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Zucker – geliebt und verteufelt

Eine kurze Geschichte des Genussmittels

(BZfE) – Heute kaum vorstellbar: Bis vor rund 200 Jahren war Zucker ein
sehr kostbares Gut. Erst die Entdeckung, dass auch die heimische
Runkelrübe – aus der später die Zuckerrübe gezüchtet wurde – den
begehrten Stoff enthält, leitete den „süßen Siegeszug“ zu einem der
heute preiswertesten Lebensmittel ein. Unser Haushaltszucker ist zunächst
einmal ganz nüchtern und chemisch betrachtet ein Kohlenhydrat, das aus den
beiden Einzelbausteinen Fruchtzucker und Traubenzucker besteht.
Umgangssprachlich deshalb auch Zweifachzucker genannt. Egal ob aus
Zuckerrohr oder Zuckerrübe gewonnen, ganz gleich ob einfacher Weißzucker,
brauner Rohzucker, feine Raffinade, Puder-, Würfel-, Einmach- oder
Kandiszucker – es ist und bleibt der oben definierte Zweifachzucker. Und
der hat positive und negative Seiten.

Positiv: Viele Lebensmittel entfalten ihr volles Aroma erst, wenn sie
gezuckert werden. Gezuckerte Erdbeeren beispielsweise schmecken nicht nur
aromatischer, sie duften auch intensiver. Zucker hat haltbarmachende
Eigenschaften, denn er bindet frei verfügbares Wasser in Marmeladen,
Konfitüren, Gelees sowie Sirup-Getränken und entzieht dadurch Bakterien,
Hefen und Schimmelpilzen den Lebensraum. Bei Kuchen und Gebäck gibt Zucker
nicht nur Geschmack, sondern ist auch Struktur gebend und für die
Festigkeit des Teigs mitverantwortlich. Last but not least – Zucker
schmeckt süß und ist ein preiswerter Rohstoff. Und da sind wir auch schon
beim Dilemma: Wir essen zu viel Zucker.

Nach Zollaufzeichnungen des Deutschen Reiches lag der Pro-Kopf-Zuckerkonsum
im Jahr 1874 bei 6,2 Kilogramm. Heute sind es in Deutschland
durchschnittlich rund 35 Kilogramm pro Kopf und Jahr, beziehungsweise 100
Gramm pro Tag oder 32 Zuckerwürfel. Zu üppig, sagen die
Fachgesellschaften für Ernährung und die Weltgesundheitsorganisation WHO:
höchstens 50 Gramm sollten es sein, bei strenger Auslegung sogar nur 25
Gramm; und zwar in der Summe des in natürlichen und verarbeiteten
Lebensmitteln enthaltenen Zuckers sowie des zu Hause verbrauchten Zuckers.
Diese Empfehlung bezieht sich nicht auf den natürlichen, in frischem
Obst/Gemüse oder in Milch vorkommenden Zucker.

Eine hohe und häufige Zuckerzufuhr fördert die Entstehung von
Übergewicht und Adipositas sowie zahlreiche mit Übergewicht assoziierte
Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskuläre Erkrankungen
sowie die Entstehung von Karies. Hingegen ist eine zuckerarme Ernährung
gesundheitsfördernd.

Zucker ist kein notwendiger Nahrungsbestandteil, sondern ein Genussmittel.
Je weniger man davon genießt, umso besser für die eigene Gesundheit. Wer
reduzieren möchte, muss insbesondere auf verarbeitete Produkte schauen:
Fruchtjoghurts, Feinkostsalate, Müslis, Instantgetränke, Softdrinks, um
nur einige zu nennen. Obacht: Auch hinter Glukose, Dextrose, Fructose,
Laktose, Saccharose, Maltose, Maltodextrin, Fruktose-Glukose-Sirup,
Stärkesirup, Weizendextrin, Süßmolkenpulver, Magermilchpulver u.a.
steckt letzten Endes Zucker.

Übrigens, der Zuckerkonsum von 1874 entspricht gerade mal etwa 6
Zuckerwürfeln pro Kopf und Tag!

Rüdiger Lobitz

Unser Obst, Gemüse und Getreide – eine Züchtung aus Jahrtausenden. Wie gefährlich ist heutzutage die Methode der Gentechnologie

Der Ruf von Nahrungsmitteln mit modifiziertem Erbgut ist gerade in Deutschland denkbar schlecht. In der Gesellschaft befürchtet man negative Auswirkungen durch den Eingriff in die Natur. Ist diese Sorge aus medizinischer Sicht berechtigt?

Die Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto durch das deutsche Traditionsunternehmen Bayer führte zwar nicht zu Protestmärschen, stieß aber dennoch auf massive Kritik. Monsanto hat den zweifelhaften Ruf, landwirtschaftliche Gewinnmaximierung auch mit ethisch und ökologisch bedenklichen Zuchtmethoden für Nutzpflanzen zu erreichen.

„Frei von Gentechnik“ steht inzwischen auf vielen Bauernhöfen und Lebensmittelverpackungen. Aber ist gentechnisch verändertes Getreide aus dem Labor der Molekularbiologen wirklich so viel gefährlicher und unberechenbarer als solches, dessen Erbgut landwirtschaftliche Versuchsanstalten durch Züchtung über Jahrhunderte hinweg auf maximalen Ertrag und Widerstandskraft gegen Schädlinge entwickelt haben?

Mehr Tomatengeschmack durch Gentechnik?

Die Züchtung von Nutzpflanzen ist inzwischen rund 10.000 Jahre alt. Besonders Getreide, Brokkoli sowie Äpfel und Bananen wuchsen auf diese Weise von Winzlingen zu ertragreichen Früchten, Gemüsen und Körnern heran. Vor etwa 40 Jahren fingen Agrarwissenschaftler dann an, direkt auf die DNA von Pflanzen zuzugreifen. In den 80er und Anfang der 90er Jahre waren es zunächst Resistenzgene gegen Antibiotika und Viren, die Tabak und Petunien zu größerer Widerstandskraft verhalfen.

