Archiv der Kategorie: Klassische Medizin

Leibniz debattiert zum Thema Impfen

Ranga Yogeshwar trifft Cornelia Betsch und Ulrich E. Schaible

(Leibniz) – Am 5. November widmet sich die Reihe „Leibniz debattiert“ in Berlin dem Thema Impfen. Es diskutieren der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, die Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin Cornelia Betsch sowie der Infektionsforscher Ulrich E. Schaible. Beim ersten „Leibniz-Thementag Gesundheit“ präsentieren zudem sechs Leibniz-Forschungsverbünde und Leibniz-WissenschaftsCampi ihre Gesundheits­forschung.

1954 ging der Nobelpreis für Medizin an John Franklin Enders. Er wurde geehrt als Wegbereiter der modernen Impfung und damit als Retter von Millionen von Menschenleben weltweit. 2019 ist die Impfskepsis in Deutschland wieder weiter verbreitet, sodass eine gesetzliche Impfpflicht gegen Masern eingeführt wird. Wie ist diese Skepsis gegen eine solche Entdeckung von so hohem Nutzen für die Menschheit zu begründen? Welche Argumente stehen dahinter?

Darüber debattieren Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist und Physiker, Cornelia Betsch, DFG Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und Ulrich E. Schaible, Programmdirektor im Bereich „Infektionen“ am Forschungszentrum Borstel – Leibniz Lungenzentrum sowie Sprecher des Leibniz-Forschungsverbundes „INFECTIONS ’21“. Das Gespräch moderiert Kathrin Zinkant, Redakteurin im Ressort „Wissen“ der Süddeutschen Zeitung

Begleitend zur Leibniz-Debatte präsentieren sich im Rahmen des erstmals ausgerichteten „Leibniz-Thementags Gesundheit“ sechs Leibniz-Forschungsverbünde und Leibniz-WissenschaftsCampi bereits ab 17 Uhr sowie im Anschluss an „Leibniz debattiert“ im Haus der Leibniz-Gemeinschaft:

  • Leibniz-Forschungsverbund „Gesundes Altern“
  • Leibniz-Forschungsverbund „Gesundheitstechnologien“
  • Leibniz-Forschungsverbund „Wirkstoffe und Biotechnologien“
  • Leibniz-WissenschaftsCampus Berlin „Chronische Entzündungen“
  • Leibniz-WissenschaftsCampus Jena „InfectoOptics“
  • Leibniz Science Campus Ruhr

Unter anderem erwarten Sie ein Zitterstift zur Simulation von Parkinson, Exponate zum Thema „Diagnostik mit Licht“, ein 3D-gedrucktes Mikroskop und vieles mehr als Einblicke in die interdisziplinäre Gesundheitsforschung innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft.

 

 

Vitamin D kann für Knochen ohne Nutzen sein

(DGE) – Auf der Jahrestagung der American Society of Bone and Mineral Research (ASBMR) berichtete am 24. September 2019 Meryl LeBoff  (1) über eine Subanalyse der VITAL-Studie (vgl. 2) an gesunden von Männern und Frauen.

Elisabeth Hlavinka (3) referierte diesen Beitrag  in MEDPAGE TODAY unter dem griffigen Titel: Vit D Supplements Flop Again for Bone Health. A couple of years of vitamin D supplementation had no effect on bone mineral density (BMD) or bone loss in healthy people, according to an ancillary study of the VITAL trial presented here. In a subcohort involving 771 adults who received no bone active medications, 2.000 IU daily vitamin D supplements showed no effect on absolute or percent change in BMD compared with placebo, with the differences between groups measured at the spine, hip, or whole body, all <0.5% (so Meryl LeBoff vom Brigham and Women’s Hospital in Boston). “Among 687 patients with 2-year follow-up data, supplementation was not associated with changes in volumetric BMD versus placebo. Daily supplements of vitamin D for 2 years did not improve bone density or structure in generally healthy men and women in the U.S. not selected for vitamin D insufficiency“.  LeBoff fuhr fort:  „Participants may have already reached the vitamin D level needed for bone health”.  In weiteren Substudien wurde beim ASBMR-Kongress berichtet, dass Vitamin D Supplementierung auch keinen Einfluss auf Stürze hatte: „Specifically, in participants with at least one fall at baseline, vitamin D supplementation versus placebo did not affect subsequent falls, injurious falls, or those resulting in doctor or hospital visits”.

Felicia Cosman von der Columbia University New York, welche die Sitzung moderierte, kommentierte die Subanalyse der Vital-Studie (4): „I think the take-home message is that many healthy ambulatory people 55 years of age and older do not need supplement vitamin D, certainly not 2000 IU daily, so people should not routinely take this. Indeed, one recently published study (5) has even suggested that high dose vitamin D may be detrimental to bone health. However, that message is very different to those with osteoporosis”.

