Archiv der Kategorie: Klassische Medizin

Der schwedische Umgang mit der Corona-Krise

(ntv) – Der schwedische Umgang mit der Corona-Krise kann nicht verhindern, dass die Konjunktur einbricht. Allerdings fällt der Rückschlag weniger heftig aus als etwa in Deutschland.

Trotz der vergleichsweise lockeren Corona-Maßnahmen in Schweden ist die Wirtschaftsleistung des skandinavischen Landes im zweiten Quartal so stark eingebrochen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des EU-Landes schrumpfte im zweiten Quartal 2020 im Vergleich zum Vorquartal um 8,6 Prozent, wie die schwedische Statistikbehörde in einer vorläufigen Schätzung mitteilte. Der Rückgang liegt unter den 10,1 Prozent, um die die deutsche Wirtschaft nach einer ersten Schätzung schrumpfte. Andere EU-Mitgliedstaaten wie Spanien und Italien hatten noch größere Einbrüche zu verkraften.

Als Hauptgründe für den starken Rückgang führten die schwedischen Statistiker den sinkenden Export und ebenso geringeren Konsum der Privathaushalte im Corona-Quartal an. Es handele sich um den größten Konjunktureinbruch in einem einzelnen Quartal seit mindestens 40 Jahren – seit 1980 lassen sich die entsprechenden Statistiken in Schweden vergleichen. Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal betrug der Rückgang 8,2 Prozent. Im ersten Quartal 2020 hatte der BIP-Rückgang zum Vorquartal bei lediglich 0,3 Prozent gelegen.

Schweden war in der Corona-Krise einen Sonderweg gegangen und hatte das öffentliche Leben nicht so stark beschränkt wie etwa Deutschland oder der Rest Skandinaviens. Geschäfte blieben ebenso offen wie Restaurants, Bars und Schulen. Dennoch wurden auch in Schweden Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus eingeführt, etwa ein Verbot von Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmern sowie ein Besuchsverbot für Pflegeheime.

Die Schweden haben trotz insgesamt sinkender Todes- und Infektionszahlen noch vergleichsweise hohe Corona-Werte zu verkraften. Nach Angaben der Johns Hopkins University starben in den USA 47,5 Menschen pro 100.000 Einwohner, in Brasilien 45. In Großbritannien liegt dieser Wert bei 70, in Italien bei 58 und in Schweden bei 56 – in Deutschland bei 11. Die Webseite der Hopkins University wird regelmäßig mit eingehenden Daten aktualisiert und zeigt daher einen höheren Stand als die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

 

Objektive Stellungnahme der renomierten Deutschen Leopoldina-Akademie zum Thema Corona

(Leopoldina) – Die Coronavirus-Pandemie und die Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens haben dazu geführt, dass viele Kitas und Schulen ihrem Bildungsauftrag zeitweilig gar nicht oder nur sehr eingeschränkt nachkommen konnten. Eine verlässliche technische und organisatorische Infrastruktur, die eine vollständige Schließung von Bildungseinrichtungen auffangen könnte, ist in Deutschland noch nicht vorhanden. Kinder und Jugendliche, deren Familien und pädagogische Fachkräfte sind deswegen in besonderem Maße von der aktuellen Krise betroffen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina zeigt in ihrer heute veröffentlichten Ad-hoc-Stellungnahme „Coronavirus-Pandemie: Für ein krisenresistentes Bildungssystem“ Maßnahmen auf, die geeignet sind, das bestehende Bildungssystem unter Krisenbedingungen widerstandsfähiger und flexibler zu machen. Die Stellungnahme richtet sich an die verantwortlichen Akteurinnen und Akteure des Bildungswesens, also Ministerien, Landesinstitute, Bildungsträger sowie Kitas und Schulen.

Vorrangiges Ziel sei es, den Zugang zu Bildungseinrichtungen so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, so die Stellungnahme. Solange es jedoch weder einen Impfstoff noch breit zur Verfügung stehende Therapien gibt, müsse in den Bildungseinrichtungen das Infektionsrisiko reduziert werden. Abhängig vom lokalen Infektionsgeschehen seien in den kommenden Monaten erneut partielle Schließungen möglich. Deswegen empfehlen die Expertinnen und Experten auch Investitionen in ein zukunftsfähiges digitales System von Fernunterricht als Ergänzung der Präsenzlehre.

Die Autorinnen und Autoren der Ad-hoc-Stellungnahme aus den Fachgebieten Erziehungswissenschaften, Bildungsforschung, Fachdidaktik, Psychologie, Ökonomie, Soziologie, Theologie, Virologie und Medizin benennen Maßnahmen in sieben Handlungsfeldern:

  1. Aufrechterhaltung des Zugangs zu Bildungseinrichtungen: Empfohlen werden Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen, systematische Tests auf das Coronavirus und die Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von Risikogruppen unter den Kindern und dem pädagogischen Personal sowie unter den Angehörigen beider Gruppen. Um die vollständige Schließung einzelner Bildungseinrichtungen zu vermeiden, sollten überall, wo dies sinnvoll ist, feste Kontaktgruppen (zum Beispiel Klassen) eingerichtet werden, die zueinander möglichst wenige Berührungspunkte haben. Ziel ist es, den persönlichen Kontakt der Kinder und Jugendlichen einer Kontaktgruppe untereinander und zu den Pädagoginnen und Pädagogen so lange wie möglich zu gewährleisten.
  2. Entwicklung von Konzepten zur Verzahnung von Präsenz- und Distanzlernen: Lernen und Bildung zu ermöglichen, ist die zentrale Kompetenz pädagogischer Fachkräfte, auch in Zeiten des Distanzlernens. Eltern können hier lediglich unterstützen. Bund und Länder sollten nach Möglichkeit eine länderübergreifende Lösung für digitale und datenschutzrechtlich geprüfte Lernplattformen erarbeiten. Zudem empfiehlt die Stellungnahme länderübergreifende Rahmenregelungen, zum Beispiel für Prüfungen in Phasen des Distanzlernens. Die pädagogischen Fachkräfte sollen über die Plattformen qualitätsgesicherte Materialien und Inhalte teilen und mit den Kindern, Jugendlichen und deren Eltern in Phasen des Distanzlernens in Interaktion treten können.
  3. Bereitstellung einer geeigneten, sicheren und datenschutzkonformen digitalen
    Infrastruktur: Erste finanzielle Voraussetzungen wurden durch den „DigitalPakt Schule“ geschaffen. Die technische Ausstattung, Unterstützung, Wartung, Instandsetzung und Entwicklung von Bildungsmedien sollten durch einen länderübergreifenden Beirat unterstützt werden, in dem Fachleute aus der Bildungsadministration, der Bildungspraxis, der Bildungsforschung und dem Informations- und Wissensmanagement vertreten sind.
  4. Unterstützung pädagogischer Fach- und Lehrkräfte beim professionellen Einsatz digitaler Medien: Notwendig sind Unterstützung im Hinblick auf die digitale Infrastruktur und technische Ausstattung, die Bereitstellung geeigneter digitaler Lehrmittel und Materialien sowie Fortbildungsangebote.
  5. Stärkung der Kooperation und Kommunikation mit Eltern und Familien: Die Expertinnen und Experten empfehlen unter anderem regelmäßige (Video-)Sprechstunden, Coachingangebote für Eltern sowie Materialien für altersgemäße Förderangebote.
  6. Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lern- und Leistungsrückständen: Als Schwerpunkt wird die Förderung von mathematischen und sprachlichen Vorläufer- bzw. Basiskompetenzen empfohlen, die für das weitere Lernen grundlegend sind.
  7. Stärkung der Wissens- und Informationsbasis: Forschung und Evaluation tragen dazu bei, Auswirkungen der Kita- und Schulschließungen und die Wirksamkeit der neu eingeführten Lehr- und Lernmethoden wissenschaftlich zu bewerten und aktuell dem Bedarf anzupassen.