Bald begannen Wissenschaftler auch damit, Lebensmittel mithilfe gentechnischer Methoden zu verändern. Im Jahr 1994 startete in den USA mit der „FLAVR-SAVR-Tomate“ erstmals der Verkauf eines gentechnisch veränderten Lebensmittels. Bei der „geschmackskonservierenden“ Tomate schalteten Forscher das Enzym Polygalakturonase in den Samen aus. Die Frucht reift dadurch mit dem verzögerten Abbau der Zellwände später und ist unempfindlicher gegen Fäulnis. Sie musste dementsprechend nicht schon grün vom St

rauch gepflückt werden und kam somit auch mit intensiverem Geschmack in den Laden.Doch das kurze Leben der Gen-Tomate endete schon drei Jahre später, obwohl die FDA für die Züchtung grünes Licht gab. Das Misstrauen der Verbraucher in gentechnisch veränderte Lebensmittel war damals zu groß. Zudem war die Lebensmittel-verarbeitende Industrie auf die eigentlich positiven Eigenschaften nicht eingestellt. Für die Verarbeitung und Verpackung der reifen Tomaten hätten neue Verarbeitungsmaschinen angeschafft werden müssen.

Gesundheitlich optimierte Fett- und Ölproduktion

Doch die Skepsis gegenüber derart manipulierten Lebensmitteln scheint bei Verbrauchern in den USA inzwischen abgenommen zu haben. Immerhin sind dort andere Lebensmittel mit veränderten Genen erhältlich, wie die „Innate“-Kartoffeln. Ein teilweiser Block der Gene für Asparaginsynthese sowie von Glukose- und Fruktose-Stoffwechselenzymen mithilfe von RNA-Interferenz führt dazu, dass die Kartoffeln nach dem Aufschneiden nicht so schnell braun werden. Und als besonders gesundes Merkmal entstehen beim Braten und Frittieren sehr viel weniger giftige Acrylamide.  In den Vereinigten Staaten und Kanada beliefern die Bauern damit große Fast-Food Ketten. Auch in Australien und Neuseeland sind diese Kartoffeln bereits auf dem Markt.

In der EU sind bislang Getreide, Mais und Kartoffeln mit veränderten Gene gegen Schädlingsbefall oder Resistenzen gegen Bekämpfungsmittel erhältlich. Zudem sind Raps, Sojabohnen, Zuckerrüben und Baumwollpflanzen mit veränderten Genen zugelassen.

Für Menschen mit Zöliakie gibt es auf dem Lebensmittelmarkt Hoffnung. In Spanien wurden bereits klinische Studien mit einer Weizensorte begonnen, bei der ein Großteil der Gliadin-Gene inaktiv und damit nur mehr in geringem Maße allergen ist.

Beim Anbau von Sojabohnen sorgt der genetisch programmierte hohe Gehalt an Ölsäure beim starken Erhitzen dafür, dass sich weniger ungesunde Trans-Fettsäuren bilden. Speiseöl, Salatdressing und gesunde Müsliriegel sollen damit dem Verbraucher zu einer gesünderen Ernährung verhelfen. Diese Trans-Fettsäuren werden in Kanada und den USA demnächst ganz aus fertigen Lebensmitteln verschwinden. Aber auch Dänemark hat schon 2003 mit einem Verbot für Produkte mit mehr als zwei Prozent solcher Subtanzen reagiert. Gesunde Omega-3-Fettsäuren tauchen dafür per Gentechnik inzwischen in erhöhter Konzentration in Raps, Soja und sogar in Algen- und Bakterienkulturen auf, zunächst in Form von Futtermittel.

Weniger Futter für größere Lachse?

Eine natürliche Quelle von Omega-3-Fettsäuren ist der Speisefisch. Zu den beliebtesten gehört der Lachs, dessen Nachfrage schon längst nicht mehr allein aus Wildfang gedeckt werden kann. Jene Entwickler, die Omega-3-Fettsäuren in Getreide und Gemüse bringen wollen, argumentieren, dass durch alternative Quellen von Omega-3-Fettsäuren in Getreide und Gemüse weniger Fischfarming notwendig. Dadurch gewänne auch nachhaltiger Fischfang wieder an Bedeutung.

Alternativ wollen Wissenschaftler den Speisefische genetisch so verändern, dass sie weniger Futter verbrauchen: Mit dem Wachstumshormon des Königslachses und einem genetisch codierten Frostschutz wächst das Tier wesentlich schneller und verbraucht deswegen ein Viertel weniger Futter als unveränderte Fische. Den Bedenken von Kritikern nach einer Möglichkeit einer Vermischung mit Wildlachsen bei einer Flucht aus dem Gehege kamen die Züchter entgegen: Die aufgezogenen weiblichen Lachse sind steril und lassen sich nicht von wildlebenden Lachsmännern befruchten. Dennoch ließ sich die FDA bei ihrer Zulassung lange Zeit und konnte nicht alle Bedenken wie die eines veränderten Hormonhaushalts bezüglich IGF-1 oder der Gefahr einer Übertragung von Pilzkrankheiten auf wilde Lachse ausräumen.

Genfood gegen den Hunger der Welt?

Ein positives Beispiel dafür, ob gentechnisch veränderte Lebensmittel überhaupt notwendig sind, ist der „Goldene Reis“. Durch ein Gen aus dem Mais produziert diese Reissorte ß-Carotin. Entsprechend der WHO könnte damit ein Vitamin-A-Mangel von rund 250 Millionen Kindern weltweit gelindert und möglicherweise bis zu einer halben Million Erblindungen verhindert werden. Nach langer kontroverser Diskussion sollen die ersten großen Pflanzungen in diesem Sommer auf den Äckern Asiens stehen.

Zwischen 20 und 40 Prozent ihrer erhofften Ernte verlieren Bauern weltweit durch Schädlinge, das sind rund 250 Mio Euro. Um diese Verluste auszugleichen und zusätzliche Flächen für die Landwirtschaft zu generieren, müssen immer mehr Bäume weichen. Rund vier Fünftel des Jährlichen Verlusts an Wald wird zu landwirtschaftlicher Nutzfläche und inzwischen gehen rund 70 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs auf Kosten der Feldbewässerung. Auch hier, so scheint es, können die neuen Pflanzen Trümpfe ausspielen. Dort wo sie wachsen, ist der Pestizidverbrauch um rund 40 Prozent niedriger. Neue Sorten für wasserarme Gebiete, niedrige Temperaturen oder Resistenz gegen Salzwasser sind in der Entwicklung.

