Meinung aktuell



16.06.2014

Stellungnahme zum „Wissenschaft im Dialog“ 2014

Beitrag und Stellungnahme zum „Wissenschaft im Dialog“ 2014

die Kommunikation von glaubwürdigen wissenschaftlichen Ergebnissen ist essential für eine nachhaltige Demokratie. Deshalb ist es notwendig, dass diese Vermittlung für jedermann verständlich sein muss, für jeden, der guten Willens ist. Das heißt, es muss eine Sprache gefunden werden, die nicht nur das Bildungsbürgertum erreicht, sondern die Bürger allgemein, ohne in die Populismus- und Vulgär-Sprache zu verfallen. An der Schwelle der Gründung der Wissenschaftspressekonferenz WPK.org vor über 25 Jahren stand u. a. auch der Vorsatz, dass "Wissen niemals nur Herrschaftswissen" werden darf.

Wenn man die heutige politische Landschaft aufmerksam verfolgt, dann fällt einem auf, dass nicht mehr wissenschaftliche Tatbestände eine Rolle spielen, sondern eine unerträgliche Emotionalisierung und Einengung von Argumenten auf Scheuklappenniveau. Beschlüsse oder Umgehung von solchen werden schmalspurig kolportiert, ohne Folgen und Nebenwirkungen zu berücksichtigen. Früher haben wir Wissenschaftsjournalisten dies Folgenabschätzung genannt, wie z. B. die der Technologie-Folgen.

Ich möchte nur ein Beispiel herausgreifen:

Als persönlich entschiedener Kernenergie-Gegner hat mich extrem beunruhigt, dass den Bürgern vermittelt wurde, dass der überstürzte Ausstieg aus den existierendenKernkraftwerken eine höhere Sicherheit bringen würde, und dass die extrem hohen Kosten des Abschaltens ihnen letztlich vorenthalten wurden. Das vorherrschende Argument: Unsere Sicherheit würde dadurch stark vergrößert. Das Gegenteil ist der Fall, denn rund um Deutschland werden mit weniger Verantwortung die Kernanlagen fröhlich weiter betrieben, obwohl sie weit unter dem inländischen Sicherheitsniveau operieren. Deutsche Firmen haben sich daher fast vollständig aus dieser Technologie zurückgezogen und es wird nicht mehr lange dauern, dass unsere hohe Kompetenz und Autorität auf diesem Gebiet völlig verloren geht. Dem Bürger wird vorgegaukelt, das wäre kein Problem, doch plötzlich entdecken angeblich investigative Journalisten, wie teuer der Abbruch existierender Anlagen werden wird, aber das alles war seit Jahrzehnten vorauszusehen, und dass die finanziellen Reserven, die die Kernkraftbetreiber zurückgelegt hatten, bei weitem nicht ausreichen. Aber solches Vorauswissen spielt in unserer Medienlandschaft offenbar nur eine untergeordnete Rolle.

Dieser Beispiele gibt es unzählig viele. Gerade deshalb gehören solche Fragen vorwiegend in die Hand von echten Wissenschaftsjournalisten mit Übersicht und der Fähigkeit, Gesamtzusammenhänge zu erkennen. Da reicht es nicht mal eben in den einschlägigen Suchmaschinen zu recherchieren. Hintergrundwissen ist da gefragt.

Jean Pütz

ehemals langjähriger Vorsitzender der WPK.org und Gründer der Redaktion Naturwissenschaft im WDR-Fernsehen


Siggener Kreis veröffentlicht Empfehlungen und Leitlinien für gute Kommunikation

Wissenschaftskommunikation gestalten: Der Siggener Aufruf

Wissenschaftskommunikatoren, Wissenschaftler und Journalisten haben im Rahmen einer Tagung auf dem Holsteinischen Gut Siggen einen gemeinsamen Aufruf zur zukünftigen Gestaltung der Wissenschaftskommunikation entwickelt. Der Aufruf befasst sich insbesondere mit den Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger und mit ihren Erwartungen an die Wissenschaftskommunikation. Das Papier thematisiert die aktuelle Rollenverteilung zwischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, den institutionellen Kommunikationsmanagern, den Medien und der Öffentlichkeit. Es formuliert notwendige Änderungen im Wissenschaftssystem und in der Wissenschaftskommunikation. Ein Diskussionspapier zu „Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation“ ist Teil des Siggener Aufrufs.

Erstmals hatten sich 2013 auf Initiative von Wissenschaft im Dialog und dem Bundesverband Hochschulkommunikation 24 Akteure der Wissenschaftskommunikation auf dem Holsteinischen Gut Siggen getroffen. Die Tagung, die nun zum zweiten Mal stattgefunden hat, wird von der Alfred Toepfer-Stiftung F.V.S. und dem ZEIT-Verlag maßgeblich unterstützt. Sie bietet Raum für Ideen und Impulse zur Zukunft und Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation.