Liebe Freunde,
der Herrgott, die Luxemburger Muttergottes und mein optimistischer Geist haben entschieden, dass ich immerhin 90 Jahre alt werden konnte.
Und das Leben macht mir auch heute noch so viel Spaß, dass ich hoffe, noch ein bisschen älter zu werden.
Ich habe mir auf dem berühmten Melatenfriedhof in Köln bereits ein Grab reservieren lassen – eine Gruft, in die außer uns noch 18 Zeitgenossen hineinpassen. Meine Familie und gute Freunde sind herzlich willkommen. Allerdings erst dann, wenn sie in die ewigen Jagdgründe gewandert sind. Die strikte Einhaltung der Menschenrechte war schließlich stets mein oberstes Gebot.
Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint – allerdings erst nach meinem zehnten Geburtstag. Vorher musste ich mit meinen Eltern die Nazizeit und die schrecklichen Erlebnisse des Zweiten Weltkriegs ertragen. Ich weiß, was es bedeutet, bombardiert und beschossen zu werden und über Leichen zu klettern sowie miterleben zu müssen wie Vater und Mutter durch die Auswirkungen des Krieges praktisch alles verloren haben, was sie sich aufgebaut hatten.
Danach ging es bergauf, wobei mein Glaube an Gott immer eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat.
Später holte mich der WDR aus meiner Tätigkeit als Oberstudienrat an einer Berufsschule. Ich sollte dort die Redaktion Naturwissenschaft und Technik aufbauen. Das war das Glück meines beruflichen Lebens, denn so konnte ich mein didaktisches Wissen und meine Überzeugungen weitergeben.
Beruflich hatte ich zunächst ein Handwerk gelernt: Elektromechaniker – ein Beruf, der heute ungefähr unter den Begriff Mechatroniker fallen würde. Tatsächlich hat das Handwerk goldenen Boden, eine Weisheit, die mir meine Mutter immer wieder einflößte.
Das Ingenieurstudium und das Studium der Wirtschaftspädagogik haben mich an der Universität zu Köln geprägt. Als der WDR auf mich aufmerksam wurde, war ich bereits gefestigt.
Ich habe dem öffentlich-rechtlichen WDR viel zu verdanken. Man begriff dort sehr bald, dass ich ein wertebezogener Journalist war, und machte mir nie Vorschriften, die gegen meine innere Überzeugung gingen. Ich konnte meine Themen weitgehend selbst bestimmen.
Und diese Themen waren häufig ihrer Zeit voraus: Etwa der Übergang von der Elektronenröhre zum Transistor mit einer großen Sendereihe ( 1971) Das Begleitbuch „Einführung in die Elektronik“ wurde zum Bestseller. Auch die 13-teilige Sendereihe „Einführung in die Digitaltechnik“ (1974) übrigens begleitet von Wochenendseminaren, beschäftigte sich früh mit dem beginnenden digitalen Zeitalter.
Themen wie „Intelligenz in Miniatur “ (1977) oder „Fernsehen aus dem Weltraum“ (1980) wiesen auf technologische Entwicklungen hin, die zum Teil erst Jahre später unseren Alltag prägen sollten.
Mit 65 schickte mich die WDR-Bürokratie in den angeblichen Ruhestand. Ganz wollte man allerdings doch nicht auf mich verzichten. Immerhin konnte ich noch weitere drei Jahre als freier Wissenschaftsjournalist meine Überzeugungen kundtun.
Nach einem opulenten Abschiedsfest mit rund 600 Gästen engagierte mich anschließend das ZDF noch einmal für zwei Jahre. Auch dort konnte ich meine Gedanken und meine Hinweise an die Politik verbreiten.
Die Politik war für mich sowieso immer etwas ganz Besonderes. Mir war früh klar – und die Ergebnisse der PISA-Studien haben die Diskussion später noch verstärkt –, dass naturwissenschaftliche Bildung für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland von entscheidender Bedeutung ist.
Technologie wurde in der Vergangenheit zu einem entscheidenden Wohlstandsfaktor. Deutschland brachte bedeutende Erfinder und Ingenieure hervor, darunter Nikolaus August Otto mit der Entwicklung des Viertaktmotors, Rudolf Diesel und Werner von Siemens mit seinen Entwicklungen auf dem Gebiet der Elektrotechnik. Sie und viele andere trugen dazu bei, dass deutsche Wissenschaft und Technik Weltruf erlangten.
Heute sehe ich diese Entwicklung mit Sorge. Besonders die deutsche Energie- und Industriepolitik habe ich über viele Jahre kritisch begleitet. Ich habe dabei jedoch nie nur kritisiert, sondern gleichzeitig Vorschläge gemacht, wie Entwicklungen meiner Ansicht nach anders gestaltet werden könnten.
Schon vor rund 20 Jahren habe ich vor einer ausschließlich auf batterieelektrische Mobilität ausgerichteten Strategie gewarnt. Meine Kritik am Elektroauto war dabei bewusst zugespitzt. Gleichzeitig habe ich auf mögliche Folgen für die deutsche Automobilindustrie hingewiesen inklusive der Arbeitsplätze.
