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EU-Kommission will ihr eigenes Internet aus dem Weltall aufbauen

(FAZ) – Als nach der Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli vielerorts die Internetverbindungen ausfielen, war Elon Musk zur Stelle. In wenigen Tagen baute sein Unternehmen Starlink drei Dutzend Stationen auf, mit denen sich die Menschen per Satellit mit dem Internet verbinden konnten. Für Musk war das die perfekte Werbung. 20 bis 30 Milliarden Dollar will er in sein satellitenbasiertes Internet stecken.

Ein Netz von bis zu 50.000 Satelliten könnte irgendwann das Internet bis in die entlegensten Winkel der Welt bringen. Schon jetzt kreisen 2000 Starlink-Satelliten im erdnahen Orbit. Auch Jeff Bezos’ Amazon investiert Milliarden in das Konkurrenzprojekt „Kuiper“. Russland und China haben eigene Projekte für Breitband aus dem All angekündigt.

6 Milliarden Euro

Da darf die Europäische Union auf keinen Fall zurückstehen. Davon ist zumindest die EU-Kommission und allen voran der französische Binnenmarktkommissar Thierry Breton überzeugt. Knapp 6 Milliarden Euro, davon 2,4 Milliarden aus dem EU-Budget, will die Kommission in den Aufbau eines eigenen satellitenbasierten Internets investieren. Damit will sie den „weißen Flecken“, die es bei der auch für den Mittelstand wichtigen Internetversorgung selbst in reichen EU-Staaten wie Deutschland auf dem Land noch gibt, ein Ende bereiten.

Das ist aber nicht alles. „Wir wollen ein Back-up für unsere Infrastruktur schaffen und unsere Unabhängigkeit von Dritten und die Cyber-Sicherheit steigern“, sagt Breton. Die eigene Satelliteninfrastruktur soll die sichere Kommunikation etwa durch Quantenverschlüsselung ermöglichen und damit auch für Regierungen und das Militär zusätzlichen Nutzen bringen.

Außerdem ist die „Initiative für sicheres Internet“ genau wie das eben erst vorgelegte „Chip-Gesetz“ Industriepolitik. „Als paneuropäisches Projekt wird sie unseren vielen Start-ups und Europa als Ganzem ermöglichen, an der Spitze der technologischen Innovation zu stehen“, sagt Breton. Die EU soll nicht wieder von Amerikanern und Chinesen abgehängt werden. All das ist eng mit der französischen Regierung abgestimmt.

Die nutzt die EU-Ratspräsidentschaft, die sie seit Januar wieder für ein halbes Jahr innehat, traditionell dafür, für eine stärkere EU-Weltraumpolitik zu werben. An diesem Mittwoch hat sie zum Weltraumgipfel nach Toulouse geladen. Dabei geht es auch um die Interessen der französischen Weltraumindustrie. So warnt die Europaabgeordnete Angelika Niebler (CSU) be­reits: „Von dem Projekt darf nicht nur die französische Großindustrie profitieren, sondern auch kleine und mittlere Unternehmen und Start-ups.“

Um auf die 6 Milliarden Euro zu kommen, soll das Geld aus dem EU-Budget durch Mittel der Mitgliedstaaten und privates Geld aufgestockt werden. Wie viele Satelliten die EU am Ende in den Orbit schießen will, ist noch unklar. Anders als die amerikanischen Projekte will die Kommission aber auch nur Europa abdecken. Weil das auf denselben Längengraden liegende Afrika so gleich weitgehend problemlos mitversorgt werden kann, verkauft die Kommission es zugleich als Teil ihrer globalen Infrastrukturpolitik. Vor allem soll es schnell gehen. Die Kommission will schon im kommenden Jahr mit dem „Ausrollen“ des Projekts beginnen. Die ersten Angebote und Tests der Quantenverschlüsselung im Orbit sollen 2025 starten. 2028 dann soll die europäische Antwort auf das satellitenbasierte Internet aus den Vereinigten Staaten und China stehen.

Das ist ehrgeizig. Das gesteht die Kommission durchaus zu. Ehrgeizig sei milde ausgedrückt, heißt es in der Branche. Auch der kommerzielle Nutzen sei fragwürdig. Das Projekt klinge nach dem verzweifelten Versuch, überall dabei sein zu wollen. „Wir laufen Gefahr, viel dummes Geld auszugeben, nur um unser Ego zu befriedigen“, sagt Sven Sünberg, der mit der Media Broad­cast Satellite GmbH die für das satellitenbasierte Internet nötigen Bodenstationen betreibt. Zumal das Geld nur einmal ausgegeben werden könne und anderswo fehle. „Überhaupt ist europäische Industrie viel besser als viele denken.“

Das britische Projekt Oneweb, an dem der französische Konzern Eutelsat beteiligt ist, etwa hat erst vor wenigen Tagen 34 Satelliten ins All geschickt, die für das satellitenbasierte Internet genutzt werden sollen. Insgesamt sind es damit schon mehr als 400. Auch bei den Vorprodukten gehören die Europäer zu den Vorreitern. So spielen zwei deutsche Unternehmen, Tesat und Mynaric, eine Schlüsselrolle bei der zukunftsträchtigen Übertragung riesiger Datenmengen zwischen Satelliten per Laserstrahl.

