Archiv der Kategorie: Klassische Medizin

Organspende: Angehörige brauchen mehr Beratung

Organspende: Angehörige brauchen mehr Zeit und qualifizierte Beratung

fzm, Stuttgart, November 2013 – In Umfragen befürworten die meisten Deutschen die Organspende, doch wenn sie im Fall eines als Spender infrage kommenden Angehörigen vor der Entscheidung stehen, lehnen viele die Entnahme und Verwendung der Organe ab. Eine Umfrage in der Fachzeitschrift „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2013) hat nach möglichen Gründen für diese Diskrepanz zwischen Wollen und Handeln gesucht.
Nur wenige Menschen, die einen Hirntod erleiden und als Organspender infrage kämen, haben einen Organspendeausweis. In mehr als neun von zehn Fällen müssen deshalb Ehegatten, Eltern, Kinder oder Geschwister über den mutmaßlichen Willen des Hirntoten entscheiden. Das fällt den meisten Angehörigen schwer, und im Zeitraum zwischen 2009 bis 2011 kam es in 38 Prozent der Fälle zu einer Ablehnung der Organspende, berichtet Franz Schaub von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt am Main. Die Ablehnungsquote war damit mehr als doppelt so hoch wie in einer repräsentativen Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Diese hatte 2010 die Deutschen nach ihrer prinzipiellen Einstellung zur Organspende gefragt: Nur 18 Prozent waren nicht damit einverstanden, ihre Organe im Fall eines Hirntods zu spenden.
Warum die Angehörigen im Ernstfall häufig anders entscheiden, ist unklar, schreibt Schaub, der hierzu die Protokolle von mehr als 6000 Angehörigengesprächen untersucht hat. Einen möglichen Grund sieht Schaub darin, dass in den meisten Kliniken die gleichen Ärzte, die den Patienten für hirntot erklärt haben, die Angehörigengespräche führen. Hier betrug die Zustimmungsrate nur 57 Prozent. Sie stieg auf 72 Prozent, wenn ein von der DSO geschulter Arzt zum Gespräch hinzugezogen wurde.
Schaub weiß, dass das Hinzuziehen von externen DSO-Koordinatoren von einigen Kliniken grundsätzlich mit Vorbehalten gesehen wird. Seine rückblickende Studie könne letztlich auch nicht beweisen, dass diese die Entscheidung der Angehörigen direkt beeinflussen. Denn es könnte sein, dass die DSO-Koordinatoren nur hinzugezogen würden, wenn eine Genehmigung ohnehin erwartet werde. Schaub verweist aber auf das Beispiel Spanien. Dort sei bei Angehörigengesprächen neben dem Arzt, der den Patienten zu Lebzeiten behandelt hat, immer ein lokaler Transplantationskoordinator beteiligt. „Die Ablehnungsrate konnte dadurch auf etwa 15 Prozent gesenkt werden“, so Franz Schaub.
Ein anderer Faktor könnte der Zeitpunkt des Gesprächs sein. Am höchsten waren die Zustimmungsraten, wenn das Gespräch bereits während der Hirntoddiagnostik geführt wird. Schaub vermutet, dass eine frühzeitige Einbindung der Angehörigen in die Entscheidungen vertrauensbildend wirkt. Später würden sich die Angehörigen häufig vor vollendete Tatsachen gestellt sehen. Der dann herrschende Zeitdruck könnte eine Ablehnung fördern.
Auch der Medizinethiker Professor Giovanni Maio von der Universität Freiburg hält nichts davon, die Angehörigen unter Druck zu setzen. Moralische Appelle zur Organspende seien Gift, schreibt er in einem Editorial zu der Untersuchung. Die Vorführung von Menschen, denen es schlecht geht und denen mit einer Spende geholfen werden kann, erzeuge zwar Betroffenheit, sie könne aber die inneren Konflikte der Angehörigen nicht lösen, meint Professor Maio. Er plädiert daher für ein offenes Gespräch über die Zweifel und Unsicherheiten, die mit einer Organspende verbunden sind. Die Ärzte müssten offen über das Thema Hirntod sprechen. Die Menschen, denen die Organe entnommen werden, seien zwar definitorisch tot und befänden sich in einem unumkehrbaren Prozess. Sie würden aber lebensweltlich nicht als Tote wahrgenommen, da Atmung und Herzschlag bis zur Organentnahme aufrechterhalten werden. Professor Maio: „Die Medizin muss den Menschen helfen, mit dieser Dissonanz zwischen naturwissenschaftlicher Definition und lebensweltlicher Wahrnehmung umzugehen. Auch dem Hirntoten muss Respekt entgegengebracht werden, er darf nicht zu einer verfügbaren Sache erklärt werden.“

Chronischer Stress stört Hormon-Stoffwechsel

57. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), 19. – 22. März 2014, Dresden

Chronischer Stress stört Hormon-Stoffwechsel

Depression, Übergewicht und Libidoverlust drohen

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Dresden
– Stress steigert die Leistungsfähigkeit und hilft dem Körper,
Höchstleistungen zu erbringen. Schädlich wird Stress allerdings, wenn er
zum Dauerzustand wird. Welche Hormone dabei eine entscheidende Rolle
spielen, wie sie eigene Kreisläufe in Gang setzen und wie man die
Symptome von chronischem Stress behandeln kann, diskutieren Mediziner
auf der Pressekonferenz des 57. Symposiums der Deutschen Gesellschaft
für Endokrinologie (DGE) am 19. März 2014
in Dresden.

