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Europa im digitalen Abstieg

Den folgenden Beitrag möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, weil er leider den Nagel auf den Kopf trifft. Vor 1956 bis 1959 habe ich an der staatlichen Kölner Nicolaus-August-Otto-Ingenieurschule mein Ingenieur-Diplom als Nachrichtentechniker erworben. Seit 63 Jahren beobachte ich mit zunehmendem Entsetzen die deutsche Kommunikationspolitik, die mittlerweile die gesamte IT- und Übertragungstechnik beinhaltet. Der vorliegende Kommentar kommt von der Deutschen Telekom. Vielleicht erinnern sich nur noch wenige daran, dass die gesamte Nachrichten-Technik in der ehemaligen ‚Post‘ beheimatet wer. In den 60er/70er Jahren geriet dieses Gebilde ins Wanken, mein persönlicher Eindruck war, dass das viel mit Korruption zu tun hatte. Von Anfang an beherrschte Siemens als Monopolist die deutsche Kommunikations-Technik. Ich habe noch Telefon-Netze berechnen müssen, deren wichtigster Bestandteil zunächst der Heb-Dreh-Wähler war, aber dann entwickelte Siemens den Dreh-Wähler , der nicht mehr die Verbindungen rauf und runter vermittelte, sondern bereits digital gesteuert in einer Ebene, und zwar 100Positionen. Dann kam die Halbleiter-Technik, doch zu aller letzt entschied sich die Post, diese Funktionen auf Basis von Mikroprozessoren zu erfüllen.

In den USA wurde gezeigt, dass das auch ganz anders geht. Aber Siemens bestimmte in Deutschland die Richtung. Durch die EU wurde eine notwendige Öffnung über Deutschland hinaus initiiert. Die Post geriet immer mehr ins Hintertreffen. Nichtsdestotrotz setzte man immer noch auf armdicke Kabel mit hunderten von dünnen Kupferleitungen, obwohl es schon wesentlich zukunftsträchtigere Methoden gab, z. B. das sogenannte Koaxial-Kabel, welches besonders von dem Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling eingeführt wurde, das erst sein Lieblingskind, das sogenannte Kabelfernsehen, vorantrieb. Öfters habe ich mit ihm diskutiert, denn ich war zu dieser Zeit der 1. Vorsitzende der Vereinigung der Deutschen Wissenschaftsjournalisten, der Wissenschaftspressekonferenz WPK.org. Damals zeichnete sich schon ab, dass Glasfaserkabel wesentlich effektiver große Datenmengen, die z. B. durch Übertragung von Fernsehen, übertragen konnten. Ich warf ihm vor, aus Deutschland aus durchsichtigen Gründen ein Kupferbergwerk zu machen, denn er hatte einen bestimmten Grund: Seine Familie besaß eine große Bleibatterie-Fabrik mit Namen Sonnenschein. Diese mittelgroßen Blei-Akkus wurden beim Einsatz der Koaxial-Kabel alle fünf bis zehn Kilometer benutzt, um die notwendigen Verstärker zur Verfügung zu stellen. Bei Glasfaser war das nicht nötig. Schon damals hätte man das, was heute mit großem Investitions-Aufwand nachgeholt wird, preisgünstig haben können.

Aber dann kam noch ein großer Sündenfall: Als die Frequenzen für die drahtlose Kommunikation der Zukunft, also für unsere Handys, verteilt werden sollten, hat der Finanzminister zugeschlagen. Mittlerweile war die Post aufgeteilt in Brief- und Paket-Post und in die Telekom. Letztere war für die Versteigerung dieser Frequenzen verantwortlich, nachdem sie sich als Aktiengesellschaft privatisiert wurde. Derjenige, der allerdings diese Volksaktien erwarb, hatte auf lange Sicht mit Zitronen gehandelt. Ein Boss mit Namen Sommer musste mit ansehen, dass der Kurswert innerhalb kürzester Zeit von über 100 Euro pro Aktie auf unter 10  Euro abstürzte. Der Deutsche Staat hat zwar mit diesen Versteigerungen Milliarden Euro eingenommen. Auch dies war eine Milchmädchen-Rechnung, denn dieses Geld fehlte beim Aufbau effizienter Netze. Irgendwie mussten sich die Firmen, die die Rechte erworben hatten, das Geld von ihren Kunden, also uns Bürgern, wieder zurück holen.

Auch heute noch ist Deutschland – obwohl markwirtschaftlich aufgeteilt – am teuersten in ganz Europa, was die Kosten für drahtlose Breitband-Kommunikation anbelangt, also wenn wir per Handy, Tablet oder gar Fernsehen Programme empfangen wollen.

Der Fehler wurde wieder gemacht, als jetzt das sogenannte 5G-Netz in Betrieb ging. Dieses benötigt viel mehr Minisender und trotz aller Auflagen und Bekundungen steht Deutschland in Europa ganz hinten an. Vielleicht ist das mit einer der Gründe dafür, dass Deutschland zum Entwicklungsland der Digitalisierung mutierte.