Gut findet die Initiative Daniel Voelsen von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die globale Infrastruktur des Internets erfahre durch die satellitenbasierten Lösungen eine massiven Wandel und stoße in ganz neue Dimensionen vor. „Wenn die EU sich da nicht engagiert, droht sie ein weiteres Mal in die Abhängigkeit von den USA und China zu rutschen“, warnt er – ganz im Sinne Bretons.

Es drohe eine weitere Konzentration wirtschaftlicher Macht und damit ein bisher unbekanntes Maß poli­tischer Kontrolle über die globalen Kommunikationsnetze. Eine Satellitenkonstellation unter Kontrolle der EU könne dem entgegenwirken und zudem einen wichtigen Beitrag zur Sicherheit der Regierungskommunikation leisten. Wie beim Satellitenprogramm Galileo gehe es auch darum, Expertise in Europa und damit die politische Handlungsfähigkeit zu erhalten. Im Übrigen profitierten auch US-Unternehmen von Staatshilfen. Starlink etwa werde aus dem Geld, das Musk für Space-X erhalte, unterstützt.

Krieg nur noch von Verrückten ausgelöst und angenommen?

(Morning Briefing) – Das Lieblingsinstrument dieser Tage ist die Kriegstrommel. Politiker, Militärs und die Medien schlagen geradezu lustvoll Alarm. Seit Tagen lancieren amerikanische Militärs das Gerücht, dass am Mittwoch der Einmarsch der russischen Soldaten in der Ukraine bevorstünde. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier setzte gestern – anlässlich seiner Amtszeitverlängerung – einen dramatischen Appell ab:

In vielen Medien werden bereits Analogien zur Situation vor dem Ersten Weltkrieg gezogen. Das soll gelehrig und bedeutsam klingen. Nur: Mit der politischen, militärischen und ökonomischen Realität im 21. Jahrhundert und den objektiven russischen Interessen haben diese Analysen nicht viel gemein.

Es ist der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari, der im aktuellen „Economist“ daran erinnert, dass der klassische Krieg seine Funktion, die Ausweitung von Macht und Wohlstand, in der Moderne weitgehend eingebüßt hat. Deshalb sei der Krieg zwischen den großen Mächten auch de facto ausgestorben:

Es sind folgende fünf Gründe, die den Krieg vom historischen Normalfall des 18., 19. und 20. Jahrhundert zum Ausnahme-Phänomen des 21. Jahrhunderts befördert haben:

1. Kriege sind immer der Ausdruck der technologischen Möglichkeiten und der ökonomischen Kosten-Nutzen-Abwägungen der Herrscher. Harari sagt:

Das bedeutet: Ändern sich die technologischen und die ökonomischen Voraussetzungen, so ändern sich auch der Charakter und die Häufigkeit des Krieges.

2. Die Fähigkeit der Atommächte, sich gegenseitig zu vernichten, hat den Krieg seiner Rationalität beraubt und ihn in einen Akt des kollektiven Selbstmords verwandelt. Deshalb fürchten die Großmächte China, Russland und Amerika zwar noch immer den Atomkrieg, aber sie bereiten ihn nicht vor. Der Krieg hat für sie seine Führbarkeit verloren.

3. Die wichtigsten Quellen für Wohlstand waren früher Rohstoffe und Nahrungsmittel, also Goldminen, Weizenfelder und Ölquellen. Die wichtigste Quelle für Wohlstand in der heutigen Welt ist Wissen. Aber Wissen kann man nicht mit einem Panzer erobern und mittels eines Folterknechts auch nicht ausbeuten.

4. Als Reflex auf diese ökonomischen und technologischen Veränderungen bevorzugen die Wähler der Nationalstaaten nicht mehr den Typus des militärischen Eroberers. Selbst George W. Bush und Donald Trump, gar nicht zu reden von Merkel und Co, sagt Harari, seien deswegen andere Politikertypen als Attila der Hunnenkönig. Der normale Politiker verdanke seinen Aufstieg nicht dem Krieg, sondern einem Reformversprechen im Innern.

Russen und Amerikaner mussten Afghanistan reumütig verlassen. Auch die Kriege in Vietnam und im Irak brachten den Kriegsherren nicht die gewünschten Ergebnisse. Seit 1945, sagt der Historiker, ist es selten geworden, dass internationale Grenzen neu gezogen wurden. Nicht ein einziger Staat verschwand seither durch Krieg von der Landkarte

Allerdings: Ein gedankliches Schlupfloch lässt der Historiker für seine Argumentation dennoch gelten: So wenig wie die Existenz des klassischen Krieges ein Naturgesetz gewesen sei, sei auch das Verschwinden des Krieges in der Moderne kein Naturgesetz

Oder anders ausgedrückt: Wir sind im Falle des russisch-westlichen Wettdrohens die Zeitzeugen eines vor großem Publikum durchgeführten Intelligenztests.

