Europa im digitalen Abstieg

Den folgenden Beitrag möchte ich Ihnen nicht vorenthalten, weil er leider den Nagel auf den Kopf trifft. Vor 1956 bis 1959 habe ich an der staatlichen Kölner Nicolaus-August-Otto-Ingenieurschule mein Ingenieur-Diplom als Nachrichtentechniker erworben. Seit 63 Jahren beobachte ich mit zunehmendem Entsetzen die deutsche Kommunikationspolitik, die mittlerweile die gesamte IT- und Übertragungstechnik beinhaltet. Der vorliegende Kommentar kommt von der Deutschen Telekom. Vielleicht erinnern sich nur noch wenige daran, dass die gesamte Nachrichten-Technik in der ehemaligen ‚Post‘ beheimatet wer. In den 60er/70er Jahren geriet dieses Gebilde ins Wanken, mein persönlicher Eindruck war, dass das viel mit Korruption zu tun hatte. Von Anfang an beherrschte Siemens als Monopolist die deutsche Kommunikations-Technik. Ich habe noch Telefon-Netze berechnen müssen, deren wichtigster Bestandteil zunächst der Heb-Dreh-Wähler war, aber dann entwickelte Siemens den Dreh-Wähler , der nicht mehr die Verbindungen rauf und runter vermittelte, sondern bereits digital gesteuert in einer Ebene, und zwar 100Positionen. Dann kam die Halbleiter-Technik, doch zu aller letzt entschied sich die Post, diese Funktionen auf Basis von Mikroprozessoren zu erfüllen.

In den USA wurde gezeigt, dass das auch ganz anders geht. Aber Siemens bestimmte in Deutschland die Richtung. Durch die EU wurde eine notwendige Öffnung über Deutschland hinaus initiiert. Die Post geriet immer mehr ins Hintertreffen. Nichtsdestotrotz setzte man immer noch auf armdicke Kabel mit hunderten von dünnen Kupferleitungen, obwohl es schon wesentlich zukunftsträchtigere Methoden gab, z. B. das sogenannte Koaxial-Kabel, welches besonders von dem Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling eingeführt wurde, das erst sein Lieblingskind, das sogenannte Kabelfernsehen, vorantrieb. Öfters habe ich mit ihm diskutiert, denn ich war zu dieser Zeit der 1. Vorsitzende der Vereinigung der Deutschen Wissenschaftsjournalisten, der Wissenschaftspressekonferenz WPK.org. Damals zeichnete sich schon ab, dass Glasfaserkabel wesentlich effektiver große Datenmengen, die z. B. durch Übertragung von Fernsehen, übertragen konnten. Ich warf ihm vor, aus Deutschland aus durchsichtigen Gründen ein Kupferbergwerk zu machen, denn er hatte einen bestimmten Grund: Seine Familie besaß eine große Bleibatterie-Fabrik mit Namen Sonnenschein. Diese mittelgroßen Blei-Akkus wurden beim Einsatz der Koaxial-Kabel alle fünf bis zehn Kilometer benutzt, um die notwendigen Verstärker zur Verfügung zu stellen. Bei Glasfaser war das nicht nötig. Schon damals hätte man das, was heute mit großem Investitions-Aufwand nachgeholt wird, preisgünstig haben können.

Aber dann kam noch ein großer Sündenfall: Als die Frequenzen für die drahtlose Kommunikation der Zukunft, also für unsere Handys, verteilt werden sollten, hat der Finanzminister zugeschlagen. Mittlerweile war die Post aufgeteilt in Brief- und Paket-Post und in die Telekom. Letztere war für die Versteigerung dieser Frequenzen verantwortlich, nachdem sie sich als Aktiengesellschaft privatisiert wurde. Derjenige, der allerdings diese Volksaktien erwarb, hatte auf lange Sicht mit Zitronen gehandelt. Ein Boss mit Namen Sommer musste mit ansehen, dass der Kurswert innerhalb kürzester Zeit von über 100 Euro pro Aktie auf unter 10  Euro abstürzte. Der Deutsche Staat hat zwar mit diesen Versteigerungen Milliarden Euro eingenommen. Auch dies war eine Milchmädchen-Rechnung, denn dieses Geld fehlte beim Aufbau effizienter Netze. Irgendwie mussten sich die Firmen, die die Rechte erworben hatten, das Geld von ihren Kunden, also uns Bürgern, wieder zurück holen.

Auch heute noch ist Deutschland – obwohl markwirtschaftlich aufgeteilt – am teuersten in ganz Europa, was die Kosten für drahtlose Breitband-Kommunikation anbelangt, also wenn wir per Handy, Tablet oder gar Fernsehen Programme empfangen wollen.

Der Fehler wurde wieder gemacht, als jetzt das sogenannte 5G-Netz in Betrieb ging. Dieses benötigt viel mehr Minisender und trotz aller Auflagen und Bekundungen steht Deutschland in Europa ganz hinten an. Vielleicht ist das mit einer der Gründe dafür, dass Deutschland zum Entwicklungsland der Digitalisierung mutierte.