Nur ein persönliches Beispiel: Mein Sohn, der Professor in Frankreich ist, hat für mich ein Smartphone gekauft, mit allem Drum und dran, also auch mit 5G. Der monatliche Betrag dafür liegt weit unter den deutschen Preisen. Trotzdem, während ich in Deutschland einen Vertrag habe, die mir monatlich 5 Gigabit Datenvolume gibt, zahle ich in Frankreich 60 Gigabit. Also leiste ich mir den Luxus, mit dem französischen in ganz Europa ohne Grenzen kostenlos zu telefonieren und meine Daten abzurufen und überall einen Hotspot mit dem Handy einzurichten. Das Datenvolumen reicht dafür bei weitem aus. Der große Vorteil, das Smartphone sucht sich stets den Provider, der das stärkste Signal liefert, überall in Europa.

Ich wollte nur einige Aspekte darstellen, warum Deutschland so schlecht im Verhältnis zu allen anderen Ländern im Nachteil liegt, und dass diese Kleinstaaterei auch Europa insgesamt in der Entwicklung beeinflusst.

Lesen Sie dazu den sehr interessanten Auszug aus ‚Morning Briefing‘ von Gabor Steingart

(Morning Briefing) – Erfolgreiche Wirtschaftsführer liefern nicht nur gute Ergebnisse für ihre Aktionäre, sondern besitzen immer auch einen Röntgenblick – mit dem sie die Welt der Politik durchdringen. Sie beherrschen das, was Max Weber „die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens“ nannte.

Wenn Telekom-Chef Tim Höttges mit eben jener geschulten Rücksichtslosigkeit auf die europäischen Realitäten schaut, dann erkennt er einen Kontinent im Abstieg – allen Deklarationen der Politiker zum Trotz.

Der heute 59-Jährige, der im Alter von 37 Jahren zur Telekom stieß, kennt die Versprechungen vom vereinten Europa, von der Schicksalsgemeinschaft, der Werteunion, dem Binnenmarkt. Und er kommt zu der kühlen Erkenntnis, dass nichts davon auf ihn und die Telekommunikationsindustrie zutrifft.

Das Europa, in dem er und seine Firma navigieren, ist regulatorisch zerklüftet und zuweilen regelrecht zerfressen vom Egoismus der Nationalstaaten. Die Politiker sagen „wir“ und meinen sich. Sonntags fordern sie die beschleunigte Digitalisierung, um sie montags bis freitags zu blockieren. Das Ergebnis ist eine Situation, bei der ausgerechnet Europas Schlüsselindustrie weiter zurückfällt:

  • 5G bedeutet die schnellste mobile Datenübertragung, die es derzeit gibt. Aber nur für 62 Prozent der europäischen Bevölkerung steht dieser Standard wenigstens theoretisch zur Verfügung. In den USA sind es rund 93 Prozent und in Südkorea 94 Prozent. Das bedeutet: Die Digitalisierung – mit allen davon abhängigen Geschäftsmodellen – verläuft bei uns im Schneckentempo. Europa bildet weltweit das Schlusslicht.
  • Die Gesamtheit der europäischen Telekommunikationsfirmen investierte 2018 rund 55 Prozent ihrer Vorsteuer-Gewinne – und bringt es dennoch nur auf eine pro-Kopf-Investition der europäischen Bevölkerung von 95 Euro. Die amerikanischen Telekommunikationsunternehmen investieren keine 40 Prozent ihrer Gewinne und schaffen damit eine pro-Kopf-Investition von über 210 Euro. Das heißt: Europas Firmen gehen in die Vollen und fallen trotzdem weiter zurück.
  • Weil die europäischen Staaten ihre Telefonfirmen als nationale Heiligtümer betrachten, herrscht in Europa auch im Zeitalter der digitalen Vernetzung und Globalisierung die Kleinstaaterei. 447 Millionen Einwohner werden von mehr als 100 Mobilfunkbetreibern bedient. In Amerika werden gut 330 Millionen Einwohner von drei nationalen Mobilfunkbetreibern versorgt. Das bedeutet, dass in Europa das Geld der Telefonkunden für kostspielige Konzernzentralen und bürokratische Doppel-, Dreifach- und Zehnfach-Strukturen ausgegeben werden muss.
  • Die Investoren an den internationalen Kapitalmärkten sind zu der brutalen Erkenntnis gelangt, dass dieses Spiel für Europa nicht zu gewinnen ist. Die Börsengeschichte der europäischen Telekommunikationsfirmen ist daher eine Geschichte des Niedergangs. 57 Prozent Wertverlust allein in den Jahren zwischen 2010 und 2020. In Amerika legte im gleichen Zeitraum die Börsenkapitalisierung der Telcos um 213 Prozent zu.

Fazit: Im Bereich der Telekommunikation ist die Politik außen europäisch, aber innen hohl. Realität und Rhetorik sind den Politikern außer Sichtweite geraten. Zu viele von ihnen pflegen nicht den Diskurs, sondern das Selbstgespräch.

Globalisierung am Ende ?

(Handelsblatt) – Seit Monaten leiden Unternehmen an fehlendem Material, ob Mikrochips, Rohstoffe oder Brennstoffe. Die Engpässe haben Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf den Plan gerufen.