 

 

Deutschland und Frankreich: Kernenergie abschalten?

Deutschland und Frankreich gehen nicht nur verschiedene Wege, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Man könnte auch den Eindruck gewinnen, dass die Beziehungen „so schlecht wie nie zuvor“ seien, jedenfalls eröffnete Dr. Marc-Antoine Eyl-Mazzega mit dieser Einschätzung die Diskussion. Zu dieser Einschätzung gelangte er durch die Reaktionen von deutcher und französischer Seite auf den Taxonomie-Vorschlag der Kommission. Frankreich verstehe die Ablehnung der Atomenergie in Deutschland nicht. Der Analyst, der früher einmal bei der Internationalen Energie Agentur tätig war, kritisierte die Lücke zwischen den Klimazielen und deren Umsetzung, die sich durch die Abschaltung der Atomkraftwerke in Deutschland immer weiter öffne. Der vom deutschen Klimaminister angekündigten Verdreifachung des Anteils der erneuerbaren Energien an der Stromproduktion und der Notwendigkeit, die Ausbaugeschwindigkeit deutlich zu erhöhen, zollte er seinen Respekt, hielt aber mit seiner Skepsis, diese Ziele auch zu erreichen, nicht hinter dem Berg.

Der Energieexperte aber zielte auf zwei Schwachpunkte der Klimadebatte: die unterschiedlichen Präferenzen bei der Wahl der Brückentechnologie und die soziale Belastung der Menschen, die sich auf die Akzeptanz der Klimawende auswirke. Er schloss sich grundsätzlich der Auffassung an, dass auch Frankreich den Ausbau der Erneuerbaren vorantreiben müsse und bezweifelte wie seine deutsche Gesprächspartnerin grundsätzlich die Nachhaltigkeit der Atomkraft, vertrat aber die These, dass sie als Brückentechnologie für die Decarbonisierung dringend benötigt werde. Die Substitution von Kernkraft durch Gaskraft sei klimapolitisch ein Fehler, da die Effekte der CO2-Minderung deutlich geringer seien. Deutschlands Abhängigkeit vom Gas berge außerdem geopolitische Risiken. Der Vorteil der Atomkraft liege hingegen darin, dass die Stromkosten für die Bevölkerung durch einen weniger überstürzten Ausbau der erneuerbaren Energiequellen in einem verträglichen Umfang gehalten werden könnten. In Frankeich jedenfalls sah er die Belastungsgrenze für die Bevölkerung erreicht. Die Franzosen seien nicht bereit, den Gürtel enger zu schnallen. Außerdem stünden sie den erneuerbaren Energien weitaus skeptischer gegenüber als die Deutschen. Das Klima stehe bei den Franzosen nicht so sehr im Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit wie in Deutschland. Macron habe aus dem Gelbwestenprotest gelernt und werde sich auf das deutsche Abenteuer – dem Verzicht auf Energie aus Atom und Kohle – nicht einlassen. Frankreich könne sich die Subventionierung des Ausbaus der erneuerbaren Energiekraftwerke nicht leisten, da es höhere Ausgaben für seine internationalen Verpflichtungen hätte.

Der Absolvent der angesehenen Pariser Sciences Po kritisierte aber auch, dass die Verzichtsdebatte nicht ausreichend geführt werde. Er plädierte dafür, diese Debatte sehr offensiv zu führen und den Blick auf die Gewinne an Lebensqualität zu lenken. Weniger Reisen und Fleischkonsum könne auch als gesünderes Leben mit einer längeren und höheren Lebensqualität einhergehen. Einig zeigten sich beide Gäste der Zukunftswerkstatt, dass auch das Tempolimit kommen werde.

Dr. Charlotte Unger hingegen verteidigte den deutschen Weg und sah dafür auch gute Voraussetzungen in Deutschland, bemängelte aber auch, dass die Umsetzung immer noch deutlich hinter den Ankündigungen zurückliege. Die CO2-Emissionen von Landwirtschaft und Gebäudebestand sah sie als zentrale Herausforderung bei der Bekämpfung des Klimawandels an. Ihre Ablehnung der Atomkraft begründete die in Potsdam forschende Nachhaltigkeitsexpertin damit, dass angesichts eines fehlenden Endlagers die Belastung auf zukünftige Generationen verlagert werde. Der Verzicht allerdings hätte einen Preis: Der Ausbau der Erneuerbaren müsse rascher erfolgen als bislang. Aber auch sie kann sich eine stärkere Verzichtsdebatte im Kontext von Zukunftskonzepten vorstellen und stellte die Frage in den Raum, ob Deutschland darauf überhaupt vorbereitet sei. Auch so kann man die Frage stellen, wie die Politik die Bürgerinnen und Bürger in ihre Zukunftsüberlegungen besser einbinden könne: Durch mehr Transparenz und Kommunikation, dass hätten die Klima- und Bürgerräte in Deutschland und Frankreich gezeigt, müssten die Menschen in die Verzichtsdebatte einbezogen werden. Ihre Ideen zu berücksichtigten bedeute Akzeptanz für Zumutungen zu schaffen. Die Politik müsse ihre Ziele konkret formulieren und vermitteln, dass sie alle Bereiche auf allen Ebenen.