Sicherheitsrisiken: unklare Datenlage

Ist der Anbau genmodifizerter Pflanzen sicher? 1999 schien eine Publikation in Nature darauf hinzuweisen, dass Pollen von transgenen Maispflanzen an einem verringerten Wachstum von Raupen des amerikanischen Monarchfalters schuld seien. Die Insekten ernähren sich von der Seidenpflanze, die meist in der Nähe von Maisfeldern wächst. Spätere Studie  konnten diese These allerdings nicht erhärten. Vielmehr scheinen intensive Landwirtschaft mit mit Monokulturen und dem Einsatz von Giften den Nahrungspflanzen der Schmetterlinge zugesetzt zu haben. Ähnlich umstritten ist eine Studie von Gilles-Eric Seralini, nach der Mais mit Herbizid-Resistenzgenen zu gesundheitlichen Schäden im Rattenmodell führen soll. Auch diese Ergebnisse konnten nicht unabhängig verifiziert werden.

Generell gibt es zur Sicherheit genetisch modifizierter Organismen bisher noch nicht allzu viele Daten und auch etliche Wissenschaftler halten die Vorsicht und Skepsis gegenüber Eingriffen ins Genom mittels Gentechnologie für gerechtfertigt.

Unvorhergesehene Effekte von Gen-Insertionen oder dem Block von Regulationsgenen lassen sich nicht ausschließen. So wurden etwa potentielle Allergene von modifiziertem Mais trotz Verbot in Nahrungsmitteln für den menschlichen Verzehr gefunden. Diese Funde weisen auch auf das Problem hin, dass es wohl etliche Betriebe etwa in der Gastwirtschaft gibt, die es mit den Restriktionen solcher Feldfrüchte nicht allzu genau nehmen. Zumindest in Großbritannien berichten Initiativen gegen den Einsatz von Gentechnologie bei Nahrungsmitteln immer wieder von Bruch entsprechender Vorschriften.

Gentechnologie nein Danke – Gründe für das Misstrauen

Weltweit wachsen auf rund 200 Mio Hektar Nutzpflanzen mit modifiziertem Genom, das entspricht etwa der Fläche Mexikos. Vor allem die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada und Indien sind dabei die großen Produzenten. Neben Soja als wichtigster Feldfrucht sind es Mais und Raps, die eine bedeutende Rolle spielen.

In Europa überwiegt dagegen die Skepsis. Von den Anbauländern sind nur mehr Spanien und Portugal übrig geblieben. Seit 2013 genehmigen deutsche Behörden für diese Pflanzen auch keine Versuchsflächen mehr. Was aber führt zu diesem Misstrauen? Der Risikoforscher Ortwin Renn erörtert mögliche Gründe im vierten Gentechnologiebericht: Die Skepsis gegen jede Veränderung von als natürlich empfundener Landwirtschaft, also dem Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmittel oder nichtbiologischem Dünger. Gleichzeitig ist es wohl die Angst vor der Ungewissheit, ob es nicht langfristig doch unerwünschte Nebenwirkungen des veränderten Genoms der Pflanze geben könnte – zusammen mit einem tiefen Misstrauen gegenüber Wissenschaftlern, die an unverständlichen Techniken zur Veränderungen des Erbguts nicht nur bei Pflanzen arbeiten.

Auf der anderen Seite sind mögliche Vorteile der Gentechnik gerade in hochentwickelten Staaten wie Deutschland nur zu einem kleinen Teil wahrnehmbar. Preisunterschiede zugunsten der Neuzüchtungen fallen bei den ohnehin niedrigen Lebensmittelpreisen kaum ins Gewicht, gesundheitliche Vorteile bei der Zubereitung (wie etwa bei Kartoffeln) fallen kaum auf. Daher bleiben rund zwei Drittel der Deutschen bei ihre negativen Einstellung gegenüber Gen-Nahrung.

Hat genoptimierte Nahrung eine Zukunft?

Renn schließt sein Kapitel über die Risikowahrnehmung der grünen Gentechnik mit einem Appell zur Aufklärung und Diskussion. Die wichtigen Fragen wären dabei:

  • Auswirkung des Anbaus auf das Recht der Grundversorgung mit Nahrung
  • Umweltverträglichkeit der konventionellen und transgenen Nutzpflanzen
  • Auswirkungen auf soziale Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung
  • Auswirkung auf die Selbstbestimmung und Menschenwürde
  • Langzeiteffekte auf Gesundheit, Umwelt und Entwicklung
  • Möglichkeit der Koexistenz von konventionellen und transgenen Nutzpflanzen

Ob es in naher Zukunft hierzulande gentechnisch veränderte Lebensmittel im Supermarkt zu kaufen gibt, ist fraglich. Mit einer transparenten Diskussion um Chancen und Risiken der grünen Gentechnik, ließen sich aber zumindest Vorbehalte und Ängste in der Bevölkerung reduzieren.

Wenn der Husten einfach nicht aufhört

Berlin – Nicht immer liegt die Ursache für einen chronischen Husten in der Lunge oder in den Atemwegen. Sodbrennen oder Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum, aber auch einige Medikamente können den Hustenreiz auslösen. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin in einer aktualisierten Leitlinie zur Diagnose und Therapie von Husten bei Erwachsenen hin. In der Neuauflage legen die Experten ein besonderes Augenmerk auf mögliche Ursachen, die mittels üblicher Diagnostik unentdeckt bleiben. Die Leitlinie soll eine Hilfe für Lungenärzte sein, die die unklaren Fälle von chronischem Husten untersuchen.

Akuter Husten gehört zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch. Meist tritt er als Symptom einer Erkältung oder Grippe auf und bessert sich nach zwei Wochen von selbst. „Sofern keine schwerwiegenden Symptome wie Bluthusten, Atemnot oder hohes Fieber vorliegen, sind in der Regel keine weiteren Untersuchungen notwendig“, sagt Dr. med. Peter Kardos von der Lungenpraxis an der Klinik Maingau in Frankfurt am Main. In einigen Fällen kann aber der Erkältungshusten auch 3 bis 8 Wochen anhalten, dann handelt es sich um einen so genannten subakuten Husten, beispielsweise im Rahmen von Keuchhusten.