Erhöhte
Aufmerksamkeit, ein angeregter Herz-Kreislauf aber auch Herzrasen und
feuchte H
ände sind Symptome von „normalem“ Stress, die jeder kennt. Sie sind
Folge einer erhöhten Aktivität der wichtigsten Stresshormonachse, der
sogenannten HPA-Achse. Sie reicht vom Hypothalamus, einem Abschnitt des
Zwischenhirns, über die Hirnanhangsdrüse bis zu den Nebennieren und
schüttet die Hormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Folgt
jedoch keine ausreichende Entspannung, kann es durch die dauernde
Alarmbereitschaft des Körpers zu chronischem Stress kommen und damit zu
einer Erschöpfung und Überlastung. „Und das kann viele schädliche
Auswirkungen haben“, sagt Professor Dr. med. Günter Stalla,
Arbeitsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München,
und Sprecher der DGE-Sektion Neuroendokrinologie. Etwa für das
Immunsystem, indem die Aktivität der Killerzellen abnimmt. Ein möglicher
negativer Effekt auf das kardiovaskuläre System ist die Entstehung von
Bluthochdruck. Auch das Nervensystem kann leiden, mit Schlafstörungen
und Depressionen als Folge. „Außerd
em kommt es bei einer chronisch aktivierten HPA-Achse zu einer
Unterdrückung anderer Hormone, wodurch die Fettmasse im Körper zu- und
die Muskelmasse abnimmt“, sagt Professor Stalla. Möglich sind auch eine
hormonell bedingte Unterfunktion der Hoden und daraus resultierende
sexuelle Störungen und ein Nachlassen der Libido, also der Lust auf Sex.

„Durch
diese Veränderungen des Hormonsystems, die durcheinander geratenen
Regelkreise und die Begleiterkrankungen, entsteht ein sich ständig
verstärkender Teufelskreis“, sagt Professor Dr. med. Stefan R.
Bornstein, Direktor am Universitätsklinikum Dresden und Tagungspräsident
des 57. DGE-Symposiums. „Wie kein anderes medizinisches Fach b
eschäftigt sich deshalb die Endokrinologie mit dem Thema Stress. Unsere
Aufgabe ist es, mehr über die beteiligten Regulationssysteme
herauszufinden und dadurch neue Ansatzpunkte für Therapien zu
entdecken.“ Professor Dr. med. Dr. h. c. Helmut Schatz, Mediensprecher
der DGE aus Bochum, ergänzt: „Auch wenn für viele Menschen im
Berufsleben zu erbringende Höchstleitungen und permanente Erreichbarkeit
zum Alltag gehören, sollte ein jeder aufmerksam auf Anzeichen von
Dauerstress achten, für Ausgleich sorgen und gegebenenfalls auch einen
Endokrinologen zu Rate ziehen.“

Mögliche Symptome für chronischen Stress sind:

Nervosität, Schlafstörungen

Kopfschmerzen, Migräne

Depressionen

Hörsturz, Tinnitus

höhere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten

Zunahme von bösartigen Krankheiten

verzögerte Wundheilung

Bluthochdruck

höheres Herzinfarktrisiko

Zunahme der Fett- und Abnahme der Muskelmasse

sexuelle Störungen

Mögliche Mittel gegen chronischen Stress:

„Entschleunigen“, sich weniger vornehmen

Entspannungsübungen

ausreichende Bewegung, Sport (zum Beispiel Laufen, Radfahren, Schwimmen, Gymnastik)

Hobbys und soziale Kontakte pflegen

Musik hören, Lesen

gesunde Ernährung

Aufputsch- und Suchtmittel meiden

genügend Schlaf

Terminhinweis:

Pressekonferenz anlässlich des 57. Symposiums der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)

Termin: Mittwoch, 19. März 2014, 11.00 bis 12.30 Uhr

DGVS warnt vor Leberschäden durch Medikamente

DGVS warnt vor Leberschäden durch Medikamente

Berlin – Neben ihren beabsichtigten Wirkungen haben Arzneimittel oft auch unerwünschte Effekte auf den menschlichen Körper. Etwa jede zehnte Nebenwirkung betrifft die Leber. Vor allem Fiebersenker und Antibiotika beeinträchtigen das Organ. Angesichts einer aktuellen Studie im Fachmagazin „Gastroenterology“ warnt die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) vor Leberschäden durch Medikamente. Diese kommen wahrscheinlich häufiger vor als gedacht und bleiben oftmals als solche unerkannt, so die Fachgesellschaft.