Nur ein persönliches Beispiel: Mein Sohn, der Professor in Frankreich ist, hat für mich ein Smartphone gekauft, mit allem Drum und dran, also auch mit 5G. Der monatliche Betrag dafür liegt weit unter den deutschen Preisen. Trotzdem, während ich in Deutschland einen Vertrag habe, die mir monatlich 5 Gigabit Datenvolume gibt, zahle ich in Frankreich 60 Gigabit. Also leiste ich mir den Luxus, mit dem französischen in ganz Europa ohne Grenzen kostenlos zu telefonieren und meine Daten abzurufen und überall einen Hotspot mit dem Handy einzurichten. Das Datenvolumen reicht dafür bei weitem aus. Der große Vorteil, das Smartphone sucht sich stets den Provider, der das stärkste Signal liefert, überall in Europa.

Ich wollte nur einige Aspekte darstellen, warum Deutschland so schlecht im Verhältnis zu allen anderen Ländern im Nachteil liegt, und dass diese Kleinstaaterei auch Europa insgesamt in der Entwicklung beeinflusst.

Lesen Sie dazu den sehr interessanten Auszug aus ‚Morning Briefing‘ von Gabor Steingart

(Morning Briefing) – Erfolgreiche Wirtschaftsführer liefern nicht nur gute Ergebnisse für ihre Aktionäre, sondern besitzen immer auch einen Röntgenblick – mit dem sie die Welt der Politik durchdringen. Sie beherrschen das, was Max Weber „die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens“ nannte.

Wenn Telekom-Chef Tim Höttges mit eben jener geschulten Rücksichtslosigkeit auf die europäischen Realitäten schaut, dann erkennt er einen Kontinent im Abstieg – allen Deklarationen der Politiker zum Trotz.

Der heute 59-Jährige, der im Alter von 37 Jahren zur Telekom stieß, kennt die Versprechungen vom vereinten Europa, von der Schicksalsgemeinschaft, der Werteunion, dem Binnenmarkt. Und er kommt zu der kühlen Erkenntnis, dass nichts davon auf ihn und die Telekommunikationsindustrie zutrifft.

Das Europa, in dem er und seine Firma navigieren, ist regulatorisch zerklüftet und zuweilen regelrecht zerfressen vom Egoismus der Nationalstaaten. Die Politiker sagen „wir“ und meinen sich. Sonntags fordern sie die beschleunigte Digitalisierung, um sie montags bis freitags zu blockieren. Das Ergebnis ist eine Situation, bei der ausgerechnet Europas Schlüsselindustrie weiter zurückfällt:

  • 5G bedeutet die schnellste mobile Datenübertragung, die es derzeit gibt. Aber nur für 62 Prozent der europäischen Bevölkerung steht dieser Standard wenigstens theoretisch zur Verfügung. In den USA sind es rund 93 Prozent und in Südkorea 94 Prozent. Das bedeutet: Die Digitalisierung – mit allen davon abhängigen Geschäftsmodellen – verläuft bei uns im Schneckentempo. Europa bildet weltweit das Schlusslicht.
  • Die Gesamtheit der europäischen Telekommunikationsfirmen investierte 2018 rund 55 Prozent ihrer Vorsteuer-Gewinne – und bringt es dennoch nur auf eine pro-Kopf-Investition der europäischen Bevölkerung von 95 Euro. Die amerikanischen Telekommunikationsunternehmen investieren keine 40 Prozent ihrer Gewinne und schaffen damit eine pro-Kopf-Investition von über 210 Euro. Das heißt: Europas Firmen gehen in die Vollen und fallen trotzdem weiter zurück.
  • Weil die europäischen Staaten ihre Telefonfirmen als nationale Heiligtümer betrachten, herrscht in Europa auch im Zeitalter der digitalen Vernetzung und Globalisierung die Kleinstaaterei. 447 Millionen Einwohner werden von mehr als 100 Mobilfunkbetreibern bedient. In Amerika werden gut 330 Millionen Einwohner von drei nationalen Mobilfunkbetreibern versorgt. Das bedeutet, dass in Europa das Geld der Telefonkunden für kostspielige Konzernzentralen und bürokratische Doppel-, Dreifach- und Zehnfach-Strukturen ausgegeben werden muss.
  • Die Investoren an den internationalen Kapitalmärkten sind zu der brutalen Erkenntnis gelangt, dass dieses Spiel für Europa nicht zu gewinnen ist. Die Börsengeschichte der europäischen Telekommunikationsfirmen ist daher eine Geschichte des Niedergangs. 57 Prozent Wertverlust allein in den Jahren zwischen 2010 und 2020. In Amerika legte im gleichen Zeitraum die Börsenkapitalisierung der Telcos um 213 Prozent zu.

Fazit: Im Bereich der Telekommunikation ist die Politik außen europäisch, aber innen hohl. Realität und Rhetorik sind den Politikern außer Sichtweite geraten. Zu viele von ihnen pflegen nicht den Diskurs, sondern das Selbstgespräch.