Bei normalem, erkältungsbedingtem Husten empfiehlt DGP-Experte Kardos verschiedene Medikamente. Reine Schleimlöser helfen nur in den ersten 2 bis 3 Tagen. Einige pflanzliche Medikamente konnten zeigen, dass sie die Dauer und Intensität des häufig nachfolgenden trockenen Hustens lindern. Gurgellösungen, Lutschtabletten, Honig und Hustenbonbons wirken, indem sie die Hustenrezeptoren im Rachen „umhüllen“ und dadurch kurzfristig vor einer Reizung schützen. Vor allem rät Kardos aber zur Geduld: „Husten ist ein nützlicher Abwehrmechanismus unseres Körpers, der alles hinausbefördert, was nicht in die Atemwege gehört. Ist die dem Erkältungsinfekt zugrunde liegende Infektion abgeklungen, verschwindet der Husten auch wieder. Da es sich um virale Infekte handelt, helfen leider keine Antibiotika“.

Hält der Husten jedoch acht Wochen oder länger an, sollte die Ursache in weiteren Untersuchungen abgeklärt werden, rät Kardos: „Mithilfe von Lungenfunktionstests und Röntgenaufnahmen können ernsthafte Erkrankungen wie ein Tumor oder eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) erkannt beziehungsweise ausgeschlossen werden.“ Manchmal liegt die Ursache für den Husten in einem überempfindlichen Hustenreflex. Dann werden auch schwache Reize bei den Betroffenen Husten auslösen. Dies kann passieren, wenn die oberen Atemwege gereizt werden, zum Beispiel durch eine Entzündung der Nase und der Nebenhöhlen. „Diese soll gemeinsam mit dem Hals-Nasen-Ohrenarzt festgestellt und behandelt werden“, erklärt Kardos, der federführend an der Leitlinie der DGP mitgearbeitet hat.

Auch Sodbrennen kann Husten auslösen: Sodbrennen ist sehr häufig, laut Dr. Kardos berichtet jeder zweite Patient über Sodbrennen, wenn sein Hausarzt danach fragt. Der aufsteigende Magensaft kann aber auch chronischen Husten verursachen, aber nur dann, wenn der Hustenreflex überempfindlich ist. Während das Sodbrennen selbst mit Medikamenten gut behandelt werden kann, bleibt der Husten häufig bestehen. Er ist dann schwer zu behandeln. „Neue Medikamente, die die Empfindlichkeit des Hustenreflexes über längere Zeit hemmen, sind in der Entwicklung“, informiert der Lungenfacharzt. „Die klinischen Tests sind jedoch noch nicht abgeschlossen.“

Quelle:
P. Kardos et al.: Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin

Presserat wacht über Fairness in den Medien

Jahresbericht 2018: Beschwerden auf dem zweithöchsten Stand in der
Geschichte des Presserats

Deutlich mehr Rügen als 2017 / Verletzungen des Persönlichkeits- und Opferschutzes besonders oft sanktioniert

Die Zahl der Beschwerden beim Presserat ist im vergangenen Jahr deutlich gestiegen: 2.038 Leserinnen und Leser wandten sich 2018 an die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse. Dies ist der zweithöchste Stand in der Geschichte des Presserats nach dem Rekordjahr 2015 mit 2.358 Beschwerden.

Der Presserat erteilte mit allein 28 Rügen auch wieder mehr Sanktionen als 2017 (21 Rügen). Die meisten Rügen bezogen sich auf Verletzungen des Persönlichkeits- und Opferschutzes nach Ziffer 8 des Pressekodex, gefolgt von Rügen wegen der Vermischung von Werbung und Redaktion nach Ziffer 7.

Vielen Beschwerden gemeinsam war ein medienkritischer Unterton. Zudem gab es 2018 zahlreiche Beschwerden zu politisch brisanten Themen wie Migration und Rechtspopulismus. „Als Freiwillige Selbstkontrolle entscheiden wir nicht über verschiedene Deutungen eines Geschehens – solange die Deutungen auf korrekten Fakten beruhen“, so der Sprecher des Presserats Volker Stennei. „Der verantwortungsvolle Umgang mit Informationen ist Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der ethisch gebundenen Presse“.

Beschwerden über die Herkunftsnennung von Straftätern nach Richtlinie 12.1 des Pressekodex gingen zurück. Nur noch 30 Leserinnen und Leser bezogen sich im vergangenen Jahr auf die Richtlinie, in den Jahren davor hatte es noch 41 (2017) bzw. 62 (2016) Beschwerden zu dem Thema gegeben. „Als hilfreich erweisen sich unsere Praxis-Leitsätze für Redaktionen, die an Beispielen erklären, wann ein öffentliches Interesse für die Herkunftsnennung gegeben ist“, so Lutz Tillmanns, Geschäftsführer des Presserats.

Pflanzenvielfalt erhöht Insektenvielfalt

Halle, Leipzig, Göttingen. Je mehr Pflanzenarten in Wiesenund Wäldern leben, desto mehr Insektenarten finden dort Lebensraum.Mehr Pflanzenarten erhöhen aber nicht nur die Zahl der Insektenarten,sondern auch die Zahl ihrer Individuen. Gleichzeitig wird die tierischeVielfalt nicht nur von der pflanzlichen Artenvielfalt bestimmt, sondernauch von der pflanzlichen Strukturvielfalt. Dies sind Ergebnisse einerinternationalen Zusammenarbeit unter Führung des Deutschen Zentrumsfür integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), die in derFachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht wordensind. Sie haben Konsequenzen für die insektenfreundlicheBewirtschaftung von Wiesen und Wäldern.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen, dass Entwicklungen wie dasaktuell beobachtete Insektensterben zusammenhängen können mit derArt und Weise, wie wir Menschen die von uns genutzten Ökosystemebewirtschaften“, sagt Erstautor Prof. Andreas Schuldt von derUniversität Göttingen – vormals tätig am DeutschenZentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Gemeinsammit den Co-Autoren hat Schuldt umfangreiche Daten zur Pflanzen- undInsektendiversität aus zwei der weltweit größtenBiodiversitätsexperimente ausgewertet: dem Jena Experiment undBEF-China. Im ersten Experiment wurde die Zahl der Pflanzenarten auf einerWiese verändert, im zweiten die Zahl der Baumarten in einem Wald– jeweils mit dem Ziel, die Auswirkungen pflanzlicher Diversitätauf andere Lebewesen und das Funktionieren der Ökosysteme zuuntersuchen.