„Leberschäden als Nebenwirkung von Medikamenten sind ein allgemein unterschätztes Problem“, erläutert DGVS-Sprecher Professor Dr. med. Peter R. Galle, Direktor der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik an der Universitätsmedizin Mainz und Vorstandsmitglied der DGVS. „Für Deutschland gibt es hierzu bislang zwar keine Zahlen, aber die Ergebnisse der isländischen Studie lassen vermuten, dass das Problem auch bei uns größer ist, als bislang angenommen“, so der Experte.

Forscher der Universität Island in Reykjavik hatten in ihrer Studie über zwei Jahre sämtliche Fälle von arzneimittelinduzierten Leberschäden analysiert. Dabei zeigte sich, dass im Durchschnitt 19 von 100 000 Einwohnern pro Jahr einen Leberschaden durch Medikamente erlitten. Die einzige bis dahin vorhandene landesweite Studie – sie stammt aus Frankreich – war von 14 Fällen pro 100 000 Einwohner ausgegangen. Andere Untersuchungen aus Schweden und Großbritannien kamen zu einer Quote von zwei Fällen pro 100 000 Einwohner.

Zu den Medikamenten, die häufig die Leber beeinträchtigen, gehörten neben Paracetamol und nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) vor allem Antibiotika. So war die Kombination au s Amoxicillin und Clavulansäure für 22 Prozent der Schäden verantwortlich. „Das Problem ist, dass die Symptome oft unspezifisch und die Diagnose schwierig ist“, erläutert DGVS-Experte Galle. Neben Appetitlosigkeit und Erbrechen, Fieber, Gelenk-, Muskel- und Bauchschmerzen können auch Juckreiz, Veränderungen der Hautfarbe, sowie Stuhl- und Urinverfärbungen Anzeichen einer Leberbeeinträchtigung sein. „Es ist wichtig, bei diesen Symptomen auch an eine mögliche Leberschädigung zu denken und im Zweifelsfall die Leberwerte zu kontrollieren“, so der Experte. Selten, dafür besonderes gefährlich, ist ein akutes Leberversagen: für viele der Patienten verläuft dieses – trotz Behandlung – tödlich.

Um unerwünschten Schäden vorzubeugen, rät die DGVS dringend dazu, Einnah me-Empfehlungen der Hersteller zu beachten. „Leberschäden treten häufig durch Überdosierungen oder Überschreitungen der vorgeschriebenen Therapiedauer auf“, erklärt Galle. Bestätigt sich der Verdacht einer leberschädigenden Wirkung, sollte das betreffende Medikament möglichst rasch abgesetzt werden. „Dies sollte jedoch niemals auf eigene Faust, sondern stets in Absprache mit dem Arzt erfolgen“, warnt Professor Galle. Auch pflanzliche, nicht verschreibungspflichtige Naturheilmittel, könnten auf die Leber toxisch wirken. „Leider sind die Wirkungen oft unvorhersehbar. Manche Menschen reagieren empfindlicher als andere.“

Die Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) wurde 1913 als wissenschaftliche Fachgesellschaft zur Erforsch ung der Verdauungsorgane gegründet. Heute vereint sie mehr als 5000 Ärzte und Wissenschaftler aus der Gastroenterologie unter einem Dach. Die DGVS fördert sehr erfolgreich wissenschaftliche Projekte und Studien, veranstaltet Kongresse und Fortbildungen und unterstützt aktiv den wissenschaftlichen Nachwuchs. Ein besonderes Anliegen ist der DGVS die Entwicklung von Standards und Behandlungsleitlinien für die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Verdauungsorgane – zum Wohle des Patienten.

100 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Ihre Aufgaben sind heute vielfältiger denn je. Dies spiegelt sich in dem breiten fachlichen Spektrum ihres 80. Kongresses vom 12. bis 15. September 2007 in Berlin ebenso wider, wie in der Mitgliederzahl: Nahezu 6 000 Neurowissenschaftler, Kliniker und niedergelassene Neurologen gehören mittlerweile der DGN an. Heute gibt es in Deutschland 41 Lehrstühle für Neurologie an 36 Standorten und etwa 400 neurologische Abteilungen in Kliniken.

Im Jahre 1840 veröffentlichte der deutsche Arzt Moritz Heinrich Romberg das erste systematische Neurologie-Lehrbuch der Welt. Am 14. September 1907 gründeten führende Nervenärzte in Dresden die von der Inneren Medizin unabhängige „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland zwei eigenständige neurologische Kliniken in  Hamburg und Dortmund. Zwischen den Kriegen und nach dem 2. Weltkrieg entstanden neurologische Universitätskliniken, neurologische Versorgungskliniken und wissenschaftliche Forschungsstätten. „Deutschland hat bedeutenden Anteil an der Entwicklung der modernen Neurologie gehabt“, sagt Professor Dr. med. Günther Deuschl, 1. Vorsitzender der DGN im Vorfeld des Kongresses. „Am Anfang stand die einfache ärztliche Untersuchung mit dem Reflexhammer heute können wir dank moderner Technik Gehirnkrankheiten verstehen und dem Gehirn sogar beim Denken zusehen“, so der Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Die beiden wesentlichen Gründe für die erfolgreiche Entwicklung der Neurologie seien die großen Erfolge in der Behandlung der neurologischen Krankheiten und der Aufbau einer nahezu flächendeckenden neurologischen Versorgung.