Für die empfohlenen Schritte werden zusätzliche Ressourcen benötigt, so die Expertinnen und Experten. In den umfangreichen Maßnahmen zur Bewältigung der Folgen der Coronavirus-Pandemie waren bislang vergleichsweise geringe Investitionen in Bildung und die zukünftigen Chancen der jetzt betroffenen Generation enthalten.

Mit dieser Stellungnahme legt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina die fünfte Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie in Deutschland vor. Sie beruht auf dem Forschungsstand der beteiligten Wissenschaftsdisziplinen. Entscheidungen im Bereich Erziehung und Bildung zu treffen und dabei die Perspektiven der Stakeholder zu berücksichtigen, ist Aufgabe der demokratisch legitimierten Politik und der zuständigen Institutionen.

Die ersten vier veröffentlichten Ad-hoc-Stellungnahmen haben sich mit akuten gesundheitspolitischen Maßnahmen im Umgang mit der Pandemie, mit den psychologischen, sozialen, rechtlichen, pädagogischen und wirtschaftlichen Maßnahmen, die zu einer schrittweisen Rückkehr in die gesellschaftliche Normalität beitragen können sowie mit Maßnahmen für ein resilientes und anpassungsfähiges Gesundheitssystem beschäftigt.

Coronakrise: Deutsche erwarten zweiten Lockdown – und schwere Schäden für Wirtschaft

(Spiegel) – Im öffentlichen Leben ist längst eingekehrt, was dem Begriff „Normalität“ relativ nahe kommt. Sicher, ohne Maske geht fast niemand aus dem Haus, und durchtanzte Klubnächte oder Rockfestivals bleiben vorerst ferne Sehnsüchte. Aber ansonsten sind die Einkaufsstraßen gut gefüllt, die Strände sowieso, Menschen sitzen in Restaurants. Besuche beim Friseur und im Fitnessstudio gehören wieder zur Routine. In den ersten Bundesländern beginnt das neue Schuljahr mit Unterricht für alle in fast vollem Umfang. Das Leben in Deutschland Anfang August 2020 fühlt sich sehr viel freier an als noch im April.

Eine deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt allerdings nicht, dass es so bleiben wird. Sie rechnet mit einem erneuten Lockdown – und mit erheblichem Schaden für die deutsche Wirtschaft, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des SPIEGEL unter rund 5000 Menschen in Deutschland zeigt.

Mehr als vier von fünf Befragten – 82 Prozent – erwarten noch für dieses Jahr eine erneute Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen. Mit 32 Prozent geht etwa ein Drittel sogar „auf jeden Fall“ davon aus, weitere 50 Prozent rechnen „eher“ damit. Nur etwas mehr als jede zehnte befragte Person geht nicht von neuerlichen Beschränkungen aus.

Es liegt nahe, dass die jüngsten Nachrichten zu diesem sehr eindeutigen Meinungsbild beigetragen haben. Seit einigen Wochen liegt die Zahl der Neuinfektionen wieder deutlich über dem Niveau des Juni, das Robert Koch-Institut sprach in diesem Zusammenhang von „großer Sorge“. Meldungen über Ausbrüche in Urlaubsgebieten dürften die Furcht davor gemehrt haben, dass Reiserückkehrer die Ausbreitung des Coronavirus wieder anfachen könnten. Hinzu kommen die bevorstehenden Schulöffnungen, die nachlassende Umsicht vieler Menschen im Alltag – und die Bilder von Tausenden dicht gedrängten Protestierenden bei den Anti-Corona-Demos.

Weniger naheliegend ist allerdings: Wer mit einem neuen Lockdown rechnet, erwartet häufig sogar noch strengere Maßnahmen als im Frühjahr. Das gab eine relative Mehrheit von 42 Prozent derer an, die allgemein mit neuen Beschränkungen rechnen. 27 Prozent aus dieser Gruppe glauben, dass der zweite Lockdown so sein wird wie der erste – also mit geschlossenen Geschäften, Restaurants und recht strikten Kontaktbeschränkungen. Weitere 30 Prozent rechnen hingegen mit lockereren Beschränkungen als im Frühjahr.

Dass so viele Deutsche einen so harten zweiten Lockdown erwarten, ist angesichts der Einschätzung von Fachleuten überraschend. So verweisen etwa der Virologe Christian Drosten und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf die Erfahrungen, die bislang gesammelt wurden und die es ermöglichen, künftig gezieltere und damit weniger drastische, flächendeckende Maßnahmen zu ergreifen.

Für die erwartete Härte des zweiten Lockdowns spielt das Alter eine wichtige Rolle. Bei den Befragten unter 40 Jahren überwiegen deutlich diejenigen, die mit lockereren Maßnahmen rechnen, bei den über 40-Jährigen rechnet eine Mehrheit mit strengeren Beschränkungen. Dabei gilt durchgehend: Je älter die Befragten, desto höher ist der Anteil derer, die einen strengeren zweiten Lockdown erwarten.

Gefahr eines zweiten Corona – Lockdowns

(Handelsblatt) – Mit der Ferienzeit geraten Corona-Sicherheitsregeln mehr und mehr in Vergessenheit. Doch damit kehrt Deutschland nicht zur Normalität zurück.

Deutschland hatte sich in der ersten Welle der Corona-Pandemie den Ruf einer vorbildlich pflichtbewussten Bürgerschaft erarbeitet. Neue Hygieneregeln wurden von den meisten Menschen ebenso akzeptiert wie die strengen Abstandsvorschriften und die Einführung der Maskenpflicht.

Mit der Ferienzeit geraten diese Sicherheitsregeln mehr und mehr in Vergessenheit. Nach den Bildern von überfüllten Stränden an Ost- und Nordsee und ausgelassen feiernden Menschen auf Mallorca war es nur eine Frage der Zeit, bis die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland wieder in kritische Regionen vordringt. Zuletzt hat die neue Sorglosigkeit für rund 800 Neuinfektionen am Tag gesorgt.

Die Zahl ist noch weit entfernt von den Höchstständen während des Lockdown, aber der Trend ist beunruhigend. Seit ein paar Wochen gehen die Werte kontinuierlich nach oben. Nach Ansicht des Robert Koch-Instituts ist diese Entwicklung „sehr beunruhigend“.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer spricht sogar davon, dass „die zweite Welle schon da ist“. Die Einschätzung wirkt übertrieben, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass Deutschland nicht zur Normalität zurückkehrt, sondern leichtsinnig den nächsten Lockdown provoziert.

Umso erstaunlicher ist die zögerliche Haltung der Politik. Der Beschluss von Bund und Ländern, dass sich Rückkehrer aus Risikogebieten unentgeltlich testen lassen können, ist richtig, er reicht aber womöglich nicht. Man muss sicher nicht so weit gehen wie die britische Regierung, die ab sofort alle Spanien-Urlauber nach ihrer Rückkehr zwei Wochen in Zwangsquarantäne stellt.

Einführung der Testpflicht
Aber die Einführung einer Testpflicht für manche Urlaubsrückkehrer scheint ein sinnvolles und legitimes Instrument zu sein. Erstens wird die maximale Testkapazität von rund 1,2 Millionen Tests am Tag nicht einmal zur Hälfte genutzt.

Es ist folglich rein technisch kein Problem, mehr Menschen zu testen. Zweitens lassen sich Infektionsketten durch eine höhere Zahl an Tests besser nachverfolgen. Aktuell gibt es in Deutschland viele kleinere Ausbrüche, bei denen die Infektionsketten wenig bis gar nicht klar sind.

