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17.02.2018

Gefährliche Keime in Bächen, Flüssen und Seen

Gefährliche Keime in Bächen, Flüssen und Seen: Patentrezept gibt es nicht!
Wasserwirtschaftler äußern sich zur NDR-Sendung „Panorama – die Reporter“
Hennef, 7. Februar 2018. Kläranlagen dienen dem Schutz von Mensch und Umwelt vor Krankheiten, die sonst durch Abwässer verursacht würden. Antibiotikaresistenten Keime werden bislang nicht gezielt entfernt. Kläranlagen sind jedoch bei weitem nicht der einzige Pfad, über den antibiotikaresistente Keime in Gewässer eingetragen werden. Wichtig sind für die hier betrachteten Fälle der Abfluss von landwirtschaftlich genutzten Flächen und Punktquellen wie zum Beispiel Krankenhäuser. „Infrage zu stellen ist besonders der übermäßige, vorbeugende Einsatz von Antibiotika, teilweise auch von Reserveantibiotika, in der Intensivtierhaltung“ stellt Otto Schaaf, Präsident der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA), in der auch die deutschen Abwasserentsorger organisiert sind, fest. Schaaf fordert eine differenziertere Betrachtung als in dem Beitrag „Gefährliche Keime in Bächen, Flüssen und Seen“, den der Norddeutsche Rundfunk (NDR) produziert und am 6. Februar 2018 in seinem Politmagazin „Panorama – die Reporter“ gesendet hat, zum Ausdruck kam. „Ein Patentrezept gibt es nicht. Eine Verbreitung resistenter Keime kann aber am besten an der Quelle erreicht werden, das heißt beispielsweise bei Krankenhäusern und in der Intensivtierhaltung“ so Otto Schaaf.
Der NDR weist zu Recht auf mögliche Gefahren durch Mikroorganismen hin, die gegen Antibiotika resistent sind. Als Lösung verlangt Panorama unter Berufung auf das Bundesumweltministerium und das Umweltbundesamt die Nachrüstung zumindest aller größeren Kläranlagen. Denn Kläranlagen in Deutschland sind nicht dafür ausgelegt, multiresistente Erreger aus dem Abwasser zu entfernen.
Alleinige Nachrüstung von Kläranlagen ist keine Lösung
Die DWA hält diese Forderung – bei aller Sorge um antibiotikaresistente Krankheitserreger – für kritisch, weil nicht tauglich, das Problem zu lösen. Kläranlagen sind nicht die Quelle antibiotikaresistenter Bakterien, sondern stehen am Ende einer Kette aus vielen Entwicklungs- und Verbreitungspfaden. Nach Überzeugung der Wasserexperten muss zur Lösung näher an den Ursachen angesetzt werden: dem Einsatz von Antibiotika. Antibiotika werden in der Human- und der Tiermedizin sowie in der Agrarindustrie verwendet.
Antibiotika überlegt einsetzen
Bei Infektionen von Menschen sollen Antibiotika überlegt eingesetzt werden. Hier sind Ärzte wie Patienten gleichermaßen gefragt. Antibiotika müssen nach Verordnung des Arztes eingenommen werden und dürfen nicht vorzeitig eigenmächtig vom Patienten abgesetzt werden. Nicht mehr benötigte Restmedikamente gehören in die Restmülltonne und keinesfalls in die Toilette oder das Waschbecken.
Auf massenhaften Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft verzichten
In der Landwirtschaft, insbesondere der Intensivtierhaltung, aber auch Aquakulturen, soll auf den massenhaften, oft vorbeugenden Einsatz von Antibiotika verzichtet werden. Insbesondere der Einsatz von Reserveantibiotika, die als „eiserne Reserve“ bei schweren Erkrankungen dienen sollen, ist einzuschränken. „Die übermäßige Verwendung von Antibiotika in Anlagen zur Massentierhaltung ist eine wesentliche Ursache für die Ausbildung von Resistenzen gegen Antibiotika. Im Interesse auch ihrer eigenen Gesundheit sollte die Agrarindustrie hier Zurückhaltung üben. Wenn antibiotikaresistente Bakterien erst im Wasserkreislauf angekommen sind, ist es zu spät. Die Schuld hieran kann allerdings nicht den Kläranlagen zugewiesen werden“, sagt Otto Schaaf. Angesichts der vielfältigen Wege von Antibiotika und Mikroorganismen aus den Großställen in die Umwelt wäre eine Nachrüstung von Kläranlagen, etwa mit Anlagen zur UV-Bestrahlung, bei weitem nicht ausreichend, um das Problem zu lösen. Schaaf: „Statt nachgeschalteter Maßnahmen, end of the pipe, muss schon bei der Verwendung angesetzt werden. Positiv wäre es auch, wenn es gelänge, Pharmawirkstoffe zu entwickeln, die sich nach der Passage durch den Organismus in der Umwelt durch natürliche Prozesse selber abbauen. Dies ist keine Zukunftsmusik. Vielversprechende Ansätze gibt es beispielsweise am Institut für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie der Universität Lüneburg unter Leitung von Professor Klaus Kümmerer.“
Weitere Forschung ist notwendig
Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „Charakterisierung, Kommunikation und Minimierung von Risiken durch neue Schadstoffe und Krankheitserreger im Wasserkreislauf – TransRisk“ wurde die Resistenzbildung erforscht und unter anderem festgestellt, dass jeder etwas zur Vermeidung beitragen kann (www.transrisk-projekt.de). Die DWA hält weitere Forschung sowohl im Bereich der Entwicklung umweltverträglicher Antibiotika als auch im Bereich der Verfahrenstechnik zur Elimination dieser Stoffe für dringend erforderlich.