Die „Deutsche Gesellschaft für Neurologie“ entstand schließlich im Jahre 1950 in Bonn. „Leider bestand zu Mauerzeiten zwischen den Neurologen der Bundesrepublik und der DDR fast keine Verbindung“, bedauert Professor Dr. med. Otto Busse, Geschäftsführer der DGN in Berlin. Nach der Wende jedoch schlossen sich Neurologen aus Ost und West zügig zusammen: „Dadurch unterscheiden sich neue und alte Bundesländer heute weder in der neurologischen Versorgung der Patienten noch in wissenschaftlicher Hinsicht“, sagt Busse. Zur kontinuierlichen Verbesserung der neurologischen Krankenversorgung wird sich  die DGN in Zukunft noch mehr als bisher um die Verbesserung der neurologischen Versorgung der Bevölkerung kümmern. Dies sei wegen der negativen Folgen der Gesundheitsreform dringlich und auch möglich, da die Fachgesellschaft mit einer immer stärkeren Stimme spricht: Die Zahl ihrer Mitglieder ist von etwa 870 im Jahre 1990 auf mittlerweile mehr als 5800 angestiegen.

Bunte Bänder für die Gesundheit

Kinesiologisches Pferdetaping

Beim Menschen bereits länger erfolgreich im Einsatz, haben sich inzwischen auch im Pferdesport die bunten Bänder in der Praxis zunehmend bewährt. Die als kinesiologisches Taping bezeichnete Therapiemaßnahme mit den elastischen Klebestreifen dient der Unterstützung von Heilungsprozessen bei Muskelbeschwerden und bei überlasteten Sehnen, trägt zur Linderung von Schmerzen bei und fördert die schrittweise Steigerung der Belastbarkeit von Pferden in der Phase der Rekonvaleszenz.

Vor allem Pferdephysio- und -osteotherapeuten, aber auch Tierheilpraktiker nutzen diese Heilmethode, um kranken Pferden bei Rückenproblemen oder Lahmheiten durch gezielte Behandlung Linderung zu verschaffen oder prophylaktisch im Falle von Prädispositionen tätig zu werden.

Im Unterschied zu den sogenannten Sporttapes finden bei kinesiologischen Tapes ausschließlich aus elastischem Material bestehende Klebestreifen Verwendung. Sie dienen weniger der Ruhigstellung, sondern unterstützen die Funktion der Kapillaren mit dem Ziel des Erhalts einer „full range of motion“ (vollständiger Bewegungsumfang). Dabei sind die Einsatzzwecke vielfältig und die Anwendungsgebiete breit gefächert: Mobilitätsstörungen, Einschränkungen am Bewegungsapparat, Muskelschmerzen und -verspannungen, aber auch Arthrosen oder Narbengewebe können mit Hilfe der bunten Bänder therapiert werden.

In Abhängigkeit von der jeweiligen Tapingmaßnahme kann die Anlage am Pferd entlastend, unterstützend oder die Beweglichkeit erhöhend wirken. Inzwischen gehen die Experten sogar davon aus, dass selbst innere Organe via Rückenmarksnerven durch die äußere Klebetherapie beeinflusst werden können. Denn das Taping wirkt nicht nur direkt auf der Haut und steigert dadurch die Mikrozirkulation im Muskel, es führt auch zu einer Erhöhung der Lymphmenge und einer Zunahme der Lymphzirkulation.

Das Band ersetzt somit für einen begrenzten Zeitraum von durchschnittlich zwei bis sieben Tagen die „Hand des Therapeuten“. Das Pferd sollte sich während der Dauer der Behandlung in stetiger Bewegung befinden, um den Vorteil aus Pumpeffekt und Muskeltechnik für die Gesundung des Tieres zu nutzen.
Anke Klabunde, (aid)

Bringen Vorsorgeuntersuchungen mehr Schaden als Nutzen?

fzm – Viele Menschen in Europa haben falsche Vorstellungen über die
Krebsvorsorge. Bis zu 70 Prozent der Frauen in Ländern wie
Großbritannien, Italien und der Schweiz glauben beispielsweise, dass
das Mammographie-Screening Brustkrebs verhindert oder zumindest das
Risiko dafür vermindert werden kann. Die aktuelle Ausgabe der "ZFA –
Zeitschrift für Allgemeinmedizin" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
2005) informiert über die Gründe, die dazu führen, dass der Nutzen von
Vorsorgeuntersuchungen in der Bevölkerung überschätzt wird.

Immer häufiger gibt es auch in Deutschland Kampagnen, die die
Bevölkerung zum Besuch von Vorsorgeuntersuchungen aufrufen. Doch nicht
immer nutzen diese Kampagnen dem Patienten. Sie können auch dazu
führen, dass das Risiko für Krebs und der Nutzen von
Früherkennungsuntersuchungen überschätzt wird. Als Folge wähnen
Patienten sich in falscher Sicherheit oder sind durch einen auffälligen
Befund möglicherweise unnötig beunruhigt.