Mit Milliardensubventionen will der Minister Fabriken zur Produktion von Halbleitern nach Deutschland holen, um unter anderem die Abhängigkeit von Asien zu verringern. Darüber wird Habeck am Montag auch mit seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire in Paris sprechen. Frankreich drängt seit langem darauf, die europäische Souveränität auch wirtschaftlich zu stärken.

Manch einer sieht das schon als Blaupause für einen generellen Wandel der Wirtschaft hin zu mehr nationaler Autonomie und weniger internationalem Handel. Schon vor der Pandemie hatte sich die Globalisierung verlangsamt. Als durch Corona auch noch Lieferketten blockiert wurden, hat das insbesondere deutsche Unternehmen schwer getroffen.

Ist die Turboglobalisierung endgültig am Ende?

Fünf Analysen aktueller Handelsströme und von Zukunftsszenarien für Deutschland lassen einen klaren Schluss zu: Die Globalisierung ist nicht an ihrem Ende angelangt. Sie wandelt sich aber grundlegend.

1. Deutschland handelt so viel mit dem Ausland wie nie zuvor

Trotz Lieferengpässen brummt der deutsche Außenhandel. Waren im Wert von mehr als 125 Milliarden Euro exportierte Deutschland allein im November, der Import lag bei 114 Milliarden Euro – beides Rekordwerte. Gleichzeitig geht die Wirtschaftsleistung seit dem späten Herbst sogar zurück.

„Wir hatten im Welthandel ein perfektes V“, sagt Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). Nach dem Abschwung sei die Phase der Stagnation im Welthandel, mit der viele gerechnet hätten, nicht gekommen.

Getrieben wird die Entwicklung von der weltweit überdurchschnittlichen Nachfrage. Weil die Menschen während der Lockdowns ihr Geld nicht für Dienstleistungen, etwa im Kino oder beim Friseur ausgeben konnten, investieren sie es stattdessen in Waren. Allerdings ist die Produktion durch die Lieferengpässe noch immer eingeschränkt. Deutschlands Außenhandel könnte also noch viel stärker anziehen.

Trotz Omikron ist bislang nicht abzusehen, dass es doch noch zu einem Einbruch kommen könnte. Die Auslandsnachfrage war im Dezember zuletzt zwar etwas zurückgegangen. Sie liegt aber noch deutlich über dem Vorkrisenniveau.

2. Deutlich schnellere Erholung als nach der Finanzkrise

Die Weltfinanzkrise von 2008 hat die Globalisierung bereits nachhaltig verändert. Während das globale Handelsvolumen vom Anfang der 2000er-Jahre bis zur Finanzkrise jährlich rund 1,5-mal so schnell wuchs wie die Weltwirtschaft, nahmen Handel und Wirtschaftsleistung bis 2019 nur noch gleich schnell zu.

Manchem Globalisierungsgegner erscheint die Pandemie wie der optimale Abschied von der Internationalisierung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der deutsche Außenhandel hat sich viel schneller von den Problemen als damals erholt.

Etwas mehr als eineinhalb Jahren nach Ausbruch des Coronavirus in Deutschland haben die Exporte das Vorkrisenniveau schon wieder erreicht. Nach der Finanzkrise hatte das mehr als vier Jahre gedauert.

3. Deutschland kann sich ein Ende der Arbeitsteilung nicht leisten

Der Modekonzern C&A denkt um: Eine neue Fabrik hat das Unternehmen nicht in Asien, sondern in Mönchengladbach errichtet. Bis zu 800.000 Jeans pro Jahr will C&A dort herstellen. Kann das eine Blaupause für die gesamte deutsche Wirtschaft sein?

Das Ifo-Institut hat errechnet, was passieren würde, wenn jegliche Produktionen nach Deutschland zurückgeholt würden – „Reshoring“ nennt sich das. Die deutsche Wirtschaftsleistung würde laut dem Modell um fast zehn Prozent zurückgehen.

„Gäbe es einen globalen Trend hin zu stärker national ausgerichteten Lieferketten, stünde für die deutsche Wirtschaft sehr viel auf dem Spiel“, sagt Lisandra Flach, Leiterin Außenwirtschaft am Ifo. Auch die Wirtschaftsleistung der deutschen Handelspartner würden schrumpfen.

Neben dem „Reshoring“ wird das „Nearshoring“ diskutiert, bei dem die Produktion in der EU, in Nordafrika und in der Türkei angesiedelt würde. Doch auch dieses Vorgehen würde die deutsche Wirtschaftskraft um 4,2 Prozent schmälern.

Das Unternehmen muss sich Alternativen suchen: Diversifizierung und Puffer. „Anstatt sich nur auf einen Lieferanten zu verlassen, sollte man Ersatzlieferanten finden, um das Risiko zu senken“, erklärt Reinwald.

Bislang sind die Lieferbeziehungen deutscher Firmen nicht besonders divers. Importe, die nicht anderen EU-Ländern, der Schweiz oder Großbritannien entstammen, kommen zu einem Drittel aus China und einem Sechstel aus den USA.