In MEDPAGE TODAY schreibt Hlavinka über diese Studie weiter: “The VITAL findings are in line with results from another trial, the Calgary Vitamin D Study (5) reported last month, which showed no bone benefit, in fact it found a possible adverse effect with the high doses of vitamin D in healthy people.  About 300 patients have been randomized to receive either low (400 IU), moderate (4,000 IU), or high (10,000) levels of vitamin D.  The trial involved  men and women, ages 55-70, with basal vitamin D levels from 30 to 125 nmol/L (12 to 50 ng/mL). The group had a mean age of 62 and 54% were male. Their serum 25-hydroxyvitamin D (25-OH-D) levels were well above the targeted recommendation”.  Nach 3-jähriger Behandlung mit 4000 oder 10 000 IU/ Vitamin D pro Tag fand man im Vergleich zu 400 IU/Tag einen statistisch signifikant geringeren Knochenmineralgehalt am Radius, an der Tibia mit  täglich 10 000 IU.

In Orlando wurde nun ein Update dieser Studie präsentiert, welcher ergab, dass, entgegen den Erwartungen der Autoren, die Vitamin D – Supplemente zu keiner Zunahme von Koronarverkalkungen geführt haben: „Our study corroborates other trials, such as the VITAL trial, that have not shown any effect of vitamin D supplementation on cardiovascular events or mortality,“ so E.Billington, die Erstautorin des Calgary-Study-Update  in Orlando,  (6).

Kommentar
Diese Resultate liegen ganz auf der Linie des Referenten, welcher dem, wie man in der Presse oft lesen konnte „Vitamin D -Hype“ stets abwartend-distanziert gegenübergestanden hat, dies in vielen Blogbeiträgen geäußert hat und sich jetzt zunehmend bestätigt sieht.

Helmut Schatz

Manipulationen von gesundheitsrelevanten Nachrichten im Internet immer perfekter

(pte) – Die Twitter-Diskussion zu den gesundheitlichen Folgen von E-Zigaretten wird hauptsächlich von Bots dominiert, die Fehlinformationen verbreiten und mögliche Risiken beim „Vaping“ verschleiern. Einer Studie der Non-Profit-Organisation The Public Good Projects (PGP) zufolge stammen mehr als die Hälfte der Tweets zu diesem Thema nicht von Menschen.

„Showdown der Bots“
„In sozialen Medien sind mittlerweile immer mehr Menschen unterwegs, was auch bedeutet, dass sie viel stärker mit Marken interagieren. Einige Firmen sind daher auf Bots angewiesen. Diese können Kunden direkt ansprechen und ihre Einstellung zu einem Brand analysieren. Man kann sie aber auch auf Konkurrenten ansetzen und so negative Botschaften über sie verbreiten. Hier findet ein Showdown der Bots statt“, erläutert Markus Hübner, Social-Media-Experte und CEO von Brandflow, im Interview mit pressetext.

Für die Studie hat PGP über eine Mio. Tweets untersucht, die zwischen Februar 2019 und Juni 2019 zum Thema E-Zigaretten gesendet wurden. Es stellte sich heraus, dass fast 80 Prozent dieser Nachrichten von Bots stammten. Die Botschaften, die diese Bots verbreiten, zeigen E-Zigaretten fast ausschließlich in einem positiven Licht.

Attacken auf Wissenschaftler
Einige der entdeckten Bots verbreiten auch Fehlinformation und attackieren Wissenschaftler, die vor den Gesundheitsrisiken von E-Zigaretten warnen. Die Bots behaupten explizit, diese Forscher würden die Wahrheit verschleiern. Laut den Analysten richten sich die Pro-Vaping-Nachrichten vor allem an Kinder und Jugendliche.

Die PGP-Experten warnen davor, dass in den USA bereits über 20 Prozent der Highschool-Schüler E-Zigaretten konsumieren und diese Zahl durch die Beeinflussung durch Bots noch steigen wird. „Um die Manipulation der Konversation zu verhindern, müssten die Betreiber der Social-Media-Plattformen rigoros gegen Bots vorgehen. Dazu fehlt ihnen aber momentan einfach die Bereitschaft“, kritisiert Hübner.

Rechtzeitige Behandlung kann vor Amputation schützen

(DGG) – Durchblutungsstörungen in Venen und Arterien sind die häufigste Ursache von chronischen Wunden an den Beinen. Eine gezielte Behandlung kann die Abheilung beschleunigen und eine Amputation verhindern. Dennoch wird in Deutschland zu häufig auf eine Gefäßdiagnostik verzichtet, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG) anlässlich ihrer 35. Jahrestagung in Mannheim. Patienten mit offenen Beinwunden, die innerhalb von drei Monaten nicht abgeheilt sind, sollten deshalb einen Gefäßchirurgen aufsuchen, rieten DGG-Experten auf einer Pressekonferenz am 17. Oktober in Mannheim.

Sogenannte offene Beine sind in Deutschland eine Volkskrankheit. Schätzungsweise 800.000 Menschen leiden unter einem Ulcus cruris. Auslöser sind meist Durchblutungsstörungen in Venen oder Arterien. Nach den Auswertungen von Krankenkassendaten werden zwei Drittel der Erkrankungen durch Störungen in den Beinvenen verursacht, bei fast einem Fünftel liegen Durchblutungsstörungen in den Arterien vor. Bei einigen Patienten sind auch beide Systeme betroffen.

Offene Beine durch Erkrankungen der Blutgefäße
„Insgesamt lassen sich vier von fünf offenen Beinen auf Erkrankungen der Blutgefäße zurückführen“, sagt Dr. med. Holger Diener vom Herz- und Gefäßzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Für den Leiter der Kommission Wundmanagement bei der DGG sollte deshalb vor Beginn der Behandlung immer eine Untersuchung der Blutgefäße erfolgen. Doch diese Gefäßdiagnostik wird in Deutschland häufig nicht durchgeführt.

