird im Sommer und dann wiederum vor allem in wenigen Stunden um die Mittagszeit eingespeist, vorher und nachher ist der Anteil gering und nachts scheint die Sonne nie.

Seit jeher ist das Netz auf das Auftreten von Schwankungen ausgelegt, muss doch die Anpassung an den unregelmäßigen Bedarf durch die Verbraucher sichergestellt werden. Nun waren in der Vergangenheit bei geringem Anteil von Wind- und Sonnenstrom die dadurch bedingten zusätzlichen Schwankungen auch kein besonderes Problem. Professor Kobe:

Quantitativ sind wir allerdings an eine Grenze gelangt, an der das Netz diese zusätzlichen Erzeugungsschwankungen nicht mehr verkraften kann.“

Die aktuelle Grafik des Energiedaten-Sammlers Rolf Schuster zeigt die Situation für November 2019: Sonnenstrom (gelb) spielt fast keine Rolle. Zeiten mit geringer Einspeisung der volatilen Erzeuger, die sogenannten „Dunkelflauten“, und Zeiten mit hohem Windaufkommen (blau), in denen dieses einen großen Teil des Bedarfs der Verbraucher (Last, braun) abdeckt, wechseln sich ab.

Die folgende Grafik, die jeweils die Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom im Monat November in verschiedenen Jahren zeigt, macht deutlich, dass trotz starkem Zubau, charakterisiert durch die installierte Leistung (hellblaue Fläche, rote Linie), die tatsächlich erbrachte Leistung vergleichsweise gering geblieben ist.

Professor Kobe fragt daher: „Was passiert, wenn, wie aktuell vielfach gefordert wird, noch mehr Wind- und Solaranlagen zugebaut werden? Lassen sich dadurch die Probleme bei Dunkelflaute und bei den Spitzenwerten der Einspeisung beheben?“ und liefert die Antwort gleich selbst: Null bleibe Null, d.h. die Probleme bei Dunkelflaute werden nicht dadurch gelöst, dass z.B. 10.000 statt 10 Windanlagen neu aufgestellt werden. Das zeigt auch die nachfolgende Grafik der Einspeisung für November, bei der simuliert wurde, dass jede einzelne Anlage in Deutschland am selben Ort durch drei gleichwertige ersetzt wird:

Wenn in ganz Deutschland kein Wind weht, bewegt sich kein einziges Windrad. Wenn andererseits zu viel Sonne scheint und zu viel Wind weht, die Anlagen also mehr produzieren als alle Verbraucher in Deutschland abnehmen können (in der letzten Grafik kommt dies mehrmals im Monat vor), dann ist die Versorgungssicherheit ebenfalls gefährdet. In einem solchen Fall müssten Sofortmaßnahmen getroffen werden, um zusätzliche Lasten zuzuschalten bzw. Erzeuger abzuschalten. Nur so kann das ganze System stabil gehalten werden.

Die Einbindung von volatilem Strom aus Wind- und Sonnenanlagen in das öffentliche Netz ist eine hoch komplexe Aufgabe. Die in jedem Moment durch die Verbraucher benötigte und abgerufene Leistung – die Last – ist zeitlich schwankend, aber natürlich folgen diese Schwankungen überwiegend nicht dem zur gleichen Zeit eingespeisten Energie-Angebot der Windräder und Solarpaneele. Für die Differenz zwischen momentaner Last, die von den Verbrauchern abgefordert wird, und der Leistung, die Wind- und Sonnenstrom liefern, wird der Begriff „Residuallast“ als verbleibende Lücke der Versorgung verwendet. Sie muss durch andere, insbesondere konventionelle Kraftwerke erbracht werden.

Lobbyisten täuschen Bürger
Die Residuallast in der Einheit Gigawatt ist eine Schlüsselgröße, wenn die Energiewende analysiert werden soll. Deshalb hat Rolf Schuster für jede Stunde des Jahres 2011 diese Größe als Punkt in einer Grafik eingetragen. Auf der zweiten Achse der Grafik wird der Börsenpreis des Stroms zur gleichen Zeit markiert. Dadurch entsteht für jedes Jahr eine „Punktwolke“ mit 8.760 Stunden-Punkten. Je mehr Wind- und Sonnenstrom in das Netz drängt, umso geringer ist die Residuallast und um so niedriger ist auch der Börsenpreis. „Dieser Sachverhalt wird von den Lobbyisten zur Täuschung der Öffentlichkeit verwendet und als Beweis dafür angeführt, dass Strom aus Wind und Sonne zu einer Verringerung des Strompreises führen würde“, meint Kobe. „Verschwiegen wird geflissentlich, dass Strom aus den Erneuerbaren überhaupt nicht am Marktgeschehen und somit auch nicht an der direkten Preisbildung an der Strombörse beteiligt ist, da dieser ja gemäß EEG mit einem subventionierten Festpreis vergütet wird.“

