Wissenschaft

Aktuelle Meldungen

08.03.2018

Defizite in der zeitgeschichtlichen Bildung

War die DDR ein Unrechtsstaat? Wie haben die „68er“ Deutschland verändert? Was versteht man unter dem „Deutschen Herbst“? Viele junge Menschen wissen zu wenig über die Zeitgeschichte ihres Landes. Fehleinschätzungen von historischen und aktuellen Ereignissen sind die Folge. Vor dem Hintergrund zunehmender populistischer und extremistischer Rhetorik ist diese Situation besonders gefährlich. Es ist wichtig, die Wahrnehmung zeitgeschichtlicher Bildung als dringende gesellschaftspolitische Aufgabe zu stärken – und entsprechend zu agieren.

Blick auf die Gedenkstätte Auschwitz. | © bipolars polaroids / Flickr / CC BY 2.0© bipolars polaroids / Flickr / CC BY 2.0
Das Unterrichtsfach Geschichte sollte gestärkt werden, Zeitgeschichte größeres Gewicht erhalten, fordert die Autorin. Zeitzeugengespräche und Gedenkstättenbesuche - wie die im Bild abgebildete KZ-Gedenkstätte Auschwitz - sind aktiv zu fördern.

Es fehlt an zeitgeschichtlichem Wissen

Vielen Jugendlichen fehlt das Verständnis für die historische Bedingtheit aktueller Entwicklungen. Ihr Interesse, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist gering. Die Folge: Es fehlt das notwendige Wissen, um beispielsweise sicher zwischen einer Demokratie und einer Diktatur unterscheiden zu können. Bei einer Umfrage des Forschungsverbunds SED-Staat stuften weniger als zwei Drittel der Jugendlichen das wiedervereinigte Deutschland als Demokratie ein; mehr als ein Drittel behauptete, dass Menschenrechte in der alten und neuen Bundesrepublik, im Nationalsozialismus und in der DDR gleichermaßen gewährleistet wurden.

Die Defizite in der zeitgeschichtlichen Bildung wirken sich auf das Orientierungsvermögen in aktuellen politischen Fragen aus: Persönlichkeiten, Ereignisse und Parteien mit ihren unterschiedlichen weltanschaulichen Konzepten und Zielen können nicht ausreichend unterschieden werden.

Weshalb die gering ausgeprägte Urteils- und Demokratiefähigkeit junger Menschen gefährlich ist

Eine freiheitliche, demokratische und offene Gesellschaft braucht Menschen mit solidem zeitgeschichtlichem und gesellschaftspolitischem Grundwissen. Dazu zählt die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen analysieren, einordnen und beurteilen zu können. Fehlt das Vermögen, zwischen einer demokratischen Meinung und verfassungsfeindlichen Äußerungen zu unterscheiden, gerät Demokratie in Gefahr.

Junge Menschen müssen Akteuren am Rand des politischen Spektrums etwas entgegensetzen können und wollen, wenn diese den Nationalsozialismus verherrlichen oder vor einer Islamisierung Deutschlands warnen. Eine intensive, pädagogisch hochwertige Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen und aktuellen politischen Ereignissen befähigt sie dazu und trägt damit zur Wehrhaftigkeit der Demokratie bei.

Was ist zu tun?

Um zeitgeschichtliches Wissen zu fördern, ist es unbedingt notwendig, das Unterrichtsfach Geschichte zu stärken. Geschichtsunterricht muss in allen Schulen als eigenständiges Fach erhalten bleiben; eine Verschmelzung mit Erdkunde oder Gemeinschaftskunde sollte vermieden werden. Darüber hinaus muss Geschichtsunterricht in einer ausreichenden Stundenzahl erteilt werden. Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften sind zweifellos sehr wichtig – trotzdem darf der Geschichtsunterricht nicht zu kurz kommen.

Schließlich sollte Zeitgeschichte im Geschichtsunterricht größeres Gewicht erhalten. Gegebenenfalls sind Lehrpläne zu überarbeiten und Lehrpersonen fortzubilden. In jedem Fall muss gewährleistet sein, dass Schulabgänger ausreichend über das „Dritte Reich“, die DDR und die Bundesrepublik Deutschland informiert sind.

Zeitzeugengespräche und Gedenkstättenbesuche sind aktiv zu fördern. Sie schaffen eine emotionale Auseinandersetzung und dadurch ein tieferes Verständnis für die Lebensbedingungen in den verschiedenen Regimen. Sie sind aber nur dann nachhaltig, wenn eine intensive pädagogische Vor- und Nachbereitung erfolgt: Teilnehmer müssen über das Erfahrene sprechen und einen Bezug zur Gegenwart erkennen können. Solche Angebote sollten sich keineswegs nur an Schüler, sondern auch an andere Altersschichten und Menschen mit Migrationshintergrund richten.

Es bedarf eines ganzheitlichen Ansatzes in der zeitgeschichtlichen Bildung, denn ein gemeinsamer Kern historischen Wissens ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unentbehrlich.