Gefahr für den Menschen durch Pestizide bereits bewiesen

(pte) – Eine von drei Personen weist Anzeichen einer Belastung mit dem Pestizid 2,4-D auf, wie eine Studie der George Washington University zeigt. Die Belastung des Menschen mit dieser Chemikalie hat zugenommen, da der Einsatz von 2,4-D in der Landwirtschaft gesteigert wurde. Damit steigen auch die Bedenken über die Auswirkungen des Herbizids auf die Gesundheit, vor allem da eine weitere Steigerung vorhergesagt wird. Betroffen könnten vor allem kleine Kinder sein, die sehr empfindlich auf eine chemische Belastung reagieren.

Urinproben analysiert

Das Team um Marlaina Freisthler hat Urinproben von Teilnehmern an der „National Health and Nutrition Examination Survey“ auf Biomarker des Pestizids untersucht. Der landwirtschaftliche Einsatz von 2,4-D wurde aufgrund des öffentlichen und privaten Pestizideinsatzes aus den Jahren 2001 bis 2014 geschätzt. Von den 14.395 Studienteilnehmern verfügten fast 33 Prozent über nachweisbare Spuren von 2,4-D in ihrem Urin. Dabei gab es Teilnehmer, deren Werte von niedrigen 17 Prozent zu Beginn der Studie auf hohe 40 Prozent zehn Jahre später anstiegen.

Doch nicht nur der Einsatz der Pestizide während der Laufzeit hat zugenommen, sondern auch die Belastungen beim Menschen sind größer geworden. Kinder zwischen sechs und elf Jahren hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko einer steigenden Belastung mit 2,4-D. Zusätzlich verfügten Frauen im gebärfähigen Alter über ein doppelt so hohes Risiko einer Belastung als Männer der gleichen Altersgruppe. 2,4-D wurde in den 1940er-Jahren entwickelt und bei Bauern, die ihren Ertrag steigern wollten, rasch ein beliebtes Herbizid. Hausbesitzer, die einen makellosen Rasen erzielten wollten, setzten die Chemikalie häufig kombiniert mit anderen Rasenchemikalien ein.

Soja sowie Baumwolle

Die Belastung mit hohen Werten diese Chemikalie wurde mit Krebs, Fortpflanzungsproblemen und anderen Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Die Auswirkungen einer geringeren Belastung sind derzeit noch nicht erforscht. Bekannt ist jedoch, dass es sich bei 2,4-D um einen endokrinen Disruptor handelt. Die aktuelle Studie zeigt zudem, dass Kinder und Frauen im gebärfähigen Alter über ein erhöhtes Belastungsrisiko verfügen. So können Kinder mit dem Pestizid in Kontakt kommen, wenn sie barfuß auf einem mit dem Herbizid behandelten Rasen spielen oder wenn sie ihre Finger in den Mund stecken, nachdem sie draußen gespielt haben.

Zu einer Belastung kann es auch durch das Essen von auf Sojabohnen basierenden Lebensmitteln sowie durch Einatmen kommen. Der heute verbreitete Einsatz von 2,4-D bei gentechnisch veränderten Sojabohnen und Baumwollen führt zu mehr 2,4-D in der Luft und damit können laut den Forschern auch mehr Menschen mit dem Herbizid in Kontakt kommen. Die aktuellen Forschungsergebnisse wurden in „Environmental Health“ veröffentlicht.

Energie in Frankreich. Macron und die Atomenergie

(Süddeutsche Zeitung) – Die Kernkraft in Frankreich soll wieder aufleben. Um bis 2050 die Klimaneutralität zu erreichen, sollten sechs neue Atomkraftwerke vom Typ EPR 2 gebaut werden, kündigte Präsident Emmanuel Macron am Donnerstag im ostfranzösischen Belfort an. Das erste könnte 2035 in Betrieb gehen; den Bau weiterer acht Meiler werde er prüfen lassen. Zugleich werde die Laufzeit aller bestehenden Kernkraftwerke verlängert, wenn die Sicherheit es erlaube. Wie schon früher angekündigt, möchte Macron die Entwicklung von „Small Modular Reactors“, die kleiner sind und angeblich sicherer, mit einer Milliarde Euro fördern.
Parallel dazu nimmt Frankreich einen wichtigen Teil der Kraftwerkproduktion wieder in die eigene Hand: Für geschätzte 240 Millionen Euro kauft der Energiekonzern EDF den in Belfort beheimateten Turbinenbau des US-Herstellers General Electric zurück, den dieser erst 2015 von Alstom erworben hatte. Macron hielt seine Rede vor einer der dort hergestellten riesigen Arabelle-Turbinen, die in französischen und einigen russischen Meilern verwendet werden.