Elektrofahrzeuge haben insbesondere in stark von Luftverschmutzung betroffenen Städten Vorteile, weil sie lokal keine Abgase ausstoßen. Für mich greift es jedoch zu kurz, daraus automatisch eine insgesamt umweltfreundliche Energiebilanz abzuleiten. Entscheidend ist die gesamte Kette – von der Energieerzeugung über die Speicherung bis zur Nutzung.
Da ich nicht nur kritisieren, sondern Alternativen vorschlagen möchte, habe ich meine Überlegungen in meinem Buch „Wohlstand und Wirtschaftswachstum ohne Reue“ veröffentlicht.
Nun, zu meinem 90. Geburtstag, soll ein weiteres Buch erscheinen. Der derzeitige Arbeitstitel lautet:
„Wie wir fossile Energie global durch regenerative ersetzen können“
Darin beschäftige ich mich unter anderem mit der Rolle von Wasserstoff. Ich halte den Aufbau einer umfassenden Wasserstoff-Infrastruktur für außerordentlich aufwendig und plädiere deshalb für eine stärkere Nutzung von Methanol.
Meine Vorstellung ist, Methanol mithilfe regenerativer Energien insbesondere in sonnenreichen Regionen zu produzieren. Die dafür erforderlichen Photovoltaikanlagen könnten von Industrieländern bereitgestellt werden – auch als Beitrag gegenüber Ländern, die unter den Folgen der Kolonialzeit extrem gelitten haben.
Damit könnte Methanol aus meiner Sicht eine wichtige Rolle bei einer globalen regenerativen Energieversorgung spielen. Die bisherigen Maßnahmen reichen jedenfalls nach meiner Überzeugung nicht aus, um den weltweiten Anstieg der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre zu stoppen.
Ein besonderes Kapitel verdient natürlich die Hobbythek.
Ich entwickelte sie 1974 als eine Art trojanisches Steckenpferd, um Wissenschaft für jedermann verständlich und interessant zu machen. Rund 30 Jahre lang lief sie in den dritten Programmen der ARD und beschäftigte mich sogar noch über meinen eigentlichen Ruhestand hinaus.
Bis heute werde ich von vielen Menschen auf diese Sendereihe angesprochen. Man identifiziert mich mit ihr, und mein Spruch
„Ich habe da mal was vorbereitet.“
ist gewissermaßen in die Fernsehgeschichte eingegangen.
Dabei verstand ich mich nie in erster Linie als Entertainer, sondern immer als engagierter Wissenschaftsjournalist.
Die Hobbythek entstand, weil ich schon damals der Meinung war, dass naturwissenschaftliches Wissen in unserer Gesellschaft zu kurz kommt. Sie sollte deshalb Wissenschaft in den Alltag holen. Die vielen Experimente und praktischen Lösungen sollten auch Menschen erreichen, die sich in der Schule mit Physik oder Chemie eher schwergetan hatten.
Genau darin lag für mich das Prinzip des „trojanischen Steckenpferdes“: Wissenschaft kam unterhaltsam sein – aber im Inneren der Hbbythek steckte jede Menge Grundlagen Wissen.
Wie wichtig naturwissenschaftliche Bildung ist, zeigen für mich auch die heutigen Diskussionen um die Ergebnisse der PISA-Studien.
Ein großer Teil unseres wirtschaftlichen Erfolges in Deutschland beruht auf Erkenntnissen der Naturwissenschaften und ihrer technischen Umsetzung. Deutschland war darin über lange Zeit führend, und auch unser Wohlstand ist zu einem erheblichen Teil darauf zurückzuführen.
Diese Lücke wollte ich mit der Hobbythek zumindest ein kleines Stück schließen.
Ich habe mich übrigens schon immer über die frühere Bezeichnung meiner WDR-Haupt -Abteilung gewundert, die sich „Kultur und Wissenschaft“ nannte. Wer das logisch analysiert, könnte schließlich zu dem Schluss kommen, Wissenschaft gehöre offenbar nicht zur Kultur.
Früher nannte man Deutschland das Land der Dichter, Denker und Erfinder. Ich hoffe sehr, dass wir nicht irgendwann nur noch von den Dichtern sprechen.
Und auch mit 90 ist für mich noch lange nicht Schluss.
Gemeinsam mit meinem Mitarbeiter Horst Minge haben wir die „Pützmunter-Show“ entwickelt. Demnächst feiern wir damit bereits das 250. Jubiläum. Sie ist besonders bei Jugendlichen und Kindern beliebt, aber auch viele Erwachsene kommen – und meist ist das Haus voll.
Mit zahlreichen Experimenten erklären wir physikalische und chemische Gesetze und ihre Grundlagen auf verständliche und unterhaltsame Weise. Mein Mitarbeiter Horst bereitet diese Experimente sorgfältig vor, sodass ich mich dann auf der Bühne austoben darf.
Am Ende gibt es nicht selten stehende Ovationen.
Und ich gebe zu:
So etwas tut selbst einem alten weißen Mann mit 90 Jahren noch ausgesprochen gut.
Solange meine Neugier, mein Optimismus und mein Interesse an Wissenschaft und Technik erhalten bleiben, werde ich also weitermachen.
Denn 90 Jahre alt zu werden bedeutet schließlich nicht, dass man mit dem Denken aufhören muss.
Mein nächstes Buch mit dem Titel „Wie wir von fossilen Energien unabhängig werden“ erscheint zu meinem 90.Geburtstag 21.09.2026. Dies ist der Beweis.