So geht aus den Statistiken der Krankenkassen hervor, dass in den drei Monaten vor und nach dem Aufbrechen der Wunde nur bei einem Viertel der Patienten wenigstens eine gefäßdiagnostische Maßnahme abgerechnet wird. Häufig beschränken sich die Hausärzte auf die Bestimmung des Knöchel-Arm-Index: Ist der Blutdruck in den Beinen niedriger als im Arm, weist dies auf eine Durchblutungsstörung hin.

„Auf eine erweiterte Diagnostik mit Ultraschall oder Kontrastmitteln wird jedoch häufig verzichtet“, kritisiert Diener. Dabei steigen mit Duplexsonografie und Angiografie, die eine gezielte Therapie ermöglichen, die Chancen auf Wundheilung. „Wie eine Untersuchung zeigt, kommt es um 30 Prozent häufiger und schneller zur Abheilung der offenen Beine, wenn eine Gefäßdiagnostik erfolgt“, sagt Diener.

Minimalinvasive Katheterbehandlung
Die Therapie besteht bei arteriellen Störungen in einer minimalinvasiven Katheterbehandlung oder in einer Operation, die die Verkalkungen aus den Gefäßwänden entfernt. Manchmal legen Gefäßchirurgen auch Bypässe an den Beinen. „Diese Gefäßinterventionen werden in Deutschland aber zu selten durchgeführt“, betont Professor Dr. med. Dittmar Böckler, Präsident der DGG. Selbst bei einer nachgewiesenen arteriellen Verschlusskrankheit würden nur etwa 70 Prozent behandelt. Bei Menschen mit Diabetes, die an einer Wunde am Fuß und unter Durchblutungsstörungen leiden, liegt der Anteil bei unter 20 Prozent. „Dabei ist das Risiko von Amputationen bei Diabetespatienten besonders hoch“, gibt Böckler zu bedenken.

Auch Patienten mit Venenerkrankungen, die Ärzte sprechen von einer chronisch-venösen Insuffizienz (CVI), erhalten nur selten die notwendige Behandlung. Sie besteht zunächst in der Verordnung von Kompressionsstrümpfen, die offene Beine verhindern können. „Nach einer Datenanalyse der Barmer GEK wird nur bei 17,4 Prozent der Patienten mit CVI vor Auftreten einer Wunde eine adäquate Kompressionstherapie durchgeführt“, berichtet Diener. Liegt ein Ulcus cruris vor, steige der Anteil auf 33,6 Prozent, was ebenfalls zu wenig sei. „Die Kompressionstherapie fördert die Abheilung eines Ulcus cruris venosum und ist deshalb zentraler Bestandteil der Behandlung“, so Diener.

Behandlung chronischer Wunden
Für die Patienten ist die Behandlung eines Ulcus cruris eine frustrierende, weil langwierige Angelegenheit. „Hausärzte und Allgemeinmediziner fühlen sich in der Behandlung chronischer Wunden häufig unsicher“, sagt der Hamburger Gefäßchirurg. „Untersuchungen zeigen, dass die Heilungschancen um elf Prozent steigen, wenn wenigstens ein wundrelevanter Facharzt in die Behandlung einbezogen wird.“

Die DGG bemüht sich, die Versorgungslücken zu schließen. Im vergangenen Jahr wurde die Kampagne „Ihre Wunde in unsere Hände“ gestartet. Offene Beine, die trotz Behandlung innerhalb von drei Monaten nicht abgeheilt sind, sollten einem Gefäßchirurgen vorgestellt werden. „Er kann alles aus einer Hand anbieten“, erläutert Diener. „Von der Diagnostik und konservativen Therapie über die Wundheilung bis hin zu minimalinvasiven Eingriffen, offenen Operationen und einfachen plastischen Deckungsmaßnahmen, bei denen Haut verpflanzt wird, um die Wunde zu verschließen.“

Wenn das Gehen zur Qual wird

(DGG) – Durchblutungsstörungen in den Beinen werden oft unterschätzt. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG) anlässlich ihrer 35. Jahrestagung hin. So haben Patienten, die an der „Schaufensterkrankheit“ leiden, ein vier- bis sechsfach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Welche Warnzeichen zu beachten sind, wohin sich Patienten bei Verdacht wenden sollten und wie der Verlust von Zehen oder Bein abgewendet werden kann, erläutern Experten auf einer Pressekonferenz der DGG am 17. Oktober in Mannheim.

Jeder fünfte über 65-Jährige leidet an der sogenannten Schaufensterkrankheit, einer Durchblutungsstörung in den Beinen. Ursache ist eine Arteriosklerose, eine Gefäßwandverkalkung. Die Schaufensterkrankheit, auch Claudicatio intermittens oder periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) genannt, veranlasst Betroffene, das Gehen aufgrund von Wadenschmerzen immer wieder zu unterbrechen und stehen zu bleiben. „Leider wird die pAVK häufig verharmlost und unterschätzt“, warnt Professor Dr. med. Dittmar Böckler, derzeit Präsident der DGG.