Die Daten zeigen, dass Rückgänge in der Vielfalt vonPflanzenarten – zum Beispiel verursacht durch intensive Nutzung land-und forstwirtschaftlicher Flächen – zu einer verringerten Zahlvon Insekten (Individuen) führen kann, was wiederum die Zahl derInsektenarten sinken lässt. „Interessant ist in diesemZusammenhang, dass nicht der reine Verlust an Pflanzenarten entscheidendist, sondern auch der damit verbundene Verlust an Strukturvielfalt“,so der Jena-Experiment-Sprecher Prof. Nico Eisenhauer vom ForschungszentrumiDiv und der Universität Leipzig. „Diese Ergebnisse zeigen, dasswir durch strukturfördernde Maßnahmen wie angepasste Mahdtermineund die Erhaltung alter Bäume einen wesentlichen Beitrag zumBiodiversitätsschutz leisten können“, ergänztBEF-China-Sprecher Prof. Helge Bruelheide von der Universität Halleund iDiv.

Der Vergleich von Daten aus ganz unterschiedlichen Lebensräumenzeigt dabei die Relevanz der Forschungsergebnisse für wichtige von unsMenschen genutzte Ökosysteme. Ermöglicht wurde die Studie durchumfangreiche Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft(DFG).
Andreas Schuldt, Volker Hahn

Schlaflosigkeit im Alter- Kann mediterrane Ernährung helfen?

(BZfE) – Wenn sich ältere Menschen mediterran ernähren, schlafen sie
offenbar besser als Senioren mit einer weniger gesunden Kost. Das lässt
eine Untersuchung der Harokopio Universität in Athen vermuten, an der
über 1.600 Griechen im Alter von mindestens 65 Jahren beteiligt waren.

Die Mittelmeerkost ist traditionell durch einen hohen Verzehr von
pflanzlichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte,
Nüsse und Samen gekennzeichnet. Olivenöl wird als Hauptquelle für Fett
genutzt. Hinzu kommen in Maßen Milchprodukte, Fisch und Geflügel, aber
nur wenig rotes Fleisch wie Rind und Schwein. Mit Hilfe des sogenannten
„MedDietScore“ schätzten die Wissenschaftler anhand einer Punkteskala
ein, wie stark sich die Probanden an diese Form des Essens hielten.
Zusätzlich machten die Teilnehmer in Fragebögen Angaben zu ihren
Lebensgewohnheiten wie Qualität und Dauer des Schlafes.

Senioren, die sich überwiegend mediterran ernährten, schliefen nicht
länger als ihre Altersgenossen, aber hatten eine bessere Schlafqualität.
Sie fanden beispielsweise abends leichter in den Schlaf, schnarchten
weniger und erwachten seltener aus Atemnot oder mit Kopfschmerzen. Morgens
fühlten sie sich erholter und brauchten am Tag seltener ein Nickerchen zur
Erholung. Zwischen Frauen und Männern gab es keine Unterschiede. Ab 75
Jahren ließ der positive Effekt der Mittelmeerkost nach. Möglicherweise
wird der Schlaf mit zunehmendem Alter stärker von Medikamenten und
Krankheiten wie Bluthochdruck beeinträchtigt.

Allerdings geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass es sich um eine
Beobachtungsstudie handelt. Mit diesem Studiendesign können keine
ursächlichen Beziehungen nachgewiesen werden. Es wäre denkbar, dass
weitere Faktoren für den guten Schlaf verantwortlich sind. Auf der anderen
Seite könnte Schlafmangel dazu führen, dass Betroffene sich
„ungesünder“ ernähren.

Viele ältere Menschen leiden unter Schlafschwierigkeiten. In Zukunft
sollen die Zusammenhänge zwischen einer gesunden Ernährung und einem
guten Schlaf näher erforscht werden, um die Lebensqualität im Alter zu
erhöhen. Vermutlich sind antioxidative und entzündungshemmende
Eigenschaften der Mittelmeerkost für die positive Wirkung verantwortlich,
schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt „Geriatrics and Gerontology
International“. Manche Nahrungsmittel wie Oliven, einige Fischarten und
saisonale Früchte sind zudem gute Quellen für das Hormon Melatonin, das
einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus fördert.

Heike Kreutz

Moderner Trend – Putzen mit Bakterien?

KIT – Die Sonnenstunden werden mehr, die Temperaturen steigen – und der Frühjahrsputz steht an. Derzeit geraten Mittel mit Bakterien in Mode: Die probiotischen Reiniger enthielten „freundliche“ Mikroorganismen, die Schmutz, Staub und schädliche Bakterien auf natürliche Weise beseitigten, versprechen die Hersteller. So werde selbst hartnäckiger Schmutz effizient und umweltschonend entfernt. Forscherinnen und Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben die Mikro-Haushaltshilfen unter die Lupe genommen.

Die Reinigungswirkung von probiotischen Reinigern basiert auf dem Konzept, dass Stoffe wie Fette, Eiweiße, Kohlenhydrate oder Harnstoffe, aus denen der Schmutz in unseren Küchen, Bädern und Toiletten größtenteils besteht, Mikroorganismen als Nahrung dienen. Um diese aufnehmen zu können, bilden Bakterien Enzyme, welche die Schmutzpartikel aufspalten. Die Idee, dass man Bakterien auf einer Oberfläche versprühen könne und diese dadurch sauber werde, hält Professor Johannes Gescher vom Institut für Angewandte Biowissenschaften des KIT indes für wenig überzeugend. Zwar seien Mikroorganismen in der Lage, organischen Kohlenstoff zu fressen, wie es zum Beispiel in Klärwerken alltäglich geschehe, wo Bakterien eingesetzt werden, um Abwasser zu reinigen. Aber: „Alles, was Bakterien fressen, setzen sie in CO2 und in neue Biomasse um“, so der Experte für Angewandte Biologie. Sprich, wo Bakterien Nahrung finden, gibt es sehr schnell noch mehr Bakterien, die wiederum eventuell Ausscheidungen zurücklassen könnten. „Damit eignen sich Bakterien eher weniger, Oberflächen so von organischem Kohlenstoff zu befreien, dass man hinterher tatsächlich von Sauberkeit sprechen könnte“, meint Gescher.