Doch die Lieferengpässe bewegen zum Umdenken: Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen wollen ihre Lieferketten anpassen, zeigt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Wert legen dabei 78 Prozent auf die Zuverlässigkeit. Das Preis-Leistungs-Verhältnis spielt nur noch für zwei Drittel eine Rolle.

Darüber hinaus dürfte die Lagerhaltung der Unternehmen steigen. „Eine komplette Abkehr von der Just-in-time-Produktion wird es nicht geben“, vermutet Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft. „Aber einen Krisenpuffer werden die meisten aufbauen.“

Die Bedeutung des Lesens für begreifliche Bildung

(Readly) – Wer liest warum? Diese und andere Fragen rund um das Leseverhalten sind Gegenstand der von Readly beauftragten YouGov-Studie*. Im Vergleich mit 10 anderen Märkten findet sich als Antwort für Deutschland: Die Leser*innen fühlen sich in erster Linie inspiriert (21 %), während andere Länder ihren Fokus auf Wissensaneignung (Italien 53 %; Schweiz 54 %) oder Entspannung (Niederlande 37 %) legen.

Doch Inspiration ist nicht der einzige Grund für das Leseverhalten der Deutschen.

Durchschnittlich 44 % und damit fast jeder zweite Deutsche gibt an, dass ihm das Lesen ermöglicht, sich weiterzubilden und zu lernen. In den Altersgruppen der 40-49-Jährigen (45 %) über 60-Jährigen (48 %) ist dieser Aspekt überdurchschnittlich präsent. Für letztere spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass Lesen ihnen neue interessante Inhalte für den Austausch mit anderen bietet (15 %).

Deutsche Leser*innen wollen auf dem Laufenden bleiben. Besonderes Interesse an Informationen zeigen die 50-59-Jährigen (46 %) und die über 60-Jährigen (57 %) – insbesondere dann, wenn sie in Bayern (45 %), Berlin, Sachsen oder Thüringen zuhause sind.

Lesen wird nicht nur zur Inspiration und Information genutzt, sondern es entspannt die deutschen Leser*innen auch (32 %). Besonders die 50-59-Jährigen (36 %) und die über 60-jährigen (35 %) nutzen die entschleunigende Wirkung, um Ruhe und Zeit für sich zu finden. Circa 22 % möchten beim Lesen unterhalten werden. Überdurchschnittlich viele 40-49-Jährige (25 %) lesen mit dieser Intention oder nutzen die Lektüre zur Ablenkung (18 %).

„Mit unserem Portfolio von 1.500 deutschen und 7.500 internationalen Magazinen -und Zeitungen können wir viele Lesewünsche, erfüllen. In unseren weltweit 140.000 bereitgestellten Magazinausgaben findet sicher jede*r Inspirationen, Entspannung und das Maß an Information, das in der jeweiligen Situation gewünscht ist“; sagt Jan Sebastian-Blender, Head of Content von Readly.

* Die Umfrage wurde vom Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von Readly durchgeführt. Vom 24.-26. November 2021 fanden Interviews mit 12.374 Befragten über 18 Jahren aus Schweden, Deutschland, UK, der Schweiz, Österreich, Frankreich, den Niederlanden, USA, Australien und Italien statt.

Klimaumbau der Industrie könnte bis zu 40 Milliarden Euro kosten

Meines Erachtens ist dieser Betrag viel zu niedrig, es sei denn, die für Deutschland so wichtigen Industriebereiche wie Stahl und Automobil verlassen Deutschland und lagern sich mit gleichem CO2-Ausstoß in China an.

Jean Pütz

Kriegsgefahren auch aus den Weltmeeren – NATO hin, NATO her

(Konrad Adenauer Stiftung) – An entscheidenden Orten ihres Bündnisgebiets ist die Atlantische Allianz zunehmend verwundbar geworden: Tiefsee, Cyberspace und Weltraum fordern die Sicherheit der NATO-Mitgliedsstaaten in unterschiedlichen Dimensionen heraus. In diesen Konflikträumen der Zukunft verschwimmen die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit; dort legt die Bedrohung von Kritischen Infrastrukturen die technologische Fragilität der Allianzmitglieder verstärkt offen. An der Seite seiner Verbündeten wird Deutschland in seine Widerstands- und Regenerationsfähigkeit investieren müssen, wenn es die Sicherheit seiner Bürger wahren, zukünftig in Freiheit prosperieren und im 21. Jahrhundert nicht zum Spielball fremder Interessen werden will.

In der Tiefsee verbirgt sich ein essentieller Teil unserer Kritischen Infrastruktur: Pipelines für die Energieversorgung oder Tiefseekabel, über die heute rund 98 Prozent aller weltweiten Daten übermittelt werden. Im arktischen Raum zeichnet sich ein Ressourcenkonflikt ab, seitdem durch das Abschmelzen der Pole neue Öl-, Gas- und Metallvorkommen einfacher erschlossen werden können. Während die Deutsche Marine derzeit die größte Aufgabenvielfalt ihrer Geschichte mit der kleinsten Flotte seit ihrer Gründung erfüllen soll, schlafen unsere Rivalen nicht: Seit der Indienststellung des Atom-U-Boots „Belgorod“ und der Entwicklung des Torpedos „Poseidon“ verfügt Russland über eine verstärkte Zweitschlagskapazität, die die maritime Sicherheit der Allianz aus der Tiefe bedroht. Auch die Volksrepublik China ist seit vielen Jahren im arktischen Raum aktiv und hat mittlerweile die weltgrößte Marinestreitmacht aufgebaut.