Schaufensterkrankheit häufig Vorbote für Herz- oder Hirninfarkt
Tatsächlich erleiden 70 Prozent der pAVK-Patienten langfristig einen Herzinfarkt, weitere fünf Prozent erliegen einem Schlaganfall. Gefäßmediziner und Gefäßchirurgen betrachten die pAVK deshalb als eine Art Vorboten – als „Marker-Krankheit“ – für Herz- und Hirninfarkt. „Das Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen ist bei pAVK-Patienten um das Vier- bis Sechsfache erhöht“, erläutert Böckler. „Früherkennung ist somit extrem wichtig – und sehr einfach“, fügt der Ärztliche Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Endovaskuläre Chirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg hinzu.

Auf Risikofaktoren und Warnzeichen achten
Patienten mit Risikofaktoren – vor allem Männer in höherem Alter, aktive oder Ex-Raucher, Personen mit Diabetes, Übergewicht und Bluthochdruck – sollten daher rechtzeitig mit Ultraschall untersucht werden. Insbesondere, wenn sich typische Warnsignale der pAVK bemerkbar machen: Schmerzen beim Gehen, nicht heilende Wunden, unterschiedliches Wachstum der Zehennägel an linkem und rechtem Fuß sowie fehlender Haarwuchs am Schienenbein als Hinweis auf eine schlechte Durchblutung. Mitunter kann sogar eine erektile Dysfunktion das erste Symptom einer pAVK sein. „Treten beim Gehen Schmerzen nach sich wiederholender Gehstrecke von beispielsweise 200 Metern immer in der gleichen Muskelgruppe an Wade und Oberschenkel auf, ist eine Schaufensterkrankheit und damit Durchblutungsstörung der Arterien wahrscheinlich“, erläutert DGG-Präsident Böckler.

Wichtigste Technik zur Früherkennung einer pAVK ist die Untersuchung der Fußpulse und eine Doppler-Druckmessung an Arterien an Arm und Knöchel, die den sogenannten Knöchel-Arm-Index oder Ankle-Brachial-Index (ABI) bestimmt. „Diese Untersuchung ähnelt einer Blutdruckmessung mit zusätzlichem Ultraschall“, erläutert Böckler. „Sie ist nicht belastend, beliebig wiederholbar und ohne Risiko beim Hausarzt durchführbar.“ Der ABI-Index aus dem Blutdruck in Unterschenkel und Arm gibt an, wie stark Gefäßablagerungen die Blutzirkulation behindern. „Bei einem ABI-Wert unter 0,9 ist die Diagnose pAVK gesichert“, so Böckler.

Zunächst Lebensstil-Maßnahmen, Geh-Training, Medikamente
In diesem Fall sollten sich die Patienten an einen Gefäßchirurgen und Gefäßmediziner oder Angiologen und Kardiologen wenden. Zunächst steht bei der Schaufensterkrankheit die konservative Therapie im Vordergrund. Sie beinhaltet die Änderung des Lebensstils mit Kontrolle der Risikofaktoren: gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, Gewichtabnahme, Nikotinverzicht, Blutdruckkontrolle. „Zudem sollen betroffene Patienten lebenslang ihre Medikamente regelmäßig und pflichtbewusst einnehmen“, erklärt Böckler.

Dazu zählt eine Blutverdünnung mit einem sogenannten Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetylsalicylsäure (ASS). „Dieses Medikament senkt das Risiko für einen Gefäßeingriff um 45 Prozent und das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod um ein Drittel“, berichtet der Heidelberger Gefäßchirurg. Zeigt ASS keinen Effekt oder treten Nebenwirkungen auf, kommt alternativ der Blutverdünner Clopidogrel zum Einsatz. Weitere wichtige begleitende Medikament sind Blutdruck- und Blutfettsenker.

Behandlung im Gefäßzentrum kann Amputation abwenden
Entscheidendes Ziel der Therapie einer schweren Durchblutungsstörung ist es, eine Amputation von Zehen, Unter- oder Oberschenkel zu verhindern. Die Chancen dafür stehen umso besser, je früher die pAVK erkannt wird. „Unter einer optimierten medikamentösen Begleittherapie, kombiniert mit einem überwachten strukturierten Geh-Training, liegt die Amputationswahrscheinlichkeit auf zehn Jahre bezogen unter drei Prozent“, so Böckler.

Schreitet die Gefäßerkrankung weiter voran, so dass der Patient nächtliche Ruheschmerzen oder offene Stellen und Wunden entwickelt, stellt die moderne Gefäßmedizin und Gefäßchirurgie eine Vielzahl an Therapieverfahren bereit, um die arterielle Durchblutung des betroffenen Beines wieder zu verbessern. Dafür sollte sich der Patient in ein interdisziplinär aufgestelltes, zertifiziertes Gefäßzentrum begeben. „Dort entscheiden Experten verschiedener gefäßmedizinischer Fachdisziplinen gemeinsam, welche Methode am besten für den Patienten geeignet ist“, meint der DGG-Präsident.

Verengte oder verschlossene Gefäße können mit klassischen offenen Operationen, meist Bypässen, mit minimalinvasiven Eingriffen oder in Kombination beider Verfahren durchgängig gemacht werden. „Neben einer Wiedererlangung der Lebensqualität ist vor allem wichtig, eine Amputation abzuwenden. Denn sie beeinträchtigt nicht nur die Lebensqualität, sondern verkürzt auch die Lebenserwartung. Moderne Gefäßchirurgie kann diese Methoden aus einer Hand anbieten und garantiert somit eine ausgewogene, individualisierte Patientenversorgung“, betont Böckler.