Die Einführung einer Testpflicht für Urlaubsrückkehrer ist ein schwerer Eingriff in die Freiheit des Einzelnen. Das Mittel wirkt aber verhältnismäßig, wenn dadurch eine zweite Welle mit Corona-Infektionen verhindert werden kann.

Die Wirtschaft leidet schon jetzt schwer genug an den Folgen der Corona-Pandemie, einen erneuten Lockdown werden noch mehr Unternehmen nicht überleben. Die Politik sollte deshalb alles unternehmen, um einen weiteren Anstieg der Infektionszahlen zu verhindern. Jeder Tag der Untätigkeit verschärft die Krise.

 

 

Corona-Kommunkation: Verständlichkeit lässt sehr zu wünschen übrig

(Uni Hohenheim) – Uni Hohenheim und Partner in Österreich ermitteln deutliche Defizite bei Pressemitteilungen und Homepages mit Antworten auf häufig gestellte Fragen (FAQs).

Lange Sätze, Schachtelsätze, Wortungetüme und nicht erklärte Fachbegriffe erschweren den Bürgerinnen und Bürgern die Aufnahme von Informationen zur Corona-Pandemie. Das ist das Ergebnis einer gemeinsamen Studie von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart und des österreichischen Beratungsunternehmens clavis. Sie haben insgesamt 512 Pressemitteilungen der Bundesregierungen sowie 3.541 FAQ-Antworten der deutschen Bundesregierung und der Landesregierungen für die Monate März und April 2020 analysiert.

„In Krisenzeiten suchen Menschen Informationen und Orientierung. Regierungen sollten beides liefern. Und zwar in einer auch für Laien verständlichen Form. Informationen zur Corona-Pandemie und zu den staatlichen Schutzmaßnahmen sollten besonders verständlich sein. Sie sind es aber nicht“, meint der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim.

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen und zusammengesetzten Wörtern. Anhand solcher Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ (HIX). Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).

Die deutsche Bundesregierung kommuniziert relativ unverständlich über Corona
Die Pressemitteilungen der deutschen Bundesministerien sind im Schnitt relativ unverständlich (HIX= 7,1). Etwas verständlicher sind die FAQ-Antworten der Ministerien (HIX= 8,8). In beiden Fällen werde es den Lesern schwer gemacht, die Informationen aufzunehmen. „Die Verständlichkeit sollte deutlich größer sein. Anzustreben wäre ein Wert von 14“, sagt Prof. Dr. Frank Brettschneider.

Bei den Pressemitteilungen schneidet das Finanzministerium am besten ab (HIX= 10,0). Die letzten Plätze belegen das Verkehrsministerium und das Justizministerium (HIX jeweils unter 5,0).

Bei den FAQ-Antworten schneidet das Auswärtige Amt am besten ab (HIX= 15,6), auf Platz 2 folgt das Gesundheitsministerium (HIX= 12,3). Die beiden letzten Plätze belegen das Arbeitsministerium (HIX= 5,8) und das Wirtschaftsministerium (HIX= 6,0).

Etwas verständlicher sind die FAQ-Antworten der Landesregierungen in Deutschland (HIX= 9,2). Allerdings reicht die Bandbreite von 6,9 (Sachsen-Anhalt) bis 10,8 (Berlin).


Die deutsche Bundesregierung kommuniziert etwas unverständlicher als die österreichische Bundesregierung
Die Pressemitteilungen der österreichischen Bundesministerien sind im Schnitt verständlicher (HIX= 8,4) als die Pressemitteilungen der deutschen Bundesministerien (HIX= 7,1).

Am besten schneiden in Österreich das Gesundheitsministerium (HIX= 9,8) und das Justizministerium (HIX= 9,5) ab. Den letzten Platz belegt das Ministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus (HIX= 4,9).

Für Österreich gilt das Gleiche wie für Deutschland: Die Verständlichkeit sollte deutlich größer sein. „Die Bundesregierung hat vieles richtig gemacht in diesen schwierigen Zeiten“, sagt Ulrich Müller, Geschäftsführer der clavis Kommunikationsberatung. Dennoch könne man immer besser werden und aus der Erfahrung lernen.

„Eines der wichtigsten Ziele der Krisenkommunikation ist es, im unsicheren Umfeld Orientierung für alle Beteiligten zu schaffen. Verständliche Kommunikation, Offenheit und Transparenz ersparen oft Kritik danach“, so Müller.

Wenn Menschen das Warum und Wozu verstehen, dann würden sie auch einschränkende Maßnahmen mittragen. Wenn sie hingegen Parteipolitik in der Kommunikation spüren, führe das zu einer Abwehrhaltung.

„In Österreich haben wir gesehen, wie schnell die Regierung von steigenden Zustimmungswerten profitiert hat – aber auch, wie rasch sie wieder an Zustimmung verloren hat.“, sagt Müller.

Thematisch sind in Österreich die Pressemitteilungen zum Themenbereich „Kita, Schule und Uni“ (HIX= 6,7) am unverständlichsten. In Deutschland gilt dies für die Pressemitteilungen im Bereich „Soziales und Alltag“ (HIX= 6,7).

Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln
Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln sind bei allen untersuchten Text-Arten gleich: Fremdwörter und Fachwörter (die nicht erklärt werden), zusammengesetzte Wörter, lange „Monster- und Bandwurmsätze“.

„Schachtelsätze mit 40 bis 50 Wörtern sind keine Seltenheit“, sagt Kerstin Keller von der Universität Hohenheim. „Dabei gilt: Ein Gedanke, ein Satz“. Oft fänden sich aber vier oder fünf Gedanken in einem Satz, was die Aufnahme der Informationen erschwere. Allerdings: „Die FAQ-Antworten weisen im Vergleich zu den Pressemitteilungen in der Regel kürzere Sätze sowie weniger Schachtelsätze auf“, stellt Kerstin Keller fest.

Neben den langen Sätzen stellen zahlreiche Fremd- und Fachwörter vor allem für Leser ohne Vorwissen eine große Verständlichkeitshürde dar: „Corona Matching Fazilität“, „Retail Hack“, „E-Card-Foto-Registrierungs-Stellen“, „Helpline“, „Recovery effort“, „Distance learning“, „Repatriierungen“, „respiratorische Erreger“, „asymptomatische Infektion“.

Einen ähnlichen Effekt haben Wortzusammensetzungen. Einfache Begriffe würden so zu „Wortungetümen“: „Allgemeinverbindlicherklärungen“, „COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz“, „Bundesfreiwilligendienstleistende“, „Heeresunteroffiziersakademie“, „Gebärdensprachdolmetscherinnen“, „Wohnungseigentümergemeinschafts-Verwalter“, „Betriebstättenbegründungsfristen“.


Der „Fluch des Wissens“
„Unverständlichkeit hat viele Gründe“, sagt Prof. Dr. Brettschneider. „Zeitdruck, Gewöhnung an abstraktes Verwaltungsdeutsch, vor allem aber das eigene Fachwissen von Experten.“

Diesen sei meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Bürger ihren Fachjargon nicht verstehe. „Wir nennen das den ‚Fluch des Wissens’“, so der Kommunikationswissenschaftler. Es gebe aber auch Texte, in denen Fachbegriffe beim ersten Auftreten erläutert werden.

HINTERGRUND: Hohenheimer Verständlichkeits-Analysen
Das Fachgebiet für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Kommunikationstheorie, an der Universität Hohenheim untersucht seit 15 Jahren die formale Verständlichkeit zahlreicher Texte: Wahlprogramme, Medienberichterstattung, Kunden-Kommunikation von Unternehmen, Verwaltungs- und Regierungskommunikation, Vorstandsreden von DAX-Unternehmen.