Fast die Hälfte der US-amerikanischen Bürger, die schon einmal ein
falsches Testergebnis bei einer Untersuchung auf Krebs hatten,
beschreiben dieses Erlebnis als "eine schreckliche oder gar die
schrecklichste Zeit ihres Lebens", erklärt Professor Ingrid Mühlhäuser,
Universität Hamburg.

Der Trugschluss, dass Untersuchungen zur Früherkennung von Brustkrebs
der Vorsorge dienen, ist weit verbreitet. Diese Maßnahmen vermindern
jedoch nicht das Risiko, an einem Mammakarzinom zu erkranken. Zudem ist
die Aussage "Jede neunte Frau ist von Brustkrebs betroffen"
irreführend, da sich diese Angabe auf die Gesamtlebenszeitspanne
bezieht. Diese Zahl bezieht sich nur auf Frauen, die das 85. Lebensjahr
erreicht haben. Bei Frauen zwischen 20 und 30 Jahren sind etwa 5 von
10000 betroffen. Auch die Lebenserwartung wird durch die Teilnahme am
Mammographie-Screening im statistischen Vergleich nicht verändert. "Bei
nebenwirkungsreichen Testverfahren wie der Darmspiegelung zur
Darmkrebsfrüherkennung könnte es sogar zu einer Zunahme der Todesfälle
kommen", warnt Professor Mühlhäuser. Die Vorbereitung und Durchführung
der Untersuchung seien gerade für ältere Menschen körperlich belastend
und bisher gäbe es keine Untersuchungen, die eine
Kosten-Nutzen-Abwägung für die Darmspiegelu ng zuließen. Die Patienten
sollten daher umfassend über den möglichen Nutzen, den Schaden und die
Folgen einer Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen informiert werden.

Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhäuser, Dr. phil. Anke Steckelberg

Aufklärung über Krebsfrüherkennung am Beispiel Mammographie- und Darmkrebs-Screening

Zeitschrift für Allgemeinmedizin 2005; 81 (12):

Darmflora könnte Artbildung beeinflussen

Darmflora könnte Artbildung
beeinflussen

Mischlingsmäuse besitzen andere Bakteriengemeinschaft
im Darm als ihre reinerbigen Eltern
Wir sind nicht allein. Und das waren wir auch nie: Bakterien besiedelten
die Erde lange vor vielzelligen Organismen und beeinflussten deren Evolution von
Anbeginn. Dabei könnten sogar neue Arten entstehen. In einer neuen Studie
untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters
„Entzündungsforschung“ die Bakteriengemeinschaften im Darm zweier
Mäuse-Unterarten und ihrer Mischlinge. Die Studie wurde kürzlich vom
renommierten Fachjournal Nature Communications veröffentlicht. Nicht
nur die beiden Unterarten unterscheiden sich in der Zusammensetzung ihrer
Darmflora, die Hybriden beider Unterarten besitzen eine eigene
Bakteriengemeinschaft. Diese Unterschiede gingen mit einem veränderten
Immunsystem einher. Dies könnte erklären, warum Mischlinge der beiden Unterarten
weniger überlebensfähig sind als ihre reinerbigen Eltern. Die Darmflora trägt
damit dazu bei, dass sich die beiden Unterarten zu vollständig getrennten Arten
entwickeln.
Bakterien haben vielfach einen schlechten Ruf. Sie sorgen für Erkältung und
Durchfall und andere unerfreuliche Begleiterscheinungen. Die meisten Menschen
möchten deshalb möglichst wenig mit ihnen zu tun haben. Manche Bakterien sind
aber durchaus nützlich. Für die Verdauung im Darm sind sie beispielsweise
unersetzlich: Sie produzieren Vitamine und Fettsäuren, andere sorgen dafür, dass
Ballaststoffe verdaut oder Stärke verwertet werden. Aufgenommen werden die
Darmbakterien etwa bei der Geburt oder später durch den täglichen Kontakt
zwischen Eltern und Nachkommen. Das sogenannte Mikrobiom, also die mit einem
Organismus zusammen lebenden Mikroorganismen, beeinflusst darüber hinaus aber
auch maßgeblich seine Evolution. Ein Forschungsteam rund um Professor John
Baines, Mitglied im Exzellenzcluster „Entzündungsforschung“ und
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, hat die Darmflora und das Erbgut
zweier europäischer Mäuse-Unterarten analysiert: Mus musculus
domesticus
kommt westlich einer Linie vor, die durch die neuen
Bundesländer, Bayern, das westliche Österreich und den Balkan zum Schwarzen Meer
verläuft. Mus musculus musculus lebt östlich dieser Grenze. Die beiden
Unterarten der Mäuse können sich zwar noch untereinander fortpflanzen, doch ihre
Nachkommen sind weniger fruchtbar als reinerbige Tiere.
Die Forscherinnen und Forscher untersuchten das Erbgut und Darmgewebe von
Hybriden aus der rund 40 Kilometer breiten Überlappungszone, in der beide
Unterarten gemeinsam vorkommen und sich miteinander kreuzen. Ihre Ergebnisse
verglichen sie darüber hinaus mit Analysen von im Labor gezüchteten Tieren der
beiden Unterarten und ihren Hybriden. Die Artenvielfalt der Darmbakterien wurde
mittels genetischer Analysen bestimmt. Dabei zeigte sich, dass nicht nur Labor-
und Wildmäuse jeweils eine deutlich andere Darmflora besitzen, sondern auch die
beiden Unterarten und die Hybriden. Die Mischlinge unterscheiden sich sogar
deutlicher von ihren reinerbigen Eltern, als diese voneinander. „Die
Unterschiede zwischen Labor- und Wildtieren lassen sich durch die verschiedenen
Lebens- und Ernährungsbedingungen leicht erklären. Auf die Differenzen zwischen
den wilden Mäusen trifft das nicht zu, denn die Tiere kommen in der Natur im
selben Lebensraum vor“, sagt Professor Baines, Gruppenleiter am
Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie.
Die Erklärung der Forschenden: Der Grund sind die Gene – insbesondere die
Gene für das Immunsystem. Mäuse mit unterschiedlichen Varianten von Immungenen
besitzen demnach auch eine andere Bakterienzusammensetzung im Darm. Ein Beispiel
dafür, wie das Immunsystem die Darmflora beeinflusst, sind die T-Zellen. Diese
Immunzellen kommen auch im Darmgewebe  vor und unterscheiden sich bei den
Hybridmäusen. Solche Unterschiede im Immunsystem der Mischlinge beeinträchtigen
offenbar die Bakterien im Darm.
Die Darmflora der Hybriden besteht also einerseits aus weniger Arten,
gleichzeitig kommen die jeweiligen Arten unterschiedlich häufig vor. Hybriden
haben etwa deutlich mehr Helicobacter-Bakterien als beide reinrassigen Tiere der
Elterngeneration. Die zu dieser Gruppe gehörenden Arten gelten als Verursacher
von Darmgeschwüren beim Menschen. Blautia-Bakterien dagegen kommen in den
Mischlingen relativ selten vor. Das ist anscheinend nicht zum Wohl der Mäuse,
denn die Forscher haben festgestellt, dass das Darmgewebe der Hybriden häufiger
entzündet ist als das der Elterntiere. „Dies ergänzt frühere Ergebnisse, wonach
die Hybride der beiden Maus-Unterarten eine geringere Fitness aufweisen, also
schwächer und kränker sind und weniger Junge bekommen“, so Baines. Das Erbgut
der beiden Mäuse-Unterarten hat sich also schon so weit auseinander entwickelt,
dass Hybride ihren Darmbakterien keine optimalen Bedingungen mehr bieten können
und die Tiere dadurch eine geringere Fitness besitzen.

