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23.10.2018

Schlimme Folgen des BREXIT - Vernunft spielt keine Rolle

Brexit: Schleichender Niedergang

Solides Wirtschaftswachstum und fast Vollbeschäftigung: Großbritannien geht es trotz Brexit offenbar immer noch gut. Stimmt das? Eine Analyse

Von Marcus Gatzke


Boris Johnson und andere Brexit-Hardliner nannten es abschätzig "Project Fear": Die Warnungen vor den ökonomischen Folgen eines EU-Austritts seien nur dazu da, die britische Öffentlichkeit zu verängstigen. Michael Gove, britischer Justizminister zum Zeitpunkt des Referendums im Jahr 2016, verstieg sich sogar zu der Aussage, die Menschen in Großbritannien hätten genug von Experten, die sowieso meist falschlägen. Nun sind mehr als zwei Jahre vergangen – und der britischen Wirtschaft scheint es immer noch gut zu gehen. Hatten die Brexiteers am Ende recht? 

Untersuchungen zeigen: Die Wirtschaftsprognosen, die rund um den Volksentscheid im Juni 2016 veröffentlicht wurden, waren in der Mehrheit zu pessimistisch. Ökonomen überschätzten die kurzfristigen negativen Folgen des Brexit-Referendums. Die von manchen Experten befürchtete Rezession ist ausgeblieben. Das macht es Populisten wie Boris Johnson oder Jacob Rees-Mogg bis heute erheblich leichter, für einen harten Ausstieg aus der EU zu polemisieren; schließlich herrscht trotz Brexit-Entscheidung noch immer fast Vollbeschäftigung

Ein genauer Blick aber zeigt: Der EU-Austritt ist für Großbritannien schon jetzt schmerzhaft.

  1. Das Wachstum lässt nach

Großbritanniens Wirtschaft wächst – aber erheblich schwächer als vor dem Referendum. Während die britische Ökonomie zuletzt nur noch um 1,2 Prozent zugelegt hat, lag das Wachstum in der restlichen EU bei 2,3 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch weltweit: Großbritannien ist vom Wachstumsspitzenreiter innerhalb der G7-Staaten zu einem Schlusslicht geworden. 

Aber was heißt das konkret? Nach Berechnungen von Ökonomen verliert die britische Wirtschaft pro Woche 350 Millionen Pfund. Bis Mitte 2018 habe sich das Minus auf rund zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) summiert, haben sie in einer Modellrechnung ermittelt. Bis Ende 2019 könnte es sich auf 3,4 Prozent erhöhen. Die Forscher nennen zwei mögliche Ursachen: eine wachsende Unsicherheit, die sich kurzfristig negativ auf Investitionen und Konsum auswirke, sowie ein reduzierter Handel mit dem europäischen Festland. Die Konsequenz: Großbritannien werde durch den Brexit dauerhaft ärmer. Andere Forscher kommen sogar auf noch größere Verluste.

  1. Die Investitionen stagnieren

Eine Vielzahl von britischen und ausländischen Unternehmen hat seit dem Referendum angekündigt, geplante Investitionen in Großbritannien zu überdenken oder sogar einen anderen Standort auszuwählen. Deshalb haben private Investitionen seit Mitte 2016 nur noch leicht zugelegt, obwohl die britische Wirtschaft weiterhin wächst und nahezu Vollbeschäftigung herrscht. In den ersten beiden Quartalen dieses Jahres sind die Investitionen sogar wieder gesunken. 

Dabei sollte gerade die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt für Unternehmen ein Anreiz sein, in neue Technologien zu investieren. Stattdessen haben vor allem Firmen aus der Automobilindustrie ihre Pläne erst mal auf Eis gelegt. Vor dem Referendum war die britische Notenbank noch von einem "robusten Wachstum" ausgegangen. Experten gehen davon aus, dass die britische Wirtschaft wegen der Brexit-Entscheidung bislang Investitionen in Höhe von 22 Milliarden Pfund verloren hat.

  1. Das Pfund schwächelt

Das britische Pfund hat nach dem Brexit-Votum schockartig gegenüber dem Dollar und dem Euro an Wert verloren. Zwei Jahre später hat sich der Wechselkurs nur wenig erholt. Der Grund ist auch hier: Unsicherheit. Investitionen werden zurückgehalten, bis klar ist, in welchem Verhältnis Großbritannien künftig zur Europäischen Union steht. Ein fallender Wechselkurs macht Importe teurer und führt tendenziell dazu, dass die Inflation im Land steigt.