Die ganze Dramatik der aktuellen Situation wird deutlich, wenn die Schuster’sche Analyse für das Jahr 2019 wiederholt wird:

Der im Laufe eines Jahres auftretende Minimalwert der Residuallast ist seit 2011 von Jahr zu Jahr immer kleiner geworden und betrug 2019 nur noch 3 Gigawatt. Wind und Sonne können demnach zu einigen Stunden des Jahres bereits fast den gesamten Strombedarf Deutschlands decken. Wenn manche Befürworter der Energiewende dies als Zeichen für eine bald bevorstehende Vollversorgung mit Erneuerbaren werten, so ist das leider ein Trugschluss. Es wird dabei „vergessen“, dass zu anderen Zeiten kein Beitrag von Wind und Sonne kommt und diese Situation sich nicht im Geringsten dadurch ändert, dass immer mehr volatile Erzeuger zugebaut werden.

Ausland macht Reibach – Deutsche Stromkunden zahlen
Mit der Zunahme von Wind- und Sonnenstrom im Netz nehmen die Börsenpreise immer häufiger negative Werte an: „2019 musste an 232 Stunden überflüssiger Strom durch Zuzahlung einer Entsorgungsgebühr verklappt werden“, so Kobe. Immer dann, wenn zu viel Wind- und Solarstrom ins Netz drängt und dieser im Land nicht verbraucht werden kann, verkauft ihn Deutschland zu „negativen Preisen“ an das Ausland. So verdienen z.B. die Betreiber österreichischer Pumpspeicherwerke doppelt am deutschen Strom: Bei negativem Börsenpreis pumpen sie mit diesem Strom Wasser in die Oberbecken und werden für die Abnahme des Stroms auch noch von Deutschland bezahlt. Später, wenn bei uns Dunkelflaute herrscht, werfen sie die Turbinen an und verkaufen uns Strom zu höheren Preisen zurück. Verlierer sind die Stromkunden, denn sie müssen für die EEG-Umlage aufkommen, einer für die Dauer von 20 Jahren staatlich zugesicherter Festvergütung für die Betreiber von erneuerbaren Energiequellen.

Beim Betrachten dieser Schuster-Grafik werde Professor Kobe stets an den Fisch erinnert, der bekanntlich ‚zuerst vom Kopf und vom Schwanz her stinke‘. Sowohl die immer weiter ansteigende Zahl von Stunden mit negativen Börsenpreisen, als auch die anwachsenden Kosten für den Zukauf von teurem Regelstrom zum Kompensieren fehlender Erzeugerleistung bei Dunkelflauten werde letztlich das gesamte System kollabieren lassen.

„Als profunder Kenner und tiefgründiger Analyst der Energiewende“ weise Rolf Schuster in der folgenden Grafik auf ein weiteres ernstes Problem hin, fährt Kobe fort. Hierbei gehe es um die sogenannten Leistungsgradienten, d.h. die Änderung der Einspeiseleistung pro Zeiteinheit. Untersucht wurde die größte stündliche Zunahme (grün) bzw. Abnahme (rot) eines jeden Tages seit 2010. Beide sind sowohl in den Extremwerten, als auch im Mittel stetig angestiegen, so dass es immer schwieriger wird, die notwendige Kompensation durch konventionelle Erzeugung in immer kürzerer Zeit zu realisieren.

„Strom sei nun einmal die verderblichste Handelsware der Welt“, so Kobe. Im selben Moment, in dem der Strom erzeugt wird, muss er auch verbraucht werden. Da die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Elektroenergie gleich der Lichtgeschwindigkeit ist, können Erzeuger und Verbraucher durchaus weit voneinander entfernt sein, wenn eine Verknüpfung durch das Stromnetz besteht. Allerdings können Stromüberschüsse im Netz selbst nicht gespeichert werden.

Deutschland hat nicht die benötigten Stromspeicher
Eine Lösung bestünde darin, den momentan zu viel erzeugten Strom zu speichern. Oft wird jedoch verschwiegen, dass Deutschland solche Speicher mit der notwendigen gigantischen Speicherkapazität weder jetzt zur Verfügung stehen, noch in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen werden. „In den Medien werden manchmal große zusammengeschaltete Akkumulatoren als Beispiele für Großspeicher vorgeführt. Diese dienten in Wirklichkeit aber nicht der Stromspeicherung, sondern der Feinregulierung der Netzfrequenz“, erklärt der Physiker. Und was ist mit der Idee, die Akkus der Elektroautos als Stromspeicher einzusetzen? Unterstelle man eine maximal mögliche Speicherkapazität aller PkWs in Deutschland (vorausgesetzt alle diese 47 Millionen Autos wären bereits Stromer) von maximal 2.000 GWh und vergleiche diese mit dem Bedarf bei einer Dunkelflaute von z.B. zehn Tagen, komme man schnell zu dem Ergebnis, dass sie bei weitem nicht als Speicher ausreichten. Dazu komme, dass niemand ohne Entschädigung bereit sei, die Kosten für die Zwischenspeicherung von öffentlich benötigter Elektroenergie zu tragen, denn jeder Lade-Entlade-Vorgang lasse die Akkus altern. Kobe nennt Kosten von derzeit 3 bis 10 ct/kWh, die dabei zusätzlich entstehen. Der Autobesitzer müsse dann früher als geplant einen teuren neuen Akku kaufen.