Brückeninspektion 2.0 dank Drohne und KI

(pte) – Das aus der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) hervorgegangene Start-up SwissInspect  hat ein neuartiges Brückeninspektionssystem entwickelt, das Drohnentechnologie, Künstliche Intelligenz (KI) und Computer Vision kombiniert. Die Basis dafür bilden das Earthquake Engineering and Structural Dynamics Laboratory sowie das Swiss Data Science Center zur bildbasierten Inspektion und Überwachung von Strukturelementen.

Unterhaltung planbarer und effizienter

„Unser Ziel ist es, Ingenieuren und Infrastrukturbesitzern ein System an die Hand zu geben, mit dem sie Wartungs- und Reparaturarbeiten effizienter planen können. Wir verwandeln Rohdaten in verwertbare Informationen“, sagt SwissInspect-CEO Amir Rezaie. Anhand der Bilder drohnengestützter Kameras, die von einer KI-basierten Software ausgewertet werden, lassen sich diverse Arten von Schäden identifizieren, darunter Risse, Abplatzungen, Ausblühungen und Rost. Sie liefert auch eine physikbasierte Schadensklassifizierung, die entscheidende Infos zur Bewertung des strukturellen Zustands einer Brücke sind.

Rezaie und sein Team erstellen bei der ersten Analyse nicht nur einen Schadensbericht, sondern auch einen digitalen Zwilling des jeweils inspizierten Bauwerks. Dieser wird bei späteren Untersuchungen genutzt, um verräterische Veränderungen zu erkennen. Künftig sollen die Bilder durch Daten von Sensoren ergänzt werden, die an den Bauwerken zur Langzeitüberwachung installiert werden. Die Brücken in der Schweiz und anderen Ländern werden derzeit alle zwei bis fünf Jahre mit herkömmlicher Sichtprüfung begutachtet. SwissInspect hofft, das mit seiner neuen Technologie zu ändern, die objektivere Bewertungen liefert und auf andere Bauwerke wie Tunnel, Dämme und Gebäude ausgeweitet werden könnte. Innerhalb von 18 Monaten will das Unternehmen jetzt 50 Brücken überprüfen.

Deutlich verkürzte Prüfintervalle als Ziel

Ein weiterer Vorteil des Systems von SwissInspect gegenüber visuellen Prüfmethoden ist laut dem Unternehmen, dass es häufigere Inspektionen ermöglicht. Das ist besonders wichtig vor dem Hintergrund des Klimawandels, da die Infrastruktur zunehmend wechselnden Überschwemmungs- und Dürreperioden sowie einer höheren relativen Luftfeuchtigkeit ausgesetzt sein wird, die die Korrosion, etwa in Stahlbeton, beschleunigen könnten.

Corona-Forscher: Diese Menschen haben Superimmunität

(Christiane Braunsdorf) – Genesen oder geimpft? Wer hat mehr Schutz vor einer Corona-Infektion? Dieser Frage sind Forscher aus den USA und Österreich nachgegangen – mit einem eindeutigen Ergebnis.

Durchbruchsinfektionen galten lange als Angstwort. Doch wer eine solche überstanden hat, muss sich anscheinend keine großen Sorgen mehr vor einer Infektion mit dem Coronavirus machen. Das zeigen Daten einer Studie aus den USA. Doch die Forscher stellen auch klar: Das ist keine Aufforderung zur absichtlichen Infektion.

Superschutz vor Delta-Variante

Wissenschaftler der Oregon Health und Science University untersuchten im vergangenen Jahr Durchbruchsinfektionen bei medizinischem Personal. Alle waren vollständig geimpft, hatten sich aber trotzdem mit Corona infiziert – mit verschiedenen Vorgängervarianten vor der Delta-Mutante.

Sie bildeten Antikörper, die eine Art Superimmunität gegen eine Infektion mit der Delta-Variante darstellten, waren also auch vor der neuen Mutante geschützt. Kreuzimmunität nennen die Forscher diese Form der Abwehrleistung, bei der der Kontakt zu einem Erreger auch gegen andere Formen immun macht.

Wichtig zu betonen: Eine alleinige Infektion reicht für die Superimmunität nicht aus. Nur die zusätzliche Impfung kann sie entwickeln.

 

Europa im digitalen Abstieg

Den folgenden Beitrag möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, weil er leider den Nagel auf den Kopf trifft. Vor 1956 bis 1959 habe ich an der staatlichen Kölner Nicolaus-August-Otto-Ingenieurschule mein Ingenieur-Diplom als Nachrichtentechniker erworben. Seit 63 Jahren beobachte ich mit zunehmendem Entsetzen die deutsche Kommunikationspolitik, die mittlerweile die gesamte IT- und Übertragungstechnik beinhaltet. Der vorliegende Kommentar kommt von der Deutschen Telekom. Vielleicht erinnern sich nur noch wenige daran, dass die gesamte Nachrichten-Technik in der ehemaligen ‚Post‘ beheimatet wer. In den 60er/70er Jahren geriet dieses Gebilde ins Wanken, mein persönlicher Eindruck war, dass das viel mit Korruption zu tun hatte. Von Anfang an beherrschte Siemens als Monopolist die deutsche Kommunikations-Technik. Ich habe noch Telefon-Netze berechnen müssen, deren wichtigster Bestandteil zunächst der Heb-Dreh-Wähler war, aber dann entwickelte Siemens den Dreh-Wähler , der nicht mehr die Verbindungen rauf und runter vermittelte, sondern bereits digital gesteuert in einer Ebene, und zwar 100Positionen. Dann kam die Halbleiter-Technik, doch zu aller letzt entschied sich die Post, diese Funktionen auf Basis von Mikroprozessoren zu erfüllen.