Möglich werden diese Analysen durch die Verständlichkeits-Software „TextLab“. Die Software wurde von der H&H CommunicationLab GmbH in Ulm und von der Universität Hohenheim entwickelt. Sie berechnet verschiedene Lesbarkeitsformeln sowie Text­faktoren, die für die Verständlichkeit relevant sind (z. B. Satzlängen, Wortlängen, Schachtelsätze). Daraus ergibt sich der „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er bildet die Verständlichkeit von Texten auf einer Skala von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) ab. Zum Vergleich: Doktorarbeiten in Politikwissenschaft haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 4,3 Punkten. Hörfunk-Nachrichten kommen im Schnitt auf 16,4 Punkte, Politik-Beiträge überregionaler Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Welt oder der Süddeutschen Zeitung auf Werte zwischen 11 und 14.

Immunprotein LY6E hemmt SARS-CoV-2

(pte) – Das vom menschlichen Immunsystem hergestellte Protein LY6E kann Coronaviren stark hemmen, darunter auch Sars-Cov-2, den Erreger von COVID-19. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Universität Bochum  in einem internationalen Projekt. Mit diesem Wissen lassen sich künftig neue Behandlungsoptionen erarbeiten. Details wurden in „Nature Microbiology“ publiziert.

Keine Fusion möglich
Tests mit verschiedenen Zellkulturen haben gezeigt, dass LY6E die Fähigkeit des Virus beeinträchtigt, mit den Wirtszellen zu fusionieren. „Wenn das Virus nicht mit diesen Zellen fusionieren kann, kann es keine Infektion auslösen“, erklärt Letztautor Volker Thiel von der ebenfalls am Projekt beteiligten Universität Bern http://unibe.ch .

Der Nachweis im Tiermodell gelang den Wissenschaftlern am Mausmodell und der Proteinvariante LY6E, die für den Schutz von Immunzellen vor Infektionen entscheidend ist. In Abwesenheit von LY6E werden Immunzellen wie dendritische Zellen und B-Zellen anfälliger für Infektionen und ihre Anzahl nimmt drastisch ab. Mäuse, denen LY6E in Immunzellen fehlt, sind sehr anfällig für ein normalerweise nicht tödliches Maus-Coronavirus und sterben daran.

Experimente mit Mäusen
Zwar betonen die Forscher, dass sich das im Experiment verwendete Maus-Coronavirus deutlich von dem Erreger des aktuellen COVID-19-Ausbruchs unterscheidet – so löst es zum Beispiel keine Atemwegserkrankung, sondern Hepatitis aus. Dennoch ist es weithin als Modell für das Verständnis der grundlegenden Konzepte der Coronavirus-Replikation und der Immunreaktionen in einem lebenden Tier anerkannt.

„Unsere Studie bringt neue Erkenntnisse darüber, wie wichtig diese antiviralen Gene für die Kontrolle der Virusinfektion und für eine angemessene Immunantwort gegen das Virus sind“, so die Autoren. „Da LY6E ein natürlich vorkommendes Protein des Menschen ist, hoffen wir, dass dieses Wissen bei der Entwicklung von Therapien helfen kann.“

Wohin führt die Staatsverschuldung? Treibt Corona in die Inflation? Mit einer Einführung von Jean Pütz

Die heutige Zeit ist geprägt durch Spezialisirung. Jeder Wissenschaftler oder auch Ökonom muss tief schürfen, um seine Spitzenforschung zu betreiben. Die große Gefahr ist, dass er dabei den Überblick verliert. In der Volkswirtschaft wäre das verhängnisvoll. Diese hängt von vielen Voraussetzungen ab. Natürlich sollten soziale Aspekte an vorderster Stelle stehen und im Sinne der Marktwirtschaft auch die ökologischen .

Darüber hinaus kommt es auch auch die kreative Entwicklung von Hartware und Software an. Das heißt, die technologischen Aspekte gehen in diese Gleichung mit vielen Unbekannten ein. Jetzt hat Corona-Pandemie besondere Bedingungen geschaffen, die in der Regel absolutes Neuland bedeuten.

Trotzdem muss dem neugierigen Bürger die Möglichkeit gegeben werden, zumindest Einblicke zu bekommen. Die Notwendigkeit habe ich früher einmal so beschrieben: Unsere Wirtschaft ist ein großer Ozean und der Einzelne bzw. ganze Gemeinschaften befinden sich auf einem kleinen Boot mitten in den Wellen. Da tut es gut, wenn zumindest die  Richtung erkannt wird. Dabei könnte bei der Navigation ein Kompass helfen oder das Wissen um den Verlauf der Gestirne. Mit dem Sextanten kann man dann auch wie in alter Zeit die Richtung ermitteln. Schön wäre es, wenn das Boot dann auch noch ein kleines Segel besitzt oder später einen Motor, mit dem die grobe Richtung bestimmt werden kann. Als Gemeinschaft muss man sich dann einigen, wohin es gehen soll. Dabei kann die Vernunft eine tragende Rolle spielen. Sollte dies nicht möglich sein, ist es notwendig, dass Einzelne aussteigen und auf einem individuellen Boot als Querdenker ihrer persönlichen Vernunft gehorchend versuchen, das Ziel zu erreichen. Doch das klappt nicht immer, was besonders für die Finanzen gilt. Da sitzen wir alle in einem Boot.

Nun habe ich hier einen interessanten Artikel gefunden, den mir eine Luxemburger Bank hat zukommen lassen. Ich kann nur jedem, der der Vernunft mächtig ist,  empfehlen, ihn intensiv zu studieren, denn er ist fachlich und didaktisch einfach Spitze.

Ihr Jean Pütz

(bdl) – Die Covid-19-Krise verschärft die Überschuldung der Industrieländer. Guy Wagner, Managing Director von BLI – Banque de Luxembourg Investments, sieht nur einen Ausweg: die Rückkehr zu mehr Haushaltsdisziplin.

Die außerordentliche Krise, die wir derzeit erleben, hat die Staaten zu einer Reihe von Maßnahmen gezwungen, die bereits jetzt einen Umfang von mehreren Milliarden Euro haben. Können Staaten noch mehr tun?

Man kann sich natürlich zunächst einmal die Frage stellen, wie Staaten ihre Ausgaben finanzieren. Im Allgemeinen haben sie dazu zwei Möglichkeiten: entweder durch höhere (Steuer-)Einnahmen oder aber durch Schulden. Und anders als Privatpersonen haben Staaten vielfältige Möglichkeiten, Schulden aufzunehmen – allen voran durch die Emission von Anleihen, die anschließend von Pensionsfonds oder Versicherungen gekauft werden.

Ist die aktuelle Niedrigzinsphase denn nicht ein guter Zeitpunkt für solche Anleihen?
Technisch gesehen, ja. Der Gedanke aber, dass in Niedrigzinsphasen gewissermaßen alles möglich ist, ist gefährlich. Die Finanzierungskosten sind tatsächlich sehr niedrig oder sogar negativ, und viele fragen sich, warum Staaten dies nicht nutzen, um noch viel mehr auszugeben.

Darauf gibt es zwei Antworten: Zum einen werden die Zinsen wahrscheinlich nicht für immer so niedrig bleiben. Wenn sich Staaten jetzt verschulden und die Zinsen später wieder steigen, wird der Schuldendienst einen immer größeren Teil der Steuereinnahmen aufzehren – und das ist nicht ungefährlich.

Zudem ist das private Sparvermögen nicht unbegrenzt. Je mehr sich ein Staat verschuldet, desto weniger Geld steht ihm zur Verfügung, um den privaten Sektor zu finanzieren.