Amputation kann verhindert werden

(DGG) Durchblutungsstörungen in Venen und Arterien sind die häufigste Ursache von chronischen Wunden an den Beinen. Eine gezielte Behandlung kann die Abheilung beschleunigen und eine Amputation verhindern. Dennoch wird in Deutschland zu häufig auf eine Gefäßdiagnostik verzichtet, kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG) anlässlich ihrer 35. Jahrestagung in Mannheim. Patienten mit offenen Beinwunden, die innerhalb von drei Monaten nicht abgeheilt sind, sollten deshalb einen Gefäßchirurgen aufsuchen, rieten DGG-Experten auf einer Pressekonferenz am 17. Oktober in Mannheim.

Sogenannte offene Beine sind in Deutschland eine Volkskrankheit. Schätzungsweise 800.000 Menschen leiden unter einem Ulcus cruris. Auslöser sind meist Durchblutungsstörungen in Venen oder Arterien. Nach den Auswertungen von Krankenkassendaten werden zwei Drittel der Erkrankungen durch Störungen in den Beinvenen verursacht, bei fast einem Fünftel liegen Durchblutungsstörungen in den Arterien vor. Bei einigen Patienten sind auch beide Systeme betroffen.

„Insgesamt lassen sich vier von fünf offenen Beinen auf Erkrankungen der Blutgefäße zurückführen“, sagt Dr. med. Holger Diener vom Herz- und Gefäßzentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Für den Leiter der Kommission Wundmanagement bei der DGG sollte deshalb vor Beginn der Behandlung immer eine Untersuchung der Blutgefäße erfolgen. Doch diese Gefäßdiagnostik wird in Deutschland häufig nicht durchgeführt.

So geht aus den Statistiken der Krankenkassen hervor, dass in den drei Monaten vor und nach dem Aufbrechen der Wunde nur bei einem Viertel der Patienten wenigstens eine gefäßdiagnostische Maßnahme abgerechnet wird. Häufig beschränken sich die Hausärzte auf die Bestimmung des Knöchel-Arm-Index: Ist der Blutdruck in den Beinen niedriger als im Arm, weist dies auf eine Durchblutungsstörung hin.

„Auf eine erweiterte Diagnostik mit Ultraschall oder Kontrastmitteln wird jedoch häufig verzichtet“, kritisiert Diener. Dabei steigen mit Duplexsonografie und Angiografie, die eine gezielte Therapie ermöglichen, die Chancen auf Wundheilung. „Wie eine Untersuchung zeigt, kommt es um 30 Prozent häufiger und schneller zur Abheilung der offenen Beine, wenn eine Gefäßdiagnostik erfolgt“, sagt Diener.

Die Therapie besteht bei arteriellen Störungen in einer minimalinvasiven Katheterbehandlung oder in einer Operation, die die Verkalkungen aus den Gefäßwänden entfernt. Manchmal legen Gefäßchirurgen auch Bypässe an den Beinen. „Diese Gefäßinterventionen werden in Deutschland aber zu selten durchgeführt“, betont Professor Dr. med. Dittmar Böckler, Präsident der DGG. Selbst bei einer nachgewiesenen arteriellen Verschlusskrankheit würden nur etwa 70 Prozent behandelt. Bei Menschen mit Diabetes, die an einer Wunde am Fuß und unter Durchblutungsstörungen leiden, liegt der Anteil bei unter 20 Prozent. „Dabei ist das Risiko von Amputationen bei Diabetespatienten besonders hoch“, gibt Böckler zu bedenken.

Auch Patienten mit Venenerkrankungen, die Ärzte sprechen von einer chronisch-venösen Insuffizienz (CVI), erhalten nur selten die notwendige Behandlung. Sie besteht zunächst in der Verordnung von Kompressionsstrümpfen, die offene Beine verhindern können. „Nach einer Datenanalyse der Barmer GEK wird nur bei 17,4 Prozent der Patienten mit CVI vor Auftreten einer Wunde eine adäquate Kompressionstherapie durchgeführt“, berichtet Diener. Liegt ein Ulcus cruris vor, steige der Anteil auf 33,6 Prozent, was ebenfalls zu wenig sei. „Die Kompressionstherapie fördert die Abheilung eines Ulcus cruris venosum und ist deshalb zentraler Bestandteil der Behandlung“, so Diener.

