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24.10.2018

Stickoxid Grenzwert politisch gesehen


SCHMALLENBERG/HAGEN.   Beim Thema Feinstaub spielen Autos nicht die Hauptrolle. Ein Schmallenberger Lungenspezialist hält die Debatte daher für Hysterie.

Nicht nur über E-Auto-Quoten, Fahrverbote und die Nachrüstung von Diesel-Fahrzeugen wird gestritten, sondern auch über tatsächliche Gefährdung, die von Stickoxiden und Feinstaub überhaupt ausgeht. Ein Überblick über den Stand der Forschung und der Diskussion.

Die Alarmisten

38 000 Menschen seien 2015 vorzeitig gestorben, weil Dieselfahrzeuge die Abgaswerte nicht eingehalten haben, 11 400 davon in der EU. Insgesamt seien in dem Jahr durch Stickoxide aus Dieselautos in den größten elf Autoländern 107 600 Menschen vorzeitig zu Tode gekommen. Das hat ein Team von Environmental Health Analytics in Washington hochgerechnet.

Der Skeptiker

„Ich verstehe die Hysterie um Feinstaub nicht“, sagt Prof. Dieter Köhler. Der Lungenspezialist, zeitweise Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und bis 2013 ärztlicher Direktor des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft: „In den Mengen, über die wir reden, ist er keine Gesundheitsgefährdung. Zigarettenrauch hat millionenfach mehr Feinstaub als die Luft an Hauptverkehrsstraßen.“

Böller treiben Feinstaubbelastung extrem in die Höhe

Berlin  Silvesterböller sind nicht nur laut und hell, sie sorgen auch für dicke Luft: In vielen Städten stieg die Feinstaubbelastung stark an.

Die Silvesterknallerei hat die Belastung mit gesundheitsschädlichem Feinstaub in einigen Städten weit in die Höhe getrieben. Wie Messungen des Umweltbundesamtes zeigen, zündeten die Feiernden in Berlin und Erfurt ihre Böller und Raketen besonders früh. Während sich der Rest der Republik noch zurückhielt, lagen die Feinstaub-Werte in beiden Städten schon um 22 Uhr im roten Bereich.

In Berlin, in Hamburg, München, in Magdeburg und in mehreren Städten des Ruhrgebiets wurden dann nach Mitternacht Stundenmittelwerte von teilweise mehr als 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft gemessen.

In Berlin hielt sich die „dicke Luft“ bis 6 Uhr, während sie andernorts schon langsam abklang. Aus Baden-Württemberg lagen am Neujahrstag noch keine umfassenden Messdaten vor.

Wie schnell die Feinstaubbelastung nach dem Silvesterfeuerwerk abklingt, hängt vor allem von den Wetterverhältnissen ab. Kräftiger Wind hilft, die Schadstoffe rasch zu verteilen.

Die Probleme der Forscher

Die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler sieht einen statistischen Zusammenhang zwischen Stickstoffdioxid und negativen gesundheitlichen Auswirkungen. Allerdings ist es aus mehreren Gründen schwierig, einen direkten Ursache-Wirkung-Zusammenhang nachzuweisen: Stickstoffdioxid kann die Bildung von Ozon fördern und zu mehr Feinstaub führen – beides gefährdet die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System –, tritt aber nicht isoliert auf. Und auch die Kombination findet man in einer so niedrigen Dosierung, dass auf dieser Basis keine aussagekräftigen Tierversuche möglich sind. Und die vergleichenden Langzeit-Studien von Bevölkerungsgruppen, die an stark befahrenen Straßen wohnen und abseits, weisen zwar Unterschiede auf, doch diese sind gering. „In dieser Größenordnung können kleinste Störfaktoren das Ergebnis massiv beeinflussen – etwa ob jemand im Monat eine Zigarette mehr raucht, als er angegeben hat, oder ob er seine Blutdruckmedikamente nicht so regelmäßig einnimmt wie er sollte“, gibt Dieter Köhler zu bedenken.

Die Quellen des Feinstaubs

Der weitaus größte Teil des Feinstaubs in der Luft kommt nicht von Autoabgasen, sondern hat natürliche Ursachen: Auf- und absteigende Luft wirbelt Dreck auf. Auch beim Autoverkehr kommt nur der kleinere Teil des Feinstabs aus dem Auspuff: Reifenabrieb, Verwirbelungen und Bremsen erzeugen deutlich mehr – daran würden auch Elektroautos nichts ändern. Laut Umweltbundesamt übersteigen inzwischen die Emissionen aus Holzheizungen die des Straßenverkehrs. In Köln und Düsseldorf stammt rund ein Viertel der Stickoxide vom Schiffsverkehr auf dem Rhein. Ein großer Anteil des Feinstaubs stammt auch aus der Landwirtschaft: Beim großflächigen Düngen mit Gülle wird sehr viel Ammoniak freigesetzt, aus dem Feinstaub entstehen kann.

Vergleichszahlen

Zwischen 1990 und 2014 haben sich die Stickoxid- und die Feinstaubbelastung mehr als halbiert: Die Maßnahmen wirken. Die Luft wird sauberer. Die Grenzwerte sind allerdings sehr unterschiedlich festgelegt: An Straßen dürfen 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid im Kubikmeter Luft sein, am Arbeitsplatz im Innenraum mehr als 20 Mal so viel: 950 Mikrogramm. Kopierer und Laserdrucker sind so betrachtet um ein Vielfaches gefährlicher als Dieselautos.