Der Forscher hat einige Reiniger im Labor untersucht: In manchen davon fanden sich ein bis zwei Milliarden Zellen pro Milliliter. Darüber hinaus enthielten die probiotischen Allzweckreiniger eine Mischung aus Säuren, die der Verbraucher zum Teil gut kennt: Essigsäure ist ein Bestandteil von vielen Reinigungsmitteln und kam in verdünnter Form vor. Darüber hinaus enthielten die getesteten Reiniger Alkohol, Buttersäure und Propionsäure, was den charakteristischen Geruch der Reiniger erklärt. „Damit liegt der Verdacht nahe, dass die Reinigungsleistung die Zusatzstoffe erbringen und nicht die Mikroorganismen“, sagt Gescher und rät: „Wer umweltschonend putzen möchte, sollte zu schnell abbaubaren Reinigungsmitteln greifen.“

Der Gedanke, „gute“ Bakterien könnten unerwünschte vertreiben, überzeugt den Wissenschaftler nicht. „Die meisten Mikroorganismen leben in Biofilmen, also einer Schleimschicht, in der sie eingebettet sind. Sie haben sich an die Oberflächen und Bedingungen angepasst, auf und mit denen sie wachsen. Mikroorganismen in einem Reiniger sind kaum in der Lage, den natürlichen Film auf einer Oberfläche zu verdrängen.“ Solche Biofilme ließen sich vor allem mit mechanischen oder chemischen Mitteln entfernen, die umweltbewusste Nutzerinnen und Nutzer ja gerade meiden wollten. Zudem seien Bakterien in feuchter Umgebung aktiv. „Wenn man wischt, ist der Boden vielleicht zehn Minuten feucht“, sagt Gescher. Viel zu wenig Zeit für die Mikroorganismen, um etwas zu sich zu nehmen.

Schließlich seien die häufig angepriesenen Fotosynthese- und Milchsäurebakterien als Putzhelfer denkbar ungeeignet: Cyanobakterien, auch Blaualgen genannt, benutzten Sonnenlicht als Energiequelle, wie Bäume und Gräser. „Sie ernähren sich also, salopp gesagt, von Licht und Luft und können an der gewünschten Reinigungsleistung überhaupt nicht beteiligt sein“, so Gescher. Milchsäurebakterien hingegen nehmen zwar organischen Kohlenstoff zu sich und produzieren Milchsäure – wie beim Herstellen von Joghurt. „Das machen sie aber nur, wenn sie keinen Zugang zu Sauerstoff haben. Auch hier muss man also fragen, wie eine Reinigungsleistung erfolgen soll, wenn man diese Organismen auf einer Oberfläche ausbringt.“

Acrylamid – gefährlich oder nicht?

Monatsthema im April: Acrylamid – ein krebsauslösender Stoff?

Vergolden statt verkohlen – diesen Ratschlag liest man so gut wie überall wenn es ums Braten, Frittieren oder Backen geht. Doch was genau ist so schädlich an krossem Toast oder gut gerösteten Kartoffelecken? Grund für die besondere Vorsicht ist der Stoff Acrylamid, der im Verdacht steht, gesundheitsschädlich zu sein.

ONKO – Acrylamid entsteht unter anderem, wenn stärkehaltige Lebensmittel wie Kartoffel- und Getreideprodukte mit wenig Wasser unter hohen Temperaturen zubereitet werden. Als hohe Temperatur wird alles über 120°C eingestuft. Somit stehen beim Frittieren, Braten und Backen die Bedingungen für die Entstehung von Acrylamid günstig. Es ist ein Nebenprodukt des Bräunungsprozesses.

In Tierversuchen führte eine erhöhte Acrylamidzugabe zum Futter zu einem erhöhten Risiko für Erbgutschäden und Tumorentstehung. Da Acrylamid in einer Vielzahl alltäglicher Lebensmittel zu finden ist, sind alle Verbraucher von einem möglicherweise erhöhten Krebsrisiko betroffen. Für Kinder ist es jedoch als noch höher zu erachten: Auf ihr Körpergewicht gerechnet verzehren sie zwei- bis dreimal so viel Acrylamid pro Kilogramm im Vergleich zu Erwachsenen. Um angesichts der vielen ungeklärten Fragen auf Nummer sicher zu gehen, bemühen sich Politik und Lebensmittelwirtschaft die Acrylamidbelastung in Lebensmitteln zu reduzieren. Seit April 2018 ist eine neue EU-Verordnung in Kraft, die eine Senkung des Acrylamidgehalts in Lebensmitteln festlegt.

In seinem aktuellen Monatsthema gibt das ONKO-Internetportal unter www.krebsgesellschaft.de/thema_april2019 zahlreiche Hinweise und Tipps, in welchen Lebensmitteln Acrylamid enthalten sein kann und wie sich der Acrylamidverzehr durch Ernährungsgewohnheiten und Zubereitungsarten reduzieren lässt.

Erweiterte Intelligenz bessere Bezeichnung für KI

Wir führen in Deutschland eine falsche KI-Debatte

Der Begriff KI lädt zu Missverständnissen ein. Denn wir tun so, als stünden sich Mensch und Maschine feindlich gegenüber – das ist ein Irrtum.

Handelsblatt – Intelligente Maschinen sind Teil unseres Lebens. Sie helfen Ärzten bei Krebsdiagnosen und schicken Polizisten auf Verbrecherjagd. Sie suchen für Personalabteilungen geeignete Bewerber aus und schlagen Richtern vor, welche Strafen sie verhängen sollen.

Das ist keine Science-Fiction, sondern Realität. Algorithmen und Künstliche Intelligenzsind viel mehr als Industrie 4.0. Sie umgeben uns und dringen in immer neue, sensible Lebensbereiche vor. Sie analysieren menschliches Verhalten und formen moderne Gesellschaften, indem sie für uns passende Informationen filtern oder Lebenspartner vorschlagen. Wir sollten uns mit ihnen beschäftigen, bevor wir uns an sie gewöhnen.