Für die Patienten ist die Behandlung eines Ulcus cruris eine frustrierende, weil langwierige Angelegenheit. „Hausärzte und Allgemeinmediziner fühlen sich in der Behandlung chronischer Wunden häufig unsicher“, sagt der Hamburger Gefäßchirurg. „Untersuchungen zeigen, dass die Heilungschancen um elf Prozent steigen, wenn wenigstens ein wundrelevanter Facharzt in die Behandlung einbezogen wird.“

Die DGG bemüht sich, die Versorgungslücken zu schließen. Im vergangenen Jahr wurde die Kampagne „Ihre Wunde in unsere Hände“ gestartet. Offene Beine, die trotz Behandlung innerhalb von drei Monaten nicht abgeheilt sind, sollten einem Gefäßchirurgen vorgestellt werden. „Er kann alles aus einer Hand anbieten“, erläutert Diener. „Von der Diagnostik und konservativen Therapie über die Wundheilung bis hin zu minimalinvasiven Eingriffen, offenen Operationen und einfachen plastischen Deckungsmaßnahmen, bei denen Haut verpflanzt wird, um die Wunde zu verschließen.“

An alle, die unter Bluthochdruck leiden

(CVC) – Das CardioVasculäre Centrum Frankfurt sucht Erwachsene mit Bluthochdruck, die an einer klinischen Studie teilnehmen möchten. Die tödlichen Folgen von Bluthochdruck können eine Herzschwäche mit Herzinfarkt oder auch ein Schlaganfall sein. Die gute Nachricht: Es werden neue Behandlungsmethoden entwickelt, die durch begleitende Studien optimiert werden, um die Risiken des Bluthochdrucks zu vermeiden.

Bluthochdruck ist eine der wichtigsten, aber vermeidbaren Ursachen für Schlaganfall und Herzinfarkt. Wenn man die Gruppe der 70- bis 79-Jährigen betrachtet, leiden drei von vier Erwachsenen an Bluthochdruck (Hypertonie), ein Krankheitsbild, welches sich durch einen erhöhten Druck in den Blutgefäßen äußert.  Tatsächlich betrifft das aber nicht nur ältere Menschen. In Deutschland hat heute bereits jeder dritte Erwachsene Bluthochdruck. Kein Wunder, dass sich Prof. Dr. med. Horst Sievert und sein Team des CVC (CardioVasculäre Centrum Frankfurt) mit diesem Thema intensiv befassen. Die Spezialisten legen ihren Schwerpunkt auf modernste minimal-invasive Behandlungsmethoden.

„Wir starten jetzt im CVC Frankfurt zwei Studien zur Behandlung von Bluthochdruck“, erklärt der Institutsleiter Prof. Dr. med. Horst Sievert, dessen klinische und wissenschaftliche Arbeit sich seit Jahren schwerpunktmäßig mit der Interventions-Kardiologie und Interventions-Angiologie beschäftigt. Zahlreiche neue Methoden wurden maßgeblich von Sievert mitentwickelt und häufig erstmalig von ihm eingesetzt. Er zählt zu den international führenden Experten auf diesem Gebiet. „Es geht zum einen um eine Studie für Patienten mit leichter Hypertonie und eine Studie für Patienten mit schwerer Hypertonie. Das Thema ist so wichtig, da eine nachhaltige Senkung des Blutdrucks sowohl das Risiko für zukünftige Schäden am Herzen, an den Nieren und an den Blutgefäßen als auch das Risiko eines Schlaganfalls mindern kann.“

Wer kann an der Studie teilnehmen?
„Wer einen hohen Blutdruck hat, bei dem der obere Wert über 140 mmHg liegt, und nicht mehr als zwei blutdrucksenkende Medikamente einnimmt, kann sich zu unseren Studien anmelden“, so Prof. Sievert. „Wir bieten den Patienten die Möglichkeit, durch eine renale Denervation den Bluthochdruck besser in den Griff zu bekommen.“

Was passiert bei der „renalen Denervation“?
Prof. Sievert: „Bei der renalen Denervation (RDN) handelt es sich um eine Katheter-Behandlung. Es wird also ein Katheter von der Leiste über die Bauchschlagader in die Nierenarterien vorgeschoben. Mit diesem Katheter werden die Nervenfasern an der Arterienwand verödet. Vereinfacht dargestellt wird auf diese Weise die chronische Stresswirkung in den Nieren durchbrochen, die die Erhöhung des Blutdrucks verursacht.“

Wie lange dauert der Eingriff und wie viele Nervenfasern müssen oder können verödet werden? Wie gefährlich ist das für den Patienten?
„Der Eingriff dauert etwa 45 Minuten und es ist eine vollständige Verödung aller Nervenfasern einschließlich der Abzweigungen der Nierenarterien möglich“, so der Experte weiter. „Was die Gefährlichkeit der renalen Denervation angeht, gibt es bereits mehrere Studien, in denen sich die Behandlung als sicher und weitgehend von Nebenwirkungen frei erwiesen hat. Unser Ziel ist die langfristige Senkung des Blutdrucks. Die Teilnehmer unserer Studien erhalten Zugang zu einer neuen Behandlungsmethode und profitieren von der optimalen Betreuung durch das CVC-Team.“

Medizinische Studien sind von großer Bedeutung, da durch sie neue Erkenntnisse über Krankheiten und Behandlungs-methoden gewonnen werden. „Durch aussagekräftige Studien lassen sich die Behandlungsformen für die Betroffenen weiterentwickeln und verbessern“, schließt Prof. Dr. med. Horst Sievert.

Interessenten für die Teilnahme an einer Studie des CVC Frankfurt wenden sich bitte an:

s.debruijn@cvcfrankfurt.de oder Tel. 069 97 94 76 53

Gene nicht schuld an Homosexualität !