Feinstaub

Wissenschaftler vom Krebsinstitut in Mailand ließen 2004 in einer geschlossenen Garage einen Ford Mondeo Turbodiesel eine halbe Stunde laufen. Sie maßen Feinstaubwerte, lüfteten und brannten im gleichen Raum in der gleichen Zeit drei Zigaretten ab. Die Belastung war zehn Mal so hoch.

Schmallenberger Arzt kritisiert Hysterie um Diesel-Abgase

Die Diskussion um den Abgas-Skandal hat bundesweit volle Fahrt aufgenommen. Sie dreht sich um Fahrverbote für Diesel-Fahrzeuge in Großstädten, um Eintauschprämien und um Strafen für Autobauer – Anlass ist die Sorgen vor zu viel Stickoxiden und Feinstaub in der Luft, die jeder einatmet. Genau diese Ängste hält Professor Dieter Köhler für übertrieben und hysterisch. Der Lungenspezialist plädiert für eine sachlichere und vor allem genauere Debatte.

Welchen Kraftstoff tanken Sie in Ihr Auto?

Professor Dieter Köhler: Diesel. Ich habe mich für einen Diesel-Motor entschieden, weil er weniger CO2 produziert. Grundsätzlich würde ich mich auch wieder dafür entscheiden.

Wie kann ausgerechnet ein Lungenspezialist das angesichts des Abgasskandals sagen?

Ganz einfach: Feinstaub ist eine der größten Seifenblasen der Forschung. Unter diesen Begriff fallen auch die Stickoxide, über die wir in der Diesel-Debatte reden. Ich verstehe diese ganze Hysterie um den Feinstaub nicht. In den Mengen, über die wir hier reden, ist er keine Gesundheitsgefährdung. Zigarettenrauch zum Beispiel hat millionenfach mehr Feinstaub als die Luft an Hauptverkehrsstraßen.

Aber es gibt eine Reihe von Studien, die dafür sprechen, dass eine hohe Feinstaub-Belastung die Lebenserwartung verkürzen kann.

Diese Studien haben aber schwerwiegende Fehler. Verglichen wurden Bevölkerungsgruppen, die an viel befahrenen Straßen leben und andere, die abseits wohnen. Die Unterschiede, die dabei festgestellt wurden, sind minimal. Wir reden hier über Grenzwerte im Mikrogramm-Bereich und einer Erhöhung der vorzeitigen Todesfälle um 1,05 Prozent. In dieser Größenordnung können kleinste Störfaktoren das Ergebnis massiv beeinflussen – etwa ob jemand im Monat eine Zigaretten mehr raucht als er angegeben hat oder ob er seine Blutdruckmedikamente nicht so regelmäßig einnimmt wie er sollte. Sehr verdächtig ist auch, dass in den Studien keine Dosisabhängigkeit nachgewiesen werden konnte. Es gibt keinen Giftstoff, bei denen die Menge keine Rolle spielt. Die Wahrscheinlichkeit, dass Feinstaub eine Rolle bei der Sterblichkeit spielt, ist also extrem gering.

Wenn Sie damit recht haben – wie erklären Sie sich, dass auch namhafte Wissenschaftler anders argumentieren?

Es gibt eine Ideologisierung in der Medizin genauso wie in allen Wissenschaften. Das vorurteilslose Fragen ist aus der Mode gekommen. Und mit einer Minderheitsmeinung, die nicht politisch opportun ist, wird man kaum gehört.

Was wünschen Sie sich für die weiteren Debatten um Diesel-Motoren und Abgaswerte?

Die Argumente sollten besser ausgetauscht werden und man sollte nicht gleich in eine ideologische Ecke gestellt werden, sobald man nur den Mund aufmacht. Auch ich bin gegen den Verbrauch fossiler Energien und für die Reduktion der Verkehrsdichte sowie von CO2 – aber in Bezug auf Feinstaub und Stickoxide muss man die Kirche im Dorf lassen und die wirklichen Gefährdungspotentiale so bewerten, wie sie sind.

DIREKTOR DES FACHKRANKENHAUSES

  • Von 1986 bis 2013 war Professor Dieter Köhler ärztlicher Direktor des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft, danach ging er in den Ruhestand.
  • An der Universität Freiburg hat der Mediziner sich habilitiert mit einer Studie über Aerosole – also kleinste Partikel in der Luft, die umgangssprachlich auch als Feinstaub bezeichnet werden.
  • Als Professor hat Köhler an den Universitäten Freiburg und Marburg gelehrt – die Universität Marburg kooperiert in der Ausbildung junger Mediziner bereits seit 2012 mit dem Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft.
  • Außerdem war Köhler zeitweise Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie.
  • Als fachlicher Berater ist er auch in der Bundespolitik gefragt.
  • Köhler lebt in Winkhausen und ist Präsident des dortigen Golfclubs.

Das Fazit

Dr. Ulrich Franck vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig sieht „aus Kenntnis der Literatur und aus eigenen Studien(...) Hinweise auf eine die menschliche Gesundheit schädigende Wirkung von Stickstoffdioxid“, schätzt die Risiken im Vergleich zu anderen Risiken allerdings als geringer ein. Prof. Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel hält eine „auch mit weniger Stickoxiden belastete Stadtluft für gesünder“. Das alles heißt: Weniger verbrannte fossile Energien, weniger Verkehr und sauberere Luft sind besser. Aber Diesel-Pkw-Abgase sind, anders als man derzeit den Eindruck haben könnte, keines unserer wichtigsten Gesundheits-Probleme.