Künstliche Intelligenz oder kurz KI polarisiert. Die öffentliche Erwartung an die neue Technologie pendelt zwischen euphorischer Hoffnung auf eine bessere Welt und Ängsten vor einem Kontrollverlust des Menschen. Wobei im fortschrittsskeptischen Deutschland letztere Stimmen meist überwiegen.

Ein Teil des Problems ist schon unsere Wortwahl. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ lädt zu Missverständnissen ein. Er suggeriert, dass menschliche und maschinelle Intelligenz quasi dasselbe seien. Und er legt nahe, dass Künstliche Intelligenz die menschliche so ersetzen kann wie ein künstliches Hüftgelenk ein natürliches. Weil Algorithmen im Zweifel eh schneller, zuverlässiger und besser entscheiden als Menschen, werden sie uns verdrängen – so die Angst. Es scheint, als stünden sich Mensch und Maschine feindlich gegenüber.

Wir brauchen einen neuen KI-Begriff

Doch das ist falsch. So präzise Algorithmen analysieren und assistieren: Ohne uns wären sie aufgeschmissen. Menschen müssen die Ziele der Software festlegen und sie auf Fehler kontrollieren. Wir sind kreativ und reflektiert, schmieden intrinsisch motivierte Pläne, haben gesellschaftliche Konventionen, Normen und ethische Prinzipien.

All das sind und haben Maschinen nicht, selbst wenn sie intelligent heißen. Ihre Klugheit ist beschränkt, sie lernen und wirken innerhalb von durch Menschen vorgegebenen Grenzen; über einen eigenen ethischen Kompass verfügen sie nicht. Daraus ergibt sich gegenseitige Abhängigkeit: Maschinen kommen nicht ohne uns aus, aber auch wir würden ohne sie vieles im Datenzeitalter nicht mehr oder nicht so gut bewältigen können.

Deswegen brauchen wir einen neuen Begriff. Erweiterte Intelligenz wäre das bessere Wort. Denn genau darum geht es: um Maschinen, die nur im Zusammenspiel mit Menschen funktionieren und unsere Fähigkeiten punktuell erweitern. Wie das Leitbild Mensch mit Maschine gelingen kann, zeigen die Beispiele Medizin, Polizeiarbeit und Personalauswahl.

Ärzte profitieren schon heute von algorithmisch erweiterten Fähigkeiten. Selbstlernende Software kann oft schneller diagnostizieren, in einigen Fällen auch präziser. Besonders gut wertet sie bildgebende Verfahren wie MRTs und CTs aus, typische Aufgaben eines Radiologen. Denn kaum ein Mensch ist von Natur aus dafür geschaffen, stundenlang in einem abgedunkelten Raum auf einen Computerbildschirm zu starren und Befunde zu analysieren.

Computern gelingt es besser, Tumore zu erkennen. Ärzte macht das aber nicht überflüssig. Denn erst im Zusammenspiel von Arzt und Algorithmus sinkt die Fehlerquote auf ein absolutes Minimum. Zudem erhalten Mediziner so mehr Zeit für die Betreuung der Patienten und die Therapie.

Algorithmen helfen der Polizei

Die Polizei profitiert ebenfalls von der Analyse großer Datenmengen. Muster vergangener Verbrechen helfen ihr, zukünftige Straftaten vorherzusagen und zu bekämpfen. Beim sogenannten Predictive Policing berechnen Algorithmen, in welchen Stadtvierteln oder Straßenzügen beispielsweise Einbrüche zu erwarten sind. Mit diesen Informationen kann die Polizei ihre knappen Ressourcen besser zum Schutz der Bürger einsetzen. Sie ist mit größerer Wahrscheinlichkeit dort, wo sie gebraucht wird, kommt nicht erst zur Aufklärung eines Verbrechens. Erweiterte Intelligenz hilft ihr, wirksame Präventionsarbeit zu leisten.

Auch im Arbeitsmarkt können Maschinen Menschen das Leben leichter machen. Sie unterstützen etwa Personaler dabei, die richtigen Kandidaten für ausgeschriebene Stellen zu finden. Die Vorauswahl übernimmt immer häufiger ein Algorithmus – und kann dabei nicht nur große Mengen an Bewerbungen bewältigen, sondern auch vorurteils- und diskriminierungsfreie Vorschläge machen. Speziell für diesen Zweck entwickelte Computerspiele entdecken sogar informell erworbene Kompetenzen und Qualifikationen, die in keinem Zeugnis stehen und sonst verborgen geblieben wären.

Die finale Entscheidung treffen wiederum die menschlichen Profis. Sie haben dann mehr Zeit für das Gespräch und können so besser einschätzen, ob ein fachlich geeigneter Kandidat auch ins Team passt. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Algorithmus erhöht die Wahrscheinlichkeit, das besser passende Personal zu finden.

Erweiterte Intelligenz ist eine Errungenschaft, keine Gefahr für die Menschheit, wenn wir sicherstellen, wer in der algorithmischen Gesellschaft Ross und wer Reiter ist. Um bei den drei Beispielthemen zu bleiben: Wie stellen wir sicher, dass Ärzte die heute schon existierenden Palliativ-Algorithmen nur bei unheilbar kranken Patienten einsetzen, um die verbleibende Lebenszeit einschätzen und dem Patienten qualvolle Behandlungen ersparen zu können – und nicht, um Gesundheitskosten zu senken?

Was ist zu tun, wenn Predictive-Policing-Systeme die Beamten überproportional häufig in Viertel mit hohem Migrationsanteil schicken und dadurch Diskriminierung verstärken? Oder wie kann sichergestellt werden, dass die Algorithmen den Personalabteilungen großer Tech-Unternehmen nicht nur Männer als passende Kandidaten vorschlagen, weil sie aus der bisherigen Einstellungspraxis der Konzerne gelernt haben? Um solche Fragen beantworten und erweiterte Intelligenz in unseren Dienst stellen zu können, warten mindestens vier große Herausforderungen:

Erstens: Diskurs

Wir brauchen mehr öffentliche Auseinandersetzungen darüber, wo Algorithmen eingesetzt werden und nach welchen Regeln sie funktionieren. Wenn Maschinen über Menschen entscheiden, bedarf es einer politischen Debatte. Dabei dürfen wir in Fällen mit großem Gefahrenpotenzial auch vor Verboten nicht zurückschrecken. Künstliche Intelligenz darf sehr wohl künstlich verdummt werden.