(DGE) – Eine breit angelegte genomweite Assoziationsstudie (GWAS) ergab, dass gleichgeschlechtliches Verhalten nicht von einem  einzelnen Gen bestimmt wird, sondern durch viele, und dass eine Überlappung mit 28 untersuchten pychiatrischen Veränderungen wie Depression oder Schizophrenie existiert (1). Zwillingsstudien und andere Erblichkeitsuntersuchungen hatten darauf hingewiesen, dass gleichgeschlechtliches Verhalten eine Gen-Komponente haben könnte (2-5).

Es wurden 493 001 Personen aus den USA, Großbritannien (UK)  und Schweden erfasst.  Die Studie war somit statistisch genügend gepowert. Davon wurden 477 522 der Personen untersucht. Zunächst wurde das Sexualverhalten mit einem Fragebogen erfasst.  In der Probe  der UK Biobank (408 995 Personen) berichteten 4.1% der Männer und 2.8% der Frauen über gleichgeschlechtliche Kontakte. Aus den USA wurden die Daten von der Firma 23andMH herangezogen, eines privaten Unternehmens, welches in  eingeschickten Speichelproben von Personen auf deren Wunsch –  jetzt für nur 99 $ –  Genanalysen durchführt, die somit einen Bias haben. Bei diesen Personen lag der Prozentsatz eines nicht stets heterosexuellen Verhaltens etwas höher.  Es erfolgten daraufhin genomweite Assoziationsstudien mit Nachfolge-Analysen. Man fand kein einzelnes Gen, auch keine Variationen des X-Chromosoms, sondern fünf autosomale Loci, die mit gleichgeschlechtlichem Verhalten signifikant assoziiert waren. Zwei der Loci lagen bei beiden Geschlechtern, zwei nur bei Männern und ein Locus nur bei Frauen vor. Es errechnete sich eine genetische Disposition von unter 1%.  Mit einer anderen Technik fand man bei Trägern der  geprüften genetischen Varianten einen Wert von 8 – 25%.   Die genetischen Einflüsse überlappten mit externen Bedingungen wie etwa Rauchen, Cannabisgebrauch, Risikobereitschaft oder Offenheit gegenüber Experimenten.

Kommentar
Diese genetischen Befunde gestatten keine Vorhersage der sexuellen Orientierung einer einzelnen Person, denn die fünf identifizierten Loci trügen, wie die Autoren schreiben  weit weniger als 1% zum Geschlechtsverhalten bei. Die Befunde unterstreichen vielmehr die Komplexität des menschlichen Sexualverhaltens (1). In allen Gesellschaftsschichten und bei beiden Geschlechtern berichten 2-10% der Menschen, ausschließlich gleichgeschlechtlichen Kontakt oder zusätzlich zum heterosexuellen gehabt zu haben (2-5). Für eine Rolle genetischer Einflüsse spricht das familiäre Vorkommen und dass es häufiger bei eineiigen Zwillingspaaren vorkommt als bei Zweieiigkeit oder unter Geschwistern (6).

Die biologischen Faktoren, welche auch zur sexuellen Präferenz beitragen, sind weitgehend noch unbekannt.

In einem begleitenden Editorial betont Melinda Mills, Soziologie-Professorin in Oxford, U.K., dass heute die Neigung besteht, Sexualverhalten als genetisch determiniert anzusehen. Sie schreibt: „Attributing same-sex orientation to genetics could enhance civil rights or reduce stigma. Conversely, there are fears it provides a tool for intervention or `cure` ”. Heute werde, so Mills, in mehr als 70 Ländern Homosexualität als pathologisch oder illegal und kriminell angesehen und unterliege in etlichen Ländern auch der Todesstrafe (7).  Zeke Stokes von der  Gay & Lesbian Alliance Against Defamation interpretiert die Studie folgendermaßen: „The new study provides even more evidence that being gay or lesbian is a natural part of human life….The identities of LGBTQ- (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer) – people are  not up for debate. This new research reconfirms the long established understanding that there is no conclusive degree to which nature or nurture influence how gay or lesbian person behaves” (8).

Helmut Schatz

Ursache von Übergewicht liegt oft Jahrzehnte zurück

(BZfE) – In den Siebzigerjahren begann die US-amerikanische
Lebensmittelindustrie in großem Stil, Sirup aus Maisstärke als
Süßungsmittel zuzusetzen, vor allem in zuckerhaltigen Getränken. Bis zu
400 Kilokalorien nahm jeder Amerikaner 1999 im Schnitt pro Tag über solche
exzessiven Zuckermengen zu sich. Die Quittung präsentiert die Statistik
heute: die Daten von 2016 legen nahe, dass heute der Höhepunkt der
Übergewichtswelle erreicht ist, und eben auch, dass dieser ziemlich exakt
eine Generation nach der großen Zuckerwelle auftritt.

Wissenschaftler der US-amerikanischen Universität von Tennessee
beobachteten, dass in 2016 40 Prozent der Bürger der Vereinigten Staaten
an Übergewicht litten – und das obwohl bereits seit den Neunziger Jahren
der Konsum von Zucker in Lebensmitteln auf dem Rückmarsch ist. Sie
schließen daraus, dass die Ursachen hierfür möglicherweise Jahrzehnte
zurückliegen – wenn ein hoher Zuckerkonsum in der Kindheit oder auch
schon während der Schwangerschaft nachhaltige Effekte hat.