Heißt das, dass Staaten keinen großen Gestaltungsspielraum haben?
Zu normaleren Zeiten wäre dieser Spielraum quasi unbegrenzt. Doch dann sind da ja noch die Zentralbanken, die man ebenfalls in die Gleichung einbeziehen muss. Wenn die Zentralbanken (wie von manchen gefordert) die von den Staaten ausgegebenen Anleihen direkt kaufen, hätten diese es theoretisch gar nicht mehr nötig, privates Sparvermögen anzuziehen. Dieser Gedanke ist gefährlich, und dieses Vorgehen hatte in der Vergangenheit verheerende Auswirkungen, so z. B. im Deutschland der 1920er Jahre oder später in Lateinamerika oder Afrika.

Nicht ohne Grund war die Unabhängigkeit der Zentralbanken immer ein hohes Gut, nicht ohne Grund war es ihnen verboten, öffentliche Anleihen direkt zu kaufen.

Eine andere Aufgabe, die die Zentralbanken seit einem Jahr übernehmen, ist die Stützung einer expansiven Geldpolitik, die auf den extrem niedrigen Zinsen basiert. Dies hat jedoch keine Probleme gelöst, sondern vielmehr mit zu der Situation geführt, in der wir uns heute befinden.

Das große Problem des weltweiten Finanzsystems ist die immer weiter zunehmende Überschuldung. Wie könnte man aus dieser Situation herauskommen?
Eine Patentlösung gibt es leider nicht. Manche vertreten eine Idee, die auf dem Papier ihren Charme haben mag: Die Zentralbanken könnten ja manche dieser öffentlichen Schuldtitel übernehmen und dann auf die Forderungen verzichten. Dies mag wie ein Zaubertrick aussehen: Weil die Zentralbanken ebenfalls zum öffentlichen Sektor gehören, wäre ein solcher Schuldenerlass für den privaten Sektor neutral, da die Verluste ja von den Zentralbanken getragen würden. Die einzige Konsequenz wäre, dass ihr Eigenkapital stark negativ würde – und manche meinen, das sei gar nicht so schlimm.

Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus…
Und dennoch wäre so etwas in der Realität alles andere als leicht umzusetzen. Zudem könnte dies auch nur ein einziges Mal gemacht werden; anschließend müssten wirksame Leitplanken aufgestellt werden, um zu verhindern, dass sich die Staaten erneut verschulden. Bislang hat so etwas noch nie funktioniert.

Und man könnte sogar noch weiter gehen: Man könnte sich ja vorstellen, dass die Zentralbanken noch mehr öffentliche Anleihen von den Märkten aufkaufen, um in noch größerem Stil Verschuldung zu streichen. Doch all das würde das Problem der Überschuldung im privaten Sektor in keiner Weise lösen.

Der angenehmste Weg, um aus der Schuldenfalle herauszukommen, wäre weiteres Wachstum. Doch weil die Überschuldung das Wachstum bremst, stecken wir hier in einem Teufelskreis.

Bedeutet das, dass die bislang sakrosankten Konvergenz- und Stabilitätskriterien des Maastricht-Vertrags hinfällig geworden sind?
Der große Unterschied zu der letzten schweren Wirtschaftskrise ist, dass die meisten Staaten, vor allem in Europa, seinerzeit zwar auf Haushaltsdisziplin pochten, gleichzeitig aber eine extrem expansive Geldpolitik verfolgten. Heute wird diese Haushaltsdisziplin von manchen bereits als etwas Negatives betrachtet. Stattdessen ist man der Meinung, in einem Niedrig- bzw. Nullzinsumfeld könnten geldpolitische Maßnahmen kaum mehr etwas ausrichten und vielmehr müsse die Haushalts- und Fiskalpolitik übernehmen, um staatliche Ausgaben zu ermöglichen.

Die Abkehr von der Haushaltsdisziplin ist sicherlich eine der großen Lehren, die aus dieser Situation gezogen wurden. Dies ist mittelfristig höchst gefährlich. Guy Wagner, Managing Director von BLI – Banque de Luxembourg Investments

Hinzu kommen die weiterhin bestehenden Inflationsrisiken: Zumindest auf mittlere Sicht sind sie nach wie vor vorhanden, auch wenn die aktuelle Krise kurzfristig eher deflationsfördernd wirkt.
Auf längere Sicht jedoch sprechen verschiedene Faktoren für ein erhöhtes Inflationsrisiko: Zum einen erleben wir zurzeit einen Anti-Globalisierungstrend, der eine Rückkehr zu lokalen Produktions- und Versorgungsketten mit sich bringt. Globalisierung hat stark deflationsfördernde Auswirkungen; Globalisierungsfeindlichkeit hingegen fördert die Inflation.

Zum anderen werden die quasi unbegrenzten öffentlichen Ausgaben, die durch die viel zitierte Geldpresse finanziert werden, die Inflation mittelfristig ebenfalls anheizen.

Was wären die wichtigsten Maßnahmen, die unmittelbar umzusetzen wären?
Schwer zu sagen… Ausgangspunkt des Problems ist offensichtlich die Überschuldung: Derzeit versammeln die sieben G7-Staaten eine öffentliche Verschuldung auf sich, die 140 % ihrer Wirtschaftsleistung entspricht – ein historischer Höchststand. Dabei sind noch nicht einmal die Ausgaben berücksichtigt, die durch die Demographie und die Pensionssysteme bedingt sind.

Die Lösung, öffentliche Schulden zu streichen, kann nur funktionieren, wenn sie perfekt umgesetzt wird. Dazu bräuchte es Garantien, dass sich eine solche Überschuldung nie mehr wiederholt. Die Staaten müssten sich anschließend ausdrücklich dazu verpflichten, die vorgegebene Haushaltsdisziplin einzuhalten. Angesichts dessen, was man in der Vergangenheit erlebt hat, fällt Optimismus an dieser Stelle schwer.

Corona-Subventionen der EU: Für die Katz ?

(ZEW) – Die Denkfabrik ZEW hält den milliardenschweren EU-Hilfsfonds für eine Fehlkonstruktion. Von der Pandemie stark betroffene Länder würden nicht gezielt unterstützt.

Brüssel Die Niederlande bekommen im Streit über den Corona-Wiederaufbauplan Schützenhilfe aus Deutschland: Das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat den Plan untersucht und kommt zu einem vernichtenden Urteil. Anders als von der EU-Kommission behauptet kämen die 750 Milliarden Euro keineswegs gezielt den von der Pandemie besonders stark betroffenen Ländern zugute.

Einen wirksamen Reformanreiz für wachstumsschwache EU-Staaten wie Italien würde er auch nicht bieten, heißt es in der ZEW-Studie, die dem Handelsblatt vorliegt. In Auftrag gegeben wurde sie von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die vom Verband Gesamtmetall und anderen Arbeitgeberverbänden finanziert wird.

„Die Analyse zeigt, dass der Next-Generation-Fonds im Hinblick auf seine Stabilisierungsaufgabe fehlkonstruiert ist“, schreibt ZEW-Experte Friedrich Heinemann. „Der Mitteleinsatz von 750 Milliarden Euro würde auf diese Weise weder eine zielgenaue Unterstützung der besonders stark betroffenen Mitgliedstaaten leisten noch einen nennenswerten Anstoß zur Überwindung des Reformstaus in den Ländern mit geringem Potenzialwachstum.“

Der Befund der ZEW-Forscher deckt sich mit der Kritik des Klubs der „Sparsamen Vier“ an dem Hilfspaket: Die Niederlande, Österreich, Schweden und Dänemark befürchten, dass mit den Milliarden aus dem Corona-Wiederaufbauplan vor allem Haushaltslöcher gestopft werden, ohne die Strukturprobleme wachstumsschwacher Länder zu lösen.