In den USA wurde gezeigt, dass das auch ganz anders geht. Aber Siemens bestimmte in Deutschland die Richtung. Durch die EU wurde eine notwendige Öffnung über Deutschland hinaus initiiert. Die Post geriet immer mehr ins Hintertreffen. Nichtsdestotrotz setzte man immer noch auf armdicke Kabel mit hunderten von dünnen Kupferleitungen, obwohl es schon wesentlich zukunftsträchtigere Methoden gab, z. B. das sogenannte Koaxial-Kabel, welches besonders von dem Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling eingeführt wurde, das erst sein Lieblingskind, das sogenannte Kabelfernsehen, vorantrieb. Öfters habe ich mit ihm diskutiert, denn ich war zu dieser Zeit der 1. Vorsitzende der Vereinigung der Deutschen Wissenschaftsjournalisten, der Wissenschaftspressekonferenz WPK.org. Damals zeichnete sich schon ab, dass Glasfaserkabel wesentlich effektiver große Datenmengen, die z. B. durch Übertragung von Fernsehen, übertragen konnten. Ich warf ihm vor, aus Deutschland aus durchsichtigen Gründen ein Kupferbergwerk zu machen, denn er hatte einen bestimmten Grund: Seine Familie besaß eine große Bleibatterie-Fabrik mit Namen Sonnenschein. Diese mittelgroßen Blei-Akkus wurden beim Einsatz der Koaxial-Kabel alle fünf bis zehn Kilometer benutzt, um die notwendigen Verstärker zur Verfügung zu stellen. Bei Glasfaser war das nicht nötig. Schon damals hätte man das, was heute mit großem Investitions-Aufwand nachgeholt wird, preisgünstig haben können.

Aber dann kam noch ein großer Sündenfall: Als die Frequenzen für die drahtlose Kommunikation der Zukunft, also für unsere Handys, verteilt werden sollten, hat der Finanzminister zugeschlagen. Mittlerweile war die Post aufgeteilt in Brief- und Paket-Post und in die Telekom. Letztere war für die Versteigerung dieser Frequenzen verantwortlich, nachdem sie sich als Aktiengesellschaft privatisiert wurde. Derjenige, der allerdings diese Volksaktien erwarb, hatte auf lange Sicht mit Zitronen gehandelt. Ein Boss mit Namen Sommer musste mit ansehen, dass der Kurswert innerhalb kürzester Zeit von über 100 Euro pro Aktie auf unter 10  Euro abstürzte. Der Deutsche Staat hat zwar mit diesen Versteigerungen Milliarden Euro eingenommen. Auch dies war eine Milchmädchen-Rechnung, denn dieses Geld fehlte beim Aufbau effizienter Netze. Irgendwie mussten sich die Firmen, die die Rechte erworben hatten, das Geld von ihren Kunden, also uns Bürgern, wieder zurück holen.

Auch heute noch ist Deutschland – obwohl markwirtschaftlich aufgeteilt – am teuersten in ganz Europa, was die Kosten für drahtlose Breitband-Kommunikation anbelangt, also wenn wir per Handy, Tablet oder gar Fernsehen Programme empfangen wollen.

Der Fehler wurde wieder gemacht, als jetzt das sogenannte 5G-Netz in Betrieb ging. Dieses benötigt viel mehr Minisender und trotz aller Auflagen und Bekundungen steht Deutschland in Europa ganz hinten an. Vielleicht ist das mit einer der Gründe dafür, dass Deutschland zum Entwicklungsland der Digitalisierung mutierte.

Nur ein persönliches Beispiel: Mein Sohn, der Professor in Frankreich ist, hat für mich ein Smartphone gekauft, mit allem Drum und dran, also auch mit 5G. Der monatliche Betrag dafür liegt weit unter den deutschen Preisen. Trotzdem, während ich in Deutschland einen Vertrag habe, die mir monatlich 5 Gigabit Datenvolume gibt, zahle ich in Frankreich 60 Gigabit. Also leiste ich mir den Luxus, mit dem französischen in ganz Europa ohne Grenzen kostenlos zu telefonieren und meine Daten abzurufen und überall einen Hotspot mit dem Handy einzurichten. Das Datenvolumen reicht dafür bei weitem aus. Der große Vorteil, das Smartphone sucht sich stets den Provider, der das stärkste Signal liefert, überall in Europa.