Auch das Argument, die Akkus der E-Autos seien ja nicht als Langzeitspeicher gedacht, sondern sollten Regelenergie bereitstellen, lässt der Professor nicht gelten. Für diesen Zweck würde die Gesamtspeicherkapazität zwar reichen. Trotzdem sei die Idee unsinnig, weil Regelenergie im Bedarfsfall innerhalb von Minuten bereitstehen müsse. „Wie soll das realisiert werden? Vielleicht mit einem Alarm: ´Sofort alle E-Autos an die nächste Ladesäule zum Entladen!‘, fragt Kobe. Bevor in Deutschland die Speicherfrage nicht gelöst sei, nütze auch eine Nord-Südtrasse nichts. Der Flatterstrom aus dem Norden würde über diese Verbindung augenblicklich im Süden ankommen, aber natürlich wieder als Flatterstrom. Die Probleme würden damit nur verlagert, aber nicht gelöst.

Bliebe schließlich noch die Möglichkeit, volatile Stromerzeuger notfalls abzuregeln. Dass wir auch dabei längst an der Grenze des noch Vertretbaren angekommen sind, zeigt die Situation bei den zahlreichen Windenergieanlagen in Schleswig-Holstein. Diese allein sind bereits jetzt von mehr als der Hälfte aller Abschaltungen in Deutschland betroffen. Allein im ersten Quartal 2019 hätten in diesem Bundesland 1.800 GWh Strom mehr in das Netz eingespeist werden können. Aber auch dieser „Geisterstrom“ muss laut EEG den Anlagebetreibern vergütet werden. Nach Schätzungen der Bundesnetzagentur summieren sich die Entschädigungszahlungen für sogenannte Einspeisemanagement-Maßnahmen im ersten Quartal 2019 in Deutschland auf 394 Millionen Euro. Sie sind demnach gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 60 Prozent gestiegen. Professor Kobe:

Welche Volkswirtschaft der Welt kann es sich auf Dauer leisten, mehr als eine Million Euro pro Tag zum Fenster hinaus zu werfen?“

Monitoringberichte sind Augenwischerei
Die größte Sorge bereite Professor Kobe die Versorgungssicherheit. Wenn Politiker den angeblichen Erfolg der Energiewende preisen, dem Bürger einen hohen jahreskumulierten Stromertrag von Wind- und Solaranlagen präsentieren und diesen mit dem von konventioneller Kraftwerke vergleichen, aber die nicht vorhandene sekundengenaue Verfügbarkeit von Wind- und Solarenergie verschweigen, begehen sie Augenwischerei. „Man schaue sich z.B. den Monitoringbericht des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie nach § 63 i.V.m. § 51 EnWG zur Versorgungssicherheit im Bereich der leitungsgebundenen Versorgung mit Elektrizität vom Juni 2019 an. Sofort fällt auf: Dieser Bericht ist anonym, niemand will vermutlich seine Hand für die dort getroffenen Schlussfolgerungen ins Feuer legen. Dort heißt es u.a.: ‚Insgesamt ist die Verfügbarkeit der Energieträger für die Stromerzeugung als gesichert einzuschätzen.‘ Fachkundige sind entsetzt und schlagen Alarm“, sagt Kobe. Das Energiesystem ist sehr komplex, die technologischen Anforderungen unter den Bedingungen von zeitlich schwankender Stromeinspeisung wurden in der Vergangenheit „sträflichst vernachlässigt“. Darin sieht Kobe den Hauptgrund für die aktuell immer deutlicher werdenden Konflikte bei der Umsetzung der Maßnahmen der Energiewende. Die Schuldigen seien eben gerade nicht diejenigen Bürger, sich gegen einen weiteren Ausbau von Windenergieanlagen organisieren und die sich deshalb auch schon mal mit dem Begriff „Anti-Windkraft-Taliban“ beschimpfen lassen müssen. Professor Kobe:

Wenn weiterhin wie bisher natur- und ingenieurwissenschaftlichen Prinzipien ausgeblendet werden, wird das gesamte bisherige Konzept der Energiewende platzen wie eine bunte Seifenblase. Die Energiewende hat nur einen einzigen Feind, die Unwissenheit über die physikalischen Gesetze, die ihr zugrunde liegen.“