Der niederländische Premierminister Mark Rutte und seine Amtskollegen wollen deshalb beim EU-Gipfel am kommenden Freitag eine Verschärfung der Reformauflagen für Empfängerländer durchsetzen. Außerdem dringen sie darauf, den Fonds insgesamt zu verkleinern.

Die Kommission hatte mit Unterstützung Frankreichs und Deutschlands vorgeschlagen, 500 Milliarden Euro nicht rückzahlbare Zuschüsse und 250 Milliarden Euro Kredite an von der Coronakrise besonders stark betroffene Länder zu zahlen. Die „Sparsamen Vier“ sind damit nicht einverstanden. Es solle weniger Zuschüsse und mehr Darlehen geben, verlangen sie.

Kaum betroffene Länder profitieren stark
Die ZEW-Forscher stellen das Volumen des Wiederaufbaufonds zwar nicht infrage, wohl aber dessen Ausgestaltung. Laut Entwurf der EU-Kommission sollen 310 Milliarden Euro als direkte Zuwendung an die Mitgliedstaaten fließen.

Für die Verteilung dieses Betrags legt die Kommission ausschließlich ökonomische Kennziffern aus der Zeit vor der Coronakrise zugrunde: Das Pro-Kopf-Einkommen des jeweiligen Landes im Verhältnis zum EU-Durchschnitt im Jahr 2019 sowie die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den Jahren 2015 bis 2019 relativ zum EU-Mittelwert. „Die tatsächliche Schwere der Corona-Rezession für die relative Begünstigung eines Landes“ spiele also „keinerlei Rolle“, moniert Heinemann.

Das führe dazu, dass von der Coronakrise kaum betroffene Länder wie Polen stark von dem Wiederaufbaufonds profitieren. Dagegen kämen Spanien, Italien und Frankreich vergleichsweise schlechter weg, obwohl ihre Volkswirtschaften laut EU-Prognose um jeweils über zehn Prozent einbrechen.
Die EU-Kommission begründet ihr Vorgehen damit, dass zu Programmbeginn Anfang 2021 noch kein verlässliches Zahlenmaterial über den durch die Coronakrise verursachten Wirtschaftseinbruch vorliegen würde. Das Argument überzeugte auch die Bundesregierung nicht. Sie verlangte eine Korrektur und fand damit bei EU-Ratspräsident Charles Michel Gehör.

Der Belgier legte am vergangenen Freitag einen Kompromissvorschlag vor. Ihm zufolge sollen die von der EU-Kommission vorgeschlagenen Verteilungskriterien nur für 70 Prozent der Zahlungen gelten. Die restlichen 30 Prozent sollten an die Länder gehen, wo die Wirtschaft in den Jahren 2021 und 2022 am meisten schrumpft.

Das ZEW moniert darüber hinaus, dass ein Teil des Wiederaufbauprogramms in EU-Haushaltsposten fließen soll, die gar nichts mit der Coronakrise zu tun haben, wie etwa die Agrarsubventionen für die Entwicklung des ländlichen Raums oder den „Just Transition Fonds“ zur Abfederung der Klimaschutzkosten. Insgesamt sei „das Begünstigungsmuster weitgehend losgelöst von der ökonomischen Betroffenheit durch die Pandemie“.

Hinzu komme ein weiteres Manko: Schätzungsweise 75 Prozent der Gelder würden erst 2023 oder noch später fließen. Die akute Wirtschaftskrise sei dann hoffentlich längst vorbei. Auch das Problem hat Michel bereits erkannt. Der EU-Ratspräsident verlangt, dass die Mittel ganz überwiegend in den Jahren 2021 und 2022 ausgezahlt werden. Auch Deutschland ist dafür.

Die Konditionalität der Hilfen ist ein weiterer heikler Punkt des Wiederaufbauplans – sowohl für die „Sparsamen Vier“ als auch für die ZEW-Forscher. Der Wiederaufbauplan könne das Wachstumspotenzial der Empfängerländer nur dann erhöhen, wenn sie mit „wirksamen Anreizen für Strukturreformen“ verbunden seien, heißt es in der ZEW-Studie.

Reformempfehlungen zu vage
Doch daran gebe es erhebliche Zweifel. Die Kommission wolle die Hilfen zwar an die Bedingung knüpfen, dass die jeweiligen Regierungen Brüsseler Reformempfehlungen berücksichtigen und dies in nationalen Reformplänen darlegen. Doch die länderspezifischen Reformempfehlungen der EU seien viel zu vage formuliert und könnten daher keinen „wirklichen Veränderungsdruck entfalten“.

Hinzu komme die Grundeinstellung der Kommission, wonach „die Mitgliedstaaten keinerlei Eigenverantwortung für ihre ökonomische und soziale Lage“ in der Coronakrise hätten. Die ZEW-Forscher sehen das anders: Staaten, die in guten Zeiten vorgesorgt und schwierige Strukturreformen durchgesetzt hätten, seien für Krisenzeiten besser gerüstet.

Es habe daher sehr wohl etwas mit der politischen Eigenleistung zu tun, wie ein Land eine schwere Krise verkrafte. Nicht einverstanden ist das ZEW auch damit, dass die Kommission ausgerechnet Länder mit einer hohen strukturellen Arbeitslosigkeit besonders stark finanziell begünstigen will. Regierungen, die Arbeitsmarktreformen unternommen und ihre Erwerbslosigkeit gesenkt hätten, würden damit bestraft.

Sein eigentliches Ziel – eine Stabilisierung der von der Pandemie stark betroffenen Staaten – könne das Wiederaufbauprogramm nur erreichen, wenn die Regierungschefs „gravierende Designfehler in den anstehenden Verhandlungen beseitigen“, so Heinemann. Konkret fordert er, die Verteilungskriterien neu zu fassen.

„Naheliegende Kriterien“ seien der durch die Coronakrise ausgelöste Rückgang des Bruttoinlandsprodukts und der Anstieg der Arbeitslosigkeit eines Mitgliedstaats relativ zum EU-Durchschnitt. Dabei könne man „anfänglich mit Prognosen und Abschlagszahlungen arbeiten, die dann kontinuierlich an die Ist-Daten angepasst werden“.

Mittel aus dem Wiederaufbaufonds für die Agrarpolitik und für den Klimafonds sollten gestrichen werden. Das hier benötigte Geld müsse durch Kürzungen bei anderen EU-Haushaltsposten aufgebracht werden. Nötig seien zudem „verbindlichere Reformauflagen“.

Das findet auch der niederländische Ministerpräsident. Mark Rutte verlangt, dass Hilfsanträge für den Wiederaufbaufonds streng von den EU-Finanzministern kontrolliert und einstimmig beschlossen werden. Das würde bedeuten, dass ein einziges Land mit seinem Veto Hilfszahlungen blockieren könnte. Dass Rutte sich mit dieser Maximalforderung durchsetzt, ist nicht zu erwarten: Die Südeuropäer wollen das auf keinen Fall hinnehmen.

Volksseuche Diabetes-2 – schlimmer als Corona, aber vermeidbar

Persönliche Übersetzung eines Berichts von der Wissenschaftsseite der Washington Post:

Eine Ernährung mit hohem Obst- und Gemüseanteil kann dazu beitragen, das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, um 50 Prozent zu reduzieren, so die Ergebnisse einer großen neuen Studie!