Ich wollte nur einige Aspekte darstellen, warum Deutschland so schlecht im Verhältnis zu allen anderen Ländern im Nachteil liegt, und dass diese Kleinstaaterei auch Europa insgesamt in der Entwicklung beeinflusst.

Lesen Sie dazu den sehr interessanten Auszug aus ‚Morning Briefing‘ von Gabor Steingart

(Morning Briefing) – Erfolgreiche Wirtschaftsführer liefern nicht nur gute Ergebnisse für ihre Aktionäre, sondern besitzen immer auch einen Röntgenblick – mit dem sie die Welt der Politik durchdringen. Sie beherrschen das, was Max Weber „die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens“ nannte.

Wenn Telekom-Chef Tim Höttges mit eben jener geschulten Rücksichtslosigkeit auf die europäischen Realitäten schaut, dann erkennt er einen Kontinent im Abstieg – allen Deklarationen der Politiker zum Trotz.

Der heute 59-Jährige, der im Alter von 37 Jahren zur Telekom stieß, kennt die Versprechungen vom vereinten Europa, von der Schicksalsgemeinschaft, der Werteunion, dem Binnenmarkt. Und er kommt zu der kühlen Erkenntnis, dass nichts davon auf ihn und die Telekommunikationsindustrie zutrifft.

Das Europa, in dem er und seine Firma navigieren, ist regulatorisch zerklüftet und zuweilen regelrecht zerfressen vom Egoismus der Nationalstaaten. Die Politiker sagen „wir“ und meinen sich. Sonntags fordern sie die beschleunigte Digitalisierung, um sie montags bis freitags zu blockieren. Das Ergebnis ist eine Situation, bei der ausgerechnet Europas Schlüsselindustrie weiter zurückfällt:

  • 5G bedeutet die schnellste mobile Datenübertragung, die es derzeit gibt. Aber nur für 62 Prozent der europäischen Bevölkerung steht dieser Standard wenigstens theoretisch zur Verfügung. In den USA sind es rund 93 Prozent und in Südkorea 94 Prozent. Das bedeutet: Die Digitalisierung – mit allen davon abhängigen Geschäftsmodellen – verläuft bei uns im Schneckentempo. Europa bildet weltweit das Schlusslicht.
  • Die Gesamtheit der europäischen Telekommunikationsfirmen investierte 2018 rund 55 Prozent ihrer Vorsteuer-Gewinne – und bringt es dennoch nur auf eine pro-Kopf-Investition der europäischen Bevölkerung von 95 Euro. Die amerikanischen Telekommunikationsunternehmen investieren keine 40 Prozent ihrer Gewinne und schaffen damit eine pro-Kopf-Investition von über 210 Euro. Das heißt: Europas Firmen gehen in die Vollen und fallen trotzdem weiter zurück.
  • Weil die europäischen Staaten ihre Telefonfirmen als nationale Heiligtümer betrachten, herrscht in Europa auch im Zeitalter der digitalen Vernetzung und Globalisierung die Kleinstaaterei. 447 Millionen Einwohner werden von mehr als 100 Mobilfunkbetreibern bedient. In Amerika werden gut 330 Millionen Einwohner von drei nationalen Mobilfunkbetreibern versorgt. Das bedeutet, dass in Europa das Geld der Telefonkunden für kostspielige Konzernzentralen und bürokratische Doppel-, Dreifach- und Zehnfach-Strukturen ausgegeben werden muss.
  • Die Investoren an den internationalen Kapitalmärkten sind zu der brutalen Erkenntnis gelangt, dass dieses Spiel für Europa nicht zu gewinnen ist. Die Börsengeschichte der europäischen Telekommunikationsfirmen ist daher eine Geschichte des Niedergangs. 57 Prozent Wertverlust allein in den Jahren zwischen 2010 und 2020. In Amerika legte im gleichen Zeitraum die Börsenkapitalisierung der Telcos um 213 Prozent zu.

Fazit: Im Bereich der Telekommunikation ist die Politik außen europäisch, aber innen hohl. Realität und Rhetorik sind den Politikern außer Sichtweite geraten. Zu viele von ihnen pflegen nicht den Diskurs, sondern das Selbstgespräch.

Globalisierung am Ende ?

(Handelsblatt) – Seit Monaten leiden Unternehmen an fehlendem Material, ob Mikrochips, Rohstoffe oder Brennstoffe. Die Engpässe haben Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf den Plan gerufen.

Mit Milliardensubventionen will der Minister Fabriken zur Produktion von Halbleitern nach Deutschland holen, um unter anderem die Abhängigkeit von Asien zu verringern. Darüber wird Habeck am Montag auch mit seinem französischen Amtskollegen Bruno Le Maire in Paris sprechen. Frankreich drängt seit langem darauf, die europäische Souveränität auch wirtschaftlich zu stärken.

Manch einer sieht das schon als Blaupause für einen generellen Wandel der Wirtschaft hin zu mehr nationaler Autonomie und weniger internationalem Handel. Schon vor der Pandemie hatte sich die Globalisierung verlangsamt. Als durch Corona auch noch Lieferketten blockiert wurden, hat das insbesondere deutsche Unternehmen schwer getroffen.