Fusionsreaktor JET erzielt neuen Weltrekord

Schon 1970 – also vor über 50 Jahren – habe ich in meiner Sendereihe ‚Energie, die treibende Kraft‘, sie umfasste 13 Folgen, der Fusionsenergie eine ganze Folge gewidmet. Meine Recherchen führten mich vor allen Dingen nach Deutschland, nach Garching bei München zum Max-Plank-Institut. Dort – aber natürlich auch in vielen anderen Ländern, insbesondere in Frankreich und Großbritannien wurde ebenso geforscht, ja, es entstand sogar ein europäischer Forschungsverbund. Überall versicherte man mir, dass spätestens in vierzig Jahren die Welt auf diese grenzenlose Fusionsenergie zugreifen könnte. Schon damals war ich skeptisch, denn man benötigt, um  die Energiequelle der Sonne auf die Erde zu holen, mehr als 100 Mio. Grad Celsius. Das gelang aber nur auf zerstörerischer Weise in der Wasserstoffbombe, in deren Innerem eine Atombombe durch Kernspaltung diese Temperatur erzeugte. Das führte zu einer unkontrollierbaren Fusions-Explosion, wie wir aus extremen Experimenten z. B. auf bedauerlichen Atolls im Pazifik beobachten konnten.  Der Radioaktive Abfall, genannt Fallout, der dabei entstand, war so furchtbar, dass diese Inseln heute noch nicht bewohnbar sind.

Das Problem ist, dass es keine Materialien gibt, die hunderte Millionen von Grad Celsius aushalten. Deshalb hat man von Anfang an auf den Magnetismus gesetzt, bei diesen Temperaturen wird alle Materie elektrisch leitend, sie werden zum Plasma, und die lassen sich durch Magnetfelder beeinflussen, z. B. komprimieren.

Wie Sie in der Pressemeldung der europäischen Fusionsforschungs-Institute lesen können, ist es nun gelungen, dieses magnetisch eingefangene Plasma in einem weit von der Wand des Reaktors entfernten Innen-Bereichs zu erzeugen, und diese Fusion einige Sekunden aufrecht zu erhalten. Die Materialien Deuterium und Tritium – das sind Wasserstoffkerne, die zum Proton des normalen Wasserstoffs im Kern auch noch ein zusätzliches Neutron (Deuterium) oder zwei Neutronen (Tritium) besitzen. Man kann auch von schwerem Wasserstoff reden. Diese Wasserstoff-Isotope findet man ausreichend im normalen Wasser der Weltmeere, so dass der Traum von der unbegrenzten Energiequelle Realität bekommen könnte. Allerdings besteht bisher das Problem darin, dass mehr Energie in die Auslösung des Prozesses gesteckt werden muss, als dabei heraus kommt. Es besteht aber jetzt Hoffnung, dass ein Energieüberschuss entsteht, so dass die Fusion sich selbst aufrecht erhält.

Damals waren es 40 Jahre, die mir prognostiziert wurden, diese Zeitspanne hat sich offenbar bis heute nicht geändert. „Könnte es sein, dass die Zeit-Dilatation, die in Albert Einsteins Relativitätstheorie eine wichtige Rolle spielt,  hier ihren Einfluss geltend macht??“ Aber Spaß beiseite, jedenfalls in den nächsten 30 bis 40 Jahren ist mit einem Erfolg nicht zu rechnen, so dass diese CO2-neutrale Energieerzeugung nicht dazu beitragen kann, die konkreten Klimaprobleme zu lösen. Bleibt halt nur der Ausweg, auf regenerative Energien aus dem Fusions-Reaktor unserer Sonne zu setzen, so schwer es auch fällt.

Jean Pütz

(pte) – Ein europäisches Forscher-Team unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) http://ipp.mpg.de und des Forschungszentrums Jülich http://fz-juelich.de haben in Sachen Fusionsenergie einen neuen Weltrekord aufgestellt. Ort des Geschehens war der weltweit größte Experimental-Fusionsreaktor JET im britischen Culham nahe Oxford. Fünf Sekunden lang verschmolzen in dem von mächtigen Magnetkräften eingeschlossenen Plasma Deuterium und Tritium, Isotope des Wasserstoffs, zu Helium. Dabei wurde eine Wärmeleistung von 59 Megajoule freigesetzt, mehr als doppelt so viel wie bei einem Experiment aus dem Jahr 1997 in der gleichen Anlage.