Weniger Fett: Abnehmen ohne zu hungern möglich

Weniger Fett: Abnehmen ohne zu hungern möglich
Gewichtsverlust um 1,6 Kilogramm reduziert Sterblichkeitsrate erheblich
 
Fettiges Essen: schuld am Übergewicht (Foto: pixelio.de, Annamartha)

Norwich (pte014/10.12.2012/10:31) – Diäten sind eigentlich überflüssig, denn es reicht völlig aus, wenn man weniger Fett isst, um abzunehmen. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der University of East Anglia https://uea.ac.uk gekommen. Das Team um Lee Hooper wertete die Daten von Studien aus, an denen fast 75.000 Personen teilgenommen hatten. Niemand hatte dabei die Absicht abzunehmen. Die Kilos purzelten, als die Ernährung auf weniger Fett umgestellt wurde. Die aktuelle Erhebung wurde von der WHO http://who.int in Auftrag gegeben.

Ernährungsplan zahlt sich aus

Die Wissenschaftler werteten 43 Studien aus, die in den Industrieländern durchgeführt worden waren. Freiwillige verringerten dabei die Gesamtmenge an Fett, die sie zu sich nahmen. Teilnehmer in Kontrollgruppen ernährten sich wie gewohnt oder wurden auf eine gesündere Ernährung umgestellt. Bei allen Studien mussten die Teilnehmer ihren Essensplan mindestens sechs Monate lang einhalten. Durchschnittlich lag die Dauer der Ernährungsumstellung bei sechs Jahren.

Bei den untersuchten Studien gab es Unterschiede in Hinblick darauf, wie und in welchem Ausmaß die Fettmenge reduziert wurde. Bei einer Studie ersetzten die Teilnehmer zum Beispiel normale Lebensmittel durch Lebensmittel mit einem geringeren Fettgehalt. Bei anderen Studien konnten die Teilnehmer ihre Ernährung auf verschiedene Art und Weise umstellen, um die täglich konsumierte Fettmenge um durchschnittlich sieben Prozent zu verringern.

Ergebnisse überraschend einheitlich

Bei allen Studien, bis auf eine, erlebten die Teilnehmer, die weniger Fett zu sich nahmen, einen größeren Gewichtsverlust als in den Kontrollgruppen. Im Schnitt verloren sie rund 1,6 Kilogramm. Hooper betont, dass man noch nie ein so eindeutiges Ergebnis erlebt hat, berichtet der New Scientist.