Ist die Turboglobalisierung endgültig am Ende?

Fünf Analysen aktueller Handelsströme und von Zukunftsszenarien für Deutschland lassen einen klaren Schluss zu: Die Globalisierung ist nicht an ihrem Ende angelangt. Sie wandelt sich aber grundlegend.

1. Deutschland handelt so viel mit dem Ausland wie nie zuvor

Trotz Lieferengpässen brummt der deutsche Außenhandel. Waren im Wert von mehr als 125 Milliarden Euro exportierte Deutschland allein im November, der Import lag bei 114 Milliarden Euro – beides Rekordwerte. Gleichzeitig geht die Wirtschaftsleistung seit dem späten Herbst sogar zurück.

„Wir hatten im Welthandel ein perfektes V“, sagt Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo). Nach dem Abschwung sei die Phase der Stagnation im Welthandel, mit der viele gerechnet hätten, nicht gekommen.

Getrieben wird die Entwicklung von der weltweit überdurchschnittlichen Nachfrage. Weil die Menschen während der Lockdowns ihr Geld nicht für Dienstleistungen, etwa im Kino oder beim Friseur ausgeben konnten, investieren sie es stattdessen in Waren. Allerdings ist die Produktion durch die Lieferengpässe noch immer eingeschränkt. Deutschlands Außenhandel könnte also noch viel stärker anziehen.

Trotz Omikron ist bislang nicht abzusehen, dass es doch noch zu einem Einbruch kommen könnte. Die Auslandsnachfrage war im Dezember zuletzt zwar etwas zurückgegangen. Sie liegt aber noch deutlich über dem Vorkrisenniveau.

2. Deutlich schnellere Erholung als nach der Finanzkrise

Die Weltfinanzkrise von 2008 hat die Globalisierung bereits nachhaltig verändert. Während das globale Handelsvolumen vom Anfang der 2000er-Jahre bis zur Finanzkrise jährlich rund 1,5-mal so schnell wuchs wie die Weltwirtschaft, nahmen Handel und Wirtschaftsleistung bis 2019 nur noch gleich schnell zu.

Manchem Globalisierungsgegner erscheint die Pandemie wie der optimale Abschied von der Internationalisierung. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der deutsche Außenhandel hat sich viel schneller von den Problemen als damals erholt.

Etwas mehr als eineinhalb Jahren nach Ausbruch des Coronavirus in Deutschland haben die Exporte das Vorkrisenniveau schon wieder erreicht. Nach der Finanzkrise hatte das mehr als vier Jahre gedauert.

3. Deutschland kann sich ein Ende der Arbeitsteilung nicht leisten

Der Modekonzern C&A denkt um: Eine neue Fabrik hat das Unternehmen nicht in Asien, sondern in Mönchengladbach errichtet. Bis zu 800.000 Jeans pro Jahr will C&A dort herstellen. Kann das eine Blaupause für die gesamte deutsche Wirtschaft sein?

Das Ifo-Institut hat errechnet, was passieren würde, wenn jegliche Produktionen nach Deutschland zurückgeholt würden – „Reshoring“ nennt sich das. Die deutsche Wirtschaftsleistung würde laut dem Modell um fast zehn Prozent zurückgehen.

„Gäbe es einen globalen Trend hin zu stärker national ausgerichteten Lieferketten, stünde für die deutsche Wirtschaft sehr viel auf dem Spiel“, sagt Lisandra Flach, Leiterin Außenwirtschaft am Ifo. Auch die Wirtschaftsleistung der deutschen Handelspartner würden schrumpfen.

Neben dem „Reshoring“ wird das „Nearshoring“ diskutiert, bei dem die Produktion in der EU, in Nordafrika und in der Türkei angesiedelt würde. Doch auch dieses Vorgehen würde die deutsche Wirtschaftskraft um 4,2 Prozent schmälern.

Das Unternehmen muss sich Alternativen suchen: Diversifizierung und Puffer. „Anstatt sich nur auf einen Lieferanten zu verlassen, sollte man Ersatzlieferanten finden, um das Risiko zu senken“, erklärt Reinwald.

Bislang sind die Lieferbeziehungen deutscher Firmen nicht besonders divers. Importe, die nicht anderen EU-Ländern, der Schweiz oder Großbritannien entstammen, kommen zu einem Drittel aus China und einem Sechstel aus den USA.

Doch die Lieferengpässe bewegen zum Umdenken: Mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen wollen ihre Lieferketten anpassen, zeigt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Wert legen dabei 78 Prozent auf die Zuverlässigkeit. Das Preis-Leistungs-Verhältnis spielt nur noch für zwei Drittel eine Rolle.

Darüber hinaus dürfte die Lagerhaltung der Unternehmen steigen. „Eine komplette Abkehr von der Just-in-time-Produktion wird es nicht geben“, vermutet Ökonom Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft. „Aber einen Krisenpuffer werden die meisten aufbauen.“