Zu klein für Netto-Energiegewinn

In der Einheit Leistung (Energie pro Zeit) ausgedrückt, erreichte JET etwas mehr als elf Megawatt über fünf Sekunden. Der bisherige Energierekord aus dem Jahr 1997 lag bei knapp 22 Megajoule Gesamtenergie und 4,4 Megawatt Leistung im Durchschnitt über fünf Sekunden. Die Energie, die zugeführt wurde, um die Fusion in JET in Gang zu setzen, war jedoch weitaus größer. Dass die Fusion nicht aufrechterhalten werden konnte, hat die Forscher aber nicht geärgert. Insgesamt sind in Culham mehrere 100 Wissenschaftler aus zahlreichen Ländern beschäftigt. Die Brennkammer von JET ist einfach zu klein, um einen Netto-Energiegewinn zu erzielen.

Der jetzige Erfolg zeigt, dass die Chancen für den weitaus größeren Fusionsreaktor ITER, der im französischen Cadarache gebaut wird, groß genug sind, ein länger dauerndes Plasma – so nennt man das über 100 Mio. Grad Celsius heiße Gemisch aus Deuterium und Tritium in der Brennkammer – zu erzeugen und sogar einen Energieüberschuss zu erzielen. JET war zuvor mit einer neuen Brennkammerwand ausgestattet worden, die aus dem gleichen Material besteht wie bei ITER: Aus einer Legierung aus Beryllium und Wolfram. Diese schluckt nicht so viele Neutronen wie die frühere Wandverkleidung aus Kohlenstoff. Diese „Leckage“ kühlt das Plasma ab, sodass die Fusion erstirbt.

Wissensvorsprung für ITER erreicht

„Die jüngsten Experimente im JET sind ein wichtiger Schritt hin zu ITER. Was wir in den vergangenen Monaten gelernt haben, wird es uns erleichtern, Experimente mit Fusionsplasmen zu planen, die wesentlich mehr Energie erzeugen, als für ihre Heizung benötigt wird“, so Sibylle Günter, wissenschaftliche Direktorin des IPP. Begeistert vom Ergebnis ist auch ITER-Generaldirektor Bernard Bigot: „Für unser Projekt sind die JET-Ergebnisse ein deutlicher Hinweis darauf, dass wir auf dem richtigen Weg sind, um die volle Fusionsleistung zu demonstrieren.“

Krieg oder Frieden, das ist die Schicksalsfrage Europas

Nicht nur der russische Dichter Lew Tolstoi hat seinen berühmten Roman diesem Thema gewidmet, auch unsere Großväter, Väter und meine Generation als Jugendliche haben die konkreten Folgen von Kriegen erleben müssen, wenn sie überhaupt überlebt haben. Mein deutscher Großvater ist z. B. im Ersten Weltkrieg an der Somme gefallen, eine unangebrachte Bezeichnung für eine spezielle Art von Hinrichtung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, den ich persönlich mit allen Schrecken erleben musste, haben wir nie für möglich gehalten, dass der Kriegt jemals in Europa wieder als Mittel der Politik eingesetzt würde. 75 Jahre Frieden – soll das jetzt vorbei sein? Die Vereinigung Europas hat das bisher möglich gemacht.
Diesen Kommentar verfasse ich heute aus der Europa-Stadt Straßburg. Das Video ist deshalb leider technisch nicht so ganz perfekt, doch ich fühlte mich dazu veranlasst, weil diese Stadt ein Symbol für Frieden und Überwindung einer Erbfeindschaft zwischen Franzosen und Deutschen darstellt. So etwas ist auch mit Russland möglich. Ich weiß nicht, ob Politiker so vergesslich sind, aber offenbar sind ihnen Ideologien wichtiger, als dass Menschen in Frieden leben können. Es ist nicht zu leugnen, dass derzeit große Gefahr besteht, in eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine hineingezogen zu werden.
Auch die Ukraine ist kein Musterknabe was Demokratie und Einhaltung von Verhandlungsergebnissen anbelangt. Frieden oder wenigstens eine Art Waffenstillstand kann nur entstehen, wenn man beiderlei Interessen miteinander vergleicht und zu einem Ausgleich kommt. Putin, als vom Westen und der NATO deklarierter Kriegstreiber, hat legitime Interessen, die er jetzt gerade In Moskau ganz deutlich gegenüber dem französischen Präsidenten, Emmanuel Macron, artikuliert hat. Der Westen, insbesondere die USA und die NATO, täten gut daran, wenn sie diese Interessen berücksichtigen würden. Der berühmte SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi, hat heute, am 09. Februar im Deutschlandfunk ein Interview gegeben, in dem deutlich zum Vorschein, dass die NATO-Erweiterung bis an die Grenzen Russlands ein historisch großer Fehler war. Verantwortlich dafür wären besonders die Politik der USA und in deren Gefolge die der NATO-Staaten.
Hier der Link zu diesem Hörfunkkommentar:
Ich hoffe, dass diese klugen Aspekte in zukünftigen Verhandlungen wesentlich mit prägen. Sollte ein Krieg tatsächlich entstehen, würden die angedrohten Sanktionen nur Deutschland schaden – Stichwort: Ostsee-Pipeline. China steht bereit, Russland die dadurch entstehenden Nachteile umgehend zu kompensieren. Ist die Ukraine, in der vorwiegend Oligarchen das Sagen haben, das Wert?
Als unverschämt und anmaßend empfinde ich, was der ukrainische Botschafter, Andrij Melnyk in Berlin im Presseinterview verkündet hat. Er beschimpft die Deutschen, dass sie der Ukraine keine Waffen liefern. Hoffentlich bleibt die Regierung der Ampelkoalition bei der Ablehnung und erträgt das Drängen auch mancher NATO-Staaten, die die BRD als wenig solidarisch bezeichnen.
Frieden ist wichtiger als alles und ein Krieg ist niemals durch Lieferung von Waffen verhindert worden. Nur kluge Diplomatie hilft weiter. Die russischen Bürger sind keine Erbfeinde.
Folge 249 Der Vernunft eine Chance