1,6 Kilogramm weniger scheinen nicht viel zu sein. Legt man es aber auf die gesamte Bevölkerung um, dann könnte es große Auswirkungen haben. Die Folge wäre ein Rückgang der Todesfälle durch Fettsucht um drei Prozent. Laut der Wissenschaftlerin sollte es auch zu positiven Auswirkungen auf die Atemwege und weniger Diabeteserkrankungen kommen. Details der Studie wurden im BMJ http://bmj.com veröffentlicht.

Warum werden Dicke noch dicker?

Krankhafte Fettleibigkeit – das zeigt
die Forschung der letzten zehn Jahre – entsteht vor allem im Gehirn.
Forscherinnen und Forscher des Helmholtz Zentrums München, Partner im
Deutschen Zentrum für Diabetesforschung, haben dort nun einen
molekularen Schalter entdeckt, der die Funktion von Sättigungsnerven und
damit das Körpergewicht steuert. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal
‚Nature Metabolism‘ publiziert.

Die weltweite
Adipositas-Epidemie hat einen Höchststand erreicht und betrifft heute
nicht mehr nur Industrie- sondern auch die Entwicklungsländer.
Wissenschaftler versuchen daher mit Hochdruck, den Mechanismen hinter
der Krankheit auf die Spur zu kommen, um therapeutische
Eingriffsmöglichkeiten zu finden. Nun haben Forscher am Institut für
Diabetes und Adipositas (IDO) des Helmholtz Zentrums München einen
weiteren Schritt in diese Richtung gemacht.

Yin und Yang des Energiehaushalts

„Ob wir hungrig sind oder uns satt fühlen,
entscheidet sich maßgeblich im Gehirn – speziell im sogenannten
Hypothalamus“ erklärt IDO-Wissenschaftler Dr. Alexandre Fisette,
gemeinsam mit Dr. Carmelo Quarta Erstautor der besagten Studie. „Hier
kontrollieren vor allem zwei Gruppen von Nervenzellen über verschiedene
Botenstoffe das Körpergewicht und den Energiehaushalt. Wie Yin und Yang
sorgen sie für ein sensibles Gleichgewicht.“ Während die einen die
Nahrungsaufnahme stimulieren (sogenannte Agrp-Neuronen), erzeugen die
anderen (Pomc-Neuronen genannt) ein Sättigungsgefühl. Gerät dieses
Wechselspiel aber aus der Balance, kann daraus ein krankhaftes
Übergewicht oder ein Typ-2-Diabetes entstehen.

„In der aktuellen Arbeit haben wir nun
herausgefunden, dass ein Transkriptionsfaktor* namens Tbx3 hierbei eine
Schlüsselrolle einnimmt“, beschreibt Carmelo Quarta die neuen
Ergebnisse. „Konkret bedeutet das, dass ohne Tbx3 die Nervenzellen für
das Sättigungsgefühl keine Botenstoffe produzieren können.“ Mit Hilfe
eines breiten Methodenspektrums konnten die Wissenschaftler anschließend
belegen, dass Tbx3 demnach für die Aufrechterhaltung des Energie- und
Zuckerstoffwechsels eine entscheidende Rolle spielt – und damit das
Körpergewicht steuert.

Ohne Tbx3 in die Identitätskrise

„Sowohl in einem präklinischen Modell als auch
in Fruchtfliegen führt das Fehlen von Tbx3 zu einer Art Identitätskrise
der Sättigungsnerven und in der Folge zu krankhaftem Übergewicht“,
schildert Alexandre Fisette. Und auch beim Menschen scheinen die
entsprechenden Signalwege vorhanden zu sein: „In ersten Versuchen mit
menschlichen Nervenzellen konnten wir zeigen, dass diese ihrer Funktion
nicht nachkommen können, wenn Tbx3 fehlt“, ergänzt Carmelo Quarta.

„Es wird bereits seit längerem berichtet, dass
Menschen, denen das Tbx3 Gen fehlt, häufig an Übergewicht leiden“,
erklärt Studienleiter Prof. Dr. Dr. h.c. Matthias H. Tschöp, heute
wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz Zentrums München und
Inhaber des Lehrstuhls für Stoffwechselerkrankungen an der Technischen
Universität München.** „Unsere Studie erklärt nun erstmals die zugrunde
liegenden Mechanismen und weißt einmal mehr darauf hin, welch zentrale
Rolle das Gehirn bei der Regulierung des Energiehaushalts spielt. Wir
hoffen, dass Tbx3 möglicherweise als Ziel künftiger pharmakologischer
Ansätze in Frage kommt.“

Weitere Informationen
*
Transkriptionsfaktoren sind Proteine, die dafür sorgen, dass bestimmte
Gene abgelesen werden oder eben nicht. Dafür beeinflussen (fördern oder
behindern) sie in der Regel die Bindung der RNA-Polymerase an die
DNA-Sequenz, die für das entsprechende Gen kodiert. Im konkreten Fall
steht Tbx3 für T-box gene 3.

** Es wurde beschrieben, dass TBX3-Mutationen
beim Menschen eine seltene genetische Erkrankung mit dem Namen
Ulnar-Mammary-Syndrom verursachen. Diese Patienten weisen mehrere
typische Symptome auf, darunter eine eingeschränkte Pubertät, einen
Mangel an Wachstumshormonproduktion und vor allem Fettleibigkeit.

