Jugendforschung: 93 Faktoren erklären soziale Beziehungen bei Jugendlichen – Österreichische Studie überrascht

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(Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften) – Team der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften Krems erstellt weltweit erstes Modell über unterstützende soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen (Peers)

Wie unterstützende soziale Beziehungen zwischen Jugendlichen sich auf deren soziale und emotionale Entwicklung auswirken, wurde nun erstmals in einem integrativen Modell erfasst. Dazu wurden Daten aus insgesamt 364 Studien über sogenannte Peer Relationships analysiert und ausgewertet. Einem Team der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften Krems (KL Krems) gelang es dabei, 93 Parameter zu identifizieren, die einen maßgeblichen Einfluss auf das soziale Wohlbefinden haben. Zentrale Bedeutung nehmen dabei „Identität“ und „sozioemotionale Fähigkeiten“ ein.

Jugendliche sind Wandler zwischen den Welten: der Welt der Erwachsenen und jener der Gleichaltrigen. Letztere ist weniger kontrolliert und frei von den Normen der „Großen“. Die Beziehungen zu Gleichaltrigen (Peers) spielt daher in den Zeiten der Kindheit und Jugend eine maßgebliche Rolle. Doch ein Modell, das die dort wirkenden Kräfte in Beziehung setzt und deren Einfluss auf die Entwicklung eines Individuums erklärt, fehlte bisher. Nun ist es der Forschungsgruppe D.O.T. (Die offene Tür) an der KL Krems im Rahmen eines umfassenden Projekts gelungen, ein solches Modell vorzustellen.

PEERS, BUDDIES, BESTE FREUNDE
Unterstützende soziale Beziehungen (Supportive Peer Relationships, SPR) sind als Beziehungen definiert, die eine besonders hohe Qualität für das Individuum besitzen und die eine beschützende Funktion ausüben. Sie tragen maßgeblich zur Selbstwahrnehmung, zur Entwicklung sozialer Kompetenzen sowie zu schulischen Leistungen bei. Ein Mangel an SPR führt zu Zurückgezogenheit, riskanten Verhaltensweisen und langfristig zu negativen Folgen für die mentale Gesundheit. „Vor dem Hintergrund dieser immensen Bedeutung für den Reifeprozess von Jugendlichen“, erläutert Priv. Doz. Dr. Beate Schrank, Leiterin der Forschungsgruppe D.O.T. an der KL Krems, „ist es überraschend, dass es bisher noch kein Modell gab, das die Wechselwirkungen der verschiedenen Einflüsse und deren Wirkung auf Kinder und Jugendliche beschreibt und als Grundlage für therapeutische Interventionen und die Forschung dienen kann.“ Genau dieses Modell hat sie nun mit ihren Kolleginnen und Kollegen entwickelt. Dazu analysierte das Team 364 Studien aus den letzten 20 Jahren in acht verschiedenen Sprachen, die sich mit Peer Relations befassten.

„Insgesamt erfasst unser nun veröffentlichter Modellvorschlag Verbindungen zwischen 93 Faktoren“, führt Dr. Marija Mitic, Erstautorin der internationalen Veröffentlichung, aus: „Diese Faktoren beziehen sich zum einen auf das Individuum und zum anderen auf dessen Umwelt.“ Unter den Faktoren, die sich auf das Individuum beziehen, stachen dabei „Identität“ und „sozialemotionale Kompetenzen“ in ihrer Bedeutung heraus. Umweltfaktoren, die in das Modell miteinbezogen wurden, waren vor allem die Peers, die Schule, die Familie und die Nachbarschaft. Dabei wurde im Rahmen des Modells die Schule als wesentlicher Ort für etwaige Einflussnahmen identifiziert.

NACHHOLBEDARF
Natürlich wurden auch moderne Technologien und das Internet als Einflussfaktoren der Umwelt mitberücksichtigt. Jedoch fiel dem Team bei der Auswertung aller 364 Studien auf, dass dieser Bereich noch wissenschaftliches Brachland ist. Dazu Priv. Doz. Dr. Beate Schrank: „Es ist tatsächlich alarmierend, wie wenig der Einfluss der virtuellen und online-Umgebung auf die soziale Welt von Jugendlichen bisher wissenschaftlich untersucht wurde. Hier finden doch immer mehr soziale Kontakte statt und diesbezügliche Forschung ist dringend notwendig.“

Zusammenfassend kann das nun vom D.O.T.-Team an der KL Krems vorgeschlagene Modell als organisatorischer Rahmen dienen, der es zukünftig erleichtert, unterstützende soziale Beziehungen bei Jugendlichen strukturiert und integriert zu verstehen. Es leistet somit auch einen Beitrag zum Forschungsfokus der KL Krems, der auf Themen mit hoher gesundheitspolitischer Relevanz liegt.

Originalpublikation inkl. grafischer Darstellung des Modells: Toward an Integrated Model of Supportive Peer Relationships in Early Adolescence: A Systematic Review and Exploratory Meta-Analysis. Front. Psychol. M. Mitic, K. A. Woodcock, M. Amering, I. Krammer, K. A. M. Stiehl, S. Zehetmayer & Beate Schrank on behalf of the D.O.T. Co-I team. February 2021, Vol. 12. Doi: 10.3389/fpsyg.2021.589403

Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften (Stand August 2021)
An der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften (KL) in Krems ist die umfassende Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit eine grundlegende Zielsetzung für Forschung und Lehre. Die KL stellt mit ihrem europaweit anerkannten Bachelor-Mastersystem eine flexible Bildungseinrichtung dar, die auf die Bedürfnisse der Studierenden, die Anforderungen des Arbeitsmarkts ebenso, wie auf die Herausforderungen der Wissenschaft abgestimmt ist. In den Studienrichtungen Medizin und Psychologie studieren aktuell rund 600 Studierende. Die vier Universitätskliniken in Krems, St. Pölten, Tulln und Eggenburg gewährleisten eine klinische Lehre und Forschung auf höchstem Qualitätsniveau. In der Forschung konzentriert sich die KL auf interdisziplinäre Felder mit hoher gesundheitspolitischer Relevanz – u.a. der Medizintechnik, der molekularen Onkologie, der mentalen Gesundheit und den Neurowissenschaften sowie dem Thema Wasserqualität und den damit verbundenen gesundheitlichen Aspekten. Die KL wurde 2013 gegründet und von der Österreichischen Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung (AQ Austria) akkreditiert.