 

Rücksichtslose Weltmacht: China

(Morning Briefing) – Wer die Welt – und sei es nur für ein paar Minuten – mit den Augen von Xi Jinping betrachtet, wird eine faszinierende Entdeckung machen. Der chinesische Staatschef und KP-Generalsekretär, der keine Status-quo-Macht, sondern eine Weltmacht im Werden verkörpert, sieht vor sich nicht nur das, was die Amerikaner als „window of opportunity“ bezeichnen, sondern er sieht vor sich eine ganze „world of opportunities“.

Ein ums andere Mal weicht sein großer Gegenspieler, der Westen, freiwillig zurück. Amerika spitzt die Lippen. Aber pfeift nicht. Man droht, ohne zu handeln. China muss nichts weiter tun, als bei dieser historischen Entladung von Weltmachtenergie zuzuschauen. Fast könnte man meinen, Amerika sei als John Wayne gestartet um als Monty Python zu landen.

Die Geschichte der vergangenen drei Jahrzehnte ist eine Geschichte des Rückzugs:

Die ehemals britische Kronkolonie Hongkong wurde am 1. Juli 1997 feierlich an die Volksrepublik China übergeben. Im „Hongkonger Grundgesetz“ hat man demokratische Grundrechte für die 7,5 Millionen Bewohner von Hongkong niedergeschrieben, die seither lustvoll ignoriert werden. Hongkong ist heute das kapitalistische Kronjuwel der Volksrepublik China.

Präsident Barack Obama kündigte im Syrienkonflikt dem dortigen Machthaber Baschar al-Assad Vergeltung an, wenn er die rote Linie überqueren würde:

Die rote Linie wurde überquert. Am 23. August 2013 starben in der Region Ghuta östlich von Damaskus durch eine Reihe von Giftgasangriffen rund 1700 Menschen. Obama zauderte. Heute ist er Geschichte und der syrische Machthaber sitzt fester im Sattel denn je.

Russlands Präsident Putin marschierte am 27. Februar 2014 auf der Halbinsel Krim ein und verschmolz die bis dahin ukrainische Republik mit seiner Russischen Föderation. Der UN Sicherheitsrat tagte; das Weiße Haus tobte und Putin bekam, was er sich genommen hatte.

Präsident Donald Trump war der Weltmeister im politischen Schattenboxen. Er wollte Amerika großartig machen und einigte sich schließlich mit den Taliban auf die kampflose Übergabe Afghanistans. Nachdem Joe Biden diese Verabredung durch den Rückzug aus Kabul in die Realität umgesetzt hat, darf wieder gesteinigt und geköpft werden. Oder um in den abgewandelten Worten des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Peter Struck zu sprechen:

An der ukrainischen Ostgrenze ist eine neuerliche Unterhöhlung staatlicher Autorität durch die Russen zu beobachten. An die 650.000 Bewohner in den nicht anerkannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk wurden bereits russische Pässe ausgegeben. In Reichweite stehen rund 100.000 russische Soldaten.

Der ehemalige außenpolitische Berater von Angela Merkel und künftige Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Christoph Heusgen fordert Waffenlieferungen an die Ukraine, damit Kiew wenigstens seine Selbstverteidigung organisieren kann. Die neue Bundesregierung verweigert sich dem Ansinnen: „Die wichtigste geopolitische Erkenntnis dieser Tage ist die anhaltende Schwäche der europäischen Außen- und Verteidigungspolitik”, schreibt Dr. Robert Kelly in „19FortyFive”.

Der chinesische Machthaber kann aus alledem nur einen Schluss ziehen: Wenn er eines womöglich nicht mehr so fernen Tages die abtrünnige Provinz Taiwan annektieren sollte und die 24 Millionen Taiwanesen in das 1,4 Milliarden Volk einverleibt werden, werden sich viele Münder, aber keine Hände regen. Die Annexion Taiwans werden die ihre Freiheit liebenden Taiwanesen verhindern – oder niemand.

Fazit: Der Westen war früher ein Schwergewichtsboxer und ist heute ein Bodybuilder, der sich vom Kämpfen aufs Posing verlagert hat. Man will nicht mehr siegen. Man will imponieren. Und das vor allem dem heimischen TV-Publikum.