Die Studie über etwa 10 Jahre, an der mehr als 22.000 Personen teilnahmen, untersuchte den Zusammenhang zwischen der Gefahr der Teilnehmer, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, und der Aufnahme an Vitamin C und Carotinoiden (Pigmente in buntem Gemüse wie Karotten und Tomaten) im Blut, die als zuverlässiges Indiz für den Obst- und Gemüseverzehr gelten. Die Forscher berechneten, dass jeder Anstieg des Obst- und Gemüseverzehrs um 66 Gramm das Risiko um 25 Prozent senken könnte. Eine andere Studie, die ebenfalls gerade veröffentlicht wurde, fand heraus, dass Vollkornprodukte beim Frühstück , wie z. B. alle Körner-Flocken (z. B. aus Hafer und andere) in Müsli, auch eingerührt in Joghurt, ebenso wie ungeschälter Reis, Vollkornbrot sowie Lebensmittel mit Zusatz von Kleie oder Weizenkeimen – das Risiko um 29 Prozent zu senken schienen. Diese Untersuchung basierte auf Daten über den Lebensmittelkonsum von fast 195.000 Menschen und einem Zeitraum von etwa 24 Jahren.

Typ-2-Diabetes, der sich in der Regel im Erwachsenenalter entwickelt (obwohl aufgrund der zunehmenden Fettleibigkeit immer mehr Kinder mit dieser Krankheit diagnostiziert werden), macht es dem Körper schwer, Zucker richtig zu verdauen. Zu hohe Blutzuckerwerte können Nieren-, Nerven- und Augenschäden, Herzerkrankungen und Schlaganfälle verursachen. Gesunde Ernährung gilt als eine Schlüsselkomponente zur Kontrolle oder Vorbeugung von Typ-2-Diabetes, zusammen mit körperlicher Betätigung und möglicherweise Medikamenten oder Insulin. In den Vereinigten Staaten leiden nach Angaben der ‚Centers for Disease Control and Prevention‘ 34,2 Millionen Menschen an Diabetes (etwa 10 Prozent der Bevölkerung), und mehr als 90 Prozent von ihnen haben Typ-2-Diabetes.

Wenn Sie den Bericht original in englischer Sprache nachlesen möchten:
Diabetes vermeidbar durch bessere Ernährung!

Die Zerstörung des Corona Hypes“ – was ist dran?

(swr3) – „Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffen wirst, dieses Video bis zum Ende anzuschauen, ohne am Ende der Meinung zu sein, dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren“, verspricht ein Student in einem Video auf Youtube. Es hat mittlerweile knapp 500.000 Aufrufe. Was ist dran an seinen Thesen?

Das knapp einstündige Youtube-Video Die Zerstörung des Corona Hypes hat nach einer Woche knapp eine halbe Millionen Aufrufe. Es erschien Ende Juni auf dem Kanal Teil der Lösung. Hier stellt sich der Autor zu Beginn selbst vor: Sebastian, Psychologiestudent aus Ulm. Er verspricht: „Ich werde in diesem Video das Thema Corona komplett in seine Einzelteile zerlegen. Und ich fordere dich hiermit heraus zu einer Wette: Ich wette mit dir, dass du es nicht schaffen wirst, dieses Video bis zum Ende anzuschauen, ohne am Ende der Meinung zu sein, dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren.“

Hier geht’s zum Video Die Zerstörung des Corona Hypes“

1. Basisfakten: Bekanntheit, Veränderung und Saison

Im Video werden drei Fakten vorangestellt:

  1. Viren verändern sich ständig
  2. Coronaviren sind seit Jahren bekannt
  3. Jeden Winter kommt es zu einer erhöhten Sterblichkeit durch akute Atemwegserkrankungen (Grippewelle)

Bekanntheit und Mutation – wenig ergiebig
Soweit gibt es gegen diese drei Fakten nichts einzuwenden, abgesehen davon, dass sich daraus wenig ableiten lässt. Dass Viren sich ändern können, lässt keinen Schluss auf die Einschätzung des neuen Coronavirus zu. Viren können sich so verändern, dass sie harmloser werden oder umgekehrt für den Menschen als Wirt gefährlicher. Wobei man auch hier die Frage stellen müsste, wie das eigentlich genau definiert würde. Denn Viruserkrankungen, die für Infizierte durchgängig starke Symptome bedeuten oder häufiger tödlich enden, verbreiten sich dafür oft weniger stark. Dadurch können sie für den Einzelnen gefährlicher, für eine Gesellschaft insgesamt leichter kontrollierbar sein. Auch kann die Mutation eines Virus bedeuten, dass bereits gefundene Gegenmittel nicht mehr wirken (das simpelste Beispiel ist die jährliche Anpassung der Grippeimpfung) oder das Immunsystem noch nicht auf den neuen Erreger spezialisiert ist.

Dass Coronaviren bekannt sind, stimmt ebenfalls – das neue SARS-Cov-2 hingegen ist es nicht. Und gerade weil Viren mutieren und sich verändern können, bietet das keinen Vorteil im Sinne des vorhandenen Wissens, das sich von anderen Viren des Stamms auf diesen neuen ableiten lassen würde.

Die fehlende Einordnung oder konkrete Ableitung der genannten Fakten macht es schwierig zu erkennen, was ihre Auflistung für die im Video zu Beginn aufgestellte These, „dass die Maßnahmen, der Lockdown und die Kontaktsperren zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt waren“, bedeuten sollte.

Der Vergleich mit der Grippewelle – ein Klassiker
Psychologie-Student Sebastian zeigt Karten von Grippewellen und die Monate, in denen sie verstärkt auftreten. Was er genau sagen möchte, wird nicht klar. Möglicherweise geht es darum zu verdeutlichen, dass die Corona-Pandemie vergleichbar sei oder schwächer als jährlich auftretende Verläufe von Grippeerkrankungen. Da er allerdings auch hier keine konkrete These formuliert, lässt sich eben nur vermuten, was damit genau belegt werden soll. Im Laufe des Videos wird erneut auf den Grippe-Vergleich verwiesen.

Tatsache ist: Der Vergleich zwischen Grippewellen und dem neuen Coronavirus kursiert schon seit Beginn der Pandemie als Argument für übertriebene politische Maßnahmen. Dass dies nicht haltbar und statistisch irreführend ist, wurde vielfach dargelegt, unter anderem von Correctiv, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland oder dem Faktenfinder der Tagesschau – bereits im April. Mehr zu „Grippe vs. Corona“ findest du auch hier im SWR3-Faktencheck-Überblick.

Außerdem gilt, wie an vielen anderen Stellen zu diesem Video: Aktuelle Statistiken dazu, wie viele Menschen an Covid-19 versterben, können in Deutschland nur vor dem Hintergrund der getroffenen Maßnahmen verstanden werden und dienen daher nicht als Argument für oder gegen die Beschränkungen. Wir haben keine Zahlen dazu, wie es sich Deutschland ohne Shutdown entwickelt hätte , egal ob man Befürworter oder Gegner ist. Möglich sind lediglich Vergleiche zu anderen Ländern – und auch die sind mit Vorsicht anzulegen.

Dazu kommt: Grippe – selbst wenn man sie mit Corona vergleichen könnte – ist ebenfalls keine Lappalie. Die Folgen werden gerne unterschätzt, worauf auch das RKI bereits seit Jahren hinweist.