Um das nachzuweisen entwickelten die Forscher ein Rechenmodell und nutzten
vorliegende Zuckerkonsum-Daten aus den Siebzigerjahren und
Übergewichts-Daten aus 1990 bis 2004. Die Ergebnisse legen nahe, dass
heutige Probleme ihre Ursache 30 oder 40 Jahre in der Vergangenheit haben,
wenn Menschen als Kinder einem hohen Zuckerkonsum ausgesetzt waren.
Besonders betroffen seien Menschen mit geringerem Einkommensniveau.
Während noch in den Neunzigern kein großartiger Zusammenhang zwischen der
Einkommenssituation und dem Auftreten von Übergewicht nachgewiesen werden
konnte, gebe es 2016 eine starke Korrelation zwischen diesen beiden
Faktoren.

Friederike Heidenhof

Wie man Unfallopfer vor dem Verblutungstod rettet

(DGG) – Mindestens ein Drittel aller Unfallopfer stirbt durch Verbluten. Dabei ist es für unbeteiligte Zeugen einfach, eine lebensbedrohliche Blutung an Armen oder Beinen zu stoppen – das Abbinden mit einem Hosengürtel eine Handbreit über der Wunde kann Leben retten. Experten der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e.V. (DGG) fordern daher, Blutungsstillung in Erste-Hilfe-Kurse aufzunehmen. Warum Abbinde-Geräte, sogenannte Tourniquets, auch in jeden Erste-Hilfe-Kasten gehören, erläutern Experten morgen auf einer Pressekonferenz der DGG in Mannheim.

Ob in Würzburg, München und Ansbach im Jahr 2016 oder in Hamburg in 2017 – bei all diesen Anschlägen gab es Opfer, die einer ungestillten Blutung erlagen. „Die unkontrollierte, lebensbedrohliche Blutung ist nach wie vor die Haupttodesursache bei schwerverletzten Patienten sowohl im zivilen als auch im militärischen Umfeld“, sagt Dr. med. Daniel Hinck, Stellvertretender Klinikdirektor Klinik II am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. „Dies gilt für kriegerische Auseinandersetzungen, aber auch etwa für Unfälle im Straßenverkehr“, fügt der Gefäßchirurg und Oberfeldarzt hinzu.

Bisher liegen noch nicht genügend Untersuchungen vor, um die Zahl der Menschen zuverlässig beziffern zu können, die durch adäquate medizinische Versorgung – etwa durch das Abbinden der Verletzung – vor dem Verblutungstod gerettet werden könnten. „Wir gehen aber davon aus, dass eine unkontrollierte Blutung in 50 Prozent der Fälle die Ursache für den Tod eines Soldaten ist“, berichtet Hinck. Für schwerstverletzte Unfallopfer in der Zivilbevölkerung wird diese Quote bei 33 bis 56 Prozent angesetzt.

Abbinde-Systeme für alle professionellen Rettungskräfte
Um die Versorgung von Gefäßverletzungen zu verbessern, hat die DGG 2013 die Kommission für Katastrophenmedizin und Gefäßtraumatologie gegründet. Sie widmet sich zusammen mit anderen medizinischen Gesellschaften unter anderem der bundesweiten Verbreitung von Abbinde-Systemen, sogenannten Tourniquets. „Ziel ist, die Tourniquets in der Ersten Hilfe und in der Laienrettung zu etablieren. Im deutschen Rettungswesen, bei polizeidienstlichen Kräften und im deutschen Militär sind diese schon fast flächendeckend verbreitet, auch bei der Deutschen Bahn und Bundespolizei“, erläutert Hinck.

Nur wenige Minuten Zeit: Oberhalb der Wunde abbinden, bis es schmerzt
Unabhängig davon kann jeder Bürger, der Zeuge eines Unfalls wird, einen Verblutungstod an Armen oder Beinen verhindern – auch wenn kein Tourniquet zur Stelle ist. „Man muss sich einfach nur ein Herz fassen und einen Gürtel oder ein Stück Laken eine Handbreit oberhalb der Blutung so fest zu ziehen, bis die Blutung stoppt“, erklärt Gefäßchirurg Hinck. Angst, bei dem Abbinde-Manöver etwa Nerven des Unfallopfers zu verletzen, braucht der Hilfeleistende nicht zu haben. „Die Befürchtung ist unbegründet“, versichert Hinck. Was aber sehr wohl zählt, ist Zeit. „Es bleiben mitunter nur Minuten, um einen Verblutungstod zu verhindern“, betont Hinck.

Der DGG-Experte plädiert deshalb dafür, das Abbinden von Blutungen mit Tourniquets regulär in allen Erste-Hilfe-Kursen zu schulen. „Wer den Führerschein macht, sollte nicht nur die stabile Seitenlage kennen, sondern auch wissen, wie man eine lebensbedrohliche Blutung an Armen und Beinen stillt“, so Hinck. „Darüber hinaus gehört ein Tourniquet in jeden Erste-Hilfe-Kasten im Kofferraum“, ergänzt Professor Dr. med. Dittmar Böckler, Präsident der DGG.

Welche neuen Erkenntnisse es zur Versorgung schwerer Gefäßverletzungen gibt, erläutern Experten auf der Pressekonferenz anlässlich der 35. Jahrestagung der DGG in Mannheim. Programm und Akkreditierungsmöglichkeit finden Sie unten stehend.