Wissenschaft

Psychologie

22.04.2017

Wie die Kultur das Schmerzempfinden beeinflusst

Wie die Kultur das Schmerzempfinden beeinflusst

fzm, Stuttgart, April 2017 – Wie Schmerzen empfunden werden, wie mit ihnen umgegangen wird und welche Bedeutung man ihnen beimisst – das ist auch eine Frage der kulturellen Prägung. Gerade in der Schmerztherapie von Migranten kommt es daher immer wieder zu kulturbedingten Missverständnissen. Aus dieser Erfahrung heraus haben Psychologen der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität am Klinikum Nürnberg ein Programm zur Schmerzbewältigung entwickelt, das speziell auf die Bedürfnisse türkischer Frauen zugeschnitten ist. In der Fachzeitschrift „PiD Psychotherapie im Dialog“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2016) stellt Sandra Venkat, leitende Psychologin der Nürnberger Schmerztagesklinik, das Konzept vor.

Chronische Schmerzen treten bei Migrantinnen deutlich häufiger auf als bei nicht migrierten Frauen. Laut Sandra Venkat hängt das mit den besonderen psychischen Belastungen und über Jahre erforderlichen Anpassungsleistungen zusammen, die eine Migration mit sich bringt. „Stressfaktoren wie Trennungs- oder Verlusterlebnisse, beengte Wohnverhältnisse, Armut oder oftmals geleistete Akkordarbeit können wesentlich dazu beitragen, dass Schmerzen chronisch werden“, erklärt sie.

Der in der westlich medizinischen Welt vertretene Zusammenhang zwischen Psyche und Schmerz ist islamischen Frauen allerdings unvertraut. „In der Regel verstehen sie die Schmerzen als Ausdruck körperlicher Probleme oder als Prüfung von Allah, die man erdulden muss“, erläutert die Nürnberger Psychologin. Beide Erklärungsmodelle führten jedoch zu einer passiven Haltung, die die Verantwortung für eine Besserung bei Ärzten und Behandlern oder bei Allah sieht. Das Nürnberger Behandlungsmodell greift daher neben kulturellen Gegebenheiten die wichtige Ressource der Religion auf und nutzt sie, um die Patientinnen zum aktiven Mitmachen anzuregen. Denn der Koran fordert dazu auf, den eigenen Körper zu schützen.

Damit die Patientinnen ihre Genesung in die eigenen Hände nehmen, ist es nach Venkats Erfahrung auch wichtig, den Frauen ihre Stärken und Ressourcen bewusst zu machen. In ihrem Leben mussten sie oft ihre Ausdauer, Flexibilität oder Kreativität unter Beweis stellen. Auch ein großes soziales Netzwerk ist eine wertvolle Ressource. „Im Rahmen der Therapie sollen sich die Frauen nicht nur an Belastungen und Verluste erinnern, sondern auch an das, was sie bereits geleistet haben und daran, welche Möglichkeiten sie hinzugewonnen haben“, sagt Venkat. Sobald sie sich dessen bewusst werden, könnten sie sich Schritt für Schritt aus der Opferhaltung befreien und sich selbst als stark und tapfer wahrnehmen. Das fördert hinsichtlich der Schmerzbewältigung auch die Selbstwirksamkeit der Frauen, das heißt, der Glaube daran, selbst etwas bewirken zu können – auch in schwierigen Situationen.

Darüber hinaus stellt die Autorin fest, dass der Schmerz im islamischen Kulturkreis eine stärkere emotionale und sozial-kommunikative Komponente hat als hierzulande. So haben Patientinnen das Bedürfnis sehr ausführlich über ihre Beschwerden zu sprechen. Vom Gegenüber wird das hier oft als Wehleidigkeit fehlinterpretiert. Die Würdigung des dahinter liegenden „seelischen Schmerzes“ ist oftmals ein zentraler Wendepunkt in der Interaktion und Behandlung. Wichtig sei es auch, den Frauen einfühlsam und mit menschlicher Wärme zu begegnen. Sie fühlen sich dort gut aufgehoben, wo sie freundlich und wertschätzend behandelt werden. Wissenschaftliche Erklärungen oder moderne Diagnostik- und Therapieansätze sind für sie zweitrangig. Oder wie eine Patientin es ausdrückte: „Die Behandlung muss schmecken, sie muss Spaß machen, man muss mit dem Herzen dabei sein.“

S. Venkat et al.: