Wissenschaft

Psychologie

29.05.2015

Wer über Toleranz spricht, muss über Menschenrechte sprechen

"Wer über Toleranz spricht, muss über Menschenrechte sprechen"

Bischof Bünker plädiert für mehr Verantwortung im Umgang mit Religion
Diskutanten in Fresach
Diskutanten in Fresach
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Fresach (pte024/22.05.2015/18:15) - "Das, was wir brauchen, ist keine passive Toleranz, sondern eine, die stark und aktiv ist. Wir brauchen ein lebendiges Interesse, Anteilnahme und die Anerkennung der Andersheit", erläuterte Bischof Michael Bünker, das Oberhaupt der Evangelischen Kirche A.B., heute, Freitag, bei den Europäischen Toleranzgespräche in Fresach. Mit seinem Statement führte Bünker die Gäste des Denk.Raum.Fresach in eine Podiumsdiskussion mit dem Titel "Modernität, Menschenrechte und Islam". http://fresach.org

Toleranz als Privileg der Mächtigen

"Das, was wir gegenwärtig erleben, ist eine wahre Inflation des Kulturbegriff", erklärte Sama Maani zu Beginn der Diskussion. Der österreichische Autor mit iranischen Wurzeln kritisierte, dass Kultur und Natur immer öfter gleichgesetzt würden. Sigmund Freud habe hingegen noch klar unterschieden zwischen diesen beiden Begriffen, indem er von der Kultur sprach als etwas, das die Natur des Menschen "unterdrückt". Der Philosoph Pravu Mazumdar knüpfte mit seinen darauffolgenden Ausführungen an jene von Maani an und sprach von Kultur als etwas, das "von uns fabriziert wird". "Kultur erfinden ist wichtig, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir sie erfunden haben", so Mazumdar.

Der Kulturbegriff ist in aller Munde - "Leitkultur", "fremde Kultur", "Kampf der Kulturen" -, und gerade deswegen muss er detailliert analysiert und kritisch betrachtet werden, ebenso wie die Toleranz. Sozialwissenschaftlerin Claudia Brunner zeichnet ihr skeptischer bis kritischer Blick auf den Toleranzbegriff besonders aus. Sie legt den Fokus auf die Machtverhältnisse, die sich hinter der Toleranz verstecken und fragt, wer spricht wann, wo, wie, und mit wem über Toleranz. "Toleranz tritt erst dann zu Tage, wenn Konflikte auftreten. Und diese sind wiederum asymmetrisch", erläuterte Brunner. Sie kritisierte, dass Politisches immer öfter kulturalisiert werde anstatt sozioökonomische Ungleichheiten zu hinterfragen.

Verantwortung im Umgang mit Religion

Während Brunner die Kulturalisierung des Politischen kritisiert, beobachtet Bünker die zunehmende "Religionisierung" von gesellschaftlichen Konflikten mit Sorge. "Wir brauchen nicht ein Mehr an Religion, sondern mehr Verantwortung im Umgang mit ihr", erklärte der Bischof. In Hinblick auf Toleranz und religiös motivierte Gewalt werfen vor allem die jüngsten Geschehnisse in Syrien und im Irak große Fragen auf.

Nahost-Expertin Karin Kneissl skizzierte in ihrem Statement die historische Entwicklung des politischen Islam und sieht den Grund für die in Arabien zunehmende Islamisierung im dortigen Scheitern aller politischen Ideen der vergangenen 50 Jahre. Sie warnt davor, die Welt in Gläubige und Ungläubige einzuteilen und rät, sich nicht in interreligiösen Dialogen zu verstricken, sondern für politische Probleme auch politische Lösungen zu suchen.

Im Anschluss an die Diskussion erzählte Danica Purg, Professorin an der Bled School of Management, was die Politik und Gesellschaft von modernen Managementmethoden lernen kann.