2. Kritik am Umgang mit der Schweinegrippe
Als wichtiges Wissen („was man auch unbedingt wissen sollte“) wird außerdem vorausgeschickt, dass die Schweinegrippe 2009 relativ harmlos verlief, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die höchste Pandemiestufe ausgerufen hatte. Ein genauer Zusammenhang, was die Entscheidung damals mit der Corona-Lage heute zutun hat, wird auch an dieser Stelle nicht konkret formuliert. Durch eingespieltes Filmmaterial einer Arte-Dokumentation, in dem auch die heute im Fokus stehenden Experten Christian Drosten und Wolfgang Wodarg gegeneinander geschnitten sind, vermittelt sich der Eindruck, dass die Schweinegrippe-Einschätzungen von damals mit denen der Pandemie heute vergleichbar seien. Der beteiligte Epidemiologe Drosten äußerte sich dazu bereits im Mai in seinem Podcast.

Wie mit neuen Erregern – von SARS bis Schweinegrippe – in der Vergangenheit umgegangen wurde und welche Erkenntnisse daraus gezogen werden konnten, die heute auch die Einschätzung und Maßnahmen gegen das neue Coronavirus beeinflussen, hat der Deutschlandfunk hier mit mehreren verschiedenen Experten aufgearbeitet.

Experten nennen es Präventionsparadoxon wenn eine Maßnahme für den Einzelnen nicht merklich etwas bringt, aber von gesamtgesellschaftlichem Nutzen sein kann. Man spürt als Einzelperson nicht, was man insgesamt verhindert hat. War es unsinnig, für Krebsvorsorge zu werben, wenn man bei mir nichts findet? War die Vorsicht im Umgang mit der Schweinegrippe falsch, wenn die große Pandemie in Deutschland nicht angekommen ist? Waren die Maßnahmen im Zusammenhang mit Corona übertrieben, wenn es mich persönlich vielleicht gar nicht getroffen hätte?

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass Kritik am Umgang mit der Schweinegrippe damals genauso legitim ist wie die Kritik am Umgang heute mit der Corona-Pandemie. Aus der Darstellung von Maßnahmen oder Aussagen aus 2009 lässt sich aber kein Beweis oder Gegenbeweis dafür entwickeln, dass heute angemessen oder unangemessen mit der Pandemie umgegangen wird.

Und: Selbst wenn sich einzelne Experten in der Vergangenheit verschätzt haben, sagt das nicht notgedrungen etwas über ihre Kompetenz. Denn die Schweinegrippe war damals genauso neu wie heute SARS-CoV-2 und damit als sie auftrat ebenso wenig abschließend einschätzbar.

3. Kritik an Statistiken: allgemein und „in den Medien“
In Die Zerstörung des Corona Hypes wird als Beispiel für die Darstellung von Corona-Statistiken „in den Medien“ die Tagesschau aufgeführt. Kritik: Es handle sich nicht um die Anzahl infizierter Menschen, sondern lediglich um diejenigen, die positiv getestet wurden. Das ist absolut richtig und ein sehr wichtiger Punkt für die Interpretation und das Verständnis von Statistiken über Corona im Allgemeinen. In ihrer Statistik führt die Tagesschau genau deshalb in der Überschrift auf, dass es sich bei den Zahlen um Bestätigte Corona-Fälle handelt – also eben nicht um alle, sondern um die durch einen Test bestätigten Fällen.

Interessant ist, sich den kritisierten Tagesschau-Beitrag nicht nur im Screenshot anzusehen, wie er im Video dargestellt wird. Denn in der Sendung, aus der das Bild stammt, unterstützt ein Sprechertext die Zahlen. Moderatorin Judith Rakers sagt dazu: „Das RKI [Robert-Koch-Institut] bestätigte heute rund 99.200 Infizierte, die Zahl der Corona-Toten stieg auf 1.607“ – es wird also ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um die getesteten und positiv bestätigten Fälle handelt.

Sicher lässt sich darüber diskutieren, ob es genügt, die Zahlen an dieser Stelle unmissverständlich zu transportieren. Tatsächlich macht es die Kürze der Darstellung in einem Nachrichtenüberblick oft schwer, alle Hintergründe – insbesondere bei etwas so Kompliziertem wie dem Coronavirus – ausführlich einzubinden.

Da aber der Ulmer Psychologiestudent nur einen Beitrag anführt, um grundsätzlich die Darstellung „in den Medien“ zu zeigen, ist folgendes zu bedenken:

Die kritisierte Tagesschau-Sendung ist vom 7. April 2020 – zwei Tage später wurden die ersten Zwischenergebnisse der umstrittenen Heinsbergstudie präsentiert. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine breite Debatte über die Dunkelziffer (also jene Zahl von Menschen, die infiziert sind, aber keinen Test gemacht haben, beispielsweise weil sie kaum oder gar keine Symptome haben). In vielen Medien wurde ausführlich über die Problematik der hohen Dunkelziffer berichtet. Auch in der Tagesschau: zum Beispiel hier, hier oder hier.

Längst bekannt: Das Problem mit der Dunkelziffer
Im Video des Ulmer Studenten wird bei Minuten 5:03 eine Grafik gezeigt, in der die Höhe der insgesamt Infizierten über die Kurve der gemeldeten Fälle gelegt wird. Dies soll verdeutlichen, dass die Pandemie überschätzt würde. Denn wenn mehr Menschen infiziert sind, dann wird der Anteil der Verstorbenen geringer – die Sterberate sinkt.

Woher die Kurve kommt, die in der gezeigten Darstellung anschaulich hoch über den Balken der gemeldeten Fälle liegt, ist nicht nachvollziehbar. In der Quellenangabe gibt es keinen Link zu diesem Abschnitt. Tatsächlich forschen Wissenschaftler auf der ganzen Welt an einer Annäherung an eine zutreffende Sterberate. Aktuell gibt es nur Schätzungen. Es ist also unwahrscheinlich, dass der eingezeichneten weißen Kurve valide Zahlen zugrunde liegen, bei der es sich nicht lediglich um Schätzungen handelt. Und genau darin liegt das Problem: Natürlich würde jeder Wissenschaftler gerne die absolute Zahl aller Infizierten wissen – und damit bestätigt dieses Video eigentlich nur die allgemeingängige Expertenmeinung, dass die Dunkelziffer hoch sein wird und es wichtig wäre, das genauer zu wissen.

Corona-Tests erhöhen die Zahl der bestätigten Infektionen?
Auch die nachfolgenden Erläuterungen dazu, dass ein Anstieg bei den Corona-Tests die Zahl der bestätigten Infizierten erhöhen kann, deckt keinen Skandal auf, sondern ist logisch. Aber: Die Tests lösen keine Pandemie aus. Sie zeigen lediglich, wie groß die Dunkelziffer ist. Umgekehrt würde ja auch niemand sagen: Lass uns nicht testen, dann haben wir auch keine Fälle.

Am Anfang einer Pandemie kann das durchaus sein, dass durch Tests die Zahl bestätigter Infektionen nach oben schnellt. Dass aber bei weiterer steigender Anzahl von Tests nicht automatisch die Zahl bestätigter Infektionen steigt, zeigt die Statistik, die im Video angeführt wird. Denn auch wenn in KW20 (11.-17.5.) viel mehr getestet wird als in KW11 (9.-15.3.), sind sowohl die absoluten Zahlen gemeldeter Fälle als auch die gemeldeten Infizierten pro 100.000 Tests (ein relevanter Wert, wie richtig im Video angemerkt wird) niedriger als damals.

Die Statistik ist also eher ein Gegenbeleg statt ein Beleg dafür, dass die Zahl bestätigter Infektionen im Verhältnis zu steigenden Tests zunimmt.

Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, dass die Kriterien für einen Test geändert wurden und anfangs nur Menschen mit starken Symptomen getestet wurden, was für die statistische Interpretation wichtig ist. Zu Beginn und an der Stelle, die Student Sebastian hier als relevant erachtet, wurden keine Menschen getestet, die keine Krankheitssymptome hatten. Die erläutert auch der Volksverpetzer in einem Faktencheck.