Hintergrund:
Die Arbeit
entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Labor von Claudia Doege an der
US-amerikanischen Columbia University in New York.

Original-Publikation:
Quarta, C. & Fisette, A. et al. (2019)

Zu langes Warten auf Transplantationen

Chirurgen rufen zu größerer Organspendebereitschaft auf

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCh) fordert
wirksamere Konzepte, die bei der Bevölkerung die Bereitschaft Organe zu
spenden erhöhen sollen. Die DGCh appelliert auch an die Politik, diese
Forderungen aktiv zu unterstützen. Lebendspenden sollten eine Notlösung
bleiben. Sinnvoller sei es, die Bereitschaft zur postmortalen Spende –
der Organspende nach Hirntod – bundesweit abzufragen. Bislang werden in
Deutschland jährlich im Schnitt nur 13 Organspender pro eine Million
Einwohner registriert. In Spanien oder Österreich, wo es andere
gesetzliche Regelungen gibt, sind es etwa doppelt so viele.

"Die Unterstützung der Politik ist hierbei von eklatanter Wichtigkeit",
betont Professor Dr. med. Ernst Klar, Leiter der Abteilung für
Allgemeine, Thorax-, Gefäß- und Transplantationschirurgie an der
Universität Rostock, der die letzte Jahrestagung der Deutschen
Transplantationsgesellschaft leitete. So könne hierzulande ein Beispiel
aus Amerika Schule machen: In Wisconsin analysierten junge Ärzte
Krankenhäuser mit hoher Spenderfrequenz und übertrugen deren System auf
andere Kliniken. Maßgeblich für den Erfolg dieses Konzeptes war unter
anderem der Einsatz des Gouverneurs: Er engagierte sich persönlich für
Organspenden und ließ sich regelmäßig über das Projekt berichten.

Im Jahr 2004 starb in Deutschland infolge mangelnder Organverfügbarkeit
jeder fünfte Patient, der auf der Warteliste für die Transplantation
einer Leber stand. Von den Patienten, die auf ein Spenderherz warteten,
starb sogar jeder zweite. Als Grund nannte Prof. Dr. med. Hartwig
Bauer, Generalsekretär der DGCh, dass zu wenige Menschen sich zu
Lebzeiten zur postmortalen Organspende bereit erklären und dies auch in
einem Organspendeausweis dokumentieren. Die Entscheidung für oder gegen
eine Organspende nach dem Hirntod eines möglichen Spenders wird dann in
einer emotional ohnehin sehr belasteten Situation den Angehörigen
zugemutet. 

Diesbezüglich müsse unsere Gesellschaft wachgerüttelt werden, so
Professor Klar: "Die meisten Menschen fordern – zu Recht – im
Krankheitsfall Spitzenmedizin einschließlich der Transplantation eines
Organs zur rechten Zeit". Damit dies jedoch möglich werde, sollte jedes
Mitglied der Solidargemeinschaft aufgerufen sein, sich für oder gegen
eine Organspende zu entscheiden. Dies könne etwa mit Hilfe der
persönlichen Gesundheitskarte geschehen, die im Jahr 2006 europaweit
eingeführt wird. "Müsste jeder sein ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zur Organspende
auf dieser Chipkarte dokumentieren, ließe sich die positive
Entscheidung zur Organspende um schätzungsweise 20 Prozent erhöhen",
sagt Chirurg Klar. Vor allem würde auch der Druck von den Angehörigen
genommen, über diese Frage entscheiden zu müssen.

Vorbildfunktion hat in Deutschland zurzeit Mecklenburg-Vorpommern mit
36,5 Organspendern pro Million Einwohner. Dies beruht auf einem
schlüssigen Gesamtkonzept: Jedes Krankenhaus mit Intensivstation
benennt Transplantationsbeauftragte. Sie kümmern sich um mögliche
Organspenden hirntoter Patienten. Entscheidend ist dabei unter anderem
ein sachkundig geführtes einfühlsames Gespräch mit den Angehörigen. Die
eigentliche Organentnahme vor Ort führen erfahrene Operateure des
Transplantationszentrums Rostock durch. "Dies generiert großes
Vertrauen der umliegenden Krankenhäuser und damit steigt auch die
Bereitschaft der nichtuniversitären Kliniken, hirntote Patienten zur
Organspende zu melden", begründet Professor Klar.

Keine Dauerlösung sei laut DGCh die Lebendspende unter Angehörigen. Die
Risiken einer Nierenspende sind zwar überschaubar. Die
Leberlebendspende für einen erwachsenen Empfänger jedoch ist eine
Operation mit der Möglichkeit schwerwiegender Komplikationen beim
gesunden Spender. "Die Lebendspende ist ein verzweifelter Versuch, in
der Organmangelsituation Schaden von den Patienten abzuwenden",
bedauert Professor Klar. Der Weg sei jedoch falsch: Das Problem
mangelnder Solidarität werde nicht gelöst, sondern lediglich in die
Familien der Patienten verlagert.