Und der Mann in Peking? Hält ohne eigenes Zutun plötzlich eine Carte blanche in der Hand. Der Tag, an dem er sie ausspielt, wird für uns kein fröhlicher sein.

Ein weiterer Grund zur Freude für Xi Jinping: Am Freitag starten die 24. Olympischen Winterspiele in Peking. Allerdings: Es regt sich Widerstand. Nicht nur aufgrund der umstrittenen Menschenrechtslage im Reich der Mitte, sondern auch aus Umweltaspekten. Die Geografie-Professorin Carmen de Jong von der Uni Straßburg vertritt die These:

Die Spiele werden die am wenigsten nachhaltigsten aller Zeiten. “

Dass Olympische Spiele eine hohe Belastung für Mensch und Umwelt bedeuten, ist nicht neu. In Peking werden aber nochmal neue Dimensionen erreicht. Hier ein paar Fakten:

  • Es existiert so gut wie kein natürlicher Schneefall in der Region. Für den ordnungsgemäßen Ablauf der Skirennen werden in etwa 185 Millionen Liter Wasser zur Produktion von Kunstschnee benötigt.
  • Wegen des geringen Niederschlags in der Region gelangt das Wasser über kilometerlange Pipelines, die unterirdisch neu verlegt wurden, in die Skigebiete

Geimpft oder Genesen: Drei Kontakte mit dem Spike-Protein führen zu gutem Immunschutz

(Helmholtz) – Laut einer neuen Studie unter Leitung von Ulrike Protzer erreicht eine Durchbruchsinfektion mit SARS-CoV-2 nach zwei Impfungen den gleichen Schutzeffekt wie eine dritte Impfung. Entscheidend für die Immunität ist, so die Studie von Helmholtz Munich, LMU und TUM, dass das Immunsystem drei Kontakte zum viralen Spike-Protein hatte. Nur so kann es ausreichend hochwertige Antikörper bilden, die den Körper auch für künftige Varianten wappnen.

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie verändert sich das Coronavirus SARS-CoV-2 immer weiter. Neue besorgniserregende Varianten breiten sich rasant aus: eine Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte, denn als Frage bleibt, wie es gelingt, Menschen bestmöglich gegen Infektionen mit künftigen Virusvarianten zu schützen.

Antworten hat ein Team um Ulrike Protzer (Institut für Virologie von Helmholtz Munich und der Technischen Universität München), Percy A. Knolle (Klinikum rechts der Isar der TUM) und Oliver T. Keppler (Max von Pettenkofer-Institut und Genzentrum der LMU) in einer Kollaboration im Rahmen des Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) gefunden. Wie das Team in einer neuen Studie belegt, braucht das Immunsystem insgesamt drei Kontakte zum Spike-Protein als viralem Antigen, damit sich neutralisierende Antikörper nicht nur in ausreichender Menge, sondern auch in hoher Qualität bilden. Das ist laut Studie in drei Konstellationen möglich: nach Dreifach-Impfung (Grundimmunisierung und Booster), nach Infektion und zweifacher Impfung sowie nach zwei Impfungen und einer Durchbruchsinfektion.

„Unsere Studie zeigt, dass dreifach geimpfte Personen ohne vorige SARS-CoV-2-Infektion das Virus genauso gut neutralisieren können wie geimpfte Genesene oder geimpfte Personen, die eine Durchbruchsinfektion hatten“, erklärt Ulrike Protzer. „Damit wissen wir nun, dass eine durch Impfung aufgebaute beziehungsweise verstärkte Immunität zwar der wichtigste Schlüssel zu einem effektiven Schutz vor zukünftigen Varianten des Virus ist, aber auch eine Durchbruchsinfektion, auch wenn sie unschön ist, den Effekt einer zusätzlichen Impfung hat.“

Hintergrund der Studie
Für die Studie wurden seit Beginn der Pandemie 171 Freiwillige aus dem Kreis der Mitarbeitenden am Klinikum rechts der Isar der TUM rekrutiert und regelmäßig untersucht. Hierbei wurde eine Gruppe identifiziert, die sich in der ersten Pandemie-Welle im Frühjahr 2020 mit SARS-CoV-2 infiziert hatte, und eine zweite Gruppe, die sich nicht infiziert hatte. Später wurden beiden Gruppen Impfungen mit dem mRNA-basierten COVID-19-Impfstoff von BioNTech/Pfizer angeboten, und sie wurden knapp zwei Jahre lang nachverfolgt. Die Kohorte umfasste 98 Genesene und 73 Personen ohne vorherige Infektion. Beide Gruppen waren hinsichtlich ihres Geschlechts, Alters, hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und hinsichtlich weiterer Risikofaktoren vergleichbar. Die Forschenden bestimmten aus dem Blut der Proband*innen mehrere Parameter: die Menge der Antikörper (IgG), die Stärke der Bindung zwischen Virus-Protein und Antikörper sowie die Fähigkeit von Antikörpern, SARS-CoV-2 Varianten in Zellkultur zu neutralisieren. Die beiden erwiesen sich als sind besonders wichtig, um das Ausmaß der schützenden Immunität abzuschätzen.