Aber ein billiges Pfund ist per se nicht nur negativ. Die Abwertung kann die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie erhöhen, da die Unternehmen ihre Produkte auf dem Weltmarkt günstiger anbieten können. Großbritannien ist aber kein klassisches Exportland. Die Exportquote, also das Verhältnis zwischen Güterexporten und BIP, liegt bei rund 16 Prozent – werden Dienstleistungen mitberücksichtigt, sind es rund 30 Prozent. Zum Vergleich: Der Durchschnitt in der restlichen EU (ohne die Briten) liegt bei 36 (respektive 49) Prozent. Großbritanniens Wirtschaft ist nicht auf den Export von Gütern spezialisiert, sondern vor allem von der Finanzindustrie in London abhängig. Sie macht rund sieben Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus. 

Schleichender Niedergang



Großbritannien verliert an Attraktivität


  1. Der Arbeitsmarkt ist noch robust

Auf dem britischen Arbeitsmarkt sieht es dagegen immer noch gut aus. Die Arbeitslosenquote ist mit vier Prozent so niedrig, wie seit den Siebzigerjahren nicht mehr. Dies liegt allerdings auch daran, dass Arbeitslose, etwa weil sie in Rente gehen, nach einer gewissen Zeit nicht mehr in der Statistik auftauchen und die sogenannte Gig Economy in den vergangenen Jahren zahlreiche Teilzeitbeschäftigte und Scheinselbstständige geschaffen hat. Trotzdem: Die Beschäftigung steigt auch nach dem Referendum, es werden sogar vermehrt Vollzeitstellen geschaffen.

Unter dem Strich bleibt für die britischen Beschäftigten aber kaum mehr übrig. Die Inflation ist in den vergangenen zwei Jahren in der Spitze auf 2,8 Prozent gestiegen, das Lohnwachstum lag trotz der hohen Beschäftigung und der niedrigen Arbeitslosigkeit nur marginal höher. Ein möglicher Grund für die gestiegene Inflation ist der schwache Wert des Pfundes: Importe sind teurer geworden und die Unternehmen reichen ihre höheren Kosten nach und nach an die Konsumenten weiter.    

Der Arbeitsmarkt ist zudem ein nachlaufender Faktor. Es braucht meist länger, bis negative Ereignisse sichtbar werden. Bernard Fingleton von der Universität Cambridge hat errechnet: Sollte sich das Handelsvolumen zwischen der EU und Großbritannien durch den Brexit um lediglich zwei Prozent reduzieren und nicht durch mehr Handel mit anderen Teilen der Welt ausgeglichen werden, würden bis 2025 allein in der Region London 66.500 Jobs wegfallen. In anderen Teilen Großbritanniens wären die Verluste niedriger, aber immer noch spürbar.

  1. Die Zuwanderung geht zurück

Viele EU-Bürger, die in Großbritannien leben und arbeiten, treibt nach dem Referendum die Sorge um: Werde ich langfristig bleiben können oder muss ich gehen? Mittlerweile ist klar, dass sich für die EU-Bürger, die bereits auf der Insel leben und arbeiten, nur wenig ändern wird. Aber die Stimmung im Land gegenüber Ausländern hat sich verschlechtert. Und der niedrige Wechselkurs des Pfunds macht den Standort für osteuropäische Arbeitskräfte, die Geld nach Hause schicken wollen, weniger attraktiv.

Zog es zwischen Juni 2015 und Juni 2016 noch insgesamt 284.000 EU-Bürger nach Großbritannien, waren es zwischen März 2017 und März 2018 nur noch 226.000. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der EU-Bürger, die Großbritannien verlassen haben, auf 138.000. Aus anderen Regionen der Welt kommen dagegen leicht mehr Zuwanderer als noch vor zwei Jahren. 

Ab 2021 und einem vollzogenen Brexit sollen EU-Bürger genauso behandelt werden wie Migranten aus dem Rest der Welt. So will es zumindest die britische Premierministerin Theresa May. Gerade die Zuwanderung von Geringqualifizierten soll stark reduziert werden. Das allerdings kritisieren britische Unternehmerverbände als ignorant und elitär. Auch verschiedene britische Ökonomen sehen eine deutlich geringere Migration negativ für die wirtschaftliche Entwicklung.