Zweitens: Kontrolle

Entscheidungen von Maschinen müssen für Betroffene leicht nachvollziehbar und anfechtbar sein. Wer sich ungerecht behandelt fühlt, braucht einen menschlichen Ansprechpartner, schnelle und unbürokratische Unterstützung sowie sichere Rechtswege. Wenn Menschen sich algorithmischen Entscheidungen ausgeliefert fühlen, verlieren sie Vertrauen. Deshalb muss die Wirkung von Algorithmen in sensiblen Bereichen wirksam kontrolliert werden, am besten mit europaweit einheitlichen Standards

Drittens: Vielfalt und Wettbewerb

Es gilt, algorithmische Monokulturen zu verhindern. Gebraucht wird ein Rahmen, in dem verschiedene Anbieter für Softwarelösungen erfolgreich konkurrieren können. Nur durch eine Vielfalt an Algorithmen kann gesellschaftliche Pluralität abgebildet und Diskriminierung verhindert werden. Essenziell ist hierfür eine bessere Zugänglichkeit zum Treibstoff der Algorithmen, den Daten. Nur wer über qualitativ hochwertige Daten verfügt, kann es schaffen, ernsthafte Konkurrenz auf dem Markt zu werden.

Viertens: Wissen

Ohne mehr Kompetenz auf allen Ebenen wird es nicht gehen. Bürger sollten bewerten können, wann ein Algorithmus für sie relevant ist. Informatiker und all diejenigen, die Software entwickeln und anwenden, müssen soziale Konsequenzen sowie ethische Aspekte von vornherein mitdenken.

Und wir brauchen einen auch in Sachen KI starken öffentlichen Sektor, der auf der einen Seite klug reguliert, auf der anderen selbst Algorithmen fürs Gemeinwohl einsetzt. Eine staatliche Algorithmen-Agentur würde helfen, die dazu dringend nötige Kompetenz schnell aufzubauen und in der öffentlichen Verwaltung zu verbreiten.

Wir sollten die Chancen der erweiterten Intelligenz nutzen, für eine bessere und fairere Gesellschaft. Das bedarf Mut, um aus der digitalpolitischen Defensive herauszukommen. Es bedarf aber auch eines kritischen Blicks, um die Konsequenzen der intelligenten Maschinen für unseren Alltag angemessen zu reflektieren. Wir Menschen sollten lernen, die Maschinen für uns zu nutzen, wo sie uns nutzen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vor lauter KI wird die Elektronik vergessen

Schlüsseltechnologie der Digitalisierung

Karliczek: Brauchen vertrauenswürdige Elektronik „made in Germany“

BMBF – In einer zunehmend digitalisierten Welt ist sie überall präsent: Elektronik. Zugleich gewinnt sie als zentrales Element in sicherheitskritischen Bereichen an Bedeutung, etwa beim autonomen Fahren oder in der Medizin. Da braucht es Elektronik, der vertraut werden kann.

„In Deutschland und Europa wollen wir die Digitalisierung nach unseren Werten und Vorstellungen gestalten. Dafür brauchen wir vertrauenswürdige Elektronik. Sie ist die Schlüsseltechnologie der Digitalisierung, „betont Bundesforschungsministerin Anja Karliczek. Vertrauenswürdig heiße zu wissen, was Elektronik tue. Zum anderen müsse die Verfügbarkeit und Versorgung mit kritischen Komponenten sichergestellt sein. Das sichere sowohl den Industrie 4.0-Standort Deutschland insgesamt als auch konkrete Anwendungen wie das autonome Fahren oder intelligente Medizintechnik. „Unser Wohlstand baut auf vertrauenswürdiger Hochtechnologie auf,“ so Bundesministerin Anja Karliczek. Vertrauenswürdige Elektronik passe zur deutschen Gesellschaft. „Wenn es darauf ankommt, dass eine Technik funktioniert, ist ‚made in Germany‘ unverändert ein wichtiges Qualitätssiegel. Das soll auch für die multifunktionale Elektronik gelten, die unsere in Deutschland starken Anwenderbranchen wettbewerbsfähig hält.“

Bestehendes mit Neuem verknüpfen. Das gelingt der Innovationsnation Deutschland wie nur wenigen anderen Ländern. Das zeigt die Entwicklung der vergangenen Jahre. Mit Industrie 4.0 hat Deutschland gezeigt, dass sich bewährte Industrie und die Chancen der Digitalisierung gewinnbringend verbinden lassen: Sie führt die Industrie ins digitale Zeitalter.

Industrie 4.0 wandelt die Wertschöpfung, neue Schlüsseltechnologien gewinnen an Bedeutung. In einer digitalisierten Industrie wird die forschungsintensive Elektronik zum zentralen Schlüssel: im Maschinenbau, in der Medizin, bei Industrieanlagen, kritischen Infrastrukturen oder beim Auto – nicht zuletzt beim autonomen Fahren.

Das Ziel einer Chipsicherheitsarchitektur, einer vertrauenswürdigen Elektronik „made in Germany“ für die nächste Stufe der Digitalisierung verfolgt eine der Leitinitiativen der Digitalstrategie des Bundesforschungsministeriums. Zur Digitalstrategie zählen digitale FortschrittsHubs Gesundheit, lokale Klima- und Umweltmodelle für Zukunfts-Städte und -Regionen, der DigitalPakt Schule, ein europäisches Betriebssystem für das Internet der Dinge und eine nationale Forschungsdateninfrastruktur.

Diese und zahlreiche bestehende Maßnahmen bettet die BMBF-Digitalstrategie in Grundüberzeugungen ein und strukturiert sie nach fünf Zielbereichen mit konsequenten Zielmarken. Damit trägt das BMBF zur aktiven Gestaltung des digitalen Wandels, zu guter Bildung im 21. Jahrhundert, zu besseren digitalen Kompetenzen, digital ausgestatteten und vernetzten Hochschulen und Forschungseinrichtungen, exzellenter Forschung und einer offenen Innovations- und Wagniskultur bei.